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"Aber ich glaube, es ist ein großes Dilemma immer in Extremen zu denken. Das scheint mir überall das Problem zu sein, wenn wir zum Beispiel an Migration denken. Political Correctness sagt immer: Wenn es nicht so ist, dann ist es das Gegenteil, wir müssen einfach flexibler und auch menschlicher werden. Lassen wir diese heiligen Kühe, was falsch und richtig ist, doch einfach beiseite und schauen wir einfach, was am besten funktioniert." - Fotos: © www.royston-maldoom.org
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Teil 1 des Gesprächs 
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Wir sprechen für uns selbst

Der Choreograph Royston Maldoom im Gespräch - Teil 2

Von Farah Lenser

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oyston Maldoom arbeitet mit zeitgenössischem Tanz, mit Ausdruckstanz und mit klassischer Musik. Manche würden vielleicht erwarten, dass man Jugendliche mit einer anderen Art von Musik und Tanz eher erreichen könnte. Birgt diese Art und Weise sich zu bewegen und auszudrücken ein besonderes Potential? – Der zweite Teil des Gesprächs.

FL: Wir haben jetzt hier in Europa die Herausforderung die UN Deklaration umzusetzen. Alle Kinder, auch solche mit körperlichen- oder Lernbehinderungen sollen in einer Schule unterrichtet werden. Darüber gibt es in Deutschland gerade eine Diskussion, denn es ist klar, dass in einem Schulsystem, in dem Schülerinnen und Schüler meist still hinter einem Pult sitzen sollen, während ein Lehrer ihre mentalen und kognitiven Fähigkeiten anspricht, eine Inklusion aller kaum gelingen kann. Reformpädagogen sehen die Umsetzung der UN Deklaration nur in einer radikalen Veränderung von Schule.

RM: Die Antwort liegt wahrscheinlich in einer Verbesserung des Unterrichtssystem und ich betone noch einmal: Wir müssen auch nach verschiedenen Lehrmethoden Ausschau halten. Es kann nicht sein, dass der Lehrer vor seinen Schülern sitzt und versucht, ihnen mit Worten etwas zu vermitteln. In Schottland und an einigen Schulen in England gibt ein Modellversuch, wo jeweils ein Lehrer mit einem Künstler zusammenarbeitet. Der Künstler hört sich zusammen mit den Schülern die Unterrichtsstunde an, dann geht der Lehrer mit allen zusammen in die Aula oder in ein Studio und dort setzt der Künstler mit den Schülern zusammen das Thema um – in Tanz oder Schauspiel.

In Bornheim wurde mir kürzlich ein Pädagogikpreis übergeben, der alle zwei Jahre verliehen wird. Dort können sich zum Beispiel Lehrer entscheiden, ob sie Deutsche Literatur konventionell unterrichten oder innovative Wege suchen, wie zum Beispiel durch Schauspiel oder auch durch Tanz. Das heißt ja nicht, dass nicht mehr gesprochen wird. Doch Lernen durch Tun ist die beste Art zu lernen.

Ich selbst mochte es auch nicht für 40 Minuten auf einem Stuhl zu sitzen und nur zuzuhören. Fächer wie Englisch, wo wir zusammen Stücke wie zum Beispiel von Shakespeare aufführten oder auch Französisch, wo wir alle französische Namen bekamen und Alltagssituationen nachspielten, begeisterten mich. Solche Elemente kann man in jedes beliebige Unterrichtsfach einbauen.

FL: Das ist genau das, was einige Reformpädagogen sagen: Wir können nur dann alle Kinder – auch solche mit körperlichen, geistigen oder sozialen Besonderheiten inkludieren, wenn wir an der Schule Elemente wie Theater, Tanz und Spiel miteinbeziehen.

Ich nehme alle, die kommen!

