Zur Startseite von www.einseitig.info
blindgif blindgif
 
blackline
„Man beruhigt sich ja gerne damit, dass diese Vorführungen Vergangenheit sind. Wenn man sich aber nicht nur auf den Gegenstand, also die Ausstellungspraxis des Objektes, bezieht, erkennt man, dass die Mechanismen bis heute in den Massenmedien wirken: Andersartigkeit wird auch heute massenmedial inszeniert und Spektakuläres ist ein zentrales Element der Populärkultur.“
„Man beruhigt sich ja gerne damit, dass diese Vorführungen Vergangenheit sind. Wenn man sich aber nicht nur auf den Gegenstand, also die Ausstellungspraxis des Objektes, bezieht, erkennt man, dass die Mechanismen bis heute in den Massenmedien wirken: Andersartigkeit wird auch heute massenmedial inszeniert und Spektakuläres ist ein zentrales Element der Populärkultur.“
blackline
 
blackline
Mehr Einseitiges zum Thema 
El Negro und ich 
Vom Menschenzoo zum Menschenverzehr 
Völkerschauen 
blackline
 
blackline
Was andere denken 
Dr. Birgit Stammberger 
Monster und Freaks 
blackline
 
blackline
Mehr zum Topic 
Peer trifft 
blackline
 
blackline
Archiv 
zum kompletten Archiv Hier finden Sie alle Artikel
oder nur die
zum Archiv der Autorin/des Autors  'Peer Zickgraf'  der Autorin/des Autors Peer Zickgraf
zum Archiv der Rubrik 'Platzanweiser'  der Rubrik Platzanweiser
blackline
 
blackline
Suche 

     
blackline
 
blackline
RSS abonnieren
Informieren Sie sich schnell und komfortabel über neue Artikel bei einseitig.info.

RSS-Feed Neue Artikel als RSS-Feed

Zusätzliche Informationen und weitere RSS Formate finden Sie hier.

blackline
rubriktitel



Die Völkerschauen sind ein Skandal der westlichen Welt

MenschenZoos - Schaufenster der Unmenschlichkeit

Von Peer Zickgraf

d
er Rassismus, das Herrenmenschentum, die Schaffung der Kategorie des „Untermenschen“ – zu Beginn dieser gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit stehen die Völkerschauen, die seit 1874 in Deutschland und Europa im Schwange waren. Einseitig.info sprach vor diesem Hintergrund mit der Lüneburger Kulturwissenschaftlerin. Dr. Birgit Stammberger, über die Publikation „MenschenZoos“, die am 29. März 2012 erschien und von einer internationalen renommierten Historikergruppe herausgegeben wurde.

Einseitig.info: Es gibt einen historischen Komplex, der sich „Völkerschauen“ nennt und zunehmender Aktualität erfreut. Was verbinden Sie mit dem Thema?

Birgit Stammberger: Das ist mein Forschungsthema. Ich habe selber lange an dem Gegenstand gearbeitet und zwar mit allen Widerständen. Es handelt sich um eine beschämende Geschichte, weil es eine Geschichte der Empörung ist. Die Schwierigkeit ist, die Empörung, die man angesichts von Freakshows empfindet, in ein analytisches Instrument zu überführen. Deshalb ist eine große Herausforderung. Man beruhigt sich ja gerne damit, dass diese Vorführungen Vergangenheit sind. Wenn man sich aber nicht nur auf den Gegenstand, also die Ausstellungspraxis des Objektes, bezieht, erkennt man, dass die Mechanismen bis heute in den Massenmedien wirken: Andersartigkeit wird auch heute massenmedial inszeniert und Spektakuläres ist ein zentrales Element der Populärkultur. Es gibt einen ganzen Grenzbereich, der sich in der Verbindung von Wissenschaft und Öffentlichkeit ausdrückt.

Einseitig.info: Warum hat das so lange gedauert, bis man dieses Problem erkannt hat?

Stammberger: Der Grund ist, dass Wissenschaftler|innen Geschichte schreiben, und dass diese in Disziplinen unverbunden nebeneinander arbeiten. Dass es so lange gebraucht hat, die Völkerschauen als gesellschaftliches Problem zu begreifen, zeigt auch unser eigenes Unvermögen, kritische Geschichte zu schreiben. Die Geschichte der Völkerschauen wurde bis in die 1960er bzw. 1970er Jahre einzelnen Disziplinen und Strömungen zugeordnet. Erst die kritischen Wissenschaften, etwa in den Gender Studies und den Postcolonial Studies, begannen damit, die Grenzen disziplinärer Denkweisen überschreiten und auch infrage zu stellen.
 
