Zur Startseite von www.einseitig.info
blindgif blindgif
 
blackline
Je weiter die Schere zwischen arm und reich auseinanderklafft, desto mehr ist der, in über einhundert Jahren, erkämpfte soziale Frieden gefährdet, der nicht zuletzt auch die Demokratie in ihren Grundfesten bedroht, und zwar nicht weil es das Prekariat selbst ernannten Heilsbringern in die Arme treibt, sondern weil sie in ihrer Politikmüdigkeit sich selbst von der politischen Willensbildung ausschließen und damit sich der Möglichkeit berauben, an ihrer Situation etwas zu ändern und somit nur diejenigen stärken, die von der Armut des Prekariats profitieren.
Je weiter die Schere zwischen arm und reich auseinanderklafft, desto mehr ist der, in über einhundert Jahren, erkämpfte soziale Frieden gefährdet, der nicht zuletzt auch die Demokratie in ihren Grundfesten bedroht, und zwar nicht weil es das Prekariat selbst ernannten Heilsbringern in die Arme treibt, sondern weil sie in ihrer Politikmüdigkeit sich selbst von der politischen Willensbildung ausschließen und damit sich der Möglichkeit berauben, an ihrer Situation etwas zu ändern und somit nur diejenigen stärken, die von der Armut des Prekariats profitieren.
blackline
 
blackline
Mehr zum Topic 
Schöne neue Welt 
blackline
 
blackline
Archiv 
zum kompletten Archiv Hier finden Sie alle Artikel
oder nur die
zum Archiv der Autorin/des Autors  'Armin A. Alexander'  der Autorin/des Autors Armin A. Alexander
zum Archiv der Rubrik 'Hinterbänkler'  der Rubrik Hinterbänkler
blackline
 
blackline
Suche 

     
blackline
 
blackline
RSS abonnieren
Informieren Sie sich schnell und komfortabel über neue Artikel bei einseitig.info.

RSS-Feed Neue Artikel als RSS-Feed

Zusätzliche Informationen und weitere RSS Formate finden Sie hier.

blackline
rubriktitel



Wäre ich nicht arm, wärst Du nicht reich

Unterschichten im Spiegel der Zeit - eine objektive Polemik

Von Armin A. Alexander

v
erbale Entgleisungen gegen eine Gesellschaftsschicht, die zwar immer mit ihrer – billigen – Arbeitskraft half, den Wohlstand einer Gesellschaft zu mehren, aber zugleich von den Früchten dieses Wohlstandes ausgeschlossen war, haben eine lange Tradition.

»Wäre ich nicht arm, wärst Du nicht reich«, wie Brecht den armen zum reichen Mann sagen läßt, beschreibt in einfachen Worten treffend Ursache und Wirkung. Die Armen haben immer nur Arbeiten verrichten müssen, die von der Gesellschaft als niedere angesehen worden, oder wurden herangezogen, wenn die anfallende Arbeit für die regulären Kräfte allein nicht zu schaffen war, zur Erntezeit in der Landwirtschaft.

Die Landwirtschaft war bis zur einsetzenden Industrialisierung der Wirtschaftszweig mit den meisten Beschäftigten. Sie wurden abwertend als Tagelöhner, heute euphemistisch Saisonarbeiter, bezeichnet, wodurch sie auch sprachlich vom Arbeitenden mit regulärem Beschäftigungsverhältnis abgesetzt wurden, der seinen Lohn wöchentlich erhielt.

Daß sie dumm seien, an ihrem Elend selbst schuld, dem Trunk verfallen, derb, es nie zu etwas bringen würden, faul, an regelmäßiger Arbeit nicht interessiert, sich hemmungslos ihren Trieben hingeben würden, und was es an Vorurteilen mehr gibt, wurde ihnen fortwährend vorgehalten, ohne auch nur die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, daß hier Ursache mit Wirkung verwechselt wurde.

Ein historischer Abriß

Nicht nur wirtschaftlich sondern auch politisch waren Unterschichten gewollt. In den streng hierarchisch gegliederten Gesellschaften und Staatensystemen der europäischen Vergangenheit sorgten die Unterschichten dafür, daß die Bevölkerungsgruppen, die die Hauptwirtschaftsleistung erbrachten und damit erst den Prunk der Herrscherhäuser und des Klerus’ ermöglichten, aber ebenso wie die Arbeiter von der politischen Willensbildung ausgeschlossen waren, sich dennoch ihrer Ohnmacht nicht so bewußt werden konnten; es gab eine Bevölkerungsschicht, die noch niedriger stand als sie und denen, ebenso wie ihnen selbst, der Aufstieg in eine höhere Schicht so gut wie verwehrt war.

