Zur Startseite von www.einseitig.info
blindgif blindgif
 
blackline
Ressentiments bis hin zu Rassismus finden sich historisch wie aktuell in der Rede über die »Zigeuner« und in der undifferenzierten Wahrnehmung eines »Sinti- oder Romaproblems«. Im institutionellen Alltag und in individuellen Begegnungen erwächst aus Vorurteilen und Rassismen eine konkrete Diskriminierungspraxis.<br/>Foto © Rolf Krahl (Rotkraut) de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Rotkraut
Ressentiments bis hin zu Rassismus finden sich historisch wie aktuell in der Rede über die »Zigeuner« und in der undifferenzierten Wahrnehmung eines »Sinti- oder Romaproblems«. Im institutionellen Alltag und in individuellen Begegnungen erwächst aus Vorurteilen und Rassismen eine konkrete Diskriminierungspraxis.
Foto © Rolf Krahl (Rotkraut) de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Rotkraut
blackline
 
blackline
Was andere denken 
iz3w 
blackline
 
blackline
Mehr zum Topic 
Deutschlandbilder 
blackline
 
blackline
Archiv 
zum kompletten Archiv Hier finden Sie alle Artikel
oder nur die
zum Archiv der Autorin/des Autors  'Christian Stock'  der Autorin/des Autors Christian Stock
zum Archiv der Rubrik 'Hinterbänkler'  der Rubrik Hinterbänkler
blackline
 
blackline
Suche 

     
blackline
 
blackline
RSS abonnieren
Informieren Sie sich schnell und komfortabel über neue Artikel bei einseitig.info.

RSS-Feed Neue Artikel als RSS-Feed

Zusätzliche Informationen und weitere RSS Formate finden Sie hier.

blackline
rubriktitel



Zu Sündenböcken gemacht

Romani Rose über die Aktualität des Antiziganismus

Von Christian Stock

r
essentiments bis hin zu Rassismus finden sich historisch wie aktuell in der Rede über die »Zigeuner« und in der undifferenzierten Wahrnehmung eines »Sinti- oder Romaproblems«. Im institutionellen Alltag und in individuellen Begegnungen erwächst aus Vorurteilen und Rassismen eine konkrete Diskriminierungspraxis. (Ein Gastbeitrag aus iz3w, 334)

iz3w: Das »Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas« ist nicht zuletzt dank ihres langjährigen Einsatzes am 24. Oktober eingeweiht worden. Welches vorläufige Fazit ziehen Sie?

Romani Rose: Wir sind mit der Entwicklung, die das Denkmal mit der Übergabe durch die Bundeskanzlerin und den Regierenden Bürgermeister ausgelöst hat, sehr zufrieden. Es wurde breit darüber berichtet, selbst international von der New York Times. Die Übergabe war ein Anstoß, sich mit diesem Kapitel europäischer Geschichte, dem Holocaust an den Sinti und Roma in den Jahren 1939 bis 45, verstärkt auseinanderzusetzen. Er war kein Anhängsel der Shoah, sondern hatte seine eigene Dimension und seine eigene Bürokratie in Bezug auf den Vernichtungswillen der Nazis gegenüber unserer Minderheit. Das Denkmal ist für uns aber auch Symbol der Verantwortung für die Gegenwart, dem Taten in Hinblick auf den aktuellen Antiziganismus und den verheerenden Rechtsterrorismus in Europa folgen müssen.

Die Einweihung war also ein Meilenstein?

Ja, für unsere Minderheit natürlich. Gleichzeitig war sie ein positives und anerkennendes Signal, das die Bundesregierung ausgesendet hat. Sie bekennt sich auch zu diesem Teil der Geschichte und hat für dieses Denkmal nicht einen Ort ausgewählt, der irgendwo außerhalb Berlins liegt, sondern direkt im Herzen Berlins vor dem Hohen Haus des Bundestages und dem Brandenburger Tor.

Bundeskanzlerin Merkel sagte bei der Einweihung: »Menschlichkeit – das bedeutet Anteilnahme, die Fähigkeit und die Bereitschaft, auch mit den Augen des anderen zu sehen.« Sie verlor in ihrer Rede aber kein Wort über heutige humanitäre Verpflichtungen gegenüber Roma-Flüchtlingen oder über Abschiebungen aus Deutschland. Sind das nicht inhaltsleere Sonntagsreden?

Zwischen Theoretischem und Praktischem besteht natürlich immer ein Unterschied. Aber ich glaube, dass die Bundeskanzlerin diese Aussagen in fester Überzeugung gemacht hat und die Situation unserer Minderheit in Europa zur Kenntnis nimmt. In Osteuropa werden Teile der Minderheit ausgegrenzt. Sie leben in menschenunwürdigen Wohnsituationen, die für europäische Länder nicht akzeptabel sind. Man glaubt, man sei in Bangladesch, wo es keine Infrastruktur, keinen Strom, kein Wasser, keine Kanalisation gibt. Diese Menschen waren nach dem Wegfall des Eisernen Vorhangs und dem Zusammenwachsen Europas die ersten, die ihren Arbeitsplatz verloren. 86 Prozent waren davor in den jeweiligen Heimatländern in Arbeit gewesen. Mit der Arbeit haben sie auch ihre Wohnungen verloren, wurden aus der Gesellschaft gedrängt. Dadurch sind unwürdige Ghettos entstanden, und das ist nicht zu akzeptieren.

