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Das Spiel war der totale Wahnsinn. Die deutschen Spieler knüpften mit unglaublich gutem Fußball und tollen Spielzügen nahtlos an den Auftakt gegen Australien an. Das war das bisher Beste, was bei der WM zu sehen war.
Das Spiel war der totale Wahnsinn. Die deutschen Spieler knüpften mit unglaublich gutem Fußball und tollen Spielzügen nahtlos an den Auftakt gegen Australien an. Das war das bisher Beste, was bei der WM zu sehen war.
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Ein Rullit hat 90 Sekunden - Folge 18

Die Argentinier werden ihre Chancen nicht liegen lassen

Von Ralf Augsburg

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olge 18 vom 28.6.2010

Einseitig:: England gegen Deutschland. Der Klassiker seit dem dramatischen Endspiel 1966. Aber die Rollenverteilung war diesmal höchst diffus: Wer war hier Favorit? Die spielstärkeren Deutschen? Die namhafteren Engländer? Die junge, aber wankelmütige deutsche Elf? Die älteren, ausgebufften Three Lions? Wie sah die Wahrheit auf dem Platz aus?

Rullit: Das Spiel war der totale Wahnsinn. Die deutschen Spieler knüpften mit unglaublich gutem Fußball und tollen Spielzügen nahtlos an den Auftakt gegen Australien an. Das war das bisher Beste, was bei der WM zu sehen war. In der ersten halben Stunden sind die Engländer wirklich vorgeführt worden. Und der Mann der ersten halben Stunde war Miroslav Klose. Nach seiner dritten Chance dachte ich: Was hat der heute noch vor? Die Ironie seines Tores bestand in der ausgerechnet sehr englischen Kick-and-Rush-Entstehung: Hoher Abschlag, Mittelfeld überbrückt, vorne durchgetankt.

Einseitig:: Um das Lob für Miroslav Klose noch mal zu steigern: Hätten sich nicht neun von zehn Stürmern bei der Situation zum 1:0 fallen lassen, statt wie der Münchener den Abschluss zu suchen?

Rullit: Der englische Abwehrspieler rechnete wahrscheinlich auch damit, dass Klose sich fallen lassen würde, hörte innerlich schon den Pfiff. Entscheidend war die Geistesgegenwart Kloses, dieses unheimliche Wollen. Dies war in mehreren Szenen zu beobachten, in denen er immer nachgesetzt und Gegner gebunden hat.

Einseitig:: Die Nation zitterte vor dieser Partie, ob Per Mertesacker wieder die rollende Kanonenkugel an Bord sein würde wie im Ghana-Match. Sorgte der Bremer wieder für Gefahr – vor dem eigenen Tor?

Rullit: Mertesacker ist nicht weiter aufgefallen. In einigen Situationen hat er sich gut behauptet und Bälle rausgeköpft. Bei dem Druck, den die Engländer zwischenzeitlich aufgebaut haben, hat er die Nerven behalten. Er konnte sich auch deshalb stabilisieren, weil er einen wirklich überragenden Arne Friedrich an seiner Seite hatte.

Einseitig:: Bis zum gestrigen Spiel war Manuel Neuer nicht wirklich geprüft worden, so dass man sich über seine Form keine Meinung bilden konnte. Gegen England stand er mehrmals im Mittelpunkt. Wie stark ist er als Rückhalt gewesen?

Rullit: Mit dem Abschlag auf Klose zum 1:0 hat er unter Beweis gestellt, welche Spiel entscheidende Rolle so ein Torwart ausfüllen kann und dass er sich dessen auch voll bewusst ist und dies spielen kann. Einen Torwart mit derart offensiver Ausrichtung hatten wir bisher noch nie.
In dieser Situation war Neuer genauso geistesgegenwärtig wie Klose. Der Treffer ähnelte dem 1:0 von Inter Mailand gegen Bayern München im Champions League-Finale: Auch da gab es diese Mischung aus Geistesgegenwart und Durchsetzungsvermögen in einer Blitzaktion. Erspürt man solche Situationen und nutzt sie aus, dann ist man auch nicht mehr so von den Standardsituationen wie Ecken und Freistößen abhängig, die bei deutschen WM-Spielen in der Vergangenheit oftmals so Spiel entscheidend gewesen sind.

Einseitig:: Die spanische Sportzeitung „Marca“ schreibt allerdings: „Nur am Torwart muss man Zweifel haben.“

Rullit: Weil das 1:2 auf seine Kappe geht. Da hat er sich verschätzt. Beim nicht gegebenen Ausgleichstreffer war er aber wieder unglaublich geistesgegenwärtig, weil er sich mit keiner Geste hat anmerken lassen, dass der Ball auch für ihn sichtbar hinter der Linie aufgesprungen war, und einfach weiter gespielt hat. So cool zu bleiben, muss man auch erst mal schaffen.

