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Es war bizarr, einen völlig euphorischen Fabio Capello zu sehen, der jubilierte:
Es war bizarr, einen völlig euphorischen Fabio Capello zu sehen, der jubilierte: "Ich habe heute das englische Team gesehen, das ich kenne." Ich weiß wirklich nicht, was er da gesehen haben will.
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Ein Rullit hat 90 Sekunden - Folge 14

Keine Angst vor dem englischen Team

Von Ralf Augsburg

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olge 14 vom 24.6.2010

Einseitig: Heute Morgen beherrscht ein „Geschafft!“ als kollektives „Uff!“ die Schlagzeilen zum Deutschland-Sieg gegen Ghana. War es ein Spiel auf Messers Schneide?

Rullit: Ghana war stark, aber für ein "Messers Schneide"-Spiel hat es dann doch nicht gereicht. Dazu waren die Afrikaner im Angriff zu harmlos. Das "Uff!" verleiht aber korrekt dem Gefühl für das Spiel als einer Nagelprobe für die junge deutsche Mannschaft Ausdruck. Diese musste hier eine Drucksituation meistern. Das ist ihr mit einem verdienten Sieg gelungen, allerdings war es die bislang schwächste Vorstellung der Mannschaft in diesem Turnier. Man sah dem Team diesen immensen Druck dann eben doch an.

Einseitig: Wie zeigte sich das?

Rullit: An vielen individuellen Fehlern, vor allem von eigentlichen Leistungsträgern wie Per Mertesacker. Das war schon haarsträubend, was der sich da geleistet hat. Gegen stärkere Gegner wird er sich solche Bolzen nicht noch mal erlauben können, das ist klar. Gegen Ghana hatten wir das Glück, dass Arne Friedrich sein bestes Spiel gezeigt hat.

Einseitig: Wer konnte noch überzeugen?

Rullit: Einer der besten Männer auf dem Platz war Bastian Schweinsteiger. Auch wenn jetzt manche anderer Meinung sein mögen: Ich halte ihn in dieser Verfassung für einen absolut gleichwertigen Ersatz für Michael Ballack. In der Abwehr war neben Friedrich auch Philip Lahm stark, der einige Chancen des Gegners unterbunden hat. Jerome Boateng hat sich als gute Alternative zu Badstuber erwiesen - der kann ruhig noch mal aufgestellt werden. Sami Khedira stand dagegen des öfteren mal dämlich in der Gegend rum.

Einseitig: Zeigt sich bei Ghana wieder der Fluch von so vielen Außenseitern - vorne fehlt ein Knipser?

Rullit: Es kommt nicht von ungefähr, dass sie nur mit zwei Handelfmetern weitergekommen sind - wobei man zugeben muss, dass ohne die australische Handarbeit der Ball bereits einmal für ein Feldtor über die Linie gegangen wäre. Aber dennoch zeigte sich das Dilemma in der Tat auch im Spiel gegen Deutschland zum Beispiel deutlich in der Szene, in der Kwadwo Asamoah wirklich in einer Position steht, von der aus der Ball unhaltbar reingegangen wäre - aber er sucht den Abschluss nicht gleich, und schon war auch diese Chance vertan.

Einseitig: Aufgrund der vielen Ballverluste und Fehlpässe entwickelte sich immerhin eine flotte Begegnung...

Rullit: Ich fand das Spiel eher zäh und nicht besonders temporeich. Es war ein unbequemes Kampfspiel, kein offener Schlagabtausch. Diese deutsche Mannschaft zeigt auch die klassischen Qualitäten, so ein Spiel über den Kampf zu erzwingen. Die großen spielerischen Elemente sehe ich nicht, auch nicht die Flexibilität, einen Gegner während des Spiels mit einem Systemwechsel unter Druck zu setzen. Dennoch Hut ab vor dem bisher Erreichten! Ich bin zufrieden mit unserer Elf und denke, wir können es alle sein.

Einseitig: Apropos Druck - wie angespannt waren Du und Deine Gäste beim Betrachten der Begegnung in den eigenen vier Wänden?

Rullit: Wir haben das ganz ruhig angehen lassen - in der ersten Viertelstunde haben wir erst noch den Grill aufgebaut. Die Stimmung war gut, die Würstchen knusprig und das Bier lecker - eine tolle Sache.

Einseitig: Derweil gab es doch noch eine Überraschung in unserer Gruppe D: Irgendwie schafften es die Serben, gegen Australien zu verlieren und auszuscheiden. Das ermöglichte dem afrikanischen Fußball wie 2006 ein Trostpflaster mit dem ghanaischen Weiterkommen.

