Wirkliche, wirksame Orte, die Utopien repräsentieren, Heterotopien als ausgestaltete Utopien. Vor diesem Hintergrund ist der Zoologische Garten anzuknüpfen an die Beispiele von Foucault, das Gefängnis, die Altersheime, der Friedhof, das Theater, Kino, Feriendörfer, Kreuzfahrtschiffe, Bordelle usw. Foucault bezeichnete ja auch den Garten als eine Heterotopie schlechthin, also auch der Zoologische Garten.
ie ursprüngliche Natur gibt es gar nicht mehr. Man kann sie, wenn überhaupt, in Industriebrachen finden. – Oder in Zooparadiesen: Die Beschäftigung mit dem Zoo und dem Exotismus führte den Geographen und Biologen Dr. Marcus Werner auch zur Beschäftigung mit der Biotechnologie und Züchtungsprogrammen.
Einseitig.info: Wie kam es zu dem Zooprojekt und was ist Ihr ursprüngliches Erkenntnisinteresse?
Marcus Werner: Ursprung der Beschäftigung mit dem Zooprojekt ist wohl mein eigener, persönlicher Exotismus aus der Jugend und Adoleszenz. Während meines naturwissenschaftlich-ökologischen Studiums wurde dann das romantische Bild der Natur, also das Paradigma der Harmonie, des Gleichgewichtes und ursprünglicher Wildnis, zunehmend bedrängt. Meine eigene Motivation, mich mit Tieren, Pflanzen und deren Lebensräumen zu beschäftigen, musste ich immer mehr reflektieren und hinterfragen (freilich faszinieren mich Bilder einer naturnahen Landschaft u.ä. noch immer).
Bald geriet das dualistische Prinzip von Natur und Kultur, z.B. auch über das Thema Stadtökologie, in meinen Wahrnehmungsbereich. Der nächste Schritt zur Beschäftigung mit dem Zoo war dann meine Arbeit über Psychobiogeographie. Hier fesselte mich der Stephen Trudgill, ein physischer Geograph, der vehement konstatiert, dass biogeographische und ökologische Forschungen von kulturellen Konstruktionen mitgeprägt werden. Im Hinblick auf die praktische Umsetzbarkeit solcher Forschungen, z.B. im Naturschutz, soll das verstärkt berücksichtigt werden. Also Wertvielfalt: Natur und Umwelt können unter ökologischen, wirtschaftlichen, ästhetischen, emotionalen und moralischen Aspekten bewertet werden, und es kann nicht a priori von einer Dominanz eines bestimmten Wertesystems ausgegangen werden, - wenn doch schon ökologische Ergebnisse mit persönlichen Motiven oder Emotionen des Forschers wie auch immer in Beziehung stehen..
Mehr und mehr wurde mir jedenfalls bewusst, dass Natur und Kultur nicht so sauber getrennt sind, wie man dies als Erstsemester denken mag. Mir dämmerte: Die ursprüngliche Natur gibt es gar nicht mehr. Man kann sie, wenn überhaupt, in der Stadt finden, v.a. in Industriebrachen, wo sich Natur frei entwickelt. Dort kann diese Entfaltung vielleicht freier vonstatten gehen als in irgendeinem Nationalpark, der intensiv beforscht und durch Monitoring-Verfahren streng überwacht wird. Nationalparks existieren ohnehin nur, weil sie Ergebnis von Aushandlungsprozessen und Kämpfen sind. Jedenfalls ist das, was wir als freie Natur wahrnehmen und bezeichnen, ein überaus kulturelles Produkt, durch Deutungs- und Machtkämpfe über ein Territorium zustande gekommen.
Was ist überhaupt Natur bzw. Kultur? Gibt es einzelne verschnittene Phänomene, oder ist es nicht sowieso ein hybrides Feld von Natur und Kultur, also Naturkulturen oder Culturenatures? Konzepte von ursprünglicher Natur, Wildnis oder das pure Andere, so viel wurde mir bewusst, haben meist keine dialektische Qualität. Sie werden als romantisierende Bilder von Natur konserviert und in unseren Köpfen bzw. in den Köpfen von Kindern und Jugendlichen verpflanzt.
Mir kamen dann die Institutionen in den Blick, in denen sich (wilde) Natur und heftige (Kultur) auffällig miteinander verschneiden.