RM: Es braucht natürlich auch besondere Pädagogen, die sich speziell um solche Kinder kümmern, die ihr eigenes Zeitgefühl und ihren eigenen Lernrhythmus haben. Das mag vielleicht Geld kosten, aber es ist notwendig. Aber sicher können wir alle Kinder in einen gemeinsamen Lernprozess miteinbeziehen. Ich entscheide zum Beispiel nie, wer an meinen Tanzprojekten teilnimmt, ich nehme alle, die kommen. Ich habe schon mit Kindern mit Down Syndrom gearbeitet, sogar mit Kindern, die taub oder stumm waren oder im Rollstuhl saßen, ich kann immer mit Tanz arbeiten. Ich sage nicht, dass es einfach wäre, aber wenn man sich anschaut, wie das in künstlerischen Ansätzen funktioniert, dann findet man vielleicht Wege, Kinder mit unterschiedlichen Lernmöglichkeiten und auch verschiedene Altersstufen zu integrieren. Aber ich verstehe natürlich das Problem, manche Kinder brauchen einfach eine besondere Aufmerksamkeit und auf der anderen Seite will man sie auch nicht isolieren.

Aber ich glaube, es ist ein großes Dilemma immer in Extremen zu denken. Das scheint mir überall das Problem zu sein, wenn wir zum Beispiel an Migration denken. Political Correctness sagt immer: Wenn es nicht so ist, dann ist es das Gegenteil, wir müssen einfach flexibler und auch menschlicher werden. Lassen wir diese heiligen Kühe, was falsch und richtig ist, doch einfach beiseite und schauen wir einfach, was am besten funktioniert.

Es ist ein Problem in dieser Welt ein Kind zu sein!

FL: Vielleicht sollten wir uns auch nicht zu sehr auf die Probleme konzentrieren!

RM: Man darf Probleme nicht ausklammern, aber man sollte sie als Herausforderungen angehen. Ich sage immer wieder: Es gibt keine Problemkinder, es gibt nur Kinder, die Probleme haben, alle Kinder haben Probleme. Es ist ein Problem in dieser Welt ein Kind zu sein! Auch diese Kategorisierung, die Menschen in eine Schublade steckt, oft gegen ihren eigenen Willen, weil sie nicht viel Gemeinsamkeiten haben. Ich erinnere mich in Schottland gab es „Rollstuhltanzen“, jeder Mensch, der in einem Rollstuhl saß, sollte da mitmachen. Einer der Teilnehmer sagte dann schließlich zu mir: „Das macht mich eigentlich verrückt.

Ich habe zwar nichts gegen Leute mit Lernbehinderungen, aber ich habe solche Probleme nicht. Wenn man mich immer mit ihnen zusammenstecken will, nur weil ich einem Rollstuhl sitze, dann empfinde ich das als eine Zumutung. Es ist wunderbar mit diesen Menschen zu arbeiten, aber ich würde auch gerne einmal mit Leuten zusammen sein, mit denen ich auch eine intellektuelle Konversation pflegen kann.“ Wir begeben uns in große Schwierigkeiten, wenn wir sagen, Muslime sind so und wieder eine andere Gruppe ist so, um dann allgemeine Handlungsrichtlinien zu entwickeln.

FL: Sie arbeiten mit zeitgenössischem Tanz, mit Ausdruckstanz und mit klassischer Musik. Manche würden vielleicht erwarten, dass man Jugendliche mit einer anderen Art von Musik und Tanz eher erreichen könnte. Sehen Sie in dieser - sagen wir einmal „abstrakten“ Art und Weise sich zu bewegen und auszudrücken ein besonderes Potential?

