igentlich wollte ich mir schon immer mal einen kaufen, einen Koran. Auch ein nichtreligiöser Mensch sollte schließlich ein gewisses Grundwissen über die fundamentalen Werke der Weltreligionen besitzen, wissen, worüber Millionen ihren Trost beziehen, streiten – und zu oft sogar töten. Das ist Bestandteil der Allgemeinbildung und da jede Religion irgendwie die Wahrheit und Liebe für sich beansprucht, sollte auch ich wissen, worauf diese Sicherheit gründet. Natürlich weiß ich nicht, ob ich mir das Buch vollständig erlesen würde. Auch die Bibel, die ich zuletzt im jugendlichen Alter aus den oben erwähnten (und auch schulischen) Gründen zu lesen begann, hat sich als recht sperrig herausgestellt. Sprachlich-formal beeinflusste sie meine Motivation schnell negativ und manchmal ist es wichtiger ein Buch für alle Fälle zu besitzen, als es zu lesen.
Mein Problem mit allen Weltreligionen hat auch etwas mit dem Ort und der Zeit ihrer Entstehung zu tun. Keine von ihnen ist in Mitteleuropa entstanden. Das ist per se kein Nachteil, doch hat es zur Folge, dass ich mich mit Übersetzungen über mehrere Sprachen hinweg, mit Interpretationen, Zusammenfassungen, eben von vielen Menschen arg gefilterte Versionen, abfinden und auseinandersetzen muss. Und hätten sich die einst in Mitteleuropa vorherrschenden Kelten global-religiös durchgesetzt, wäre es nicht anders, denn die Kelten sind uns heute besonders fremd. Ein weites Feld – mir bislang zu weit – das ich einmal beackern werde, wenn mich die große Langeweile treffen sollte.
Nun soll also allen Haushalten Deutschlands ein Koran geschenkt werden. Grundsätzlich könnte ich mich freuen. Da einem „grundsätzlich“ jedoch immer ein „aber“ folgt, ist zur Vermeidung von Folgekosten der Redensart zu widersprechen, wonach man bei einem geschenkten Gaul diesem immer ein Blick ins Maul und ins Gesicht des Schenkenden zu empfehlen ist. Dieser ist im Falle des Korans die Gruppe der Salafisten gegeben. Mitglieder dieser islamischen, vermutlich auch islamistischen Sekte dürfen ungestraft als Fundamentalisten bezeichnet werden. Fundamentalisten kommen in allen Buchreligionen immer wieder vor. Sie leben in der jeweiligen Gegenwart und meinen dem eben beschriebenen Interpretationsproblem mit der aberwitzigen Idee entgegenwirken zu können, ein vor Jahrhunderten geschriebenes Buch wörtlich zu nehmen. So, als würde sich ein Archäologe des 24. Jahrhunderts nach der Analyse einer ausgegrabenen CD Herbert Grönemeyer als Hangar vorstellen, da er verhältnismäßig deutlich von Flugzeugen in seinem Bauch singt. All die politischen, die gesellschaftlichen und natürlichen Bedingungen, all die hygienischen Sauereien des Altertums, die damals gültigen und heute ganz anders zu verstehenden Bilder, all ihre Poesie und werden zur unumstößlichen Tatsache erklärt, Irrtümer verkannt. Christliche Fundamentalisten, wie beispielsweise ein großer Teil der Kreationisten, halten die Welt für gerade einmal 6.000 Jahre alt, das Paradies für ein historisches Faktum und bestreiten die Ergebnisse der modernen Evolutionsbiologie. Mit diesen Ansichten sind sie mit den jüdischen und auch den Fundamentalisten des Islams oft einer Meinung. Ob sie die gegenseitige Nähe ahnen mögen?
Fundamentalisten könnte man für recht kauzige Sonderlinge halten, sie mit dem Ausspruch Friedrich II. „Jeder soll nach seiner Façon selig werden“ milde belächeln und weitermachen lassen. Anstrengend sind Fundamentalisten leider immer, wenn sie missionarisch tätig werden und gefährlich, wenn sie Schulen übernehmen oder ihre Ansicht der Welt gar wie ein trotziges Kind mit Gewalt durchsetzen wollen. Salafisten wird Letzteres wohl nicht unbegründet nachgesagt. Wir sollten also skeptisch mit ihrem Korangeschenk umgehen und in einer größeren Moschee in der Stadt nachfragen.
