Lukas Podolski hat den Ruf als Schönwetterspieler, den er bei mir genießt, wieder mal bestätigt. Er ist in den sperrigen Spielen gegen Serbien und Ghana jeweils auch untergetaucht. Er tauchte nur auf, um im Serbien-Spiel den Elfmeter zu verschießen.
Einseitig: Rullit, man muss kein großer Fußballexperte sein, um gegen Spanien eine Taktik des Abwartens für kontraproduktiv zu halten. Dennoch schien die gesamte deutsche Mannschaft gestern genau diese Defensivschiene zu fahren. War das Absicht?
Rullit: Ich dachte zunächst, die dritte Halbzeit des EM-Finales von 2008 sei angepfiffen worden. Mit dem Anpfiff sackten die Herzen bei den deutschen Spielern kollektiv in die Hosen, und es war nichts mehr von all dem zu sehen, was in den Spielen zuvor so begeistert hatte. Deutschland schien in Ehrfurcht von den großen Vorbildern zu erstarren. Mir schwante schon bei der ersten Aktion des Spiels Übles: Die deutschen Spieler haben Anstoß – und spielen den Ball zurück zu Manuel Neuer. Das war in keinem einzigen Spiel zuvor geschehen. Und es zeigte, dass das Spiel eigentlich schon von dieser ersten Minute an verloren war, weil bei den deutschen Spielern die wahre Hoffnung fehlte, es gewinnen zu können.
Einseitig: Was wäre denn nötig gewesen, um die Spanier in Verlegenheit zu bringen?
Rullit: Die Spanier haben erstaunlicherweise denselben Stiefel wie in den bisherigen WM-Begegnungen gespielt, also kontrollierter Ballbesitz, aber keinen Rote-Furien-Angriffswirbel entfacht. Die Deutschen hätten da aggressiver zu Werke gehen müssen, wie es Paraguay im Viertelfinale so gut vorgemacht hatte. Spanien ist keine Übermannschaft, und um eine Siegeschance zu haben, muss man mit Aggression in dieses Aufeinandertreffen gehen. Und von den wenigen Chancen, die sich dann bieten, muss man eine verwerten. Wobei es nach diesem Spielverlauf schmeichelhaft gewesen wäre, hätte Toni Kroos in der 70. Minute mit der einzigen echten deutschen Chance ins Tor getroffen. Das hätte das Spiel komplett auf den Kopf gestellt.
Einseitig: Der spanische Trainer Vicente del Bosque hat bereits mit der Aufstellung ein Zeichen gesetzt: Er ließ den formschwachen Stürmer Fernando Torres auf der Bank. War das Motto nun: Wir schleppen hier keinen mehr mit, wir machen jetzt ernst?
Rullit: Der für Torres gekommene Pedro hat die Ehrfurcht der Deutschen scheinbar noch verstärkt. Der Europameister hat die sich ihm bietenden Räume sofort genutzt, und dabei hat Pedro schon in der 6. Minute den ersten Sargnagelpass auf David Villa gespielt, dessen Schuss Manuel Neuer parierte. Da fingen das Schlottern und Zittern erst richtig an.
Einseitig: Dennoch haben die Spanier trotz ihrer Überlegenheit im weiteren Verlauf der 1. Hälfte keine weiteren nennenswerten Chancen mehr erspielen können.
Rullit: Die deutsche Abwehr war auch in diesem Spiel wieder sehr gut. So war es nur folgerichtig, dass das Führungstor nicht aus einem brillant heraus gespielten Angriff, sondern nach einem schnöden Eckball gefallen ist. Aber das Mittelfeld der Spanier war einfach viel zu stark für unsere Spieler – es war unglaublich, wie ballsicher die Iberer gespielt haben. Dadurch haben sie auch ihre eigene Defensive entlasten können. Eine ganz starke Leistung, die beste spanische im Turnierverlauf.
Einseitig: Die Spanier attackierten unsere Spieler wesentlich früher als umgekehrt.
Rullit: Das erste Foul auf deutscher Seite wurde von Jerome Boateng in der 30. Minute begangen – das spricht Bände für die mentale Verfassung des Teams. Einerseits diese Ehrfurcht, andererseits vielleicht auch der Trugschluss, man könne auch die Spanier mit schönem, körperlosem Spiel 4:0 nach Hause schicken wie die Argentinier. Als die Spieler dann schnell merkten, dass man mit der in den vorherigen Spielen angewandten Taktik, den Gegner durch ein frühes Tor zu beeindrucken, so nicht durchkam, weil der Europameister schlichtweg zu stark war, fehlte jegliches Aufbäumen. Aber gerade dieser Mumm ist es doch gewesen, der auch bei früheren Weltmeisterschaften oft die entscheidende Schippe war, die man drauflegte. Das fehlte hier total, weil sich die Elf selbst hat einschüchtern lassen.
Einseitig: Über 90 Minuten hat man nie den Eindruck gewinnen können, dass die Deutschen vom Trapp in den Galopp wechseln würden. Fehlte da ein Spieler, der das Heft in die Hand nimmt?
