Zur Startseite von www.einseitig.info
blindgif blindgif
 
blackline
Wieder einmal ist die Welt untergegangen. Sie hatte es sich nach geschätzten 2.800 erfolglos angekündigten Apokalypsen redlich verdient. Man schaue sich nur einmal eine kleine Auswahl der Dinge an, die allein das – im wörtlichen Sinne – letzte Jahr 2012 mit unser aller Hilfe verbockte.<br/> Foto: © Dirk Jürgensen - Inspiriert von Lars von Triers Film Melancholia
Wieder einmal ist die Welt untergegangen. Sie hatte es sich nach geschätzten 2.800 erfolglos angekündigten Apokalypsen redlich verdient. Man schaue sich nur einmal eine kleine Auswahl der Dinge an, die allein das – im wörtlichen Sinne – letzte Jahr 2012 mit unser aller Hilfe verbockte.
Foto: © Dirk Jürgensen - Inspiriert von Lars von Triers Film Melancholia
blackline
 
blackline
Was andere denken 
Loren Madsens Sammlung zahlreicher Weltuntergänge 
Eine weitere Sammlung von Weltuntergängen 
Apokalypse Wow! - Prof. Lesch beruhigt uns im ZDF 
blackline
 
blackline
Mehr zum Topic 
Zeitsprünge 
blackline
 
blackline
Archiv 
zum kompletten Archiv Hier finden Sie alle Artikel
oder nur die
zum Archiv der Autorin/des Autors  'Dirk Jürgensen'  der Autorin/des Autors Dirk Jürgensen
zum Archiv der Rubrik 'Flaneur'  der Rubrik Flaneur
blackline
 
blackline
Suche 

     
blackline
 
blackline
RSS abonnieren
Informieren Sie sich schnell und komfortabel über neue Artikel bei einseitig.info.

RSS-Feed Neue Artikel als RSS-Feed

Zusätzliche Informationen und weitere RSS Formate finden Sie hier.

blackline
rubriktitel



Der letzte Jahresrückblick

Ein Brief an die Überlebenden der Apokalypse

Von Dirk Jürgensen

l
iebe Überlebende,

wieder einmal ist die Welt untergegangen. Sie hatte es sich nach geschätzten 2.800 erfolglos angekündigten Apokalypsen redlich verdient. Man schaue sich nur einmal eine kleine Auswahl der Dinge an, die allein das – im wörtlichen Sinne – letzte Jahr 2012 mit unser aller Hilfe verbockte. Vollständigkeit ist nicht möglich und keinesfalls angestrebt.

Erinnern wir uns an den einst gefeierten Arabischen Frühling,

der in diesem Jahr in mittelalterlich-religiösem Fanatismus versank. Menschen stürzten kurz zuvor Diktatoren, erkämpften sich das unschätzbar wertvolle Gut einer demokratischen Wahl und brachten in ihrem politischen oder auch geistigen Masochismus neue Diktatoren an die Macht. Ein Revolutionär, der die Freiheit des Denkens und des Individuums als Fortschritt im Sinne hatte, blieb wieder einmal als Exot, womöglich noch als Gutmensch oder ewig gestrig verschrieen, zurück und konnte wie stets die Verfolgung fürchten.

Wir im Norden erlebten die letzten Atemzüge einer als Kapitalismus bezeichneten Lebensform,

die niemals die von ihren Jüngern versprochene globale Wohlstandsgesellschaft erlangte und vielleicht auch nie erlangen sollte. Denn ohne Gewinner und ohne Verlierer ist ein Wettbewerb im Kapitalismus, wie im Spiel, unsinnig. Das ihm als Grundsatz eigene Wachstumsdenken, das in Spiralform Unendlichkeit vorgaukelt, hatte seien höchsten Punkt erreicht. Die Krise, der Zusammenbruch war Bedingung, das Umdrehen der Spirale, der Neuanfang am Nullpunkt, sollte neues Wachstum simulieren. So hatte die nun untergegangene Wirtschaftsordnung viel zu spät ihre realen Nähe zur Phantasie einer Götterdämmerung offenbart.

