Einseitig: Arjen Robben gegen die Slowakei erstmals von Beginn an – machen die Niederländer jetzt ernst?
Rullit: Es war zu erwarten, dass sobald er fit ist, Robben in der Startelf kommen würde. Bei den „bunten Vier“, den Alleskönnern im niederländischen Sturm, ist er neben Sneijder, van Persie und van der Vaart eine tragende Säule. Wenn diese vier Wirbler zusammen auf dem Platz stehen, dann ist das schon beeindruckend. Da steht komprimierte Qualität auf dem Rasen wie möglicherweise bei keinem anderen Nationalteam. Beim 1:0 konnte man das sehen: Langer Ball von Sneijder, eine wunderbare Ballannahme von Robben, die er gleich zum erfolgreichen Abschluss nutzt. Dabei ist es verblüffend, dass ihm solche Tore gelingen, denn er schießt sie eigentlich immer gleich. Die Tore ähneln sich wie ein Ei dem anderen. Die Gegner müssten das inzwischen mitbekommen haben – aber es kann ihn einfach niemand bremsen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass ihm solch ein Tor wie gegen die Slowaken auch gegen die Brasilianer gelingen wird. Maicon und Lucio kennen ihn aus dem direkten Aufeinandertreffen im Champions League-Finale, in dem er wirkungslos blieb.
Einseitig: Haben die Niederländer diesmal denn mehr geboten als den Zweckfußball der Vorrunde?
Rullit: Nur wenig mehr. Sie hatten sogar noch Glück, dass es nicht in die Verlängerung ging, denn die Slowaken hatten im letzten Drittel einige Chancen. Nur fehlte ihnen diesmal die Treffsicherheit, welche sie noch gegen Italien ausgezeichnet hatte. Das 2:1 drückt angemessen aus, dass dieses Spiel eben keine klare Angelegenheit war, auch wenn der Elfmeter, den Robert Vittek in der Nachspielzeit verwandelt hat, unberechtigt gewesen ist. Marek Sapara hatte beim niederländischen Torwart Maarten Stekelenburg eingefädelt, und der Schiedsrichter ist auf die offensichtliche Schwalbe reingefallen.
Einseitig: Warum hat die Slowakei nicht mehr erreichen können?
Rullit: Die Niederländer waren ihnen spielerisch überlegen, und sie machten auch zu viele individuelle Fehler. Mit der Ballannahme stand die Mannschaft auf Kriegsfuß. Wenn die Niederländer den Slowaken aber die Räume ließen, wussten diese das zu nutzen, spielten mutig und ansehnlich bis in den Strafraum. Aber dann machte sich wieder das bei dieser WM so häufig gesehene Phänomen bemerkbar: Sie spielten die Angriffe nicht konsequent zu Ende.
Einseitig: Reichte denn das Spielvermögen aus, um die angeblich wackelige niederländische Abwehr ernsthaft in Verlegenheit zu bringen?
Rullit: Nicht nur angeblich – die Abwehr ist eindeutig wackelig, das hat man sehen können. In drei, vier Szenen sind die Slowaken vom Elfmeterpunkt frei zum Schuss gekommen, weil sie „einen durchgesteckt“ und die Abwehr ausgehebelt hatten. Das war nicht immer erspielt, da waren auch Abpraller dabei – aber das druckvolle Nachsetzen ermöglichte der slowakischen Mannschaft immer sofort Chancen. Da haben die Niederländer auf jeden Fall Probleme – und die werden gegen Brasilien noch offener zu Tage treten.
Einseitig: Brasilien heißt der Viertelfinalgegner. Spiegelt das 3:0 die Überlegenheit gegenüber den Chilenen wider?
Rullit: Das kann man sagen. Chile war sehr harmlos, so dass den Brasilianern wie in den Vorrundenspielen der minimale Aufwand genügte, um sich souverän für die nächste Runde zu qualifizieren. Das gilt selbst für die Tore: Für das 1:0 durch Juan reichte eine Ecke von Maicon als Vorbereitung. Damit war schon alles entschieden, denn die Brasilianer verfügen über die beste Defensive im Turnier und sind sehr schwer zu schlagen. Nach diesem Spiel muss man sich die Frage stellen, wer dieses Team überhaupt besiegen soll, denn sie lassen hinten absolut nichts zu, warten ab, werden nur dann tätig, wenn es Erfolg versprechend ist, erkennen eine solche Situation, um dann vorzustoßen und den Treffer zu setzen. Sie sind konzentriert und stehen unter einer angemessenen Anspannung, denn die Angst zu scheitern ist nach der Erfahrung von 2006 da. Das macht sie nochmal gefährlicher.
Einseitig: Aber ist ein Sieg gegen Chile – wahrlich schon in der Vorrunde keine Leuchte – auf einmal der weltmeisterliche Maßstab?
Rullit: Es ist nicht nur dieses Spiel. Die Brasilianer machen generell kaum Fehler. Gegen Nordkorea haben sie einfach gepennt, weil sie innerlich bereits bei der Ehrenrunde waren, aber so etwas passiert dann auch nur einmal. Wenn die Brasilianer nicht einen extrem schwachen Tag erwischen, dann wüsste ich nicht, wer diese Mannschaft bezwingen soll. Den Niederländern traue ich es jedenfalls nicht zu. Und Uruguay oder Ghana im Halbfinale dann noch viel weniger. Brasilien hat den Pokal meiner Ansicht nach sicher, der Drops ist gelutscht. Es ist ernüchternd, aber es ist so. Tut mir leid.
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