Hinzu kommt ein erstarkender Rassismus, der sich wieder gegen Minderheiten richtet, gegen Sinti und Roma, und ein neuer Antisemitismus. Das sind Erfahrungen, die wir aus der Geschichte kennen. In Krisenzeiten bekommen die Minderheiten die Schuldzuweisung. Wir sind schuld, dass es die Arbeitslosigkeit gibt, den wirtschaftlichen Niedergang und wir sind natürlich auch an der Kriminalität schuld. Und damit haben Gesellschaft und Politik einen Sündenbock, den sie absondern können. Aber das entspricht nicht den Werten, die wir uns nach der Erfahrung des Nationalsozialismus aufgebaut haben, die uns 70 Jahre Frieden in Europa beschert haben, an denen wir auch in Zukunft festhalten sollten. Hier stehen nicht nur jeder Einzelne und die Zivilgesellschaft in der Pflicht, sondern auch die Bundesregierung und die anderen Regierungen Europas.

Diese Einschätzung ist nicht unbedingt mehrheitsfähig, auch in der Politik nicht. Der deutsche Innenminister Hans Peter Friedrich hat jüngst in Bezug auf Asylsuchende aus Serbien und Mazedonien gesagt: »Das ist ein Ausnutzen des Systems und ich nenne es Missbrauch«.

Jede Form von Missbrauch darf nicht geduldet werden. Nur, wenn man ‚Asylmissbrauch’ zum Merkmal einer Minderheit macht, dann ist das mehr als eine Diskriminierung, dann ist das gefährlich vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit der NSU, als Menschen rechtsextremer Gewalt ausgesetzt waren. Diese Täter glauben, Abhilfe schaffen zu müssen gegen Missstände, die die demokratische Politik wieder Minderheiten zuschiebt. Umgekehrt müssen jetzt endlich die Lebensbedingungen von Roma in diesen Ländern durch Strukturprogramme verbessert werden, die Voraussetzung sind für gleichberechtigten gesellschaftlichen Zugang der Minderheit. Hier ist die Bundesregierung aufgefordert, durch Partnerschaftsprogramme mit den jeweiligen Ländern und in der Zusammenarbeit mit der Europäischen Union eine aktive Rolle zu übernehmen. Wir verurteilen populistische Stimmungsmache. In einem Rechtsstaat hat sich nur der Einzelne für sein Fehlverhalten zu verantworten. Es darf keine kollektiven Zuordnungen zu Religionsgemeinschaften, Volksgruppen oder Geschlechtern geben.

Das ist allerdings offensichtlich der Fall. Es gibt laut Meinungsumfragen bei 60 bis 70 Prozent der mehrheitsdeutschen Bevölkerung ein stark verankertes Ressentiment gegenüber der Gruppe, die als »Zigeuner« tituliert wird.

In einer Image-Umfrage von 2005 lehnten 68 Prozent der Bevölkerung Sinti und Roma als Nachbarn und Arbeitskollegen ab. Das sind meistens Leute, die gar nicht wissen, dass sie Nachbarn oder Arbeitskollegen haben, die Angehörige der Minderheit sind, aber ihre Zugehörigkeit nicht nach außen hin bekennen, aufgrund von Klischees und Vorurteilen. Die Zahlen sind rückläufig, es sind aktuell 58 Prozent. Natürlich bin ich damit keineswegs zufrieden. Es gab in Bezug auf unsere Minderheit über Jahrzehnte viele Versäumnisse. Sinti und Roma wurden stigmatisiert selbst an Orten, wo sie gar nicht existent waren. Die Vorurteile eilten voraus, weil sie tief in der europäischen Gesellschaft verankert sind. Das ist genau so wie der Antisemitismus: Der ist selbst dort vorhanden, wo es gar keine Juden gibt, weil diesen beiden Minderheiten in der europäischen Geschichte immer die Sündenbockfunktion zugeordnet wurde.

Bei der Einweihung des Denkmals sagte Zoni Weisz, ein Überlebender des Holocaust, die Gesellschaft habe »fast nichts gelernt aus den nationalsozialistischen Verbrechen«. Teilen Sie seine Einschätzung?

Ja. Die menschenverachtende Ideologie der Nazis wird heute wieder von Parteien getragen, die sich in Ungarn Jobbik nennen, in Frankreich ist es Le Pen, in Italien Lega Nord, in Deutschland die NPD, und so weiter. Das sind Vertreter dieser faschistischen Ideologie, die Europa und auch Deutschland in den Abgrund gerissen hat. Wer sich daran erinnert, der muss aufstehen gegenüber diesen Parteien. Der darf nicht zulassen, dass diese Ideologie nur einen Fußbreit unseres demokratischen Rechtsstaats erobert. Ich verstehe die deutsche Politik nicht, wenn es in Ostdeutschland bestimmte No Go-Areas gibt, die akzeptiert werden. Dieses Ignorieren gibt den Rechten Auftrieb.