Einseitig.info: Eine neue Publikation mit dem Titel „MenschenZoo“. Schaufenster der Unmenschlichkeit“, das von einer international renommierten Gruppe von französischen Historikern am 29. Mai im Verlag Les Editions du Crieur Public in deutscher Übersetzung herausgegeben wird und die disziplinären Grenzen überschreitet. Welchen Eindruck haben Sie von dem Buch?

Stammberger: Ein wichtiger Aspekt der Publikation ist die Popularisierung wissenschaftlicher Konzepte. Zwar gibt es heutzutage keine Völkerschauen im damaligen Sinne mehr in Europa. Wir haben diese tatsächlich auf andere Kontinente verlegt. Ein Beispiel dafür sind die so genannten Zwergendörfer in Südamerika. Das sind Menschen, die sich aus eigenem Antrieb zusammenschließen – weil sie für Fabrikarbeit beispielsweise zu kleinwüchsig sind – und Dörfer gründen, um sich selber zu vermarkten. Das ist ein Blickwechsel: Wir gucken nicht mehr auf dem Fremden, wie das das die Völkerschauen inszeniert haben, sondern wir blicken mit den Völkerschauen auf uns selbst. Die Völkerschauen sind ein Skandal unserer westlichen Kultur.

Einseitig.info: Bemerkenswert ist die Verbreitung, die dieser Skandal gefunden hat: Er reichte von Europa, nach Amerika bis nach Japan. Können Sie etwas zur analytischen Dimension der Problematik sagen.

Stammberger: Es geht um das Aufbrechen von richtig und falsch, gut oder böse, erlaubt und nichterlaubt. Diese Dichotomie muss aufgebrochen werden und die Komplexität und Verwobenheit der Phänomene in den Blick nehmen zu können. Die Wechselwirkungen mit sozialen, kulturellen und wissenschaftlichen Vorstellungen sollten stärker ins Blickfeld gerückt werden und die Implikationen der Völkerschauen sollten dabei nicht nur als heterotopische Orte unserer eigenen Kultur beschrieben werden, sondern als etwas, was mitten in unserer Kultur stattgefunden hat. Sandrine Lemaire, die Mitherausgeberin des Buches, hat zu recht betont, dass wir, wenn wir mit den Völkerschauen der Dichotomie von schwarz und weiß aufgesessen sind, die in verschiedenen Variationen dargestellt werden kann. Diese Perspektive wirkt bis heute fort: Das „Black Village“, also die Inszenierung eines afrikanischen Dorfes im Augsburger Zoo im Jahr 2005, beruhte darauf, dass die Afrikaner mal als senegalisches Dorf, mal als kongolesiches Dorf aufgetreten sind. Die Verwobenheit zwischen Nationalismus, Rassismus und Wissenschaftlichkeit beruhte darauf, dass Menschen, die aus der eigenen Kultur ausgeschlossen wurden, wie Tiere ausgestellt worden sind. Es gibt eine Szene bei Toni Morrison, in der ein Schwarzer auf Freakshows auftritt und dort exotisiert wird. Aus der letzten Reihe wird ihm aber zugerufen: „Mensch, das ist doch mein Kollege aus der Stahlfabrik – der ist gar nicht fremd, der wird fremd gemacht!“

Einseitig.info: Eine Ausstellung besonderer Art sind die „Körperwelten“ des Anatomen Gunter von Hagens. Welche kulturrelevanten Verbindungen sehen Sie zwischen Hagenbecks „Völkerschauen“ und von Hagens „Körperwelten“?

Stammberger: Man kann sicher Kontinuitäten, aber auch Diskontinuitäten erkennen. Dabei hat jeder Ort bzw. jede Ausstellung ihre eigene Dynamik. Man müsste beispielsweise den genauen hitorischen Kontext unterscheiden, in dem Hagenbeck bzw. von Hagens ihre Ausstellungen inszenieren. Wichtig ist es auf die Erfahrungen zu schauen, die wir im 20. Jahrhundert gemacht haben: Diese führen etwa von Hagenbecks Völkerschauen bis zur neonazistischen Vereinigung NSU, wie Dr. Kay H. Kohlhepp anlässlich der Vorstellung des Buches „MenschenZoo“ hervorhob. Wir müssen uns im Sinne der Kontinuität eingestehen, dass der Rassismus der Völkerschauen bis in die heutigen Tage fortwirkt bis – deshalb sollte man dem Ort seine spezifische Qualität lassen und sich davor hüten, ihm unsere Interpretation überzustülpen.

