Zur Startseite von www.einseitig.info
blindgif blindgif
 
blackline
Flüchtlinge verließen aus Protest gegen unwürdige Zustände ihre Asylantenheime und zogen quer durch Deutschland nach Berlin, um dort in einem Zeltlager zu überwintern. Einige von ihnen sind in den Hungerstreik getreten und demonstrieren vor dem Brandenburger Tor.
Flüchtlinge verließen aus Protest gegen unwürdige Zustände ihre Asylantenheime und zogen quer durch Deutschland nach Berlin, um dort in einem Zeltlager zu überwintern. Einige von ihnen sind in den Hungerstreik getreten und demonstrieren vor dem Brandenburger Tor.
blackline
 
blackline
Was andere denken 
Das Flüchtlingscamp in Berlin 
Veranstaltungsreihe „Mittelmeer vor Ort – Flucht und Migration“ 
Videoclip „Das Wunder von Riace“ 
Spiegel Online: Polizei nimmt Flüchtlingen Decken ab 
blackline
 
blackline
Mehr zum Topic 
Deutschlandbilder 
blackline
 
blackline
Archiv 
zum kompletten Archiv Hier finden Sie alle Artikel
oder nur die
zum Archiv der Autorin/des Autors  'Farah Lenser'  der Autorin/des Autors Farah Lenser
zum Archiv der Rubrik 'Hinterbänkler'  der Rubrik Hinterbänkler
blackline
 
blackline
Suche 

     
blackline
 
blackline
RSS abonnieren
Informieren Sie sich schnell und komfortabel über neue Artikel bei einseitig.info.

RSS-Feed Neue Artikel als RSS-Feed

Zusätzliche Informationen und weitere RSS Formate finden Sie hier.

blackline
rubriktitel



Kein Mensch ist illegal

Karawane der Flüchtlinge

Von Farah Lenser

a
m 29. Januar dieses Jahres nahm sich der Iraner Mohammed R. das Leben. Er war einer von Tausenden von Asylbewerbern, die in einem Flüchtlingslager in Deutschland auf die Anerkennung ihres Asylantrages warten. Der 29jährige war im Iran gefoltert worden und suchte nun Schutz in Deutschland. Seine Schwester, die in Köln lebt, durfte ihn nicht aufnehmen. Der Tod von Mohammed R. brachte das Fass zum überlaufen: In dem überfüllten Nürnberger Asylantenheim mit Hunderten von Flüchtlingen, formierte sich Widerstand, sie protestierten auf dem Marktplatz in Nürnberg, einige nähten ihre Münder zu. Es entstand ein Unterstützungsnetzwerk in der gesamten BRD und am 8. September beschloss ein Dutzend der Flüchtlinge zu einem Fußmarsch nach Berlin aufzubrechen.

Die Karawane der Flüchtlinge zog unter dem Motto „Kein Mensch ist illegal“ durch Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg nach Berlin, wo sie am 13. Oktober gemeinsam mit 3000 Menschen das Bundeskanzleramt erreichte. Ihre zentralen Forderungen sind: Abschaffung der Residenzpflicht, welche Flüchtlingen verbietet, ihren von den Behörden ausgesuchten Aufenthaltsort zu verlassen, die Abschaffung der Lagerpflicht und des Arbeitsverbots und den Zugang zu Bildung, insbesondere zu staatlichen Deutschkursen, damit Flüchtlinge sich entfalten und aktiv an der Gesellschaft teilhaben können.

Auf dem Weg nach Berlin wurden viele Menschen zum ersten Mal mit der konkreten Situation von Flüchtlingen konfrontiert und einige halfen spontan mit Übernachtungsplätzen und Spenden. Auch die politische Administration reagierte moderat: Als die Gruppe die bayrische Landesgrenze überschritt, ließ man sie gewähren, obwohl die Asylbewerber dadurch die so genannte Residenzpflicht verletzten. Auf ihrem langen Marsch durch Deutschland wurden sie sogar einige Male von der Polizei beschützt, wenn kleine Gruppen von Rechtsradikalen Proteste organisierten. In Asylantenheimen, die sie auf der Strecke aufsuchten, schlossen sich Flüchtlinge ihrem Protest an. In Potsdam begrüßte sie Oberbürgermeister Jan Jacobs (SPD).