Es war schwer zu verstehen, dass gerade die ökonomische Ausprägung als Neoliberalismus die auf der Verliererseite befindliche Mehrheit der irdischen Bevölkerung noch immer nicht gegen die wenigen Profiteure aufbringen konnte. Ökonomische Gegenentwürfe wurden stets ignoriert oder arrogant belächelt, weil der Lobbyismus die Politik und zahlreiche Politik erklärende Medien regierte. Die Bürger resignierten, glaubten ohnehin nichts ändern zu können, konsumierten brav und gingen selbst dann kaum noch wählen, wenn sie aufgrund des Restes einer Demokratie noch die Wahl hatten.

Ein längst gelebtes freies Europa seiner Bürger

– ein allein in diesem Sinne würdiger Nobelpreisträger – verkümmerte zu einer Bankenrettungsgemeinschaft, in der die Verursacher der größten Krise der Nachkriegszeit ungeschoren blieben, aber der Neid zwischen den Völkern geschürt wurde, indem nationalistische Populisten ein graues Gestern schönfärbten und die Vorteile einer friedlichen Völkergemeinschaft schwärzten. Der Euro war dabei ihr Sündenbock und Teil einer Ablenkungsstrategie. Politik wie Medien scheuten davor zurück zu thematisieren, wie den Griechen, den Spaniern und all den anderen Opfern rücksichtsloser Finanzhasardeure und Steuerflüchtlinge zu helfen wäre. Statt dessen wurde mittels übertriebener Privatisierung öffentliches Tafelsilber unter Preis verhökert und wieder die eine oder andere Bank gerettet. Rating-Agenturen besaßen mehr Macht als gewählte Regierungen und Regierungen konnten nicht einmal die reichen Bürger ihrer Länder zum Zahlen von Steuern zwingen.

Endlich war ein Ende der Atomkraft und der Ressourcenverschwendung absehbar.

Doch unter dem Einfluss zahlreicher Bürger, verschiedener Lobbyverbände und weniger Konzerne wurde Energiewende um Energiewende vollzogen, immer wieder und immer enger, bis nur noch der Stillstand zu spüren war. Nach Fukushima freute sich die deutsche Mehrheit über den endlich schnell zu vollziehenden Ausstieg aus der Atomwirtschaft, die Solarenergie ließ die Strompreise um bis zu 40 Prozent sinken, doch kam nichts davon bei den Verbraucher an. Vielmehr wurde die Angst geschürt, die Energiewende würde für den Normalbürger unbezahlbar und der seit Jahren vernachlässigte, aber notwendige Netzausbau teuer. Stromkonzerne wurden daher aus ihrem unternehmerischen Risiko beim Aufbau von Windparks entlassen und rund 600 Unternehmen bekamen Vergünstigungen bis hin zum vollständigen Erlass der EEG-Umlage. Darunter waren energieintensive Firmen und welche, die sonst drohten, das Land zu verlassen, wie Stahlwerke, Schlachthöfe und Golfplätze. Manche Unternehmen mussten ihren Stromverbrauch erhöhen, um in den Genuss der Vergünstigungen zu gelangen. Diese Ermäßigungen machten ungefähr 2,5 Milliarden Euro aus, die die privaten Verbraucher auszugleichen hatten. Statt der Verteufelung der Energiewende wäre wohl eine Neiddebatte angebracht gewesen.

Ungeachtet dessen sei bemerkt, dass die Vergabe des Friedensnobelpreises an eine Staatengemeinschaft, die im historischen Vergleich zwar einmalig friedlich miteinander umgegangen ist, dabei aber den Waffenexport nicht unterband, als übler Scherz aufgefasst werden dürfte.

Waffen waren ein Makel der Zivilisation.

