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Die Niederländer werden den Urus gehörig auf die Schlappen treten, so dass wir wie 2006 ein Südamerika-freies Endspiel erleben werden.
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Ein Rullit hat 90 Sekunden - Folgen 21 und 22

Histoooorisch!

Von Ralf Augsburg

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olge 21 vom 3.7.2010

Einseitig: Rullit, Du hattest Dich festgelegt: Brasilien wird Weltmeister. „Wer soll diese Mannschaft denn schlagen?“, fragtest Du nach dem überzeugenden Achtelfinal-Sieg gegen Chile. Nun haben die Niederländer die Antwort auf Deine Frage gegeben, Brasiliens Mannschaft traf mit Polizeischutz in der Heimat ein – und ich frage Dich: Was ist da gestern Nachmittag passiert?

Rullit: Ich kann es mir selbst immer noch nicht erklären. Mir ist es ein Rätsel, weshalb diese Elf nach dem Rückstand in der 68. Minute dermaßen in Panik geriet und die Brechstange rausholte, statt eine spielerische Lösung zu suchen.
Dabei lief zunächst alles nach Plan für Brasilien: Sie haben eine exzellente erste Halbzeit gespielt, ihre bisher beste Leistung bei dieser Weltmeisterschaft gezeigt. Das 1:0 ließ die Niederländer in Ehrfurcht erstarren, und fast hätte Kaka nach feiner Vorarbeit von Robinho, der die ganze linke Abwehrseite ausgehebelt hatte, das 2:0 nachgelegt, scheiterte aber am niederländischen Torwart. Am Ende der ersten Halbzeit hatte niemand das Gefühl, dass die völlig wirkungslosen Europäer den Südamerikanern den Sieg noch würden streitig machen können.
Das Einzige, was im Nachhinein betrachtet auf die dann in der zweiten Halbzeit aufkommenden brasilianischen Schwierigkeiten hindeutete, war die Anspannung, unter denen die Brasilianer zu stehen schienen. Anders als in den Spielen zuvor setzten ihnen die harte körperliche Gangart, die Nickligkeiten der Holländer offenbar sehr zu: Ständig diskutierten sie mit dem Schiedsrichter, lamentierten auch über Szenen, bei denen es nichts zu deuten gab. Das kannte ich bei ihnen nicht und habe mich ein bisschen gewundert.
In der zweiten Halbzeit schlug diese Anspannung dann in Aggressivität der schlechten Art um, gipfelnd in dem fiesen Nachtreten von Felipe Melo gegen Robben. In Brasilien kommen solche Unsportlichkeiten sicherlich überhaupt nicht gut an, selbst wenn sie durch die Holländer teilweise provoziert worden sind. Melo ist dann ja bei der Rückkehr der Mannschaft nach Rio de Janeiro tatsächlich zum Hauptsündenbock gestempelt worden und konnte sich nur mit Leibwächtern fortbewegen.

Einseitig: Warum kippte das Spiel nach einer Stunde zu Gunsten der Niederländer?

Rullit: Da war einfach auch Glück im Spiel. Das 1:0 war zum Beispiel eigentlich ein Eigentor von Felipe Melo. Hätte er sich in dieser Situation vom eigenen Torwart ferngehalten, wäre der Ball wohl nicht im Tor gelandet. Aber man muss den Niederländern auch zugute halten, dass sie nie aufgegeben und sich nie aus der Ruhe haben bringen lassen. Sie haben sich wieder in die Partie hereingekämpft. Das war kein schönes Spiel, erinnerte eher an das Skandalspiel gegen Portugal bei der WM 2006, aber es war effektiv. Sie haben den Brasilianern den Schneid abgekauft.

Einseitig: Aber wie kann es Profis und Ballkünstlern dieses unbestrittenen Kalibers passieren, dass sie ein Rückstand dermaßen aus der Bahn haut?

Rullit: Brasilien scheint keinen Plan B gehabt zu haben. Nach der souveränen Qualifikation und dem bisherigen Turnierverlauf haben sie eine ernsthafte Gefährdung auf ihrem Weg zum Titel nicht einkalkuliert und wurden nun vollkommen kalt erwischt. Es fehlte in dieser Situation ein Spieler, der die Mannschaft ordnen und die Ärmel hochkrempeln konnte. Kaka war schon während des ganzen Turniers nur mäßig präsent gewesen und fand auch hier nur losen Kontakt zum Match. Aber ganz egal, was man sich hier nun zu erklären versucht – was genau da in der zweiten Halbzeit passiert ist, muss einem ein Rätsel bleiben.

