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So disparat die Phänomene „Völkerschauen“, Humanexperimente und „Körperwelten“ anmuten, verweisen sie doch auf einen tieferen, inneren Zusammenhang, der eine Klammer zwischen dem Kolonialismus im 19. Jahrhundert und der Renaissance des Neokolonialismus im 21. Jahrhundert bildet. - 

Bild: Ausschnitt aus Menagerie / In der Tierbude von Paul Meyerheim (1842–1915)
So disparat die Phänomene „Völkerschauen“, Humanexperimente und „Körperwelten“ anmuten, verweisen sie doch auf einen tieferen, inneren Zusammenhang, der eine Klammer zwischen dem Kolonialismus im 19. Jahrhundert und der Renaissance des Neokolonialismus im 21. Jahrhundert bildet. - Bild: Ausschnitt aus Menagerie / In der Tierbude von Paul Meyerheim (1842–1915)
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Völkerschauen

Humanexperimente und andere Wege in neuzeitliche „Paradiese“

Von Peer Zickgraf

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er böse Wilde, der im 19. Jahrhundert noch als Schauobjekt in Zoologischen Gärten oder in amerikanischen Wildwest Shows vorgeführt und gebannt wurde, ist auch heute ein von den westlichen Massenmedien viel bemühter Topos. Er tritt heute zunehmend entfesselt bzw. in verflüssigtem Zustand auf, etwa in Gestalt somalischer Piraten, die den Welthandel empfindlich stören oder in Form marodierender Meuten in London, die sich gewaltsam eine Scheibe vom kapitalistischen Konsumkuchen abschneiden. Die Attacken des bösen Wilden können an jedem Ort der Welt und praktisch zu jeder Zeit erfolgen.

Die jahrhundertelange Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung, die der kapitalistische Westen gegen die Fremden in den Kolonien ausübte, hat ihn nunmehr eingeholt. Was hat der Westen nicht alles aufgeboten, um den Fremden in Schach zu halten und sich vor seiner Rache zu schützen? Er wurde zum Schauobjekt degradiert, gemeinsam mit Tieren in Zoologischen Gärten ausgestellt, seine Arbeitskraft wurde rücksichtslos verwertet, sein Körper stoffliche Basis für elende Menschenversuche in den Kolonien und seine Kultur in den Boden gestampft. Ganze Völker wurden im Verlaufe der kapitalistischen Landnahme für immer von der Landkarte getilgt.

Nicht anders ist den Tieren oder der Pflanzenwelt ergangen: Das Verhältnis des Westens zum Fremden, zum Tier und zu den natürlichen Ressourcen war seit jeher von einer rücksichtslosen Brutalität und Verwertungssucht geprägt. Tagtäglich sterben dutzende Tierarten aus, weil die kapitalistische Maschine von einem unersättlichen Hunger auf mehr Profit gekennzeichnet ist. Demgegenüber gab es im Westen das um so stärkere Bestreben, am entgegengesetzten, privilegierten Ende der Welt paradiesähnliche Zustände zu errichten. Was kostet die Welt? Was kostet ein langes Leben, gar der Traum von der Unsterblichkeit?

Das Thema des Beitrags ist das Wechselverhältnis zwischen Zoo, kolonialen Praktiken  und dem Westen als Marke, einschließlich dem uneinlösbaren Versprechen auf das Paradies, das den Tod oder das Hässliche im Leben auf lange Frist abschaffen will. Diese Fiktion kennzeichnet etwa der entrückte Planet Hollywood. In Gunter von Hagens mittlerweile weltweit bekannter Wanderausstellung „Körperwelten“ sehe ich das deutsche Pendant dazu, gewissermaßen das Paradies der Toten, da die präparierten menschlichen und tierischen Leichen, die Fiktion des Todes als eines abwechslungsreichen Ausschnitts des „Lebens“ mit Eventcharakter nähren soll. Dieser vermittelt in der materialistischen Gesellschaft den letzten Thrill. „Wer den Eintritt für die „Körperwelten“ entrichtet, hat Teil an der Marke 'fröhlicher, ästhetisierter, konsumierbarer Tod'. Mit den „Körperwelten“ stößt von Hagen – erstmals für die Masse – die Tür zur Totengruft auf. Allerdings ist das von Hagensche Paradies mit allerlei unerledigter deutscher Geschichte kontaminiert. Aber der Tod ist ja bekanntlich ein Meister aus Deutschland.