Einen Tag nach der Demonstration zum Kanzleramt, wurde die nigerianische Botschaft in Berlin-Mitte von einigen Flüchtlingen und Aktivisten „besetzt“, da diese sich zusammen mit der Bundesregierung an umstrittenen Rückführungsprogrammen von Flüchtlingen beteiligt. Die Botschaft wurde noch am selben Tag geräumt, die Beteiligten festgenommen, aber nach Protesten Tage später wieder auf freien Fuß gesetzt. Alle sind wieder in das Zeltcamp nahe dem Oranienplatz zurückgekehrt, das auch weiterhin vom grünen Bürgermeister Kreuzbergs geduldet wird.

Grenzenlos: 50 Millionen Flüchtlinge weltweit

Die konkrete Situation der in Deutschland weit ab vom Stadtzentrum in überfüllten GU's (abgekürzt für Gemeinschaftsunterkünfte) untergebrachten Flüchtlinge war mir in diesem Ausmaß nicht bekannt. Dass ein Flüchtling aus dem Iran, der an Leib und Seele durch Folter verletzt, monatelang in einer bayrischen Flüchtlingsunterkunft kaserniert wird und nicht zu seiner Schwester nach Köln ziehen darf, wer soll das begreifen?

In Bayern macht ein Innenminister Wahlkampf und will über das Asylgesuch von Flüchtlingen aus Serbien und Mazedonien innerhalb von 48 Stunden entscheiden und sofort wieder abschieben lassen, andere Innenminister wollen für diese Länder die Visumpflicht wiedereinführen. Sie unterstellen einen Zusammenhang des Anstiegs der Asylanträge mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zur Anhebung der Leistungen für Asylbewerber im Juli dieses Jahres. Flüchtlinge aus Serbien und Mazedonien sind zu 90 Prozent Sinti und Roma, die in ihren Herkunftsländern erheblichen Diskriminierungen und Verfolgungen ausgesetzt sind. Christian Schwarz-Schilling, der Hohe Repräsentant für Bosnien und Herzegowina zwischen 2006 und 2007 warf den zuständigen Behörden am 14. Oktober in HR Online Ignoranz vor und forderte Respekt vor den Entscheidungen eines Bundesgerichtshofes und den Bundesgesetzen, die nur ungenügend umgesetzt würden. Er erinnerte an die Verfolgungen der Roma und Sinti in Deutschland: „Fast in jeder Familie sind Familienangehörige verschwunden. Es ist eine Schande, dass wir so schnell nach der Nazizeit vergessen. 700 000 Roma und Sinti sind in den Konzentrationslagern der Nazis ums Leben gekommen.“

Tom Koenigs, Vorsitzender des Ausschusses für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe des Deutschen Bundestages und ordentliches Mitglied im Verteidigungsausschuss, kann die Diskussion über vermeintlich hohe Kosten nicht nachvollziehen, verglichen mit den Kosten eines „Tiger“-Militärflugzeuges seien die Kosten für 5000 Romaflüchtlinge marginal. Wichtig sei dagegen die Aufklärung über komplexe Zusammenhänge, die auch den Stammtisch erreichen solle.

Auf dem Podium im Weltsaal des Auswärtigen Amtes diskutierte er am 18. Oktober mit António Guterres, dem Hohen Flüchtlingskommissar des Flüchtlingshilfswerkes der Vereinten Nationen (UNHCR) über Flüchtlinge und internationale Solidarität. Weltweit gab es 2011 über 43 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene, die Ursachen sind vielfältig: Dazu gehören auch der Klimawandel, der Naturkatastrophen nach sich zieht wie extreme Dürreperioden in Afrika oder Flutszenarios in Asien. Meist sind es jedoch kriegerische Auseinandersetzungen, die Menschen zwingen ihre Heimat zu verlassen. Die Last tragen zumeist die angrenzenden Nachbarländer, die Asylsuchende freiwillig oder gezwungenermaßen aufnehmen oder sie kommen in Flüchtlingscamps unter, die der UNHCR in Grenzgebieten aufbaut und unterhält.  Angesichts knapper Ressourcen des UNHCR muss Guterres oft „dramatische Entscheidungen“ fällen, wobei der Schutz von Frauen und Kindern, Ernährung, Obdach und Gesundheit von Flüchtlingen für ihn an erster Stelle stehen.