Einseitig:: Wir haben eine junge Mannschaft – und das sieht man auch. Sie spielt sich bei Begeisterung schnell in einen Lauf, sie wird schnell nachlässig im Hochgefühl des vermeintlichen Triumphes und verliert bei einem Schock wie dem völlig unerwarteten Anschlusstreffer den Kopf und rennt wie ein Hühnerhaufen durcheinander. Wie bekommt man da mehr Abgebrühtheit herein?

Rullit: Tatsächlich war der eigentliche Fehler, nach dem 2:0 überheblich zu werden. So etwas muss man sich sparen, denn mit so einem Verhalten provoziert man den Gegner ja auch. Zum Glück haben wir eine Achse erfahrener Spieler wie Friedrich, Schweinsteiger und Klose, die verhindert hat, dass die Mannschaft plötzlich komplett kollabiert. An diesen Spielern, die versuchen, die Grundordnung wieder herzustellen und Ruhe ins Spiel zu bringen, konnten sich Spieler wie Khedira, der sich anscheinend bereits mit dem Weltmeisterpokal auf dem Podest stehen sah, orientieren.
Aber man muss auch klar sagen, dass keine Mannschaft ein Spiel 90 Minuten beherrschen kann, wenn der Gegner etwas dagegen hat – insofern war diese 20-minütige Schwächephase keine Überraschung. So etwas muss man einfach überstehen, und das haben wir dann ja auch.

Einseitig:: Wir müssen natürlich auch auf den nicht gegebenen Ausgleichstreffer der Engländer eingehen. Wenn das 2:2 gefallen wäre, hätten wir dann die Partie noch verloren?

Rullit: Das glaube ich nicht. Der Sieg war eigentlich schon nach dem 2:0 nicht mehr gefährdet. Da hatten wir dem Gegner der Schneid bereits abgekauft. Die Engländer konnten ja spielerisch überhaupt nicht mithalten und Chancen herausspielen. Das sah gestern bei den Deutschen Mitte des Spiels auch wackeliger aus, als es letztlich gewesen ist. Das 1:2 fiel nach einer Standardsituation, das Nichtausgleichstor durch einen Sonntagsschuss. Die zweite Halbzeit wäre nach einem 2:2 ein Spiegelbild der ersten geworden, die Tore wären nicht nach Kontern, sondern aus konzentriert vorgetragenen Angriffen wie beim 1:0 und 2:0 gefallen.

Einseitig:: Durch die Fehlentscheidung des Schiedsrichters ist wieder die Diskussion um technische Mittel oder einen Torschiedsrichter entbrannt. In der ARD sprach sich Günther Netzer dagegen aus, mit dem Argument, er wolle die Spontanität des Spiels erhalten, zu der Fehler, Ärger und Aufregung gehörten, denn das mache den Fußball aus. Gerhard Delling hat dagegen angeführt, dass es zur Fairness im Sport gehöre, möglichst alles zu tun, um eine Mannschaft nicht über Gebühr zu benachteiligen. Wie ist Deine Position in diesem Disput?

Rullit: Ich sehe mich da eher an Netzers Seite. Wenn man bei dieser WM bereits die völlige Normierung des Umfeldes sieht, dann graust es mich bei dem Gedanken, dass nun auch noch das Spiel selbst durch Überregulierung weiter an Emotionen einbüßen wird. Fehler – egal ob bei den Spielern, Trainern, Schiedsrichtern oder Linienrichtern – machen das Spiel menschlich und geben ihm die Würze. Und man kann von so etwas wie dem Wembley-Tor Jahrzehnte zehren. So werden Mythen geboren, durch menschliche Unzulänglichkeiten.

Bei einer WM treffen die Teams Fehlentscheidungen zugegebenermaßen härter, weil die Chance geringer ist, etwas auszubügeln. Oft erhält ein Team diese Möglichkeit dann erst vier Jahre später beim nächsten Anlauf. Aber diese Ungerechtigkeiten machen auch einen Reiz aus, denn so kann auch mal eine Mannschaft gewinnen und weiterkommen, die sonst vielleicht keine Chance hätte – siehe Südkorea bei der WM 2002. Und es mag eine Binsenweisheit sein, aber es gibt diese ausgleichende Ungerechtigkeit – beim Wembley-Tor hat es nun 44 Jahre gedauert.

Einseitig:: Nun wollte es das Schicksal, dass es am Abend schon wieder eine horrende Fehlentscheidung gab: Die Mexikaner haben das irreguläre Abseitstor zum 1:0 für Argentinien nicht ganz so gelassen genommen wie die Engländer ihr nicht anerkanntes 2:2.

Rullit: Die Engländer haben nicht den Lauten gemacht, weil sie selbst gemerkt haben, wie lächerlich das gewesen wäre. Die Erregung bei den Mexikanern war dagegen verständlich, denn dieses 1:0 stellte den Spielverlauf völlig auf den Kopf. Bis dahin hatten die rassigen Mittelamerikaner das Spiel gemacht und waren dem Führungstreffer mit einigen Chancen und einem Lattentreffer näher als die Argentinier, die noch gar nicht richtig ins Spiel gefunden hatten. Dieser Treffer hat das Spiel entscheidend verändert.

