„Liebe Frauen, liebe Schwiegermütter, liebe Kinder, liebe Enkel, liebe Geliebte …“ beginnt der Komponist Karlheinz Stockhausen seine Ansprache zu seinem 50. Geburtstag. Mary Bauermeister ist eine der Frauen und hat ihre Erinnerungen in einem wunderbaren Buch veröffentlicht.
iebe auf den ersten Blick: Eine schicksalshafte Begegnung auf einer Straße in Köln im Jahre 1957 ist der Beginn einer künstlerischen Vermählung zwischen Mary Bauermeister und Karlheinz Stockhausen. Letzterer schon damals ein bekannter Komponist elektronischer Musik, sie eine junge Malerin, die mit neuen Kunstformen experimentiert.
Es ist Nachkriegszeit: Der Nationalsozialismus hatte alle moderne Kunst als entartet diffamiert; jetzt drängen junge Künstler auf eine Veränderung der Gesellschaft, stellen alle Regeln in Frage. Auch in der Musik hört man fortan andere Töne, in Köln treffen sich Avantgarde Künstler wie John Cage oder Nam June Paik, der mit seinen wilden Performances rund ums Klavier und später auch als Videokünstler weltberühmt wurde. Das Atelier in der Lintgasse 28 wird zum Labor zeitgenössischer Kunst und Neuer Musik. Mary Bauermeister lädt Musiker, Bildhauer, Maler und Schriftsteller zu experimentellen Abenden, einer „Art Informel“, die keine festen Formen kennt. Alles ist im Fluß – hier beginnt die europäische Fluxusbewegung.
Karlheinz Stockhausen umwirbt die begabte, schöne Künstlerin, die sich sträubt gegen die Liebe zu einem verheirateten Mann. Doch sie entkommt dem Triolengitter nicht, die neue Liebe wird eine Liebe zu Dritt, die Stockhausens Frau Doris und die vier Kinder aus dieser Verbindung miteinbezieht. Erst 1967 heiraten Kama und Maka – so die Kürzel in ihrem Ehering - in San Francisco, ihre beiden Kinder Julika und Simon waren da schon geboren.
Das Buch ist eine Hommage an die Liebe und das Leben: Vier Jahre nach dem Tod von Karlheinz Stockhausen erinnert sich Mary Bauermeister an die gemeinsame Zeit mit dem „größten Musikgenie des 20. Jahrhunderts“, beschreibt ihre Begegnungen mit zeitgenössischen Künstlern wie Duchamps, Miro, Chagall und Leonard Bernstein. Sie selbst feierte als bildende Künstlerin in Amerika große Erfolge und wird gerade wieder in Bonn mit einer Retrospektive geehrt. Mary Bauermeister blickt zurück mit einer gewissen Wehmut, denn sie beendete die enge Symbiose und Ehe mit Karlheinz Stockhauses 1973, um „ihre eigene Biografie“ zu leben. Mit dem Komponisten David Johnson und dem israelischen bildenden Künstler Josef Halevi verbinden sie ihre Töchter Esther und Sofie.
Die tiefe Verbundenheit und künstlerische Zusammenarbeit mit Karlheinz Stockhausen hatte jedoch Bestand, Mary Bauermeister entwarf auch Bühnenbilder und Kostüme für seine Werke. In der Oper „Momente“ hat Stockhausen die Figuren Kama und Maka verewigt: „Denn die Liebe ist stärker als der Tod“ singt dort der Chor.
Ein großartiges Buch über eine inspirierende Künstlerehe, die Kunst- und Zeitgeschichte eines halben Jahrhunderts und die ewige Liebe.
Ich hänge im Triolengitter Mein Leben mit Karlheinz Stockhausen Mary Bauermeister Edition Elke Heidenreich bei C.Bertelsmann 2011
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