In den Nachbarländern Syriens kommen derzeit vieler Syrer bei Verwandten unten, in der BRD ist es dagegen nicht möglich, dass ein Syrer Familienangehörige aufnimmt. Das sind für Tom Koenigs unhaltbare Zustände und die 300 Flüchtlinge pro Jahr, die Deutschland im Rahmen des Resettlementprogramms des UNHCR die nächsten drei Jahre aufnehmen will, sind ein Tropfen auf dem heißen Stein. „Die Lösung ist immer politisch, nicht humanitär“, bekräftigt António Guterres: „Wenn wir keine Lösungen finden, werden die Flüchtlinge selbst welche finden.“

Mittelmeer an Ort und Stelle

Ein großer Teil der Flüchtlingsströme konzentriert sich im Mittelmeerraum, verbindet das Mittelmeer doch die drei Kontinente Afrika, Europa und Asien. Mit der Öffnung der Grenzen innerhalb Europas wurde das Mittelmeer zur Grenzregion, wo Europa seine Außengrenzen seit 2004 mit der Europäischen Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen, kurz Frontex, verteidigt. Viele Bootsflüchtlingen stranden an der italienischen Insel Lampedusa, wenn sie nicht von Frontex abgedrängt werden oder ihre Boote schon vorher im Meer versinken. Allein im letzten Jahr sollen nach offiziellen Angaben der UNHCR 1500 Flüchtlinge aus Libyen im Mittelmeer ertrunken sein.

Das Mittelmeer war immer der Ort meiner Sehnsüchte und Träume. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass es zum Massengrab der vielen Flüchtlinge wird, die mit ihren Sehnsüchten und Träumen zum anderen Ufer aufbrechen. Ich kann nicht glauben, dass wir ruhig auf unserer Wohlstandsinsel hocken, während  allein im Mittelmeer Tausende von Menschen ertrinken. Die europäische Anna-Lindh-Stiftung repräsentiert ein Netzwerk der Zivilgesellschaften des Euromediterranen Raumes. Sie zeichnet auch junge JournalistInnen aus, die durch ihr Engagement zum Verständnis der Kulturen und der Probleme in der Region beitragen. Dieses Jahr fand die Preisverleihung in Berlin statt und war gleichzeitig der Auftakt einer Veranstaltungsreihe des Deutschen Netzwerkes der Stiftung, die unter dem Motto „Mittelmeer vor Ort – Migration und Flucht“ steht. Eine der PreisträgerInnen, die italienische Journalistin Francesca Caferri ist überzeugt, dass die große Geschichte von den kleinen Geschichten der Menschen geprägt wird. Kennen wir diejenigen der einzelnen Bootsflüchtlinge? Eine der Frauen, die auf einem Flüchtlingsboot über das Mittelmeer nach Europa kommen wollte, war Samia Yusuf Omar, die 2008 als Athletin bei den Olympischen Spielen in Peking gefeiert wurde. Stolz hatte sie für ihr Heimatland Somalia die Flagge getragen, ein Land, dass seit Jahrzehnten vom Bürgerkrieg erschüttert wird. Die Teilnahme hatte sie sich gegen den Widerstand muslimischer Kräfte in ihrer Heimat erkämpft und sie war entschlossen auch dieses Jahr an den olympischen Spielen in London teilzunehmen. Auf einem überfüllten Boot auf dem Mittelmeer wurde ihr lebloser Körper gefunden, sie war verdurstet.

Wie können wir solche Geschichten ertragen? Als frisch gebackene Friedensnobelpreisträger sollten wir verstehen: Frieden in Europa ist nur mit Solidarität denkbar. Öffnen wir uns für die  Geschichten und Schicksale der flüchtenden Menschen! Francesca Caferri erinnert an unsere eigene: „Viele Jahrhunderte sind Europäer in andere Länder ausgewandert, jetzt kommen eben andere zu uns!“ Viele sind schon hier, nicht nur im Zeltcamp in Berlin. Heißen wir sie willkommen, wie der Bürgermeister eines italienischen Dorfes in Riace, der 300 Flüchtlinge in die verlassenen Häuser seines nur noch 1500 Seelen zählenden Dorfes einziehen ließ und damit ihnen und seinem Dorf eine neue gemeinsame Zukunft gab.



Diesen Artikel bookmarken bei...
  • Mr Wong
  • Del.ico.us
  • Reddit
  • Digg

Hinweis: Diese Verlinkungen führen Sie auf externe Seiten.
Bei Wikipedia erfahren Sie mehr zu Soziale Lesezeichen.?

Farah Lenser  30.10.2012blindgif zurück zur Startseite Diesen Artikel lesen Diesen Artikel ausdrucken Möchten Sie den Artikel ''Kein Mensch ist illegal'' weiterempfehlen?
 
Blindgif
blindgif
Editorial | Kontakt | Impressum
zurück zur Startseite