So stieß ich auf den Zoologischen Garten als eine Institution, in der Aushandlungsprozesse stattfinden zwischen: Natur-Kultur, das Eigene-das Fremde, Exotik-Nichtexotik, Stadt-Land, Kinder-Erwachsene, Bildung-Spektakel, Pädagogik-Unterhaltung etc. In Anschluss an den Wissenschaftssoziologen Bruno Latour gehören Zoos mit Bibliotheken und Forschungsinstituten zu den ‚Centers of Calculation’. Und der Geograph David Livingstone hat den Zoo als ‚hermeneutic enactment’ bezeichnet: als Zentren, in denen die hermeneutischen Kräfte westlich geprägter Diskurse ihre Wissensobjekte präsentieren.
Dort wird den Besuchern eine wissenschaftliche fundierte Darstellung der Welt repräsentiert, konfiguriert nach den Konventionen europäischer Systematik, Taxonomie und zunehmend auch Ökologie, letztlich also auch Naturbilder und -konzeptionen. Das alles aber nicht nur ineiner medialen Dimension, wie z.B. in Kinderbüchern oder Fernsehdokumentation, sondern auf der Grundlage von leibhaftigen Wesen.
Einseitig.info. Ich hätte erwartet, dass Michel Foucault mit seiner archäologischen Methode (Geburt des Gefängnisses in „Überwachen und Strafen“) ebenfalls eine Rolle in Ihren Forschungen spielt...
Werner: Zweifellos. Jedoch habe ich es vermieden, Gewalt gegenüber Tieren mit Gewalt gegen Menschen zu vergleichen. So wollte ich auch nicht in dieDiskussion über Menschenrechte für Tiere hineingeraten. Foucault ist vielmehr mit dem Konzept der ‚Anderen Räume’ für mich außerordentlich wichtig. Wirkliche, wirksame Orte, die Utopien repräsentieren, Heterotopien als ausgestaltete Utopien. Vor diesem Hintergrund ist der Zoologische Garten anzuknüpfen an die Beispiele von Foucault, das Gefängnis, die Altersheime, der Friedhof, das Theater, Kino, Feriendörfer, Kreuzfahrtschiffe, Bordelle usw. Foucault bezeichnete ja auch den Garten als eine Heterotopie schlechthin, also auch der Zoologische Garten.
Die Beziehung des Menschen zu seiner nichtmenschlichen Umwelt wird in einem modernen Zoo durchaus so dargestellt, als ob die damit zusammenhängenden Probleme technisch bzw. wissenschaftlich lösbar sind. Der Zoo ist ja eine Institution, die unter dem Leitbild der ökologischen Modernisierung Fortschrittsoptimismus transportiert. Das ist angesichts der Käfigtiere völlig ambivalent; nach Foucault: zusammengelegte Plazierungen, an sich aber unvereinbar. Jedenfalls ist Foucault nicht nur mit den ‚Anderen Räumen’ für Geographen sehr interessant.
Einseitig.info: Mit Ihrem Forschungsprojekt eröffneten Sie zu Beginn des 21 Jahrhunderts eine Baustelle, die bis heute unvollendet geblieben ist. Sie konnten Ihre Hypothesen nicht empirisch belegen. Womit wollten Sie denn Neuland betreten?
Werner: Wenn man interdisziplinär arbeitet und die Ansätze vieler Forschungsdisziplinen im Auge hat, ist es schwer zu beurteilen, wo man Neuland betritt. In England und Amerika gibt es ja schon seit einiger Zeit eine sog. ‚new animal geography’ – und in diesem Zusammenhang auch vereinzelt Arbeiten über den Zoo. Im deutschsprachigen Raum wäre die Frage nach den Zoos als postmoderne Erlebnislandschaften kaum bis etwas innovativ gewesen. Mir ging es aber nicht nur um die landschaftliche Strukturierung und Wahrnehmung, sondern ich wollte schon auch eine sozialgeographische Dimension öffnen; die Zootiere als Aktanten in einem relationalen Konzept einbeziehen, die Handlungsträger insofern sind, als Sie an dem Aushandlungsprozess über Tiere, Lebensgemeinschaften, Natur- und Weltbilder beteiligt sind. Neuland in Deutschland, glaube ich zumindest war damals auch die Ausweitung der Problemstellung hin zur Biotechnologie.
Einseitig.info: Mit der Biotechnologie eröffnen sich nicht nur dem Markt ungeahnte Möglichkeiten. Welche wissenschaftlichen und ökonomischen Interessen könnten sich hier formieren?