Zu Ihrer Frage: Ich finde es ganz wichtig, die mögliche Wechselwirkung zwischen Hagenbeck und von Hagens aufzuzeigen, aber die muss man sehr genau analysieren und nicht alles in einen Topf werfen. Von Hagens spielt ja regelrecht mit der Empörung. Die Entwicklung des menschlichen Körpers von der Eizelle bis hin zur Fehlbildung ist sicherlich überaus spektakulär. Aber von Hagens setzt dem Spektakulären medizinische Erklärungen und wissenschaftliche Konzepte auf. Bei Hagenbeck stehen demgegenüber das Vergnügen und die Kommerzialisierung im Vordergrund. Man muss genau darüber nachdenken, wo die Kontinuitäten zu suchen sind, und was das spezifische der jeweiligen Orte ist.

Einseitig.info: Was halten Sie von der These, dass von Hagens „Körperwelten“ einen Aspekt enthält, der eine Analogie zu Auschwitz bildet, ich meine die Verwandlung und Ausschlachtung des toten menschlichen Körpers zu Zwecken des Profits.

Stammberger: Das ist eine schwierige Frage.

Einseitig.info: Und wie stehen Sie zu der These, dass die Idee der Völkerschauen in die Vernichtungsideologie des Nationalsozialismus eingebaut wurde? So verfolgten die Nationalsozialisten etwa die Vorstellung, einzelne menschliche Exemplare vernichteter Völker, wie die Roma und Sinti, als Anschauungsobjekte einer vernichteten Kultur auszustellen. Es gibt dazu eine Szene in Jonathan Litells Roman „Die Wohlgesinnten“, wo genau diese Vorstellung von einem Nazi auf den Punkt gebracht wird.

Stammberger: Wenn man sich mit diesen Zusammenhängen beschäftigt, muss man die Verbindung zwischen Psychiatrie und Prostitutionsdiskurs herausarbeiten. Interessant ist, dass im Rahmen der Völkerschauen die westlichen weiblichen Körper und die afrikanischen schwarzen Körpern häufig auf Postkarten abgebildet wurden. Im Diskurs von Andersheit haben die westliche und die schwarze Frau viele Ähnlichkeiten: Die Psychiatrie ist dabei maßgeblich an diesem Diskurs beteiligt. Man sollte da genauer hinschauen.

Einseitig.info: Ihr Forschungsschwerpunkt sind Freaks und Monster. Was ist daran aktuell?

Stammberger: Die Monster sind überall. Es gibt in den Genderstudies seit Haraway den Versuch, die Figuration des Monsters – also hybride Figurationen – für eine feministische Kritik fruchtbar zu machen. Andererseits muss man berücksichtigen, dass das, was als monströs bzw. als feminin apostrophiert wird, immer gleichzeitig einen Diskurs der Abwertung bedeutet. Wir leben in einer Welt, in der wir von entsprechenden Phänomenen umgeben sind, ob es die Schönheitschirurgie ist oder das Gesicht von Michael Jackson. Letzterer überschritt ja die Grenze von Geschlecht und Ethnie. Auch Performance-Künstlerinnen bedienen sich dieser Strategie, um zu zeigen, dass das, was die Gesellschaft als natürliche Weiblichkeit erklärt, ein kulturelles Konstrukt ist. Das Problem ist, dass wir diese Zuschreibungen übernehmen, was dazu führt, dass wir unzählige Ambivalenzen mit uns tragen, die wir nicht richtig zuordnen. Vielleicht fällt es deshalb immer schwerer zu erkennen, was positiv und negativ ist, während auf der anderen Seite eine zunehmende Repression des Körpers festzustellen ist. Im Umfeld der Lebenswissenschaften und der Biotechnologie werden wir sehr stark mit diesen Phänomen konfrontiert – und zwar in einer Weise, die verdeutlicht, dass die Konzepte der (Lebens-)Wissenschaft zunehmend popularisiert und unhinterfragt übernommen werden.

Einseitig.info empfiehlt: „MenschenZoos - Schaufenster der Unmenschlichkeit“ Völkerschauen in Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich, Spanien, Italien, UK, Japan, USA (2012 Les Éditions du CRIEUR PUBLIC)



Diesen Artikel bookmarken bei...
  • Mr Wong
  • Del.ico.us
  • Reddit
  • Digg

Hinweis: Diese Verlinkungen führen Sie auf externe Seiten.
Bei Wikipedia erfahren Sie mehr zu Soziale Lesezeichen.?

Peer Zickgraf  29.05.2012blindgif zurück zur Startseite Diesen Artikel lesen Diesen Artikel ausdrucken Möchten Sie den Artikel ''Die Völkerschauen sind ein Skandal der westlichen Welt'' weiterempfehlen?
 
Blindgif
blindgif
Editorial | Kontakt | Impressum
zurück zur Startseite