Das Elfmeterschießen ist immer noch die spannendste und gerechteste Entscheidung eines Fußballspiels und hat ja auch schon für legendäre Begegnungen gesorgt. Alles andere wie Los, Münzwurf, Golden oder Silver Goal sind keine Alternativen.
Einseitig: Manchmal gibt es ja erstaunliche Konstanten über die WM-Turniere hinweg: So ist seit 1990 immer genau eine der acht Achtelfinalbegegnungen durch Elfmeterschießen entschieden worden. In diesem Jahr gab es keine Ausnahme: Japan und Paraguay hatten in 120 Minuten kein Tor erzielen können. Solche Begegnungen geben Anlass zur Frage, wie man verhindern kann, dass eine Mannschaft wie Japan auf den Platz kommt, die von Minute eins nur im Sinn hat, sich destruktiv in das Elfmeterschießen zu retten?
Rullit: Insgesamt war dieses Match wirklich eine endlose Dehnung gähnender Langeweile. In der ZDF-Nachberichterstattung wurde das sehr schön anhand des Vergleichs der Gesichtszüge der beiden Trainer während der Partie dargestellt. Da gab es keine Regung. Wer dieses Spiel gesehen hat, könnte sich in der Tat fragen, ob man sich die reguläre Spielzeit nicht schenken und gleich mit dem Elfmeterschießen beginnen sollte. Zumindest auf die Verlängerung hätte man gut und gerne verzichten können, denn spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar, dass die Mannschaften keine Entscheidung mehr aus dem Spiel heraus suchen würden. Aber wie will man solche Partien verhindern? Wahnsinnig schlechte Spiele wird es bei einem solchen Turnier immer geben. Diese beiden Teams hatten einfach in einem WM-Achtelfinale schlicht und ergreifend nichts zu suchen. Aber sarkastisch könnte man es auch so wenden und sagen, dass die Zuschauer immerhin zeitlich viel Fußball für ihr Geld geboten bekommen haben. Und das Elfmeterschießen ist immer noch die spannendste und gerechteste Entscheidung eines Fußballspiels und hat ja auch schon für legendäre Begegnungen gesorgt. Alles andere wie Los, Münzwurf, Golden oder Silver Goal sind keine Alternativen.
Einseitig: Nach der Geduldsprobe gab es durch das Elfmeterschießen wenigstens ein bisschen Spannung.
Rullit: Dafür, dass die Spieler während des Spiels nichts auf die Reihe gebracht haben, waren die Elfmeter erstaunlich souverän verwandelt. Selbst der durch Yuichi Komano vergebene Strafstoß war gut geschossen – es fehlten nur Zentimeter bei seinem Lattenkracher. Mich hat diese Nervenstärke wirklich überrascht, denn in den 120 Minuten zuvor hatte ich so viel Unvermögen beim Torabschluss gesehen wie noch nie zuvor bei dieser WM. Mehrmals haben sich die Stürmer eines Teams sogar gegenseitig zu Fall gebracht – die eigenen Mitspieler waren da sozusagen die besten Verteidiger. Ich fand übrigens die Jubelorgien beim Elfmeterschießen bemerkenswert, die ich so bisher nur nach Toren während einer regulären Spielzeit gesehen habe: Einzelne Spieler wie Nelson Valdez sind auf die Knie gefallen und haben die Arme hochgereckt. Da gab es offensichtlichen Jubel-Nachholbedarf, denn während der vorangegangenen 120 Minuten hat es auch wirklich nicht den geringsten Hauch eines Anlasses zum Jubeln gegeben.
Einseitig: Mit Japan ist wenigstens die richtige Mannschaft ausgeschieden, denn sie haben wirklich nichts für einen eigenen Sieg getan. Aber warum gelingt es Paraguay mit seinem so namhaften und Bundesliga-erprobten Sturm nicht, selbst gegen einen so schwachen Gegner wenigstens ein Törchen zu erzielen?
Rullit: Dass Japan verdient ausgeschieden ist, heißt noch nicht, dass Paraguay verdient weiter gekommen ist. Bezüglich des Sturms: Es gibt Spieler, die sind von Begegnung zu Begegnung da – egal, was vorher passiert ist. Die Brasilianer und die Spanier haben solche Spieler. Auch die Deutschen können einen solchen Schalter umlegen und loslegen. Deshalb sprechen ja jetzt auch alle vom nahtlosen Anknüpfen im England-Duell an das Auftaktspiel mit den Australiern. Die Nervosität aus dem Ghana-Spiel war wie weggeblasen, es ging einfach von vorne los, als wäre es das erste Spiel. Aber es gibt eben auch Spieler und Mannschaften, die müssen in ein Turnier herein finden. Gelingt dies nicht, wächst aus den Einzelspielern einfach keine Mannschaft zusammen, und die Einzelspieler irren über das Spielfeld. Cristiano Ronaldo oder Wayne Rooney sind Beispiele dafür: Sie haben ihren Weg ins Turnier nicht gefunden. Ihre gelungenen Aktionen kann man an einer Hand abzählen.
Einseitig: Wenn man Japan die Achtelfinalqualität abspricht – welche Alternativen aus der Gruppe E hätte es denn gegeben? Hätte man von Kamerun oder Dänemark mehr erwarten können?