Werner: Die Biotechnologie hat durchaus eine geographische Dimension, insbesondere die grüne Biotechnologie. Hier sind auch bereits ab den späten 1980er Jahren vereinzelt Arbeiten von Geographen erschienen. Die Biotechnologie ist darüber hinaus zur Speerspitze dessen geworden, was wir im Verlauf der Menschheitsgeschichte an Gestaltungspotenzial inzwischen erlangt haben. Die Gesellschaft entwickelte zwar technische und technologische Fertigkeiten, doch mit der Gentechnologie befinden wir uns nun quasi in einer neuen Dimension. Durch die Verfügbarkeit der Genetik für ingenieursmäßige Zugriffe ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten. Der genetische Code (also die Abfolge der Aminosäuren A, G, T, C in der DNA bzw. RNA) wird hierbei als Text verstanden und konzeptualisiert – und es kommt darauf an den Code zu übersetzen.
Der wesentliche Unterschied zur traditionellen Humanmedizin oder zur Züchtungspraxis von Tieren ist die zunehmende Vertrautheit, das Verständnis und die Lesbarkeit von Genomen. Biologische Körper werden in der Gentechnologie zu Produkten eines „lesbaren“ Codes. Die Unruhe, die der gentechnologische Fortschritt verbreitet, hat seine Ursache in der Textualität des Genoms und damit einer Vergleichbarkeit mit der menschlichen Sprache. Daraus nährt sich die immer wiederkehrende Aussage, dass der Mensch in die „göttliche Schöpfung eingreift“.
Gene sind gewissermaßen Text geworden und sie werden wie ein Buch der Evolution gelesen, das der Mensch nach Belieben fort schreiben kann. Das klingt natürlich überzogen und bestimmt sind auch überzogene Erwartungen im Spiel. Ob wir den Lauf der Evolution tatsächlich ändern, mal abgesehen von der Biodiversitätskrise des Anthropozäns; in jedem Fall haben wir aber mit der Bio- und Gentechnologie viele Möglichkeiten bekommen, auf bestimmte Organismen und unsere Umwelt einzuwirken. Populär ist ja das Beispiel der GloFish, fluoreszierenden Zebrabärblinge, die als Hausttiere erhältlich sind. Vielen erscheint das als bedrohlich, zumindest aber als ambivalent. Dabei ist die Ambivalenz grundsätzlich kennzeichnend für unseren Umgang mit Natur und nicht-menschlichen Lebensformen.
Einseitig.info: Sie sprechen von Gefährdungen und Ambivalenzen, doch ich möchte noch einen anderen Aspekt ins Spiel bringen: Ist mit der Biotechnologie nicht Tür und Angel für ein faschistisches Züchtungsprogramm geöffnet? Oder anders gefragt: Knüpfen Biofabriken nicht wieder an einem überwunden geglaubten Projekt des neuen Menschen, heute unter neoliberalen Vorzeichen, an?
Werner: Dieser Aspekt lag für mich auch immer wieder auf der Hand. Ich kam zu solchen Überlegungen über das Thema der Andersartigkeit und Exotismus. Exotische Pflanzen, exotische Gewächse, exotische Kulturen, exotische Musik – lauter solche Dinge. Wenn man dann zur Kenntnis nimmt, welche Kolonialisierungs- und Eroberungsstrategien erfolgt sind, damit all diese exotischen Dinge überhaupt bekannt geworden sind, und welche Reinigungs- und Zurichtungspraktiken erfolgen, damit das alles in einer bestimmten und gewollten Form an bestimmten Orten noch existieren darf oder soll, stößt man schnell auf eine Diskussion über Vermarktungsprozesse und Medialisierungen und auch den Rassismus.
Andersartigkeit kann immer auch als Bedrohung wahrgenommen werden. Solange das Andere gewissermaßen in place ist, okay und sehenswert; aber out of place, d.h. in der Sphäre des Eigenen, dann kann es kritisch oder unangenehm werden. Deswegen muss das andersartige Phänomen dann als exotisches Produkt sozusagen gezähmt werden. Exotismus ist vor diesem Hintergrund sowohl eine Form der persönlichen Auseinandersetzung als auch eine Aneignungsstrategie des Fremden und Anderen.
Es besteht aber die Gefahr des Umkippens, als ob hier eine potenzielle Demarkationslinie durchführt, an der Vorurteile und Konflikte ausbrechen können. Exotismus kann sich dann auch in Stigmatisierungsstrategien, Subordination, Unterdrückung und Gewalt Ausdruck verschaffen. Im Umgang mit dem Exotischen oder Anderen ist Domestikation irgendwie immer noch inhärent angelegt, trotz aller Hybridisierungen usw. Nun ja, irgendwann bin ich dann auch auf Peter Sloterdyks „Regeln für den Menschenpark“ gestoßen, und die Diskussion darüber.
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