er Bilderzyklus des Dogenpalastes, den berühmte Künstler des 16. Jahrhunderts im Auftrag des venezianischen Staates gestaltet haben, ist ein Lehrstück für das Spannungsverhältnis zwischen Eigensinn des Künstlers und Propaganda. Ein Gespräch mit dem Berliner Kunsthistoriker Prof. Wolfgang Wolters im Wallraff-Richartz-Museum in Köln.
Einseitig.info: Warum sind Sie hier und seit wann beschäftigen Sie sich mit dem Thema Bilderzyklen im Dogenpalast im frühneuzeitlichen Venedig?
Wolters: Zu dem Thema beschäftige ich mich bereits seit vielen Jahren und dabei habe ich immer wieder dazu gelernt. So hat sich meine eigene Meinung dahin gehend verändert, dass ich die Rolle der Künstler, die Gemälde im Auftrag des Dogen von Venedigs zu erstellen immer höher einschätze. Es gelingt ihnen im Wechselspiel zwischen einer staatlich verordneten Ideologie und derKunst, dennoch die Umsetzung ihrer Vorstellungen in die Bilder einzubringen. Weshalb bin ich hier? Die Freunde des Museums sind meine Freunde und ich unterstütze sie gerne, in der Annahme, dass mein Vortrag ihre Vortragsreihe anregt.
Einseitig.info: Was zeichnet Ihre Forschung aus? Man hat ja im Verlaufe des Vortrags den Eindruck gewonnen, dass Sie ein Pionier Ihrer Disziplin sind.
Wolters: Meine Forschung unterscheidet sich tatsächlich von den meisten, die in dieser Richtung arbeiten. So stellen auch die letzten Bücher über den Mythos von Venedig einen direkten Zusammenhang zwischen den Bildern der Maler und dem literarischen Mythos her, so als seien die Bilder lediglich Illustrationen der Literatur oder Umsetzungen wörtlicher Art. Das ist in meinen Augen aber nicht der Fall, vielmehr sprechen die Bilder ganz für sich.
Einseitig.info: Welche Bedeutung hat die Erforschung der Bilderzyklen im Dogenpalast für Sie, und wie sind Sie mit dem Thema in Berührung gekommen?
Wolters: Sie sind ein wichtiger Bestandteil meines Lebens geworden.Prof. Klaus Bergdolt hat im Rahmen seines Grußwortes im Wallraf-Richartz-Museum ja darauf hingewiesen, dass ich viele Jahre in Italien gelebt habe. Das Deutsche Studienzentrum in Venedig, das er jetzt als Präsident leitet, habe ich aufgebaut. Seit dieser Zeit in Italien fasziniert mich der Dogenpalast mit seiner Ausstattung.
Obwohl ich mich im Lauf der Jahre immer wieder anderen Themen zugewandt habe, war die Beschäftigung mit dem Dogenpalast so etwas wie ein Basso continuo. Natürlich interessieren mich auch andere italienische Städte wie Florenz oder Rom, wo esauch staatliche Propaganda gab.
Einseitig.info: Nun fragt man sich angesichts Ihrer Forschung: Welche Macht haben die Bilder?
Wolters: Es entspricht einer gängigen Formel der Kunsttheorie, dass Bilder einprägsamer als Texte sind. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele: Immer dann, wenn zur Kriegsschlacht gerufen wurde, wird der siegreiche Hannibal abgebildet, weil das die Zeitgenossen anstachelte. Dass Bilder eine enorme Wirkung haben, sehen wir ja auch heute. Wer die Oberherrschaft über die Bilder in den Massenmedien hat, der formt die Meinungen. Im alten Venedig ging es nicht zuletzt auch um die Meinungsführerschaft.
Sehr viel hat sich seit dieser Zeit wohl nicht geändert: Man verkauft auch heutzutage Ideen und verbindet mit ihnen bestimmte Interessen. Auch damals hat man politische und wirtschaftliche Interessen gehabt – die sind zwar etwas anderer Natur und bezogen sich auf Seide und nicht, wie heute, etwa Maschinen oder Hochtechnologie. Allerdings ging es auch damals bereits um Monopole - und so ist man unentwegt versucht, Parallelen zu ziehen. Man darf dies nur nicht übertreiben, sonst kommt einem mitunter das Publikum abhanden.
