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    „Allerdings! Ich reiße Zitate aus ihrem Zusammenhang. Was ich beschimpfe, das beschreibe ich unvollständig, und ich denke nicht daran, mich auf gewisse Voraussetzungen einzulassen. Mit einem Wort: ich bin einseitig. Aber das hindert mich nicht daran, recht zu haben.“
Peter Schneider

Liebe Leserinnen und Leser!
Ein chinesischer Fluch wünscht, „mögest du in interessanten Zeiten leben“. Wir können uns nicht beklagen. In unseren vielfältigen, medienbunten und ereignisreichen Zeiten ist das Interessante selbst zur Ware geworden. Liberal und meinungsfrei hantieren wir in unserer modernen demokratischen Welt mit Informationen – und diese mit uns. Solcher Art Informationsgesellschaft fordert eine Einseitigkeit heraus, die Stellung nimmt, zu dem, was täglich durch die Kanäle der Massenmedien rauscht, was allzu schnell abgehakt und vom immer nächsten Neuen ersetzt wird.

Vielseitigkeit ist zweifellos ein hoher Wert. Doch wer die Dinge nutzen will, kennt die Vorteile einfacher Handhabung. Die Funktion von Design – auch Informationsdesign – ist: Eine Seite darzubieten. Wer Informationen aus den Medien nutzt, erfährt gleichfalls wie stets eine Seite bevorzugt wird. Die Nachricht, die Information, der USP. Wir denken einseitig, Leitunterscheidungen und binäre Codes beherrschen auch unsere Kommunikation. Nur, dass wir inzwischen um die Hinfälligkeit von Orientierungen wie „progressiv/konservativ“, „links/rechts“ oder „Verstand/Gefühl“ wissen.

Wer dagegen mit zwei Seiten, Meinungen oder Lesarten zugleich arbeitet, wer versucht gleichsam mit beiden Händen zu schreiben, der versucht zu jonglieren. Das Magazin für Meinungsmache fordert dazu auf, mit beiden Händen zu denken. Wir müssen die Dinge rotieren lassen, damit aus ihrer Einseitigkeit eine Seite herausspringt, die mehr ist als Information.

Einseitigkeit ist eine Tugend, die aus der Mode gekommen ist. Wir kennen das Einseitige nur noch als bloße Meinung, als verbockte Beschränkung auf die eigene Einstellung oder subjektive Weltsicht. Die öffentliche Meinung dagegen gilt uns nicht als einseitig, obwohl sie es nicht weniger ist. Die vergessene Kunst der Einseitigkeit aber ist ihre Stärke, nämlich einen Standpunkt zu beziehen.
Die Informationen, die Einseitig.info bietet sind keine news & facts, sondern versucht solche zu verdauen. Oft genug stößt etwas auf und fordert heraus, Stellung zu beziehen oder Haltung zu bewahren. Vieles scheint heute nicht am richtigen Ort zu stehen, vieles nicht mehr zusammen zu passen. Das immer erneut produzierte Interessante macht ein kurzes Gedächtnis. Doch manchmal hakt sich ein Detail ein und zieht die Verbindung zum längst Vergangenen. Es stellt sich als Zusammenhang heraus, der keineswegs Vergangenheit, sondern eher Entgangenheit ist. So grüßen wir mit Immanuel Kant zurück: sapere aude! Und vergessen die Dialektik der Aufklärung nicht ganz.

Kants berühmte Beantwortung der Frage, was „Aufklärung“ ist, durch das Wort „Wisse selbst“ (oder schöner: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen), gebührt in Zeiten der Informationsgesellschaft allen Respekt. Informiert durch alle Medien, wissen wir, dass wir ihren Informationen niemals vollständig vertrauen können, obwohl wir alles, was wir wissen durch sie wissen. Oh, ein Paradoxon! Die Frage, „wie sich nicht regieren lassen?“ von Mächten und Meinungsmachern, die Michel Foucault als Antwort auf die Frage, was Kritik sei, entgegen stellte, mag den fernen Horizont unserer Aufforderung, einseitig zu werden, andeuten.

Es geht darum fremde Meinungen zu kapern. Wir wollen den Angriff auf unsere Sinne und unseren Sinn parieren mit Kommentaren, Stellungnahmen, Berichten, Glossen und Satiren.

Stotternd vor Staunen, im Rückblick sich die Augen wischend, Nachrichten wiederholend, die sich verhakt haben. Revisionen und Stellungnahme sollen Einsicht schaffen, indem sie der Einseitigkeit der Nachrichten eine andere entgegen stellen.

Der Nachschlag, den wir geben, bricht das Aktualitätsgebot der Massenmedien. Wir lassen uns nicht vorschreiben, welche Nachrichten wichtig sind. Wir kennen keine feste Zuordnung unserer Autoren zu Sparten und schalten uns quer in Kommunikation und Diskurse ein. Wir haben ein langes Gedächtnis. Freier Zugriff auf zarte Mediensplitter in Senfsoße. Auf Ausgewogenheit können wir sorgfältig verzichten, denn wir setzen auf die Erinnerungs- und Kombinationsfähigkeit unser Leserinnen und Leser.

Die Red.




 
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