Einseitig: Es hört sich jedenfalls fast so an, als hätten sich die Brasilianer eher selbst geschlagen, als dass die Niederländer sie besiegt haben.

Rullit: Letztlich schon, denn sie sind ein so phantastisches Team mit den weltbesten Spielern, dass sie wirklich nur an sich selber scheitern können. Auf jeden Fall waren die Niederländer nicht so stark, als dass die Niederlage unvermeidlich gewesen wäre. Unsere Nachbarn haben wie die deutsche Mannschaft in den achtziger Jahren gespielt: Unbedingter Siegeswille, großer Kampf und zwei Tore, die dann irgendwie fallen, weil sich die gegnerische Abwehr zweimal sehr dämlich anstellt. Und es war ganz gewiss nicht besonders beeindruckend, wie die Holländer ihre Konterchancen gegen Ende des Spiels fahrlässig ausgelassen haben. Statt den Sack zuzumachen und eventuell für ein historisches Ergebnis zu sorgen, haben sie beim Vergeben dieser exzellenten Chancen richtiggehend versagt.

Einseitig: Die Niederländer treffen nun im Halbfinale auf Ghana. Oder doch nicht? Was geschah da am Abend in Johannesburg?

Rullit: Ich denke, es hat jeden betroffen gemacht, wie dieses Spiel gelaufen ist und welchen zynischen Ausgang es dann genommen hat. Ghana hat sich wirklich im Turnierverlauf permanent gesteigert, was nun in der tollen Leistung gegen Uruguay gipfelte. Sie haben viele Chancen herausgespielt. Am Ende wusste sich Uruguay nicht anders zu helfen, als in der 119. Minute Volleyball auf der Torlinie zu spielen, so flogen denen die Bälle um die Ohren. Schade, dass eine so grobe Unsportlichkeit einen so großen Einfluss auf den Spielausgang nehmen konnte. Ghana hätte den Halbfinaleinzug absolut verdient gehabt. Die letzten im Turnier verbliebenen Südamerikaner sind jetzt auf jeden Fall die Bösewichter im Halbfinal-Quartett. Und es passt nur zu gut, dass sie sich da mit den in ihren Mitteln auch nicht gerade wählerischen Niederländern messen dürfen.

Einseitig: Wenn Du von einer „groben Unsportlichkeit“ sprichst, ist dann die Strafe von einem Spiel Sperre für Handballer Luis Suarez nicht zu milde? Ghana könnte jetzt am Bildschirm miterleben, wie ein lachender Suarez im Finale wieder auf dem Feld steht…

Rullit: Nein, für ein Handspiel mehr als ein Spiel Sperre zu verhängen, wäre eine zu harte Strafe. Fouls, bei denen man mit Absicht den Gegenspieler verletzen will, stehen da für mich noch eine ganze Stufe drüber und gehören entsprechend bestraft.

Einseitig: Das Spiel gab dem Namen „Verlängerung“ nach der Schlafpille im Achtelfinale zwischen Japan und Paraguay wieder seinen guten Klang zurück. Hier haben wirklich zwei Mannschaften 120 Minuten bis zum Umfallen mit offenem Visier um den Sieg gerungen.

Rullit: Uruguay hat sich am Ende ins Elfmeterschießen gerettet. Die Spieler haben da wohl auch ein bisschen – und zu Recht – auf die Rettung durch ihren als Elfmetertöter bekannten Torhüter Fernando Muslera von Lazio Rom spekuliert. Allerdings hatte der dann auch keine übermenschlichen Taten zu vollbringen, um die zwei Kullerbällchen von John Mensah und Dominic Adiyiah zu parieren. Anscheinend hatte Ghana keine Elfmeter geübt, oder Trainer Milovan Rajevac hatte vergessen zu erwähnen, dass ein vernünftiger Anlauf beim Strafstoß durchaus hilfreich sein kann.
Es war immerhin erstaunlich, wie souverän Asamoah Gyan seinen Strafstoß im Elfmeterschießen verwandelt hat, nachdem er Minuten zuvor so tragisch an der Latte gescheitert war. Aber er blieb die Ausnahme, insgesamt flatterten bei den Afrikanern sichtbar gehörig die Nerven.

Einseitig: Das erste Halbfinale lautet nun also – ob es uns passt oder nicht – Niederlande gegen Uruguay. Wer kommt hier ins Finale?