Geht es einem selbst nicht so gut, dann kann es durchaus beruhigend sein, zu wissen, daß es jemand gibt, dem es noch schlechter geht. Darüber hinaus konnte sich im Mittelalter die begüterte Oberschicht mit Mildtätigkeit den Armen gegenüber einen besseren Platz im Paradies »erkaufen«, oder ein möglicherweise schlechtes Gewissen mit ein paar Kupfermünzen beruhigen. Auch an Vorschlägen der Bessergestellten, den vermeintlichen Eliten, wie die Armen ihr Los mildern könnten, ist nie gespart worden. Marie-Antonettes: »Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen«, ist stellvertretend dafür zu sehen.

Mit dem Beginn der industriellen Revolution, eingeläutet durch die Erfindung des mechanischen Webstuhls und der Dampfmaschine, sollte die Durchlässigkeit der Gesellschaftsschichten größer werden, vor allem nach unten. Zwar ist das industrielle Zeitalter auch der Beginn des vorherrschenden Bürgertums, das überwiegend aus den Kaufleuten und den Handwerkern hervorging, aber eben auch der Beginn der Verarmung breiter Bevölkerungsschichten. Die Weber waren die erste Berufsgruppe, die durch die Einführung des mechanischen Webstuhls – zuerst in England – Massenarbeitslosigkeit zu spüren bekamen.

England zuerst

Doch nicht nur in England wurden zahllose kleine Weber von den Fabriken verdrängt. Die maschinelle Massenproduktion von Tuch ermöglichte es, die Preise drastisch zu senken und große Mengen zu exportieren. Obwohl sich in Deutschland die Industrie erst allmählich während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert zum wichtigsten Wirtschaftszweig entwickelte, bekamen die Weber ihn bereits zu Beginn der 1840er Jahre zu spüren.

Gewebt wurde bis dahin vorwiegend in Heimarbeit im Auftrag einiger weniger Großhändler, die das Garn stellten und die durch die billigeren Produkte aus England gezwungen waren, ebenfalls preisgünstig zu produzieren, was im vorindustriellem Deutschland nur möglich war, in dem die Löhne der Weber drastisch gesenkt wurden, so daß der Verdienst nicht mehr zum Leben reichte. 1844 kam es in Folge der starken Verarmung zum sogenannten Weberaufstand, der von der Obrigkeit blutig niedergeschlagen wurde. Bis hinein ins 20 Jahrhundert sollte der Staat noch aktiv in die Arbeitskämpfe zugunsten des Kapitals eingreifen.

Durch die Industrialisierung waren nicht nur die Weber, sondern auch Töpfer, Schneider und Schuhmacher, um nur einige als Beispiel zu nennen, mit ihren Waren des täglichen Bedarfs gegenüber der industriellen Massenproduktion nicht mehr konkurrenzfähig. Weshalb ihnen nichts anderes übrig blieb, als sich in den Fabriken für weniger Geld bei gleicher Arbeit zu verdingen, was ein gesellschaftlicher Abstieg bedeutete. Nur wenigen gelang es, sich mit ihren handgefertigten Produkten weiterhin in einer Nische ein Auskommen zu verschaffen.

Die Folgen des gesellschaftlichen Abstiegs, das Los, der von wenigen Industriellen abhängigen Arbeiter, beschreibt Charles Dickens bereits früh und besonders anschaulich, mit der ihm eigenen Portion Ironie, in »Harte Zeiten«. Die Dichter des Naturalismus, allen voran Émile Zola mit »Germinal«, nahmen sich den Problemen der Arbeiterschaft an und versuchten Vorurteile gegenüber den Unterschichten zu widerlegen und die wahren Ursachen für deren Lebensumstände aufzuzeigen.

Im 20. Jahrhundert beraubte der konsequente Einsatz von Maschinen in der Landwirtschaft, die längst der Wirtschaftszweig mit dem intensivsten Maschineneinsatz geworden ist, unzählige Bauern ihrer Existenz, die sich nun ebenfalls in den Fabriken verdingen mußten. Doch durch den großen Bedarf an Industriegütern, der infolge der frühindustriellen Produktion noch im hohen Maß manuelle Arbeit erforderte, fand die Mehrzahl jedoch Arbeit, wenn auch schlecht bezahlte.