Zugegebenermaßen spekulativ ist meine Vermutung, welches Vorbild sich die Salafisten mit ihrer Aktion genommen haben. Denn einige Wochen bevor ich von der Koranverschenkung hörte, las ich, dass der Axel-Springer-Verlag plane, zum 60. Geburtstag seiner unsäglichen Bildzeitung am 23. Juni 2012 der gesamten deutschen Bevölkerung ein Gratisexemplar zwangsweise zustellen zu wollen. Ein gewisser Missionstrieb war diesem Verlag schon immer eigen, doch darf ich nicht ohne Stolz von mir behaupten, noch nie eine Bildzeitung gekauft zu haben, noch nicht einmal aus Mangel an Alternativen im Urlaub. Ich will das Blatt auch nicht geschenkt bekommen, doch das interessiert den Verlag nicht. Nicht einmal ökologische Gründe zählen, obwohl einem Literaturliebhaber die sofortige Entsorgung einer Boulevard-Zeitung in den ohnehin überfüllten Papierkorb unter den Briefkästen wesentlich leichter fällt, als das Wegschmeißen eines unbestellten Buches. Und wo soll das noch hinführen?
Während ich überlege, wie ich einen warnenden Aufkleber für den Briefkasten gestalten soll, rechne ich in nicht allzu ferner Zukunft mit weiteren Geschenken: Einer Bibel der christlichen Kreationisten, mit dem Buch Mormon, einem Wachtturm-Sammelband und einer Taschenbuchausgabe eines eigentlich unbedeutenden Science-Fiction-Autors namens Hubbard, das die Scientologen als religionsstiftend bezeichnen. Wenn die Religionen durch sind, kommen die Maoisten mit dem Roten Buch, die bis dahin noch zu gründende Organisation der Gaddafi-Romantiker mit dem Grünen Buch und die Nazis mit Mein Kampf. (Hitlers Buch, das sei nebenbei bemerkt und hoffentlich nicht strafrechtlich verfolgt, liehen mir Nachbarn vor ungefähr 35 Jahren für ein paar Tage. Nach nur wenigen Seiten war mir klar, dass jemand, der dieses bekloppte Machwerk liest, niemals zum Nazi werden kann und es in den Zeiten seiner Verteilung stets ungelesen ins Regal wanderte. Glücklicherweise schützt mich das Verkaufsverbot bislang vor dem drohenden Beweis meines fatalen Irrtums!)
Die aktuellen Erfahrungen legen die Vermutung nahe, dass das jetzt zweimal vorgesehene und von mir eben für die Zukunft befürchtete Massenschenken einzig für religiöses, ideologisch motiviertes und/oder verdummendes Druckwerk gilt. Lobenswert wäre dagegen die Suche nach Sponsoren für eine jährliche Verteilung von gelben Reclam-Klassikern, doch ich fürchte, Bildung gilt in unseren Zeiten nicht als ausreichend sexy. Zudem ist zu prüfen, wie lange Gedrucktes noch einen solchen Stellenwert besitzt, wie ihn meine Generation noch zu erkennen glaubt. Welche Bedeutung hat ein Buch, sei es auch ein vielen Menschen heiliges, wenn diese nur noch auf die Apps ihrer Smartphones starren? Wenigstens lässt mich diese Frage auf die von Vertretern der Konkurrenzreligionen deutlich ausgemachte Bedrohung unserer Jugend durch die Verteilung des heiligen Buches der Muslime gelassen reagieren. Ein Buch, sei es der Talmud, die Bibel oder eben der Koran, stellt für sich genommen niemals eine Bedrohung da. Die entsteht erst durch Missbrauch und nicht durch die Verteilung eines Buches. Und solange die Missionare der Salafisten ihre Botschaften nicht auf 160 Zeichen einer SMS oder gar auf 140 für Twitter geeignete Zeichen reduzieren, werden Jugendliche von der Aktion gar nichts mitbekommen.
Dagegen ist die Verteilung der Bildzeitung aufgrund der dort zu findenden Textformate sowie der vielen bunten Bilder einschließlich Gewalt und Sexismus unter riesigen Schriftzeichen eher als bedenklich zu bezeichnen. Und manchmal, so haben meine allmorgendlichen Beobachtungen in der S-Bahn ergeben, hat das seltsam intensive „Studieren“ der Bildzeitung für einige Leser, samt Infiltrierung mit scheinbar positiven Leitbildern zwischen Sarrazin und Guttenberg, schon etwas Religiöses. Aber das klären wir später einmal und hoffen bis dahin niemals auf Fundamentalisten zu stoßen, die die Schlagzeilen der Bildzeitung wörtlich nehmen.
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