Rullit: Die Niederländer werden den Urus gehörig auf die Schlappen treten, so dass wir wie 2006 ein Südamerika-freies Endspiel erleben werden. Ohne Suarez wird es Uruguay schwer fallen, für Gefahr zu sorgen. Diego Forlan alleine im Sturm ist da ein bisschen zu wenig. Er konnte oft ja nur dann glänzen, wenn er eben durch Suarez zuvor in Szene gesetzt worden war. Unser Handballer hat seiner Mannschaft also einen Riesendienst und gleichzeitig einen Bärendienst erwiesen.


Folge 22 vom 4.7.2010

Einseitig: Rullit, es ist ja verbürgt, dass Du zu den Skeptikern gehört hast, die für Deutschland im Viertelfinale die Endstation kommen sahen. Aber selbst kühnste Optimisten dürften nicht mit diesem Ergebnis gegen Argentinien gerechnet haben. Wieso sind die Südamerikaner so eingebrochen?

Rullit: Sie haben zu schwer an ihrer Favoritenbürde getragen. Die Mannschaft kam schon gehemmt auf den Platz. Wir Zuschauer haben doch damit gerechnet, dass die Argentinier sofort das Heft in die Hand nehmen und auf das 1:0 drängen würden. Doch dazu kam es ja gar nicht. Stattdessen beherrschte von Beginn an die deutsche Mannschaft diesen Gegner, schenkte mit dem Freistoß sofort die Führung ein und legte dann die Riesenchance durch Miroslav Klose nach. Da ahnte man bereits, dass es an dem Tag nichts würde mit Argentinien.
Das sah wohl auch Diego Maradona so, der direkt nach dem Rückstand schon keinen Hals mehr hatte und den Rest der Spielzeit als beleidigte Leberwurst am Spielfeldrand verbracht hat. Was sie in den vorherigen Runden noch durch brillante Einzelleistungen kaschieren konnten, trat jetzt gegen die hervorragend eingestellte deutsche Mannschaft offen zu Tage: Dem Team fehlte jegliches taktisches Konzept für diese Spielsituation. Sie besaßen nicht viel mehr als das Vertrauen auf die großartigen Einzelkönner, die es im Zweifelsfall schon richten würden.

Einseitig: Maradona hatte angekündigt, dass ein Spieler wie Lionel Messi 20 Sekunden braucht, um ein Spiel zu entscheiden, und mindestens diesen einen Geniestreich werde keine Mannschaft verhindern können. Wie haben die Deutschen ihn widerlegt?

Rullit: Es war einfach unser Team, das da gespielt und den gesamten Platz beansprucht hat. Für Argentinien gab es gar keine Räume zur Entfaltung. Folglich fehlte auch Messi der Platz zu zaubern. In der Champions League hatte er unter anderem gegen Stuttgart und Arsenal seine Sternstunden gefeiert, weil diese Gegner ihn haben gewähren lassen. Dies war hier von der ersten Minute an anders, und er hat überhaupt nicht ins Spiel gefunden. Seine Schüsse auf die Tribüne waren dann der kongeniale Ausdruck seiner völligen Hilflosigkeit, aber auch der seiner Mannschaft insgesamt. Das Team ist körperlos ausgespielt worden und hat sich in sein Schicksal gefügt.

Einseitig: Ein bisschen Wasser möchte ich in den Wein gießen. Die Leistung der deutschen Mannschaft ist zu Recht gelobt worden. Aber haben sie es den Argentiniern von der 20. bis zur 50. Minute nicht ein bisschen leicht gemacht, das Spiel in die Hand zu bekommen? Es wurde auf einmal getändelt, getrippelt, wenig gelaufen und viele Bälle wurden dem Gegner fast schon wie sauer Bier angeboten. Sollte man diese Behäbigkeitsphasen nicht zu vermeiden suchen, die bei treffsicheren Mannschaften schnell nach hinten losgehen können?

