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Olympisches Gold - mit Sonne im Herzen und Narben auf der Seele
Torsten May über Glanz und Elend eines Box-Olympiasiegers

Von Peer Zickgraf
orsten May im Gespräch über Glanz und Elend eines Box-Olympiasiegers.

Einseitig.info: Wie muss ich Sie anreden: Herr May oder Herr Olympiasieger May?

May: Wir haben uns beim Sport kennen gelernt und beim Sport ist es üblich, dass man sich duzt. Ich bin Torsten, Du bist Peer - also wir können auch du sagen.

Einseitig.info: Professoren oder Doktoren redet man gewöhnlich mit Titel an; doch einen Olympiasieger, der mindestens ebenso viel geleistet hat, wie ein Professor nicht. Wie findest Du das?

May: Sportler fühlen sich im Allgemeinen nicht sehr wohl damit, als Herr Olympiasieger oder Frau Olympiasiegerin tituliert zu werden. Allerdings bin schon der Meinung, dass der Vergleich irgendwie Sinn macht - den Titel Olympiasieger behält man immerhin sein Leben lang.

Einseitig.info: Je nachdem, sogar darüber hinaus.

May: Genau, denn mit dem Olympiasieg trägt man sich ja in die einschlägigen Geschichtsbücher ein. Wichtiger ist mir aber der olympische Gedanke, der die Menschen verbindet - eine Titelansprache würde hier unnötige Hemmschwellen aufbauen. Ich glaube, dass Olympiasieger, Doktoren oder Professoren ziemlich gut wissen, was sie geleistet haben, und wenn sie bodenständig geblieben sind, kommt es bei ihnen auch nicht auf die Anrede an.

Einseitig.info: Wann hast Du das erste Mal vom großen sportlichen Triumph geträumt?

May: Schon sehr früh, denn ich habe mit sieben Jahren mit dem Boxen begonnen. Ich komme aus der ehemaligen DDR und da mein Vater selbst Sportler war, hat er mich schon in jungen Jahren für den Boxsport begeistert. Mein Ziel war es bereits als Kind, auf die Kinder- und Jugendsportschule delegiert zu werden - ich wollte dort das Rüstzeug bekommen, um ein erfolgreicher Sportler zu werden. Olympiasieger zu werden, erschien mir aber als ein Traum, ein unerreichbares Ziel. Speziell das Boxen ist ein unglaublich harter Sport, es muss einfach alles stimmen. Deswegen traute ich mir erst als ich mit 20 Jahren ein junger Mann geworden war, etwas mehr zu.

Einseitig.info: Wann wurde der Traum konkret?

May: Hier muss ich ausholen: Ich habe in der Sportschule viele Jahre mit Henry Maske trainiert und natürlich war er mein Vorbild. Maske ist fünf Jahre älter als ich. Als ich mit 14 Jahren auf die Sportschule kam, war Maske um die 20 Jahre alt und er hatte schon die ersten Erfolge vorzuweisen. 1988 wurde er in Seoul bereits Olympiasieger. Da wir viel gemeinsam trainierten und ich viele Sparrings mit ihm machte, sagte ich mir: 'Der Henry hat es geschafft, Du hast mit ihm trainiert und kannst mithalten - eigentlich ist der Olympiasieg gar nicht so weit weg.'

Einseitig.info: Das Vorbild entpuppte sich also als ein persönliches Zugpferd?

May: Henry Maske war tatsächlich mein Zugpferd; wir sind im selben Sportclub groß geworden, wir haben den gleichen Stil, schließlich ist Maske, genau wie ich als Rechtsausleger ein Linkshänder. Außerdem kämpfte er fast in der gleichen Gewichtsklasse wie ich.

Einseitig.info: Wann wurdest Du Dir auf dem olympischen Turnier in Barcelona bewusst, dass es für Gold reicht? Oder hat es irgendwann bei Dir Klick gemacht?

May: Den Klick gab schon ein halbes Jahr zuvor, als ich im Dezember 1991 in Sydney Amateur-Weltmeister geworden bin: Zu dem Titel kam ich seinerzeit wie die Jungfrau zum Kinde. Kurz zuvor hatte ich mich als erster Gesamtdeutscher Meister für die WM qualifiziert, als ich den großen Favoriten Sven Lange (Schwerin) in der alten Sporthalle in Köln-Deutz bezwungen habe - Lange war immerhin Europameister.

International gesehen war ich ein total unbeschriebenes Blatt und dennoch mit gerade einmal 22 Jahren Weltmeister geworden. Jetzt wurde mir aber bewusst, dass ich etwas reißen kann. So habe ich mich akribisch auf die Olympiade vorbereitet, wobei ich mit großen gesundheitlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Hauptproblem war eine unterschwellige Grippe mit der ich mich beim Training rumplagte. Schließlich schaffte ich es doch bis zur Olympiade in Barcelona. Dort hatte ich das Gefühl, dass ich es packen kann. Es galt nur, die Nerven zu behalten und ergebnisorientiert zu boxen. Ich wollte nicht gar nicht erst anfangen, zu zaubern oder irgendwelchen Leuten zu gefallen.

Deswegen kam es zu vielen Auseinandersetzungen mit meinem Trainer. Er wollte, dass ich als Weltmeister glänze und souverän boxe. Obwohl ich seine Intention verstand, ging es mir darum von einem Kampf zum Kampf nächsten zu gewinnen, um das Finale zu erreichen und die Goldmedaille zu holen. So hatte ich zwei Wochen lang eine krasse Zeit und mein Trainer und ich haben kaum noch miteinander geredet. Ein normales Ritual vor dem Finale wäre es gewesen, mich mit meinem Trainer aufzuwärmen - doch danach war mir nicht zumute. Ich wusste aber, dass ich gewinne und war mir meiner Sache sehr sicher.