RM: Mir gefällt es, Jugendliche herauszufordern, indem ich eine Musik und Tanzrichtung wähle, die ihnen erst einmal nicht vertraut ist. Und ich möchte sie auch mit ungewohnten Themen anregen, ein Risiko einzugehen. Das ist sehr wichtig. Sie gehen so durch einen Prozess, an dessen Anfang sie sagen: „Was soll das? Das kann ich nicht!“ und am Ende erkennen sie: „Ich kann das ja doch, ich verstehe auch die Musik, mir gefällt der Tanz und ich bin stolz, dass ich mich mit einem universellen Thema wie Integration, Konfliktlösung oder bedeutenden Allgemeinthemen auseinandersetzen kann. Dann ist bereits etwas entscheidendes mit ihnen passiert: Sie haben nämlich erkannt, dass sie ein Risiko eingehen können und dass sie nicht in einem Jugendghetto gefangen sind. Sie können natürlich ihre eigene Kultur und ihre eigene Musik wie Hip Hop und Rap oder Pop Songs weiter mögen – da gibt es überhaupt keinen Grund, warum sie damit aufhören müssten, aber jetzt wissen sie: „Wenn sich nur einer die Mühe macht, mir klassische Musik oder Ausdruckstanz nahe zu bringen, dann habe ich damit auch kein Problem. Das ist wichtig!

Am Ende entdecken sie sich selbst

Das andere ist, ich muss als Künstler mit meiner ganzen Leidenschaft dabei sein, die Musik und die Bewegungen müssen mich selbst ansprechen, denn nur diese eigene Begeisterung kommt bei den Schülern an. Ein weiterer Aspekt ist, dass ich nicht möchte, dass die Schüler mit dem ganzen Packen an Beurteilungen von Lehren, Eltern, Sozialarbeitern oder dem Justizsystem bei mir ankommen wie „ich bin ein Idiot, ich bin ein Migrant, ich bin behindert, ich bin schlecht, ich kann überhaupt nichts“. Denn wir formen unser Selbstbild aus dem, wie andere uns sehen und das zu durchbrechen, ist schwer. Und ich hoffe, dass sie das durch eine Art von Tanz lernen, die ihnen bisher ganz fremd war und sie sich neu ausprobieren: „Na gut, ich probier 'mal aus, was ich kann und finde heraus, wer ich bin.“

Aus dem gleichen Grund spreche ich auch niemals direkt ihre Probleme an, denn ich will ja, dass sie einen neuen Blick darauf werfen. Ich komme gerade aus Nordirland, wo ich mein Stück „Exil“ mit Jugendlichen aufgeführt habe. Es geht dabei um Migration und ich spreche mit den Jugendlichen zum Beispiel über den Langen Marsch der Juden nach dem zweiten Weltkrieg oder über die Situation der Flüchtlinge in Darfur und anderswo. Irgendwann kommen die Jugendlichen dann von selbst auf die Situation der Iren zu sprechen, die sich zu tausenden gezwungen sahen nach Amerika auszuwandern. So sprachen wir auch darüber und ich sagte: „Das war eine große Tragödie für die Leute, die auswandern mussten. Doch Migration hat nicht nur negative Auswirkungen, wenn wir bedenken, was Iren und Schotten in Kanada, in Amerika oder auch in Australien an Innovationen entwickelt und geleistet haben“.

In diesen Projekten arbeiten natürlich Protestanten und Katholiken zusammen, schon dadurch ergibt sich eine neue Verständigung, aber auch das Thema selbst, bei dem es um Exklusion geht, bringt neue Aspekte und Sichtweisen. Ich kann an die Jugendlichen als Weltbürger appellieren und ihnen sagen: „Da gibt es Leute in der Welt, Jugendliche wie ihr, die sind in einer schrecklichen Situation und sie haben keine Stimme. Lasst uns diese Gelegenheit nutzen, für sie in diesem Tanzprojekt zu sprechen. Denn sonst tut es niemand!“ Und was sie dann am Ende entdecken, ist: Wir sprechen für uns selbst.

Unbedingt empfehlenswert:

Tanz um dein Leben

Rhythm is it!

Der erste Teil des Gesprächs

 



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Farah Lenser  11.12.2010blindgif zurück zur Startseite Diesen Artikel lesen Diesen Artikel ausdrucken Möchten Sie den Artikel ''Wir sprechen für uns selbst'' weiterempfehlen?
 
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