Kurze Verschnaufpause nach dem 2. Weltkrieg

Die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges brachte zunächst einen radikalen Bruch mit dem weltweit verbreiteten Faschismus. Mit der Gründung der Vereinten Nationen und der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte sagte man jeglicher menschenverachtender Politik in Form des Faschismus für einige Jahre ab. Damit wurde der radikale Zugriff des faschistischen Staates auf den Körper, der mittels Rassenkonstrukt gerechtfertigt wurde, zugunsten der Tatsache obsolet, dass alle Menschen unabhängig von Hautfarbe, Religion und Herkunft Anspruch auf Gelten der Menschenrechte erheben dürfen. Doch im Zuge des Kalten Krieges und der Restauration wurden die Forschungsergebnisse der faschistischen Humanexperimenten wieder aufgegriffen, um sie der Entwicklung chemischer oder biologischer Waffen zuzuführen. Nun schwebte für einige Jahrzehnte die Geißel einer atomaren, chemischen und biologischen Bedrohung als Menetekel über der Welt.

Seit der Westen im Jahr 1989 den Sieg über den Realen Sozialismus verbuchen konnte, wurden die Karten wirtschaftlich, politisch und militärisch neu gemischt. Zwar kam es zu einer Abrüstung atomarer, chemischer und biologischer Waffen, doch geschah dies zum Preis einer Verbreitung von ABC-Waffen, die in ungewisse staatliche oder private Hände fielen. Das Jahr 1989 markiert darüber hinaus eine entscheidende Zäsur. Denn der Siegeszug des Kapitalismus im Gewand des Neoliberalismus geht einher mit verschärfter globaler Konkurrenz und beispielloser Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von unten nach oben. Mit der Abkehr vom fordistischen Wohlfahrtsstaat, der massiven Verlagerung von Produktionsstandorten in die Dritte Welt, der digitalen und mikrobiologischen Revolution sowie der rasanten Kommerzialisierung aller Lebensbereiche, hat sich nicht zuletzt die kapitalistische Konsumkultur radikal transformiert. Alles ist billiger, flexibler und schneller zu haben und es gibt kaum etwas, das nicht käuflich wäre.

Rettung durch die Medizin?

Auch die Fiktion eines fröhlichen Todes, flüchtig ausgestellt in einem globalen Wanderzirkus,  gehört hierher. Dass einige Präparate von Hagens mutmaßlich Opfer des totalitären Justizsystems Chinas gewesen sind, wirft ein obskures Licht auf den postkolonialen Kontext der Leichenbeschaffung. Doch auch wenn man konstatieren muss, dass die große Mehrheit der Leichenspender von Hagens ihm ihre Körper freiwillig vermachen, ist dies ein Hinweis darauf, dass im Postfordismus eine säkulare Transformation von Subjektivität stattfindet, gewissermaßen eine Entfesselung des Narzissmus, dessen Kehrseite eine radikale psychische Verarmung und Entleerung darstellt. Die Konsumkultur, oder anders ausgedrückt der Westen als Marke, ist eine Veranstaltung, deren täuschende Oberfläche beispiellos ist. Der Narzist ist nicht in der Lage, sich eine realistische Vorstellung der eigenen Begrenztheit und damit verbunden des eigenen Todes zu machen, denn so lange er konsumiert, ist er an etwas Größerem, dem Sozius (Deleuze) angeschlossen – und dieser geschichtsentleerte, kapitalistische Sozius lässt nichts als die Gegenwart gelten.

Allerdings bietet die kapitalistische Konsumkultur auch die Plattform für die Konstruktion von Identitäten, deren mannigfaltige Ausprägung frappierend ist. Diese an entgegengesetzten Polen zu thematisieren, ist eine ästhetische Herausforderung. Die mediale Installation „Küba/ Paradise“ des türkischen Regisseurs und Künstlers Kutlug Ataman thematisiert die Konstruktion von Identität und Gesellschaft als einen umfassenden ästhetischen Prozess. Menschen spielen in der Gesellschaft Rollen, das ist bekannt. Dass dieser Prozess aber strukturalen Regeln gehorcht, dass also die Gesellschaft und die Individuen in der Interaktion etwas höchst Artifizielles darstellen, macht sie zu einer besonderen Kunstform. So gesehen sind alle Menschen auf irgendeine Weise Künstler, während die Gesellschaft das Kunstatelier darstellt.