Jedoch erkannte die Arbeiterschaft, die sich ja ursprünglich überwiegend aus der Mittelschicht rekrutierte, schnell, daß sie sich organisieren mußte, wollte sie nicht trotz Arbeit verarmen. Die organisierte Arbeiterschaft sorgte dafür, daß die, die den Reichtum einiger weniger durch ihre Arbeit mehrten, einen Anteil daran bekamen und somit die nötige Kaufkraft, um die von ihnen gefertigten Produkte auch erwerben zu können und dadurch den allgemeinen Wohlstand erst ermöglichten.

Der beispiellose wirtschaftliche Aufschwung der frühen Nachkriegsjahre ließ die Unterschicht scheinbar zu einem Relikt der Vergangenheit werden. Es gab mehr als genug Arbeit, so daß sogar Arbeitskräfte aus dem Ausland rekrutiert werden mußten. Doch nahm bereits in den 1960er Jahre eine Entwicklung ihren Anfang, die die Arbeitswelt ebenso umwälzen sollte, wie seinerzeit die Dampfmaschine und der automatische Webstuhl: die elektronische Datenverarbeitung (EDV). Diese hielt eben nicht nur in der Industrieproduktion Einzug, sondern in alle Wirtschafts- und Lebensbereiche, die öffentlichen wie die privaten gleichermaßen, so daß längst ohne sie nichts mehr funktionieren konnte.

Trotz Fließbandproduktion waren es lange Zeit noch Menschen, die mit Unterstützung der Maschinen Waren produzierten. Die EDV jedoch ermöglichte es, daß Maschinen selbständig Güter hoher Qualität herstellen können. Menschenleere Fabrikhallen, in denen Roboter alle Produktionsschritte verrichten, sind heute längst keine Utopie mehr.

In der Verwaltung sieht es nicht viel anders aus. Arbeitszeiterfassungssysteme sind an die Stelle der alten Stechuhr getreten, Daten werden zentral erfaßt und ausgewertet, schneller und effektiver als Menschen es je könnten. Geldautomaten haben viele Angestellte am Schalter überflüssig werden lassen und mit dem Online-Banking nimmt der Kunde den Banken auch Arbeit ab.

Und ein Ende dieser Entwicklung ist noch lange nicht abzusehen. Nicht ohne Grund stellte der US-amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin bereits 1996 in seinem Buch »Das Ende der Arbeit« die These auf, daß die konsequente Rationalisierung dazu führen wird, daß nur noch wenige Menschen für den Arbeitsprozeß notwendig sind.

Unterschichten heute

Traf die Automatisierung anfangs die überwiegend angelernten Kräfte in der Industrie, so sind heute längst auch höher qualifizierte Kräfte davon betroffen: Maschinen arbeiten billiger und effizienter.

Und die Unterschichten rekrutieren sich längst nicht mehr nur aus den sogenannten Geringqualifizierten. Noch nie war in der neueren Geschichte die Gefahr gesellschaftlich abzurutschen so groß wie in der gegenwärtigen Situation. Denn neben dem Wegfall vieler Arbeitsplätze hat eine kaum weniger fatale Entwicklung eingesetzt: der Niedriglohnsektor, der dafür sorgt, daß Menschen trotz Vollzeitstelle nicht genug für den täglichen Bedarf haben, der zwar von staatlicher Seite aufgestockt wird, aber letztlich nichts anderes als eine versteckte Lohnsubvention ist.

Im Gegensatz zu den früheren industriellen Revolutionen wird durch die gegenwärtige keine neuen Arbeitsplätze in anderen Bereichen geschaffen, sondern nur das Heer derjenigen vergrößert, die dauerhaft ohne Arbeit sein werden. Daher ist es mehr als nur perfide, das Prekariat mit den alten Vorteilen zu belegen, wie Faulheit, Dummheit, Zügellosigkeit, trunksüchtig; was auch immer. Die Diffamierung der Unterschichten dient ledglich der Umverteilung von unten nach oben, womit wir wieder bei Brecht wären.