Gibt es so etwas wie einen ‚neuen Antiziganismus’, der weniger auf Geschichtliches rekurriert als auf Asylsuchende aus Südosteuropa? Analog zum neuen Antisemitismus, der sich ja auch weniger auf die nationalsozialistische Verfolgung und den alten Antisemitismus bezieht, sondern auf den Israel-Palästina-Konflikt?

Der Antisemitismus hat eine sehr lange Geschichte, genau so wie der Antiziganismus. Diese Formen von Klischeebildern sind immer in der europäischen Gesellschaft abrufbar und mit gegenwärtigen Problemen assoziierbar, im Falle unserer Minderheit wieder mit Asyl. Es ist sehr einfach, eine Minderheit in den Fokus zu rücken, die nicht über einen eigenen Staat verfügt, der in der UNO, in der Weltgemeinschaft gegen den Rassismus intervenieren kann.

Unsere Minderheit wird von Seiten der Europäischen Union in Europa auf 10 bis 12 Millionen Menschen geschätzt, innerhalb der Europäischen Union leben etwa 7 Millionen. Wir leben in Deutschland seit fast 700 Jahren. Wir sind Bürger dieses Staates. Dieser Staat ist auch unser Staat. Wir sind genau so betroffen von Entwicklungen, die sich in unserem Land abzeichnen, wie Arbeitslosigkeit, Ängste in Bezug auf zukünftige Entwicklungen, ob unser Staat die nächsten zwanzig Jahre bewältigt, mit den Schwierigkeiten, die wir hinsichtlich unserer Demokratie haben. Denken Sie an die rechtsterroristische NSU. Die hat über zehn Jahre ein Netz von Sympathisanten aufgebaut – vor den Augen der Sicherheitsbehörden. Da müssen wir Aufklärung betreiben und diesen Skandal lückenlos aufdecken. Er hat unsere Demokratie erschüttert, er hat Vertrauen kaputt gemacht.

Der Zentralrat der Juden hat bei der Erinnerungs- und Vergangenheitspolitik sehr ähnliche Positionen wie Sie. Gibt es Bereiche, wo sie andere Positionen haben?

Der Zentralrat der Juden, insbesondere Herr Bubis, hat mich sehr unterstützt in Bezug auf die Erinnerungskultur. Bubis ist für das Denkmal stark eingetreten, und der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma hat von vielen jüdischen Persönlichkeiten Unterstützung bekommen. Gemeinsam ist uns, dass wir unsere Geschichte kennen. Ich meine nicht nur die von 1933 bis 1945, auch die davor und danach.

Bubis war ein sehr verdienstvoller Vorsitzender des Zentralrats der Juden. Er wurde dennoch sehr angefeindet, Stichwort Walser-Debatte. Bubis war an seinem Lebensende enttäuscht, er hatte fast schon resigniert. Erleben Sie ähnliche Anfeindungen wie Bubis?

Nun, die Hoffnung stirbt zuletzt. Das gilt auch für mich. Ich hoffe, dass es nie zu ernsthaften Anfeindungen kommt, denn das würde bedeuten, dass wir wirklich nicht aus der Geschichte gelernt haben.

Bekommen Sie keine Hass-Emails?

Natürlich. Aber man erfährt auch positiven Zuspruch. Wir haben in Deutschland ein großes zivilgesellschaftliches Engagement. Die Politik braucht Anstöße. Das Denkmal in Berlin macht dem Parlament deutlich, dass deutsche Politik eben auch eine Politik der Verantwortung sein muss. Es kann nicht sein, dass wir Politikern aus europäischen Mitgliedsstaaten den roten Teppich ausbreiten, wenn sie gleichzeitig populistische und rassistische Sprüche gegenüber der Minderheit in die Öffentlichkeit tragen. Damit tragen sie Verantwortung für die Gewalt, die sich in verschiedenen Ländern Europas zeigt und der wir entschlossen entgegen treten müssen.

Romani Oskar Rose, geboren 1946 in Heidelberg, ist seit 1982 Vorsitzender des Zentralrats deutscher Sinti und Roma. 13 Mitglieder seiner Familie wurden in Konzentrationslagern ermordet. Sein Vater Vinzenz Rose war in den 1970er Jahren einer der ersten Roma-/Sinti-Bürgerrechtsaktivisten.

Das Interview führte Christian Stock, Mitarbeiter des iz3w.



Diesen Artikel bookmarken bei...
  • Mr Wong
  • Del.ico.us
  • Reddit
  • Digg

Hinweis: Diese Verlinkungen führen Sie auf externe Seiten.
Bei Wikipedia erfahren Sie mehr zu Soziale Lesezeichen.?

Christian Stock  13.12.2012blindgif zurück zur Startseite Diesen Artikel lesen Diesen Artikel ausdrucken Möchten Sie den Artikel ''Zu Sündenböcken gemacht'' weiterempfehlen?
 
Blindgif
blindgif
Editorial | Kontakt | Impressum
zurück zur Startseite