Einseitig:: Der italienische Schiedsrichter Roberto Rosetti und sein Linienrichter haben lange diskutiert. Waren die sich nicht sicher, oder widersprachen sie sich?

Rullit: Ich hätte für konsequent erachtet, wenn der Referee auf dem Treffer bestanden hätte. Ich hätte es auch konsequent gefunden und begrüßt, wenn er die Größe aufgebracht hätte, seinen Fehler einzugestehen und die Torentscheidung zurück zu nehmen. Für Argentinien wäre zu diesem Zeitpunkt ja auch noch nichts verloren gewesen, es hätte im Gegenteil auch ein Weckruf sein können. Aber so wie es gelaufen ist, mit dieser minutenlangen Unschlüssigkeit, hatte es den bösen Beigeschmack eines Geschenkes für die Argentinier, das nur deshalb überreicht wurde, weil der Schiedsrichter zu stolz war, einen kapitalen Schnitzer einzuräumen.
Als Rosetti den völlig aufgebrachten Mexikanern in die Augen schaute und ihnen mitteilte, dass es dabei bleiben würde, da war das meiner Ansicht nach ein kompletter Gesichtsverlust. Und der Mann schien ja selber einen Moment lang keinen festen Boden unter seinen Füßen zu spüren. Er wankte doch arg. Nur konsequent, dass wir diesen Schiedsrichter bei der WM nicht mehr sehen werden.

Einseitig:: Wie entwickelte sich das Spiel nach dieser Aufregung in der 26. Minute weiter?

Rullit: Ich hatte darauf spekuliert, dass der Schiedsrichter mit einer Konzessionsentscheidung die Mexikaner wieder ins Spiel bringen würde, aber dazu kam es leider gar nicht mehr, denn sieben Minuten später war die Partie bereits praktisch entschieden. Ricardo Osorio war dermaßen von der Rolle, dass er Argentinien ein weiteres Geschenk in Form des 2:0 machte. Ich vermute, dass er die Sohle auf den Ball setzen wollte, aber den Fuß zu tief hielt, so dass er der Ball mit der Picke erwischte und dieser in eine völlig andere Richtung gelenkt wurde. Dann stand er praktisch auf dem falschen Fuß, und auf dem solchen hat ihn Gonzalo Higuain natürlich sofort erwischt. Und Higuain ist eben kein Rooney, der den mit Sicherheit versemmelt hätte, denn der Treffer war gar nicht so einfach zu erzielen.

Einseitig:: Haben die Argentinier das Spiel dann in der Folge nach Hause geschaukelt?

Rullit: Spätestens nach dem Sonntagsschuss von Carlos Tevez in der 52. Minute war der Kuchen gegessen. Aber es war ein geschenkter Sieg. Die Argentinier mussten sich gar nicht groß anstrengen. Von Lionel Messi gab es bis auf einen schönen Schuss auf das mexikanische Tor, bei dem sich Oscar Perez auszeichnen konnte, wenig zu sehen. Dieser Spielverlauf ist bedauerlich, denn ansonsten wäre es mit Sicherheit ein so spannendes Match wie vor vier Jahren im Achtelfinale geworden, als es in die Verlängerung ging. Und Argentinien hätte sich richtig strecken müssen.

Einseitig:: Nun treffen wir auf die Argentinier in einer weiteren Neuauflage eines Spieles von 2006. Welche Chancen können wir uns ausrechnen?

Rullit: Es dürfte eine hochklassige Partie werden, da wie 2006 die bisher stärksten Mannschaften dieser WM aufeinander treffen. Die Teams ähneln sich: Beide sind spielstark, beide haben ihre Schwachstellen in der Innenverteidigung. Wir haben genau die richtigen Stürmer, um die Argentinier richtig unter Druck zu setzen. Aber unsere Abwehr muss aufpassen: Ein Fehler da hinten, und das Ding ist drin. Die Argentinier werden ihre Chancen nicht liegen lassen.

Einseitig:: Du hattest schon vor Beginn der WM diese Konstellation vorausgesagt und Dich festgelegt, dass dann für die deutsche Elf Endstation sei. Bleibst Du bei Deiner Einschätzung?

Rullit: Ja. Der Verlauf der Begegnung vor vier Jahren ist nun für uns von Nachteil, denn die Argentinier werden nicht den Fehler von damals wiederholen, als sie viel zu früh das Spielen einstellten und in der 72. Minute den Spielmacher vom Platz nahmen, um ein 1:0 nach Hause zu bringen. Wir werden auf einen anders motivierten Gegner treffen, der die ganze Zeit Volldampf geben wird.

 



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Ralf Augsburg  30.06.2010blindgif zurück zur Startseite Diesen Artikel lesen Diesen Artikel ausdrucken Möchten Sie den Artikel ''Ein Rullit hat 90 Sekunden - Folge 18'' weiterempfehlen?
 
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