Die Vorrunde war sehr durchwachsen und größtenteils langweilig. Man denke nur an Partien wie Uruguay gegen Frankreich oder England gegen Algerien – was waren das für schlimme Spiele! Durch die Bank haben mich die Afrikaner enttäuscht.
Einseitig: Bei der WM 2006 elektrisierte im Vorfeld die Vorrundenbegegnung Argentinien gegen die Niederlande viele Fans. Aber die Zuschauer in Gelsenkirchen bekamen dann nur Nullnummer-Magerkost vorgesetzt, weil beide Teams vor diesem dritten Spiel bereits für das Achtelfinale qualifiziert waren. Erklärt man so auch die Darbietung im mit Spannung erwarteten Duell Brasilien gegen Portugal?
Rullit: Mit Sicherheit. Aber erschwerend kam noch hinzu, dass wir bereits bis dahin keine Galavorstellungen dieser beiden Teams – die torreiche zweite Halbzeit Portugal gegen Nordkorea lassen wir da mal außen vor – gesehen hatten. Und in diesem Aufeinandertreffen haben beide Mannschaften nun überhaupt nicht vorgehabt, mal eine solche zu bieten. Die Verständigung auf einen gemütlichen Nachmittag ohne Verletzungssorgen funktionierte hier wohl auch deshalb so glänzend, weil man passenderweise die selbe Sprache spricht. Ich hatte allerdings erwartet, dass die Portugiesen mehr unternehmen würden, um den ihnen mutmaßlich drohenden Bruderkrieg im Achtelfinale zu vermeiden.
Einseitig: Lange vor Beginn der WM hattest Du bereits mitgeteilt, Dich sehr auf die Begegnungen der Gruppe G mit ihren spielstarken Mannschaften Brasilien, Elfenbeinküste und Portugal zu freuen. Wieso hat kein einziges dieser Duelle gehalten, was es auf dem Papier versprach?
Rullit: Leider gab bereits das erste Spiel Portugal gegen die Elfenbeinküste die Richtung vor: Sicherheit zuerst! Beide Mannschaften spielten ein bisschen ängstlich, abwartend, keine Torgefahr ausstrahlend und ohne spielerische Brillanz. Das war eine ganz klare Pokerpartie, bei der sich keiner aus der Deckung wagen wollte. Portugal hat diesen Poker in der Gruppe G letztlich für sich entschieden.
Einseitig: Nordkorea hat sich zumindest im Portugal-Spiel als das erwartete Kanonenfutter herausgestellt, aber sie haben wenigstens ein Tor erzielt – und das gegen Brasilien! Im letzten Spiel gegen die Elfenbeinküste merkte man ihnen das Bemühen an, nicht noch einmal so eine Packung zu kassieren.
Rullit: Das Spiel war eine eindeutige Geschichte. Kurzzeitig dachte man, es würde noch mal spannend in der Frage des Achtelfinaleinzuges, denn die Afrikaner führten ja nach zwanzig Minuten bereits 2:0 und mussten nun noch sieben Tore in 70 Minuten erzielen, wofür Portugal ja weniger Zeit in ihrem Spiel gegen die Asiaten benötigt hatte. Aber der Nichtangriffspakt zwischen Brasilien und Portugal hat der Elfenbeinküste schon zu früh den Glauben genommen, es noch schaffen zu können. Als Zuschauer hatte man daher schnell das Gefühl, dass sich hier nicht mehr viel tun würde. Schade für die Elfenbeinküste – aber sie haben es, wie gesagt, im ersten Spiel versäumt. Gegen Portugal wäre ein Sieg drin gewesen, da bin ich mir sicher. Wer nichts wagt, der nichts gewinnt.
Einseitig: Über Nordkorea hieß es vor Turnierbeginn, wir über sie so gut wie nichts. Was wissen wir nun?