Einseitig.info: Wer war der Gegner?

May: Rostislaw Saulitschni. Er gehörte der Mannschaft GUS an, dem Nachfolgestaat der Sowjetunion. Nun, kurz bevor ich die Kabine verließ, habe ich meinem Trainer gesagt: "Komm jetzt holen wir uns die Goldmedaille." So kam es dann auch.

Einseitig.info: Wie war die Stimmung im Stadion?

May: Ich war sehr auf meinen Gegner fixiert und habe nur auf die Reaktionen des Ringrichters geachtet. Mir ging es darum, die Punktrichter davon zu überzeugen, dass ich der Bessere bin. Ich musste allerdings mit meinen Kräften haushalten, da ich vier harte Kämpfe hinter mir hatte. Deshalb sah meine Strategie so aus, dass ich in der ersten Runde direkt losgelegt und den Kampf dominiert habe. In der zweiten Runde habe ich versucht, den Vorsprung zu halten und in der dritten Runde ging es noch darum, den Vorsprung zu halten.

Einseitig.info: Ein klarer Sieg also?

May: Im Kampf wurde eine Punktmaschine verwendet und jeder gezählte Punkt wurde dort eingegeben: Ich hatte am Ende fünf Punkte Vorsprung, was ein relativ klarer Vorsprung ist. In der Halle war dennoch ein deutliches Kribbeln zu spüren. Es war ja das Finale und man bemerkte die Unruhe. In der Halle war die starke Anwesenheit der Kubaner spürbar. Kuba erlebte seinen Zenit im Boxsport, was in acht Olympiasiegen deutlich zum Ausdruck kam. Vier andere Länder, darunter Deutschland teilten sich die restlichen Goldmedaillen auf. Neben mir zählte Oscar de la Hoya (USA) zu den Olympiasiegern, ein Irländer, sowie ein weiterer Deutscher.

Einseitig.info: Gab es gute Kontakte zu den Kubanern?

May: Wir kannten uns, da wir gemeinsam in Hennef trainierten.

Einseitig.info: Es gibt ein Bild von Dir auf Deiner Homepage: Du hast die Goldmedaille umhängen, aber im Gesicht sieht man eine starke Schwellung. Wieso?

May: Diese Verletzung habe ich mir im Kampf im Viertelfinale gegen den Amerikaner Montel Griffin durch einen Kopfstoß zugezogen. Glücklicherweise habe ich das Viertelfinale haarscharf nach Punkten gewonnen. Aufgrund der Verletzung und den nächsten Kämpfen mit Wiegen, ärztlichen Kontrollen stand es immer auf der Kippe, ob man mich mit der Verletzung für den nächsten Kampf zugelassen würde. Doch unser Teamarzt hat die Wunde mit einem Desinfektionsmittel zugekleistert, das aus der Veterinärmedizin kommt. Es sieht zwar blöd aus, hilft aber. Auch die Ärztekommission hatte dagegen keine Einwände, so dass ich das Ding bis zum Finale drauf gelassen habe: Es hat mir Glück gebracht.

Einseitig.info: Du warst schließlich Olympiasieger. Wie ging es Dir?

May: Ich war unglaublich erleichtert und fühlte einen großen Stolz. Mir war in diesem Moment zumute, als ob ich schwebte. Allerdings musste ich noch zurück ins olympische Dorf und es stand noch die Dopingkontrolle bevor. Da ich aber zu aufgeregt und ausgepumpt war, hatte ich keine Flüssigkeit mehr in meinem Körper. So ging es ganz schnell zur Siegerehrung.

Einseitig.info: Wofür die übertriebene Hektik?

May: Weil da die Kontrolleure standen und auf mich warteten. Zur gleichen Zeit gab es die Gespräche im ZDF, bei denen hat mich mein Trainer vertreten. Als ich irgendwie nach drei Stunden ins olympische Dorf kam, war ich einfach nur glücklich. Allerdings auch so platt, dass mir nicht wirklich zum Feiern zumute war. Daher ließ ich auch die Abschlussfeier im Stadion ausfallen: Ich saß in meinem Zimmer und habe mich über mich selbst gefreut und dabei meine sieben Knochen zusammengenommen.

Die eigentliche Realisierung, dass ich Olympiasieger geworden war, kam erst viele Jahre später. Nach dem Olympiasieg ging es nämlich Schlag auf Schlag. Schon ein Jahr später bin ich Profi geworden und nun musste ich unter Beweis stellen, was ein "Amateur- Olympiasieger" als Profi drauf hat. Wenn man da so drin ist in diesem Strudel des Wettkampfs und der Wettkampfvorbereitung kommt man leider gar nicht zum Luft holen.

Einseitig.info: Das heißt, man kann den Olympiasieg als aktiver Sportler gar nicht richtig genießen und wertschätzen?

May: Du kommst ja gar nicht dazu, weil immer neue Aufgaben auf dich zu rollen, wie die nächste Meisterschaft, irgendwelche Quali-Kämpfe und so fort. Das macht es schwierig für einen Sportler, den Olympiasieg tatsächlich auszukosten.

Peer Zickgraf 16.03.2010Diesen Artikel ausdrucken

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