Rullit: Es fehlte einfach an den Mitteln. Die Spanier haben durch ihr dominantes Mittelfeld einfach jegliche potentielle Initiative erstickt. Vorstöße wie von Sami Khedira im Viertelfinale gegen Argentinien, die Überzahl im Mittelfeld entstehen ließen, wurden durch das Forechecking und Pressing der Spanier unmöglich. Vielleicht wäre ein so erfahrener Spieler wie Michael Ballack nicht ganz so ehrfurchtsvoll gewesen und hätte Mitspieler wie Khedira und Boateng von ihrem übertriebenen Respekt befreien können. Er hätte für die Entlastung der Defensive sorgen und gleichzeitig das Spiel nach vorne ankurbeln können.
Einseitig: Aber Ballack war vor zwei Jahren auch in Wien dabei, wo man ebenfalls nie den Eindruck hatte, die Deutschen könnten den Spaniern das Spiel entwinden.
Rullit: Das heißt jetzt aber, Äpfel mit Birnen vergleichen. Ballack zusammen mit dieser neuen Mannschaft, die während des Turniers bereits wesentlich überzeugender gespielt hat als das Team bei der EM 2008, hätte schon einen Unterschied gemacht.
Einseitig: Nach dem Spiel lamentierten viele Spieler und Fans auch, dass mit dem gelbgesperrten Thomas Müller auf dem Platz die Niederlage vermeidbar gewesen wäre.
Rullit: Müller hätte die Unbekümmertheit in das deutsche Spiel mitgebracht, an der es fehlte. Als Bindeglied zwischen Mittelfeld und Angriff hätte er den Spaniern mehr Probleme machen können. Ich wage auch mal die These, dass Müller in seiner Verfassung die Chance von Kroos verwandelt hätte. Aber das Spiel ist an einer anderen Stelle verloren worden: Zwischen Abwehr und Mittelfeld.
Einseitig: Dass der erhoffte deutsche Angriffswirbel nach der Pausenpredigt schnell versandete, wurde klar, als Joachim Löw recht früh auswechselte: Marcel Jansen kam für Jerome Boateng, und Toni Kroos ersetzte Piotr Trochowski. Waren die Wechsel sinnvoll?
Rullit: Trochowski hatte eine schöne Szene mit seinem Weitschuss in der 32. Minute, aber die Auswechselungen waren beide richtig. Vielleicht wäre es sogar gut gewesen, Kroos und Jansen in die Startaufstellung zu berufen. Kroos hätte Schweinsteiger und Khedira besser entlasten können als Trochowski, der vorne zu harmlos war und die rechte Seite der spanischen Abwehr zu wenig beschäftigt hat. Übrigens gilt das auch für die linke Seite: Lukas Podolski hat den Ruf als Schönwetterspieler, den er bei mir genießt, wieder mal bestätigt. Er ist in den sperrigen Spielen gegen Serbien und Ghana jeweils auch untergetaucht. Er tauchte nur auf, um im Serbien-Spiel den Elfmeter zu verschießen.
Einseitig: Fällt es Dir bei einer so verdienten Niederlage leichter, Dich nicht zu ärgern?
Rullit: Das muss man sportlich sein – der Gegner war so eindeutig besser und überlegen, dass es da nichts zum Ärgern gab. Die Spanier haben ihre beste Turnierleistung gezeigt. Mich hat viel mehr verwundert, warum die Deutschen auf einmal so schwach gespielt haben. Hinzu kam, dass ich das Spiel in einer großen Gesellschaft mit Kindern gesehen habe. Das machte einen Unterschied, statt es in einer verbissenen, reinen Männergesellschaft zu schauen. Die Kinder haben mir schon während der sich abzeichnenden Niederlage gezeigt, dass es noch was Anderes im Leben gibt als Fußball.
Einseitig: Philip Lahm hat nach der Niederlage in seiner ersten Enttäuschung gesagt, er habe keine Lust mehr auf das Spiel um den 3. Platz. Er wird nicht der Einzige sein, der jetzt lieber Urlaub machen würde, als noch tagelang auf das Spiel um die Goldene Ananas zu warten. Sollte das Spiel um den 3. Platz nicht abgeschafft werden?
Rullit: Ich kann die Spielerreaktion verstehen, aber ich finde, dieses Spiel ist als eine Auszeichnung für die beiden Teams zu verstehen, die es zwar nicht ins Finale geschafft haben, aber zu den vier Besten der Welt gehören. Es ist eine Möglichkeit, noch mal erhobenen Hauptes den Platz zu betreten, statt einfach nach Hause geschickt zu werden wie nach einer schnöden Achtelfinalniederlage. Ich halte nichts davon, auf diese Ehrenrunde zu verzichten.
Einseitig: Im Finale treffen nun also die Niederlande und Spanien aufeinander. Wer wird den Titel holen?
Rullit: Die Schweizer haben es am 1. Spieltag der Vorrunde geschafft, gegen Spanien zu gewinnen, aber das war ein unverdienter Sieg mit wahnsinnig viel Glück und fehlender Präzision im spanischen Abschluss. Ich bin daher weiter sehr gespannt auf den Tag, an dem eine Mannschaft kommt, welche die Spanier richtig – also verdient – wird schlagen können. Dieses Team gibt es momentan nicht, auch nicht die Niederländer. Diese können nur auf ihre bisher erfolgreiche Kombination aus Aggressivität und Glück hoffen. Was mir sehr an der Endspielkonstellation gefällt, ist der Umstand, dass hier zwei Mannschaften stehen, die noch nie den Titel gewinnen konnten – es wird also eine Premiere geben, was dem Fußball gut tun wird.
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