estern war ich auf der ersten Ü-30-Party meines Lebens. Ich und die drei Mütter, die ich begleite, treffen uns also schon vorher auf einen Piccolo, oder fünf, und wollen dann auch bald los, denn kleine Kinder schlafen meistens nur zu superungünstigen Zeiten. Vielleicht ist es kein Zufall, denke ich schon beim Reinkommen, 12 schmerzliche Euro weniger in der Tasche, dass der Ort des Spektakels „Alter Wartesaal“ heißt. Es fehlt nur noch der Bindestrich zwischen den Wörtern.
Das Positive: Unmittelbar nach dem Betreten der Lokalität werde ich jünger. Und noch jünger. So jung bin ich plötzlich, dass meine Haut wieder nach Sun-Parfum duftet, mir Plateauschuhe, Pickel und hellblaue Fingernägel wachsen, und mein Babyspeck an seine gewohnten Körperteile zurückfließt. Also irgendwie von unten-hinten nach vorne-oben. Wer ist nicht für ein bisschen Umverteilung? Denn heute bin ich der Teenie, den man, inklusive Peergroup, absichtlich nicht nach dem Ausweis gefragt hat. Schließlich senken wir vier den Altersdurchschnitt locker um 15 Jahre.
Eine kurze Vorgeschichte sei gestattet. Einige Wochen zuvor nämlich hatten wir ebenfalls den Drang verspürt, die alten Beine mal wieder in stampfendem Rhythmus bewegen zu wollen und hatten eine ganz normale Diskothek aufgesucht. Nach ein paar Stunden waren wir nicht nur alt, sondern uralt. Denn wir, alle so kurz Ü-30, sahen uns umringt von mitteljungen Kids, die gelangweilt in ihre Smartphones starrten und Entenschießen spielten. Die Musik dröhnte zwar, aber zum Tanzen waren nur wenige aufgelegt. Die, welche tanzten, waren zudem unglaublich betrunken. Irgendwann übersahen sie dann unser Alter und fanden uns schön. Da war es aber schon zu spät, und der Abend irgendwie entzaubert.
Ü-30-Parties dachte ich, sind sicher eine geniale Alternative. Um interessante Leute zu treffen, die jung, aber nicht mehr ganz so jung sind, mitten im Leben stehen, und mächtig was zu erzählen haben. So der Plan.
Und nun verraten ich Ihnen ein Geheimnis: Wie meistens im Leben gibt es nämlich auch in der Partywelt kein Mittleres. Menschen, die auf Parties gehen, sind entweder sehr jung oder sehr alt. Dazwischen gibt es nichts. Denn die, die mitten im Leben stehen und mächtig was zu erzählen haben, gehen nicht auf Ü-30 Parties. Die haben Freunde, ein Leben, und noch was vor damit. Meinem Freund war das schon vorher sonnenklar, weshalb er sich auch lieber zu Hause mit einem Glas Bordeaux aufs Sofa geflätzt hat. Der alte Besserwisser.
Was sich Ü-30 nennt und auf einer schummrigen, vernebelten Tanzfläche mit ein bisschen mehr gutem Willen gerade noch als U-50 durchgehen würde, entpuppt sich spätestens im fiesen Neonlicht des Raucherghettos als ein bisschen abgeblätterter, außerirdisch gekleideter und auf Heidi Klum geschminkter Ork. Oder wahlweise auch als in der erstarrten Maske eines Günter Netzer getarnter Passagier dieses funkelnden Raumschiffs auf dem weiten Weg zur 60; aber das Raumschiff kennt eine Menge guter Abkürzungen.
Letztlich haben die drei Mütter und ich uns aber doch noch richtig knorke unterhalten. Über Windeln, „Germanys Next Topmodel“, Fußball und die Männer. Denn wir, soviel ist klar, stehen mitten im Leben und haben ganz mächtig was zu erzählen. Nächstes Mal, das haben wir beschlossen, gehen wir aber auf eine Ü-40-Party. Wenn schon, denn schon! Das spart uns den Kosmetiker – und viel jünger kann man dann sicher auch gar nicht mehr werden.
Diesen Artikel bookmarken bei...
Hinweis: Diese Verlinkungen führen Sie auf externe Seiten.
Bei Wikipedia erfahren Sie mehr zu Soziale Lesezeichen.?