Rullit: Man muss sich über die Serben wundern, dass die sich so dermaßen den Schneid haben abkaufen lassen. Sie haben Druck ausgeübt, aber ihre Chancen nicht genutzt - und dann haben die Australier das gezeigt, was sie eben auch können, und wozu sie gegen Deutschland bis auf die Anfangsphase aus irgendeinem unerfindlichen Grund nicht in der Lage gewesen sind, es ebenfalls zu zeigen. Vielleicht führte gerade dieser Ausrutscher gegen Deutschland dazu, dass sowohl Ghana wie dann Serbien die Australier fatal unterschätzt haben.

Einseitig: Auf die Gruppe C mussten wir zuletzt besonders ein Auge werfen, da sich von dort ja unser Achtelfinalgegner rekrutiert. Der heißt nun England. Und selten musste man sich vor einer englischen Mannschaft so fürchten, und vielleicht liegt gerade darin der Fallstrick.

Rullit: Es war bizarr, einen völlig euphorischen Fabio Capello zu sehen, der jubilierte: "Ich habe heute das englische Team gesehen, das ich kenne." Ich weiß wirklich nicht, was er da gesehen haben will. Es war zwar mehr zu sehen als in den ersten beiden Begegnungen - was aber nicht schwer war, denn da war ja gar nichts. Der Nachweis, dass das hier eine Krachermannschaft sein soll, fehlt nach wie vor, und nach dieser Leistung muss man vor England in der Tat weiterhin keine Angst haben. Setzt man diese Mannschaft von Beginn an unter Druck und erzielt vielleicht sogar einen frühen Treffer, werden sie das leichter zu spielende Team sein als die USA.

Einseitig: Slowenien schien allerdings schon in seiner Partie gegen die Engländer in Ehrfurcht erstarrt. Haben sie ihre komfortable Ausgangsposition nicht zu passiv aus der Hand gegeben?

Rullit: Man hatte in der Tat vor dem Beginn dieses letzten Gruppenspiels das Gefühl, dass sie es wirklich packen können. Letztlich haben sie das Weiterkommen aber gegen die Nordamerikaner verspielt, als ihnen die 2:0-Halbzeitführung fast sogar noch in eine Niederlage entglitten ist. Das war auf jeden Fall eine gefühlte Niederlage. Und auch wenn sie vor den Engländern großen Respekt hatten, waren sie ja bei Abpfiff dennoch im Achtelfinale. Bis zum Tor der USA gegen Algerien in der Nachspielzeit durch Landon Donovan. Das ist tragisch für die Europäer, aber alles in allem haben die USA das Weiterkommen eher verdient als sie. Sie haben in dieser Gruppe am meisten gezeigt, sich mehr reingehängt als die anderen Teams und sich vor allem nie in ein Ergebnis gefügt - ob es nun 0:0, 0:1 oder 0:2 lautete. Und ich finde, so eine Motivation gehört belohnt.

Einseitig: Hat Algerien eigentlich sein Feuer bereits in den giftigen Qualifikationsduellen mit Ägypten verschossen?

Rullit: Das ist dramatisch, denn da hat wirklich das schwächere Team das Ticket nach Südafrika gelöst. Da ist den Ägyptern Unrecht geschehen, sie sind verpfiffen worden. Für die Endrunde wäre es besser und attraktiver gewesen, wenn der amtierende Afrika-Meister dabei gewesen wäre.

Einseitig: Die Partien für das Achtelfinale lauten hier also USA gegen Ghana und England gegen Deutschland. Wer ist da Favorit?

Rullit: Bei USA und Ghana ist der Ausgang meiner Ansicht nach völlig offen. Die Amerikaner haben sich gegen Algerien, das ich für deutlich schwächer als Ghana einstufe, schwer getan. Gelingt es den Ghanaern mit einem Geniestreich, endlich mal ein Feldtor zu erzielen, ist ihnen viel zuzutrauen. Die Amerikaner werden sich auf ihre Kampfkraft besinnen müssen, um weiterzukommen.
Die Engländer schleppen mehr als die Deutschen den Fluch des ständigen Ausscheidens gegen uns mit sich herum, das dürfte die größere mentale Hürde sein. Zwar könnten sie diesmal aufgrund dieses Fatalismus mal befreit aufspielen und unsere Elf überraschend aus dem Weg räumen. Aber wer glaubt das schon? Außerdem würde es ihnen nicht viel nutzen, denn danach wartet mit Argentinien mutmaßlich schon ihr nächster persönlicher Fluchgegner.



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Ralf Augsburg  25.06.2010blindgif zurück zur Startseite Diesen Artikel lesen Diesen Artikel ausdrucken Möchten Sie den Artikel ''Ein Rullit hat 90 Sekunden - Folge 14'' weiterempfehlen?
 
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