Rullit: Ich hätte Kamerun zumindest spannender als Japan gefunden, die ja hauptsächlich durch Standardsituationen und dänische Torwartfehler weiter gekommen sind. Aber machen wir uns nichts vor: Kamerun und Dänemark waren genauso schwach.
Einseitig: Am Abend fand das letzte, mit wesentlich mehr Spannung erwartete Achtelfinale zwischen Portugal und Spanien statt. Konnte dieses Duell die Erwartungen erfüllen? Oder waren die Erwartungen, gemessen an den bisher im Turnier gezeigten Leistungen beider Mannschaften, sowieso zu hoch?
Rullit: Es war nichts zum Zungeschnalzen, aber verglichen mit dem bisher von diesen Teams Gebotenen in Ordnung. Und es war eine taktisch interessante Begegnung. Dass das Spiel nicht so richtig in Fahrt gekommen ist, lag an der sehr defensiven Ausrichtung der Portugiesen, durch die Cristiano Ronaldo überhaupt keine Entfaltungsmöglichkeiten geboten bekam. So ein Spieler muss zentral mit Bällen gefüttert werden, er muss immer wieder ins Spiel gebracht werden. Davon konnte bei diesen Portugiesen keine Rede sein – da sollte nur die Null stehen, was sie bis zu dieser Begegnung ja auch tat.
Einseitig: Aber verschenkt so ein Team dadurch nicht sehr viel, wenn ein so genialer Stürmer vorne verhungert?
Rullit: Natürlich! Sie haben genau deshalb verloren, weil sie mit dieser Spielweise zu wenige Chancen kreieren konnten. Die Spanier haben nun auch kein Offensivfeuerwerk abgebrannt, aber im Gegensatz zu den Portugiesen haben sie die Lücken gesehen, in die man vorstoßen kann und eine Chance dann eiskalt genutzt. Selbst gegen sehr defensiv stehende Teams kann der Europameister mit seinen schnellen Ballstaffetten irgendwann den entscheidenden Schlag setzen – das macht seine hohe Qualität aus.
Einseitig: Das Tor von David Villa soll allerdings auch aus abseitsverdächtiger Position gefallen sein?
Rullit: Im Moment wollen die Medien wohl in jeder Partie ein Haar in der Suppe finden. Das kommentiere ich gar nicht weiter. Das Tor war nach spanischem Geduldspiel super herausgespielt und mit der Hacke genial weitergeleitet. Diese Szene allein war es wert, das Spiel anzuschauen.
Einseitig: Auf Unverständnis stieß die Maßnahme des portugiesischen Trainers Carlos Queiroz, in der 59. Minute beim Stande von 0:0 den Stürmer Hugo Almeida gegen den Mittelfeldspieler Danny ausgewechselt zu haben.
Rullit: Was viele Trainer meiner Ansicht nach unterschätzen, ist die Tatsache, dass auch ein Stürmer für die Defensive arbeiten kann. So ein Spieler wie Almeida hat die Qualität, einen Ball in des Gegners Hälfte auch mal zu halten und dadurch für Entlastung zu sorgen. Mannschaften wie Spanien, bei denen das verstanden wurde, haben dadurch einfach eine bessere Raumaufteilung und müssen nicht immer wie eine Ziehharmonika zusammen rücken. Die hatten Stürmer auf dem Feld, ohne dass dadurch zugleich die Abwehr entblößt wurde. Angriff ist wirklich die beste Verteidigung! Und ich finde, es müssen die Mannschaften gewinnen, die etwas riskieren und in die Waagschale werfen, und nicht die Maurermeister.
Einseitig: Fernando Torres kommt auf spanischer Seite nicht so richtig in Schwung. Wen gibt es noch neben David Villa, der Tore für die Iberer schießen kann?
Rullit: Ein Problem. Die Spanier sind da jetzt ein bisschen berechenbar. Fernando Llorente von Athletic Bilbao, der für Torres eingewechselt wurde, ist ein interessanter, weil unkonventioneller Spieler. Aber Torres ist einfach eine Ikone, der deshalb seinen Platz in der Startelf sicher haben dürfte. Ich glaube allerdings nicht, dass er jetzt noch explodieren wird.
Einseitig: Spanien ist für viele ein Favorit auf dem WM-Titel. Auch Du hast sie vor Beginn der WM genannt. Ein echtes Fußballfeuerwerk sind sie bisher aber schuldig geblieben – woran liegt das?
Rullit: Sie tragen schwer an der Favoritenbürde. Die Leichtigkeit vergangener Turniere ist darüber flöten gegangen. Aber nach der Auftaktpleite gegen die Schweiz gewinnen sie ihre Spiele, und nur das zählt.
Einseitig: Du hast Dich auf Brasilien als kommenden Titelträger festgelegt. Wer hat das Potential, als Gegner im Finale auf dem Platz zu stehen?
Rullit: Argentinien, Deutschland oder Spanien. Alle diese Teams treffen noch aufeinander, weil ich davon ausgehe, dass die schwachen Paraguayos gegen die Spanier im Viertelfinale ausscheiden werden. Eines dieser drei Teams wird am Ende übrig bleiben. Sollte es zu einem Finale Uruguay gegen Paraguay kommen, schalte ich den Fernseher nicht an.
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