Rullit: Ich sehe das nicht so dramatisch. Diese Rhythmus- und Tempowechsel gehören dazu, und selbst in dieser nur gefühlt langen Phase hat die deutsche Mannschaft immer wieder selbst für Gefahr sorgen können. Und was hatten die Argentinier denn zu diesem Zeitpunkt bis auf ein Schüsschen von Gonzalo Higuain, das Manuel Neuer sicher gefangen hat, zu bieten? Mir war da keinen Moment lang bange, selbst die Engländer waren im Achtelfinale noch gefährlicher gewesen.
Und alles, was dann ab der 50. Minute kam, war ja fast schon unheimlich, so phänomenal wie unser Team gespielt hat. Man saß vor dem Bildschirm und bat darum, dass einen die Mitseher mal in den Arm kneifen - wach ich oder träum ich? Die Deutschen haben alles gezeigt, was andere Teams im Turnier schuldig geblieben sind: Aktionen wurden konsequent zu Ende gespielt, und zwar so konsequent, dass die Spieler den Ball fast ins Tor getragen haben.

Einseitig: 2006 waren die Argentinier schlechte Verlierer. Hatten sie nach dieser Demütigung ihre Nerven diesmal besser im Griff?

Rullit: Maradona hat fair gratuliert und allen die Hände geschüttelt. Und sein Team löste sich in nichts auf. Allerdings habe ich im allgemeinen, schon sehr bierseligen Jubel dem Geschehen nach Spielschluss nicht mehr viel Beachtung schenken können.

Einseitig: Hast Du für dieses Spiel wieder zum Grillen nach Hause eingeladen?

Rullit: Nein, diesmal waren die Begleitumstände völlig andere und geradezu dramatisch. Im Rahmen eines Junggesellenabschiedes wollten wir, eine Gruppe von 15 Leuten, am Rhein auf der Anlage eines Camping-Platzes das Spiel anschauen. Dazu sind wir mit dem Schiff über den Fluss von Bonn nach Bad Honnef übergesetzt. Als wir gerade auf dem Wasser waren, tobte ein unglaublicher Sturm, ein kerniges Unwetter.
Als wir anlandeten, hatte sich das Wetter bereits wieder beruhigt, aber schon die Promenade lag voller Äste und Zweige. Am Camping-Platz angekommen, interessierte uns nur eins: Wo standen Leinwand und Beamer? Auf unsere Frage schrie aber nur einer: "Hier gibt´s keinen Fußball!" Erst in diesem Moment weitete sich unser Tunnelblick, und wir nahmen wahr, dass ein riesiger Ast auf das Clubhaus gekracht war, Ziegel verstreut lagen und ein Biergartentisch unter einem weiteren Ast zusammen gebrochen war.
Ein echter Schock! Wo sollten wir jetzt hin? Wir sind dann in das Zentrum von Bad Honnef gelaufen und haben uns als Gruppe aufgelöst. Einige wollten das Spiel in einer seltsamen Bar ansehen, andere beim Griechen, und mich hat es mit einigen Leuten zum Roten Kreuz verschlagen, die uns an die nebenan liegende Halle vom Technischen Hilfswerk verwiesen, in der eine Leinwand aufgebaut war. Dort wurde das Glas Kölsch zu 50 Cent kredenzt. Anlass genug, die verstreute Herde wieder zusammen zu rufen und dort für einen reibungslosen Bier-Absatz zu sorgen. Der wurde von den Männern des THW auch zertifiziert: "Ihr könnt aber viel trinken!"

Einseitig: Vor dem Turnier sahen Medien und Öffentlichkeit die Chancen des deutschen Teams minimiert, weil Joachim Löw sich weigerte, den formstarken Kevin Kuranyi mitzunehmen, und weil Michael Ballack verletzungsbedingt ausfiel. Ist beides im Nachhinein betrachtet ein Segen?

Rullit: Ich bin inzwischen wirklich sehr froh, dass die Beiden nicht dabei sind. Was da als Team entstanden ist, kann ja nicht verbessert werden. Ein Ballack auf der Bank wäre ein schönes Pfand, aber momentan würde mir niemand einfallen, der zu seinen Gunsten aus der Startelf verbannt gehört. Sollte die Mannschaft nun den Titel gewinnen, wäre Ballack der große Verlierer und endgültig ein tragischer Nationalheld. Es wäre auch ein deutliches Signal für eine Wachablösung. Als Kapitän sollte für ihn bei der Europameisterschaft 2012 kein Platz mehr sein.

Einseitig: Zu Beginn des Turniers hattest Du Arne Friedrich eine große WM vorausgesagt - eine damals ungewöhnliche Wahl, die sich vollauf bestätigt hat.