Einseitig.info: Sie haben während Ihres Vortrag mehrmals den Bezug zur Jetztzeit gezogen, wodurch der kunsthistorischen Reflexion das Salz in der Suppe hinzugefügt wurde. An einer Stelle haben Sie dies mit Bezug auf die Osmanen geäußert.
Wolters: Der Hintergrund ist der, dass die katholische Kirche ihre Gegner verteufelt hat. Ein Beispiel sind die Darstellungen der Protestanten während der Bartholomäusnacht oder die Darstellung der Türken während der Schlacht von Lepanto. Hierfür haben sich Künstler leider hergegeben und sie sind damit Propagandisten der üblen Sorte geworden. In Venedig hat man sich aus Klugheit, oder warum auch immer nicht auf diese Stufe herab begeben.
Zwar wurden auch die Türken im Sinne des Dogen von Venedig durch ihre Tracht und ähnliche Attribute charakterisiert, aber sie sind nicht, wie das das im alten Rom oder im Vatikan Praxis war, als Untermenschen tituliert worden. Ein Autor, der sehr Kluges darüber geschrieben hat, ist übrigens Philipp Fehl, der Vernehmungsoffizier bei den Nürnberger Prozessen war.
Einseitig.info: Würden Sie das bitte näher erläutern?
Wolters: Fehl ist ein ganz kluger Mann, der aus Deutschland stammt und als Jude die Propaganda und Lügen der Nazis erlebt hat. Vor diesem biografischen Hintergrund konnte er über das Verteufeln der Gegner schreiben, wobei er diese Methode bis in die Antike zurückverfolgte. Die entsprechenden Quellen sind heute in den Akten der TU Braunschweig zu finden.
Einseitig.info: Warum fällt es uns heute so schwer, aus der Geschichte zu lernen?
Wolters: Das ist ein großes Problem, das auch die Aktualität meines Vortrages ausmacht. Es stimmt einen schon vorsichtig optimistisch, wenn man sieht, dass man früher Wege fand, um diplomatisch miteinander umzugehen. Zur Zeit der mächtigen Dogen von Venedig wurden ja die blutigsten Schlachten geschlagen, was soweit ging, dass die Türken venezianische Feldherren bei lebendigem Leibe auf eine Weise gefoltert und getötet haben, dass ich mich während meines Vortrages geweigert habe, diese Grausamkeit wiederzugeben.
Trotz solcher Exzesse bestanden fortwährend diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen zwischen der Türkei und Venedig. Man hatte ja den Baley in Konstantinopel, während diplomatische Vertreter der Türken in Venedig residierten. Übrigens haben sich die Türken gerne Goldschmiedearbeiten in Venedig anfertigen lassen. Allen divergierenden Interessen zum Trotz ist man auf eine Art und Weise miteinander umgegangen, die man insgesamt als zivil bezeichnen kann. Das ist angesichts heutiger politischer Szenarien aber keine Selbstverständlichkeit.
Einseitig.info: Wie haben die Gesellschaften seinerzeit auf Krisen reagiert?
Wolters: In Krisenzeitenkann sich vieles ändern: Konflikte brechen aus und Kriege werden vom Stapel gelassen. Es ergeben sich aber innenpolitischen Konsequenzen. So gab es in Venedig schwere innenpolitische Krisen, weil die Republik von den Päpsten sehr unter Druck gesetzt wurde. Daher musste Venedig reagieren, denn einen Papst gegen sich zu haben, war kein Spaß. Er war ja nicht nur geistiges Oberhaupt der Kirche, sondern er hatte auch Ehre.
Als 1606 das Verdikt gegen Venedig durch den Papst ausgesprochen wurde,hat die Stadt kluge Machtpolitik betrieben: Der Doge verbot, dass das Verdikt an die Kirchentüren angeschlagen wurde. Obwohl es rechtskräftig wurde, erfuhr in Venedig niemand etwas davon. Man hat sich einfach nicht darum geschert. Diese venezianische Maßnahme hat weltweit Bewunderung erregt und die Engländer zur Überlegung veranlasst, ob sie das venezianische Regierungssystem kopieren, um sich gegen das zentralistische katholische System zu behaupten. Das venezianische Rechtssystem ist immer wieder mit anderen verglichen worden, da es sehr modern war.
Wolfgang Wolters, Professor für Kunstgeschichte mit Lehrstuhl an der Technischen Universität Berlin. Der Gründungsdirektor des Deutschen Studienzentrums in Venedig hat zahlreiche Publikationen zur venezianischen Kunst und Denkmalpflege verfasst.
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