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Der europäische Wohlfahrtsstaat war eine schwere Geburt. Es bedurfte zweier Weltkriege, um ihn in West und Ost als Errungenschaft des sozial gebändigten Kapitalismus durchzusetzen. Seit 1989 jedoch befindet er sich in einer säkularen Krise. Die Publikation eines internationalen Forscherteams mit dem Titel „Children, Families and States“ geht es den Ursachen und den Auswirkungen der Erosion nach. <br><br>Foto: ©.marqs photocase.com
Der europäische Wohlfahrtsstaat war eine schwere Geburt. Es bedurfte zweier Weltkriege, um ihn in West und Ost als Errungenschaft des sozial gebändigten Kapitalismus durchzusetzen. Seit 1989 jedoch befindet er sich in einer säkularen Krise. Die Publikation eines internationalen Forscherteams mit dem Titel „Children, Families and States“ geht es den Ursachen und den Auswirkungen der Erosion nach.

Foto: ©.marqs photocase.com
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Die Grenzen des Wohlfahrtsstaates

Kinderbetreuung, Vorschule und Primarschule in Europa

Von Peer Zickgraf

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egenwärtig sieht sich der Wohlfahrtsstaat in starker Bedrängnis. Öffentliche Bildungsgüter, wie ganztägige Bildungs- und Betreuungsangebote stehen auf dem Prüfstand. So stellt sich die Frage, welche Auswirkungen diese, unter der neoliberalen Hegemonie sich vollziehende Entwicklung, auf das Bildungs- und Betreuungssystem in Europa hat? Damit verbunden ist auch die Frage nach der Erwerbstätigkeit von Frauen. In vielen Ländern Europas, jenseits und diesseits des Eisernen Vorhangs gehörten ganztägige Bildungs- und Betreuungssysteme zu den tragenden Säulen des Wohlfahrtsstaates. Ohne die Möglichkeit, die Frauen nach 1945 verstärkt in das Erwerbsleben einzugliedern, hätte die wirtschaftliche Aufholjagd und der soziale Ausgleich im Osten nie stattfinden können. Im klassischen Ganztagsschulland Frankreich gehörte die Ganztagsschule seit jeher zu den Säulen der Erwerbstätigkeit von Frauen. Auch in den skandinavischen Ländern war die dynamische Entwicklung des Wohlfahrtsstaates und die hohe Erwerbstätigkeit der Frauen auf den Ausbau der Ganztagsbetreuung angewiesen. Die Ausnahme bildeten Deutschland und Österreich, wo es auf der Grundlage eines traditionellen Familienbildes schon früh zur Vorherrschaft des Halbtagsschulsystems kam.
Mit dem Fall der Mauer im Jahr 1989ff. und dem Siegeszug des Neoliberalismus befanden sich jedoch die Wohlfahrtsstaaten und mit ihnen die nationalen Bildungs- und Betreuungssysteme, in einem Umbruch. Welche Auswirkungen der neoliberale Globalisierungsdruck auf die öffentlichen Bildungs- und Betreuungssysteme hat, ist angesichts der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise noch völlig offen. Für die Forschung stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage, welche Bedeutung die öffentlich finanzierte Zeit, die für das Bildungs- und Betreuungssystem zur Verfügung gestellt wird, letztlich für die vergleichende Untersuchung der europäischen Wohlfahrtsstaaten hat? Hierzu gehört auch die Frage, ob das Aufarbeiten dieses enormen Forschungsdefizites über die europäischen Wohlfahrtsstaaten wissenschaftliche Argumente liefern kann, um sich dem neoliberalen Dogma vom allumfassenden Wettbewerb – Stichwort Humankapital – zu widersetzen.