Rullit: Nicht so wesentlich viel mehr. Gegen Brasilien gab es spielerische Höhepunkte und ein phantastisches Tor, eines der schönsten der bisherigen WM. Streckenweise waren sie den Südamerikanern ein ebenbürtiger Gegner. Und dann dieser unerklärliche Einbruch gegen Portugal. Bis zur 50. Minute spielen sie wieder munter mit und dann brechen sie zusammen wie ein Kartenhaus. Da zeigte sich, dass so ein Spiel über 90 Minuten in sehr viele Phasen geteilt ist. Ein folgenschwerer Aussetzer kann schnell eine neue Phase einläuten und alles, was bis dahin passiert ist, obsolet werden lassen. Das geht ganz schnell, und dann spielt das Mentale eine große Rolle.
Einseitig: Das Mentale machte sich dann auch deutlich gegen die Elfenbeinküste bemerkbar, denn durch den Schock der Kanterniederlage gingen die Koreaner nur noch mit der Hoffnung auf den Platz, nicht noch so einen wie von Portugal eingeschenkt zu bekommen. Vielleicht verkauften sie sich mit einer solchen Haltung des Kaninchens vor der Klapperschlange aber auch unter Wert?
Rullit: Definitiv. Gegen Brasilien haben die Nordkoreaner ja gezeigt, was sie zu leisten imstande sind. Gerade bei einem so großen Namen wie Brasilien hat es ein Außenseiter indes auch leicht, weil ihm Flügel wachsen, sobald er merkt, dass der Gegner auch nur mit Wasser kocht und ins Stocken kommt. Und genau das ist im Brasilien-Spiel geschehen – aber die Nordkoreaner haben es halt nicht in der Partie gegen Portugal geschafft, dieses Gefühl aufrecht zu erhalten.
Einseitig: In dieser Gruppe haben sich schlussendlich mit Brasilien und Portugal die Teams durchgesetzt, von denen man es am ehesten erwartet hatte. Dies gilt wohl auch für die letzte Gruppe H, die ihren 3. Spieltag mit Spanien gegen Chile und Schweiz gegen Honduras beschloss.
Rullit: Spanien gegen Chile war ein großartiges Spiel. Ein Fast-Eigentor führte zur spanischen Führung, die den Spielverlauf auf den Kopf stellte. David Villa hat das Geschenk gerne angenommen und den Treffer brillant erzielt. Der Europameister hatte bis dahin doch Schwierigkeiten mit den Südamerikanern, aber es zeigt dann halt auch Spaniens Klasse, wie kaltschnäuzig sie die erste Gelegenheit nutzen, die sich ihnen bietet. Man hält sie nur in Schach, wenn man ihnen die Räume so eng macht, dass sie überhaupt nicht zu solchen Chancen kommen. Über die ganze Spielzeit scheint das allerdings unmöglich zu sein. Letztlich haben die Spanier verdient gewonnen, und selbst nach dem glücklichen Anschlusstreffer hatte man zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, dass der Sieg und das Weiterkommen noch in Gefahr geraten könnten.
Einseitig: Wir haben schon verschiedentlich erwähnt, dass die Zeiten der Exoten, die in drei Partien bitteres Lehrgeld bezahlen und ohne großes Aufhebens wieder nach Hause geschickt werden, vorbei scheint. Kein Favorit spaziert heutzutage durch drei Vorrundenpartien. Diesem Gedankengang folgend kommt einem unweigerlich die Schweiz in den Sinn. Vor Turnierbeginn hat das gegen Honduras zum Weiterkommen benötigte 2:0 wohl noch auf vielen Tippscheinen gestanden, wenn nicht gar 3:0, 4:0 oder 5:0. Warum hat es für unsere Nachbarn nicht gereicht?