Mit aberwitzigen und weltfremden Vorschlägen, wie dem »finanziellen Austrocknen« des Prekariats, damit sie sich die Betroffenen Arbeit suchen müssen, ohne zu sagen, wo diese Arbeit denn herkommen soll, wird das Prekariat zum Sündenbock instrumentalisiert. Im Zuge dieser Kampagne wird ihm vorgeworfen, es würde sich hemmungslos vermehren und es müsse verhindert werden, daß Frauen aus dem Prekariat Kinder bekommen, da diese ja nur das Heer der Dummen vergrößern würden, die niemals qualifizierte Arbeitskräfte werden können. Diese Vorschläge machte der Bremer Soziologen Professor Dr. Dr. Gunnar Heinsohn in einem Interview der FAZ vom 16 März 2010. Auch hier wird in reiner Schwarzweißmalerei Ursache mit Wirkung verwechselt.

»Wer will das Menschen sich schlecht benehmen, der muß sie nur schlecht behandeln«.

Daß Menschen, die in Perspektivlosigkeit gedrängt werden, bestimmte von Hoffnungslosigkeit geprägte Verhaltensweisen entwickeln, wird ignoriert. Es gilt: »Wer will das Menschen sich schlecht benehmen, der muß sie nur schlecht behandeln«. Längst entscheidet in Deutschland die soziale Herkunft über den schulischen Werdegang eines Kindes. Dabei wäre es gerade existenziell wichtig dafür zu sorgen, daß die Fähigkeiten gerade dieser Kinder entwickelt werden.

Daß eine höhere soziale Herkunft nicht automatisch klügere Kinder bedeutet, zeigt der steigende Bedarf an professioneller Nachhilfe, die sich eben nur die Eltern leisten können, die über ein adäquates Einkommen verfügen. Familien, die mit jedem Euro rechnen müssen, können sich eine professionelle Nachhilfe nicht leisten und geraten dadurch zwangsläufig ins Hintertreffen. Auf diese Weise tut sich ein Teufelskreis auf, denn auch diese Kinder werden nie in die Lage versetzt, ihren Kindern eine höhere Bildung zu finanzieren, was natürlich die pseudointellektuelle Argumentation gewisser Personenkreise bestätigt.

Abhilfe würde eine ganztägliche Betreuung der Kinder schaffen: vormittags Unterricht, nachmittags betreute Hausaufgaben, die keinen Unterschied zwischen arm und reich macht und Kinder aus bildungsfernen Schichten zu Kindern mit Bildung macht. Kinder nur wegen ihrer sozialen Herkunft von höherer Bildung auszuschließen, bedeutet nicht zuletzt eine beispiellose Verschwendung von Talenten.

Doch es fällt in der gegenwärtigen Situation leicht, das Prekariat auszugrenzen. Anders als die Arbeiter des 19. Jahrhunderts. Und 20. Jahrhunderts ist das Prekariat nicht organisiert und überwiegend unpolitisch. Die Gewerkschaften haben durch Zurückhaltung in den Tarifverhandlungen trotz Wirtschaftswachstum seit den 1990er Jahren viel Vertrauen verspielt, das sie erst wiedergewinnen müssen. Ansätze gibt es dazu bereits.

Je weiter die Schere zwischen arm und reich auseinanderklafft, desto mehr ist der, in über einhundert Jahren, erkämpfte soziale Frieden gefährdet, der nicht zuletzt auch die Demokratie in ihren Grundfesten bedroht, und zwar nicht weil es das Prekariat selbst ernannten Heilsbringern in die Arme treibt, sondern weil sie in ihrer Politikmüdigkeit sich selbst von der politischen Willensbildung ausschließen und damit sich der Möglichkeit berauben, an ihrer Situation etwas zu ändern und somit nur diejenigen stärken, die von der Armut des Prekariats profitieren.



Diesen Artikel bookmarken bei...
  • Mr Wong
  • Del.ico.us
  • Reddit
  • Digg

Hinweis: Diese Verlinkungen führen Sie auf externe Seiten.
Bei Wikipedia erfahren Sie mehr zu Soziale Lesezeichen.?

Armin A. Alexander  02.05.2010blindgif zurück zur Startseite Diesen Artikel lesen Diesen Artikel ausdrucken Möchten Sie den Artikel ''Wäre ich nicht arm, wärst Du nicht reich'' weiterempfehlen?
 
Blindgif
blindgif
Editorial | Kontakt | Impressum
zurück zur Startseite