Der Wohlfahrtsstaat im europäischen Vergleich
Eine neue, internationale Studie mit dem Titel „Children, Families and States. Time Policies of Childcare, Preschool, and Primary Education in Europe“, die im Jahr 2011 erschienen ist, hat endlich die Grundlagen zur vergleichenden Erforschung europäischer Bildungs- und Betreuungssysteme in gelegt. Dabei unternimmt ein interdisziplinäres, international kooperierendes Team aus 30 Forscherinnen und Forschern aus Ost- und Westeuropa den Versuch, in einer vergleichenden Studie, die nationalen Entwicklungspfade zu untersuchen. Die komparative Analyse untersucht die Entwicklung unterschiedlicher Systeme der Kinderbetreuung, Vorschule und Primarschulen in Ost- und Westeuropa seit 1945. Ausgangspunkt der Studie ist das Konzept der „Zeitpolitiken“, auf das sich die Forscherinnen und Forscher, die ja unterschiedliche theoretische und methodische Zugänge vertreten, forschungsmethodisch geeinigt haben. Schwerpunkt der Untersuchung ist die Zeitspanne nach dem Zweiten Weltkrieg von 1945 bis 2007. In dieser Periode kam es zum Ausbau des europäischen Wohlfahrtsstaates sowie im Gefolge der weltgeschichtlichen Ereignisse von 1989 schließlich zur Durchsetzung der neoliberalen Hegemonie.
Ziel des Buches ist es, ein Verständnis der Bedingungen zu ermöglichen, die notwendig, sind, um eine Reform der „Zeitpolitiken“ zu bewirken. Unter Zeitpolitiken verstehen die Autoren, „die Zeit, die für die Erziehung, Bildung und Betreuung von Kindern zwischen Personen und staatlichen oder privaten Institutionen aufgeteilt wird“. Die Zeitaufteilung sei „eine soziale und kulturelle Konstruktion, die von den jeweiligen wirtschaftlichen und politischen sowie rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen abhängt“. Das Buch ist in drei Teile untergliedert. Im ersten Teil des Buches wird das Konzept der „Zeitpolitiken“ als neuer Ansatz einer historisch-komparativen Analyse vorgestellt. Es bietet eine Zusammenfassung der Ergebnisse komparativer Analysen. Des weiteren werden die Veränderungen seit dem Jahr 1990 aus Sicht der Politikwissenschaft sowie der Soziologie dargestellt. Der zweite Teil des Buches wartet mit einer Analyse großer Trends der Familienpolitik in Ost- und Westeuropa auf und diskutiert deren Konsequenzen für die Zeitstrukturen der Bildung und Betreuung. Dabei wird der historische Hintergrund für den dritten Teil des Buches gelegt, der den eigentlichen Schwerpunkt der Studie ausmacht. Es folgen 12 nationale Fallanalysen in Ost- und Westeuropa, die unterschiedliche Entwicklungen, aber auch Gemeinsamkeiten über den „Eisernen Vorhang“ hinweg aufzeigen. Dabei unterteilt das dritte Kapitel a) zwischen Staaten in Westeuropa, die Ganztagsbetreuungssysteme und Ganztagsschulen anbieten, b) zwischen Staaten, die ein Halbtagsschulsystem mit additiven Ganztagsangeboten zur Verfügung stellen und c) zwischen Ganztagsbetreuungssystem und Halbtagsschulmodell in Osteuropa.

„Pfadabhängigkeit“
Das Buch ist Ergebnis zweier internationaler Workshops, die im Jahr 2006 in Potsdam sowie 2007 in Köln durchgeführt wurden. Initiatorin des Forschungsprojektes ist die Historikerin Prof. Karen Hagemann von der University of Chapel Hill (USA). Gemeinsam mit der Erziehungswissenschaftlerin, Prof. Christina Alleman-Ghionda von der Universität zu Köln sowie dem ehemaligen Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in Potsdam, Prof. Konrad Jarausch, firmiert sie als Mitherausgeberin des Buches, dessen Publikation von der Volkswagenstiftung sowie dem Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wurde. Ohne die intensive Diskussion von Papieren, die im Gefolge der Workshops auf der Grundlage einer eigens eingerichteten Internetplattform diskutiert wurden, wäre das Buch in dieser inhaltlichen Qualität und systematischen Geschlossenheit wohl kaum möglich gewesen. Die Internetseite ist übrigens unter der Überschrift "Time Politics of Public Education in Post-War Europe (1945-2000). An East-West Comparison"der Adresse www.time-politics.com zu finden.
Ein wichtiger Ertrag des Buches ist die Erkenntnis, dass politische, kulturelle, geschlechtliche, soziale und ökonomische Faktoren starken Einfluss auf das System der Ganztagsbetreuung und Ganztagsschule in den jeweiligen Ländern ausüben. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Feststellung, dass die „Pfadabhängigkeit“ („Path Dependency“), ein zentraler Grund dafür darstellt, dass sich Strukturen schwer ändern lassen. Eine Ausnahme bilden Schweden und Norwegen in den 1970er Jahren, wo es gelungen ist, die kulturellen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass durch die Bereitstellung von Kitas, Kindergeld sowie die Ermöglichung der Doppelerwerbstätigkeit, familienfreundliche Zeitpolitiken durchzusetzen, die dementsprechend zu einer signifikanten Erhöhung der Geburtsrate in den betroffenen Ländern beitrugen. Dagegen spielt die Pfadabhängigkeit eine große Rolle für das Beispiel (West-)Deutschland, deren Struktur aus Halbtagsschule und traditionellem Familienmodell bereits auf das 19. Jahrhundert zurückgeht. Der „deutsche Sonderweg“ ist als Ergebnis der Systemauseinandersetzung und der deutschen Geschichte („Drittes Reich) entstanden. In den 1960er und 1970er Jahren verhindern finanzielle Restriktionen den (durch eine Änderung der politischen Kultur) möglich gewordenen Ausbau der Ganztagsschulen in der BRD. Die Tradierung der Bildungsungerechtigkeit lässt sich besonders daran festmachen, dass die Situation der Migranten in der Bildungspolitik völlig ausgeblendet wurde. Die Reaktion der Kultusministerkonferenz (KMK) auf Pisa, das Modell der Offenen Ganztagsschulen auszubauen, ist demzufolge eine völlig ungenügende Maßnahme.