Nicht allein aufgrund ihrer Verwendung im zwischenstaatlichen oder Bürgerkrieg, nein, auch im Hausgebrauch und im Ausleben individueller oder gruppenspezifischer Überzeugungen. Selbstmordattentäter oder wild um sich schießende Amokläufer werden vermutlich in allen in Zukunft zu bildenden Gesellschaften Gründe für ihr Handeln finden. Es ist und war eine menschliche Eigenart, die Schnittmenge zwischen Überzeugung, Gerechtigkeitssinn, Verblendung, Allmachtsphantasie oder Märtyrerglorifizierung, Neid und Wahn entstehen zu lassen. Mit Ratio, mit Gesetzen und größtmöglicher Freiheit oder deren Einschränkung war dem Treiben von Bekloppten niemals vollständig Einhalt zu gebieten. Aber man musste es ihnen nicht so einfach machen, wie es beispielsweise in den USA geschah, wo jährlich um die 10.000 Menschen – Selbstmorde nicht mitgerechnet – durch den Einsatz von Schusswaffen ihr Leben verloren. Ganz ohne Bürgerkrieg. Eine starke Waffenlobby und ein von ihr popagiertes Freiheitsverständnis, das einem schlechten Western entlehnt zu sein schien, eine seltsame Angst vor Angriffen auf die eigene Scholle machte es den Vertretern einer strengeren Limitierung des Waffenbesitzes schwer. Man machte diese sogar zu Feinden der Freiheit und Demokratie. Gewissermaßen war auch das ein gefährlicher Wahn. Nach dem Massaker im brennpunktfernen Newtown forderten einige Waffenfans gar die Ausstattung von Lehrern mit Gewehren, um ihre Klassen im Ernstfall verteidigen zu können. Manche von ihnen mochten auch die Bewaffnung der Grundschüler für vernünftig halten. Bekloppte saßen offenbar auf allen Seiten und sorgten fleißig für weitere Gefährdungspotentiale. Als Präsident Obama im Zuge eines Wandels in der öffentlichen Meinung Rückenwind für seinen Wunsch nach verschärften Waffengesetzen spürte, zogen die Wölfe der Waffenlobby ihr Schafspelz über, wollten gestalterisch mitwirken, denn es hingegen bekanntlich eine ganze Menge Arbeitsplätze und Aktiendividenden am Knarrenkonsum. Dem Wachstumsgläubigen, dem Marktorientierten war es stets einerlei, ob die Quelle seines Vermögens blutrot sprudelte, wenn sie denn sprudelte. Gut also, dass der Weltuntergang die sonst kaum zu vermeidende Verwässerung der Reformen nun verhindert hat und Waffen ohnehin keine Bedeutung mehr haben.

Im aufgrund technisch wenig begabter Terroristen außerordentlich friedlichen Deutschland hatte man derweil andere Sorgen. Ob Kanzlerin Merkel allerdings die ersten apokalyptischen Reiter am Horizont erblickte und gerne als Kanzlerin eines Landes ausnahmslos wohlhabender Bürger in die Geschichte eingehen wollte und ihre Ministerriege darauf sensibilisierte, nur noch positive Meldungen zu verbreiten, ist nur eine Vermutung. Jedenfalls fand die schwarzgelbe Bundesregierung an der im September erschienenen Fassung des von ihr selbst in Auftrag gegebenen Armutsberichts kein Gefallen mehr.

Wirtschaftsminister Rösler deutete den als Ergebnis einer Tatsachenerhebung geplanten Bericht zu einer bloßen Interpretation um.  Die Ursprungsfassung entspreche nicht „der Meinung der Bundesregierung“, ließ er verlauten. Kostengünstiger wäre demnach also gewesen, man hätte nur Röslers Presseabteilung an diesen Bericht zur Verkündung der ministereigenen Wahrheit gesetzt. So wurde die Passage

„Die Privatvermögen in Deutschland sind sehr ungleich verteilt“,

nachträglich gestrichen. Aussagen, dass „die Lohnentwicklung im oberen Bereich positiv steigend war“, jedoch die unteren Löhne seit zehn Jahren „preisbereinigt gesunken“ seien und dabei die Einkommensschere weiter auseinander gegangen sei, klang den Verantwortlichen für eine Regierungsabschlussbilanz bestenfalls unglücklich formuliert. Ebenfalls die Information, „Allerdings arbeiteten im Jahr 2010 in Deutschland knapp über vier Millionen Menschen für einen Bruttostundenlohn von unter sieben Euro.“ machte der Regierung ernsthaft Sorgen. Sie wurde vorsichtshalber weggelassen.

