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„In Berlin brannten auch in dieser Nacht wieder Autos“, las sie am nächsten Tag die ersten Zeilen der Tageszeitung im Verkaufskasten an der Bushaltestelle.<br/>Foto © mathias the dread / photocase.com
„In Berlin brannten auch in dieser Nacht wieder Autos“, las sie am nächsten Tag die ersten Zeilen der Tageszeitung im Verkaufskasten an der Bushaltestelle.
Foto © mathias the dread / photocase.com
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Am Ende aller Worte

Feuer legen

Von Marie van Bilk

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er Spielplatz war leer. Nur sie saß noch im Halbdunkel auf einer der beiden Schaukeln und wartete. Sie zog die Kapuze ins Gesicht. Das schützte nicht nur vor gierigen Blicken, sondern auch vor dem eiskalten Wind, der im Oktober bereits den nahenden Winter ankündigte. Mit ihrem Schuh malte sie FUCK in den Sand, das taten sie hier so und wischte es gleich wieder weg. Sie war gut in der Schule, doch sie ließ es sich nicht anmerken. Die Stadt und nicht nur die gingen ihr am Allerwertesten vorbei. In Deutsch schwieg sie, eisern. Kein Wort hatte sie gesagt und diesmal den Heini da vorne vor Wut explodieren lassen. Er wüsste, dass sie mehr „drauf“ hätte, meinte er und hatte sie gefragt, ob sie nun Abitur machen wolle oder nicht. Sie hatte aus dem Fenster geschaut, während seine Worte an ihr vorbeigezogen.

Es ist anstrengend, sich dumm zu stellen. Anstrengender, als dumm zu sein. Aber sie war nun mal hier. Nichts mehr zu haben, schien zur Dummheit zu verpflichten. Keine Mutter zu haben. Sie hatte niemanden mehr. Sie war allein. Sie war volljährig. Sie war für sich selbst verantwortlich. Mündig. Und doch saß sie in dieser Bude mit ihrem ständig besoffenen Onkel und wagte nicht, einfach weg zu gehen. Er hatte angefangen zu saufen, seit Mama tot war. Sie waren Zwillinge.

Sie hatte alles gesehen. Der Typ saß im Knast. Und sie auch. Irgendwie. Wen wunderte das. Sie war auch schuld. Sie hatte ihn gesehen. Niemand hatte sie eingesperrt, weil sie alles nur gesehen hatte. Männer konnten ihr gestohlen bleiben.

Die Zündholzschachtel in den Taschen ihres Hoodies klapperte beruhigend. Swallow stand auf ihrem Deckel. Schwalbe. Die zogen im Herbst in den Süden. Sie zündete eines der Hölzer an und warf es erst in den Sand, als die Flamme fast ihre Fingerkuppen erreicht hatte. Sie zündete noch eines an und wiederholte den Vorgang, bis nur noch die Hälfte der Schachtel gefüllt war. Es war Neumond. Straßenlaternen waren spärlich verteilt. Die vor dem Spielplatz war ausgefallen und die Schaukel quietsche leise, wenn sie sie bewegte. Aus einem der Fenster klang laute Musik. Neben der Haustür zu ihrem Block hatte sich jemand mit der Sprühdose verewigt. Begabt. Ein rennender, schreiender Mensch in Uniform mit Knüppel und Springerstiefeln. Sie stand auf und trat gegen das Eisen des Gerüsts. Mit Stiefeln. Genau den gleichen.

Am nächsten Vormittag gab der Heini ihr Gottfried Benn und Nietzsche zu lesen. „Ja, ich weiß, woher ich stamme,“ las sie, als sie sich nach der Schule in ihrem Zimmer einschloss und die Bücher, die sie so verächtlich entgegen genommen hatte, hervorholte. Sie strich über den Einband und wischte sich dann über das Gesicht. Ihre Bücher waren eingelagert. Ihr Onkel hatte keine Verwendung mehr dafür. Sie auch nicht? „Ein Sternenstrich...“. Sie stand auf und ging zum Fenster. Tief da unten, auf dem Spielplatz spielten Kinder und ihre Mütter saßen auf den Bänken davor, lachten und redeten. Ihr waren alle Worte ausgegangen. 

Am Abend fuhr sie zum Haus. Sein Auto stand im Carport, genauso wie er es abgestellt hatte. Ein fetter Schlitten, ein BMW. Sie hatte im Badezimmer auf dem Fußboden gelegen, mit dem Gesicht nach unten. Man sah nicht mal eine Beule an ihrem Kopf. Sie fühlte sich an wie Holz.

„Beschämt brachte sie ihr ihren Schmerz“. Sie hockte sich auf der Bürgersteinkante, holte das Buch hervor und las.

Ihr Onkel blickte nicht einmal vom Fernseher zur Tür, als sie sie aufschloss und nach Hause kam. In der Küche sah es aus, als hätte der Blitz eingeschlagen. Sie machte Lärm, während sie alles in die Spülmaschine stopfte, für Ordnung sorgte und wischte sich das Wasser aus den Augen.

Auch am nächsten Abend bot sich ihr dasselbe Bild auf seiner Straße. Ein schönes, großes Haus, eine heile Welt mit Garten davor. Die heile Welt, in der er jetzt keinen Platz mehr hatte und in der sie keinen Platz haben konnte. Wollte.

„Was kann ich dafür, dass sie so schön ist?“, hatte er gebrüllt und ihre Mutter hatte ihn nur entsetzt angestarrt, war im gleichen Atemzug auf ihn zugestürzt und hatte ihn liebevoll zu umklammern versucht. Sie fühlte sich an wie Holz. Später. Sie hatte gekniet, bis sie kamen, um sie abzuholen.

Die Bürgersteigkante hatte wieder Platz für sie. „Der Geist ist es, der uns rettet.“ Sie schlug das Buch zu und ging zum Wagen, holte die Zündhölzer hervor. Es brannte und sie hielt es an die Lamelle des Kühlergrills. Es zischte dumpf wie bei einem Gasherd. Dann rannte sie.

„In Berlin brannten auch in dieser Nacht wieder Autos“, las sie am nächsten Tag die ersten Zeilen der Tageszeitung im Verkaufskasten an der Bushaltestelle. In der Schule warteten sie schon auf sie. Die Polizistin in Zivil lächelte sogar freundlich. Sie lächelte nicht zurück, sondern zog die Streichholzschachtel hervor und entzündete das Holz. Der Polizist in Uniform stürzte nach vorn und schlug ihr das brennende Ding aus der Hand. „Warum legst Du, verdammt nochmal, Feuer?“, fragte er. Sie sah ihm offen und ernst ins Gesicht und antwortete ruhig: „Damit ihr es endlich löschen könnt!“



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Marie van Bilk  27.11.2011blindgif zurück zur Startseite Diesen Artikel lesen Diesen Artikel ausdrucken Möchten Sie den Artikel ''Am Ende aller Worte'' weiterempfehlen?
 
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