Im Osten Europas: Strukturanpassungsprogramme des IWF
Interessant ist der Blick auf die Auswirkungen der neoliberalen Hegemonie in Frankreich, England sowie den Staaten des ehemaligen Ostblocks. In Frankreich kommt es trotz starker „Pfadabhängigkeit“ des staatlich zentralisierten Ganztagsschulmodells seit den 1990er Jahren zu einer größeren Autonomie der Schulen sowie zu einer erweiterten Wahlfreiheit der Eltern und Schülerinnen und Schüler. Dies heißt im Umkehrschluss aber auch mehr „Eigenverantwortung“ für die Betroffenen. Immerhin wurde die Ganztagsbetreuung, insbesondere in Vierteln mit besonderem Förderbedarf, systematisch ausgebaut. England gilt im Unterschied zu Frankreich als einer der Vorreiter der neoliberalen Wende im Bildungs- und Betreuungssystem. Es bildet die europäische Speerspitze hinsichtlich der neoliberalen Reformen im Bildungs- und Betreuungssystem. Vor diesem Hintergrund erscheint es allzu gerechtfertigt zu sein, dem Beispiel England mehr viel Platz im Buch einzuräumen, schließlich bahnte das angelsächsische Land dem Neoliberalismus in Europa Bahn. Die wird schon dadurch deutlich, dass England nach dem Zweiten Weltkrieg eine schwache Sozialdemokratie und eine starke liberale Tradition („Pfadabhängigkeit“) aufwies. Dies führte schließlich dazu, dass unter Thatcher radikale neoliberale Reformen des traditionellen ganztätigen Schulwesens und der Ganztagsbetreuung durchgesetzt wurden, mit der Folge, dass private, kommerzielle Anbieter zunehmend das Bildungs- und Betreuungssystem prägen. Diese Reformen wurden zwar durch New Labour in Form ausgedehnter Ganztagsbetreuungsangebote („hybride Strategie“) abgefedert, doch insbesondere sozial schwach gestellte Frauen und Familien haben unter der mangelnden Qualität der Angebote das Nachsehen.
Schaut man auf die ehemaligen Staaten des Ostblocks, kann festgestellt werden, dass es große Unterschiede in der Ausprägung wohlfahrtsstaatlicher Strukturen zwischen Ost- und Westeuropa gibt, die vielfach ideologisch begründet waren. Auffallend im Osten war die hohe Quantität der Kinderbetreuung der Drei- bis Sechsjährigen, die Ähnlichkeit mit dem nordischen Modell aufwies. Nach dem Mauerfall 1989 wurde die staatliche Fürsorge jedoch dem Neoliberalismus geopfert, wobei die Hauptlast der neoliberalen Deregulierung von den Frauen zu tragen war. So führten Strukturanpassungsprogramme des Internationalen Währungsfonds (IWF), welche die öffentlichen Ausgaben massiv beschnitten, zum Herausdrängen der Frauen aus dem Arbeitsmarkt.
Das Buch „Children, Families and States“ ist für den aktuellen Diskurs über die Zukunft des Wohlfahrtsstaates in Europa unabdingbar, offenbart es doch aus einer gender- und historisch-vergleichenden Perspektive die enormen wirschaftlichen und sozialen und politischen Probleme, denen sich Europa infolge der Privatisierung öffentlicher Güter entgegensieht.

Literaturangabe
Karen Hagemann, Konrad H. Jarausch, Cristina Allemann-Ghionda Children (Hrsg.): Children, Families and States. Time Policies of Childcare, Preschool, and Primary Education in Europe, New York 2011 (442 Seiten)



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Peer Zickgraf  03.02.2013blindgif zurück zur Startseite Diesen Artikel lesen Diesen Artikel ausdrucken Möchten Sie den Artikel ''Die Grenzen des Wohlfahrtsstaates'' weiterempfehlen?
 
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