„Küba“ ist eine fiktive Gemeinschaft in der Metropole Istanbul. Sie entsteht über die Narrative ihrer Mitglieder. „Küba“, das sind die Ausgeschlossen der Gesellschaft, Outcasts, Sozialrebellen, Deklassierten, ethnisch Diskriminierten, Kriminellen. Demgegenüber ist„Paradise“ das Synonym für Hollywood bzw. für den amerikanischen Traum. Auch das Label „Paradise“ ist eine fiktive Gemeinschaft, die sich aus Dandys, Esoterikern, Managern, Schönheitschirurgen, Tüftlern, Lebenskünstlern und Lebensverlängern oder Erfolgstrainern zusammensetzt. „Paradise“ beinhaltet all diejenigen, die sich die Zugehörigkeit zur Marke Hollywood (=Paradies) erkaufen können. Der amerikanische Kulturwissenschaftler Christopher Lasch „Die Angst vor dem Alter entspringt aber nicht dem 'Jugendkult', sondern dem Kult des Ich“. Und dieses Ich, so der Kulturwissenschaftler Christopher Lasch, das die Vision eines technologischen Utopia ohne Alter verfolge, sei von der narzistischen Vorstellung einer „absoluten, sadistischen Macht“ beherrscht. „Die Langlebigkeitsbewegung, die aus krankhaften Ideen entstand und mit abergläubischer Inbrunst an die Rettung durch die Medizin glaubt, ist das typische Beispiel für die Ängste einer Zivilisation, die keine Zukunft mehr für sich sieht.“ (Christopher Lasch, Das Zeitalter des Narzissmus, Hamburg 1995, S. 305). 

„Noch immer wird Afrika wie zu Zeiten der Völkerschauen behandelt“

Beschäftigt man sich mit dem Verhältnis von „Völkerschauen“, Humanexperimenten und neuzeitlichen Konzeptionen von Paradiesen kommt man nicht darum herum, die gegenwärtigen Ausprägungen und Formen postkolonialer Herrschaft zu thematisieren. Man könnte auch argumentieren, dass in Afrika das Doppelgesicht des Westens („Dr. Jeckill und Mister Hyde“) am unverschämtesten und in nahezu unmaskierter Form zum Ausdruck kommt. Sei es in Form der Ausbeutung der einheimischen Arbeitskraft, sei es in Form des Bauernlegens durch agrarische Monokultur und gentechnisch verändertes Saatgut (Monsanto). Längst haben globale Pharmafirmen Afrika als ideales Feld für Humanexperimente wiederentdeckt.

Bekanntermaßen war dies Stoff für den Hollywood-Blockbuster „Der ewige Gärtner“. So bitter es auch sein mag, auch die kolonialen Menschenversuche erfuhren zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine Renaissance, wie die Washington Post im Jahr 2000 berichtete. Demnach unternahm der multinationale Pharmakonzern Pfizer mit 200 Kindern illegale Medikamentenversuche mit dem Antibiotikum Trovan an denen elf Kinder starben und viele weitere bleibende Schäden wie Lähmungen, Hirnschäden oder Erblindung davontrugen.

Von den westlichen Doppelstandards zeugt aber insbesondere die gegenwärtige Hungerkatastophe in Somalia. Armin A. Alexander ist der Meinung, dass die an der Weltöffentlichkeit vorbeilaufenden Hungerkatastrophen in Afrika ursächlich auf die Problematik schlechter medizinischer Versorgung zurückzuführen seien. Afrika habe die höchste HIV-Rate weltweit. Es existiere nach wie vor kein Impfstoff gegen Malaria, da die Afrikaner, bei denen es die meisten Malariafälle gebe, für die Pharmafirmen nicht interessant seien. Afrika werde immer noch so behandelt, wie zu Zeiten der Völkerschauen, als  schönes Urlaubsziel geschätzt, aber immer noch ausgebeutet. Die ehemaligen Kolonialherren scherten sich einen Dreck um die Not vor Ort, die sie ursprünglich mit verursacht hätten. Der Westen habe immer noch nichts gelernt. Wenn das Damoklesschwert der Rache der vom Westen ausgebeuteten Völker wirklich einmal hinuntersause, dann werde es aus Afrika kommen.

Wird also die Dritte Welt den Spieß dereinst umdrehen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet? Gewisse Vorboten, die gegenwärtig im Zusammenhang mit der globalen Machtverschiebung zu erkennen sind, weisen darauf hin.

 



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Peer Zickgraf  28.08.2011blindgif zurück zur Startseite Diesen Artikel lesen Diesen Artikel ausdrucken Möchten Sie den Artikel ''Völkerschauen'' weiterempfehlen?
 
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