Rullit: Am Anfang war Deutschland in den Medien und in der Öffentlichkeit explizit wegen Arne Friedrich kein Favorit. Alle stöhnten: Was soll das bloß mit dieser Verteidigung werden? Jetzt schreiben auf einmal alle, dass Friedrich eigentlich bei Real Madrid spielen sollte. Davon halte ich nun wiederum wenig. Es ist gut, dass er in der Bundesliga bleibt.
Friedrich hatte bisher in der Nationalmannschaft das Problem, auf einer Position spielen zu müssen, die nicht die seine war, weil es für seine Position - wie sich jetzt herausstellt - vermeintlich stärkere Spieler gab. Er hat nun endlich die Verantwortung übertragen bekommen, die seiner Erfahrung angemessen ist. Und jetzt ist er es gewesen, der auf der Innenverteidigerposition unseren Liebling und Bundeschefverteidiger Per Mertesacker aufgerichtet hat. Eine schöne Geschichte, die diese Fußball-WM hier bisher geschrieben hat.

Einseitig: Eine erstaunliche Entwicklung hat nicht nur Arne Friedrich, sondern auch der deutsche Fußball insgesamt genommen: Noch bis zur EM 2004 in Portugal wurden wir des Rumpelfußballs geziehen - und heute schaut die ganze Fußballwelt bewundernd zu den spielstarken Deutschen auf. Wie ist diese rasante Entwicklung zu erklären?

Rullit: Es hat mit einem Philosophiewechsel zu tun. Derwall, Beckenbauer und Völler hatten die Prämisse, dass eine Mannschaft ein Tor verhindern muss, um zu gewinnen. Joachim Löw und Jürgen Klinsmann dagegen richteten das Spiel danach aus, dass man ein Tor schießen muss, um zu siegen. Es war ihnen fast schon zweitrangig, wie erfolgreich sie damit bei der WM 2006 sein würden, sie wollten auf jeden Fall im eigenen Land einen schönen Ball spielen und die Fans begeistern.

Einseitig: Am Abend wurde der deutsche Halbfinalgegner zwischen Paraguay und Spanien gesucht. Wir hatten nach der Achtelfinalquälerei über Paraguay geätzt, diese Mannschaft habe unter den besten 16 dieser WM nichts zu suchen. Müssen wir nun Abbitte leisten?

Rullit: In der Tat, denn Paraguay hat sein stärkstes Spiel bei dieser WM gezeigt. Die Spanier sind nur mit großem Glück weiter gekommen. Selbst beim 1:0 mussten die Pfosten zu Hilfe genommen werden. Paraguay war dem Führungstreffer näher als der Europameister, dem der viele Ballbesitz wieder mal nichts nutzte. Die Spanier kamen kaum einmal gefährlich vor das gegnerische Tor. Da fehlte das Feuer, die große Leidenschaft - Paraguay brannte da heller. Man kann jetzt diplomatisch sein und die Europäer zu einem Klasseteam erklären, weil sie selbst so ein Spiel noch 1:0 gewinnen. Aber weltmeisterwürdig war dieser Auftritt erneut nicht.

Einseitig: Nun kommt es im Halbfinale zur Neuauflage des letzten EM-Finales 2008 in Österreich. Damals waren uns die Spanier turmhoch überlegen, das 0:1 schmeichelhaft - wie sieht es diesmal aus?

Rullit: Die Spanier haben diesmal ein gravierendes Problem: Fernando Torres ist außer Form. Der wäre gerade gegen Deutschland auch psychologisch von Bedeutung, denn er war der Schütze des goldenen Treffers im EM-Finale. Die einzig gefährliche Spitze David Villa kann unsere Abwehr neutralisieren - und dann sehe ich nicht, wer da noch so richtig gefährlich werden könnte.
Und pars pro toto: Der Zenit dieser Mannschaft scheint nach den überragenden vergangenen Jahren überschritten, während die Ergebnisse unseres Teams Respekt einflößen. Die gefürchtete Ballzirkulation der Spanier ist im Laufe dieses Turniers doch schon so manches Mal erheblich ins Stocken geraten oder - wie im Falle des Viertelfinales - auch vom Gegner wirksam unterbunden worden. Mich würde es daher überraschen, wenn sich der Europameister noch mal gegen uns durchsetzen sollte. Auf keinen Fall wird es eine Demonstration der Stärke wie im Finale von Wien geben.



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Ralf Augsburg  06.07.2010blindgif zurück zur Startseite Diesen Artikel lesen Diesen Artikel ausdrucken Möchten Sie den Artikel ''Ein Rullit hat 90 Sekunden - Folgen 21 und 22'' weiterempfehlen?
 
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