Als dreist konnte man die offizielle Begründung für die Streichaktion bewerten. Demnach verletzten die Formulierungen (oder die Fakten?) „das Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung“ und könnten „den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden“. Daher sprach man in der aktuellen Fassung lieber im Stile diktatorischer Beschönigung vom „Ausdruck struktureller Verbesserungen“ am Arbeitsmarkt, da zwischen 2007 und 2011 im unteren Lohnsegment viele neue Vollzeitjobs für ehemals Arbeitslose entstanden seien.

Als wäre es eine Fortsetzung des eben beschriebenen Schönredens, ereilte uns kurz vor dem Weltende eine Nachricht, die trotz ihres einigermaßen regelmäßigen Wiederkehrens allgemeines Erstaunen hervorrief.

Die FDP kratze wieder an der 5%-Hürde,

meinten einige Zeitungen vermelden zu müssen. Dabei war außer den immer einsamer werdenden Mitgliedern dieser demokratischen Splittergruppe nur extremen Verfechtern des Neoliberalismus oder sentimentalen Freunden längst vergangener sozialliberaler Zeiten das Wählen dieser Partei kein Tabu. Beobachter der Szene vermuteten, dass Lobbyverbände ihre Mitarbeiter zur Wahl der FDP per Vertrag verpflichteten. Bewiesen wurde es nie, wie auch die im Januar vorgesehene Wahl im Bundesland Niedersachsen das angedrohte Erstarken der Liberalen eine ewige Hypothese der Demoskopen bleiben wird.

Ein Grund zur Freude also und ein Anlass der diesen Rückblick bestimmenden Schwermut ein Ende zu setzen. Wenden wir uns nach diesem mehr als unvollständigen Abrechnen daher der Populärkultur, der schönsten und wichtigsten Nebensache der Welt.

Der Fußball blieb vom Weltuntergang nicht verschont

und sollte anlässlich dieses Briefes an die Überlebenden nicht vergessen werden. Der FC Bayern München, jener Verein mit alljährlichem Titelanspruch, der von der Borussia aus Dortmund in den zwei vorangehenden Saisons arg vorgeführt wurde, beendete vor dem Armageddon die beste Halbsaison, die je ein Verein seit der Aufzeichnung der Bundesligatabellen gespielt hatte. Beendete, so muss man brutal ausdrücken, denn eine Herbstmeisterschaft galt keinesfalls als für die Ewigkeit veritabler Titel, sie war und ist ein Nichts. Die Dortmunder führten hingegen unangefochten den letzten Meistertitel, wenngleich es heute kaum noch jemanden interessiert. Den Autor dieser Zeilen interessiert es jedenfalls wenig, denn er freut sich noch immer, dass seine Fortuna aus Düsseldorf das nun herrschende Nirvana auf einem ewigen Nichtabstiegsplatz erreicht hat. Bescheidenheit bleibt vermutlich auch nach dem Untergang der Welt eine zu bevorzugende Eigenschaft.

Nutzen wir das Ragnarök der Isländer, die ewigen Fehlinterpretationen der Prophezeiungen Nostradamus’ oder das simple Ablaufen des Kalenders der Maya einen Neuanfang und nennen wir ihn ganz einfach 2013.

Auf ein anderes Neues also!



Diesen Artikel bookmarken bei...
  • Mr Wong
  • Del.ico.us
  • Reddit
  • Digg

Hinweis: Diese Verlinkungen führen Sie auf externe Seiten.
Bei Wikipedia erfahren Sie mehr zu Soziale Lesezeichen.?

Dirk Jürgensen  21.12.2012blindgif zurück zur Startseite Diesen Artikel lesen Diesen Artikel ausdrucken Möchten Sie den Artikel ''Der letzte Jahresrückblick'' weiterempfehlen?
 
Blindgif
blindgif
Editorial | Kontakt | Impressum
zurück zur Startseite