Rullit: Ich muss zuerst auf Ottmar Hitzfeld zu sprechen kommen, über den ich mich wahnsinnig geärgert habe. Denn der stellte sich nach dem Ausscheiden vor die Kamera und stellte als eigentlichen Grund für die Heimfahrt den falschen Platzverweis gegen Behrami im Spiel gegen Chile heraus. Wer sein Weiterkommen selbst in der Hand hat, dann aber erbärmlich dabei versagt, gegen völlig harmlose Honduraner zwingende Gelegenheiten zu erspielen und zu erkämpfen und nach Spielschluss solche Erklärungen über ein lange vergangenes vorletztes Spiel abgibt, entlarvt sich nur als der schlechte Verlierer dieser Vorrunde. Insgesamt sind damit die Schweizer für mich eine der großen Enttäuschungen dieser WM. Der Sieg gegen Spanien mit dem reingerumpelten Tor gelang letztlich doch nur mit Glück – und zwar dem Glück des Glücklichen, nicht das des Tüchtigen. Die tolle Abwehrleistung ist ihnen auch nur angedichtet worden – es war rein das Pech und Unvermögen der Spanier, das Tor zu treffen, der den Eidgenossen am Ende den Sieg bescherte.
Einseitig: Dieser Sensationserfolg war dann aber doch letztlich eher eine Bürde, denn die Schweiz wähnte sich nach diesem Dusel-Sieg offensichtlich bereits im Achtelfinale, weil sie fest auf die drei weiteren Zähler aus der letzten Partie gegen die Mittelamerikaner spekulierten. Fast wäre diese Rechnung ja auch aufgegangen, aber offenbar hatte irgendwer vergessen, ihnen zu sagen, dass man für einen klaren Sieg selbst gegen einen vermeintlichen, bereits ausgeschiedenen Fußballzwerg kämpfen muss.
Rullit: Genau weil sie in solchen Spielen so auftreten, sind sie weit davon entfernt, auf internationaler Ebene eine Rolle zu spielen. Andere Teams verlieren in solchen Begegnungen auf dem Platz auch fast das Gesicht, aber sie machen eben die Tore – selbst wenn es dreckige sind.
Einseitig: Trotz der Punkteteilung mit der Schweiz war Honduras eine eher unauffällige Elf bei dieser Weltmeisterschaft.
Rullit: Sie haben in der Qualifikation die Mexikaner geschlagen, also müssen sie ja irgendetwas können. Das Team hat es nur leider nicht bei dieser Endrunde gezeigt und nicht ein einziges Tor erzielt. Nicht mal gegen die Schweiz. Also eine verdiente vorzeitige Abreise.
Einseitig: Die Vorrunde ist damit vorbei – Zeit für ein kleines Zwischenfazit: Wie gefällt Dir diese Weltmeisterschaft bisher auf qualitativ-sportlicher und auf emotionaler Ebene?
Rullit: Die Vorrunde war sehr durchwachsen und größtenteils langweilig. Man denke nur an Partien wie Uruguay gegen Frankreich oder England gegen Algerien – was waren das für schlimme Spiele! Durch die Bank haben mich die Afrikaner enttäuscht. Solche Teams müssen doch für Pfeffer sorgen, stattdessen waren die Nigerianer sogar noch Aufbaugegner für die müden Griechen, die mit einem Bein doch schon im Flugzeug Richtung Athen saßen. Für mich unerklärlich, dass die afrikanische Euphorie aus dem Vorfeld sich nicht auf das Spielfeld übertragen hat. Zum Glück gibt es die deutsche Mannschaft, mit der man wirklich mit gutem Gewissen mitfiebern darf, denn sie sorgen wenigstens für einige spielerische Akzente bei diesem Turnier. Ich hatte mir darüber hinaus von so einem bunten Gastgeberland wie Südafrika mehr versprochen als das monotone Vuvuzeela-Getröte. Aber auch die ganze genormte FIFA-Ästhetik mit ihrer Monotonie in der Bildauswahl geht mir auf die Nerven: Die Spiele unterscheiden sich visuell nur dadurch, dass sich die Trikotfarben der Spieler verändern. Die Schnittfolge der Bilder ist immer die gleiche, so dass man fast versucht ist zu vermuten, hier steuere ein zentraler Computer alle Übertragungen. Es dringt so wenig Spontanes und Südafrikanisches in die Stadien, dass man die WM eigentlich auch in irgendeinem anderen Land stattfinden lassen könnte. Ein Fernsehzuschauer würde das wohl kaum bemerken.
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