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"Seit wann ist Burroughs eigentlich tot?" Die Frage klingt so vernünftig, wie es das Leben des Vaters der Beatgeneration gewesen ist. Nämlich gar nicht.
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Burroughs Naked Lunch zum 50ten in neuer Übersetzung

Beat it

Von Nikolai Wojtko

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eit wann ist Burroughs eigentlich tot? Die Frage klingt so vernünftig, wie es das Leben des Vaters der Beatgeneration gewesen ist. Nämlich gar nicht.

Doch wir befinden uns im Jahr 1997. Und da man jetzt genauer sein muss, an einem wunderbaren Frühlingstag im Mai. Redaktionssitzung der Kulturzeitung des Ruhrgebiets "Foyer", die leider viel zu kurz auf dieser Welt weilte, da sie eines unnatürlichen Todes starb, und ihr - wie so vielen ihrer Schicksalsgenossinnen - er Geldhahn abgedreht wurde. Jetzt, zu den Vorbereitungen der Kulturhauptstadt Essen 2010 würde diese Zeitung der Stadt mindestens ebenso gut zu Gesicht stehen, wie die Totalrenovierung des vor kaum einer Dekade renovierten Folkwang Museums. Nur so viel kosten würde sie nicht.

Die Redaktion tagt, lebt, arbeitet zu dieser Zeit inmitten des Grugaparks in Essen. Besser noch, in der Orangerie hat sie in der oberen Etage ein geräumiges und sehr ruhiges Plätzchen mit Blick ins Grüne für die Redaktionsmitglieder, die dies sehen wollen. Die Vortreffliche Lage fordert stets einige Überredungskunst an den Pforten des gebührenpflichtigen Parks, die auch damals schon mit Sicherheitspersonal ausgestattet sind. Diese Menschen tragen professionell dunkle Berufskleidung und bösen Blick. Reden möchten sie nicht viel und verstehen, dass man gar nicht zum Vergnügen, sondern der lieben Maloche willen in den Park gelangen möchte, können sie ohne weiteres nicht. "Wie Arbeit? Iss doch nen Paaaark...." wenn man etwas Zeit mitbringt, können diese Gespräche sehr lehrreich sein, hab' allerdings vergessen für wen.

"Der Lebt doch noch." Wie? Der Mann, der mit Naked Lunch einen formidablen Klassiker geschrieben hat und ohne Zweifel zu den wichtigsten literarischen Stimmen Amerikas gezählt werden muss, war doch schon damals Geschichte. Naked Lunch, Cronenbergs Film, schon in den ersten Jazztönen des Vorspanns verstörend, lief längst im Fernsehen und wirkte im kleinen Format noch irritierender als auf der Kinoleinwand. Es stand außer Frage, der Mann musste wie Nabokov, Conrad, Capote schon längst das Zeitliche gesegnet haben, wie sonst ließe sich sein Klassikerstatus belegen?

Diese Zeit damals mitgemacht, besser noch: schreibend gestaltet zu haben war sicherlich eine aufregende Erfahrung. Auch wer heute immer noch nicht "Naked Lunch" gelesen hat, kennt den Ruf, der dieses Buch wie mit feinem Heroinstaub umflittert. Allerdings ist es kein Buch, das in Drogen schwelgen, oder schlimmer noch: mit sozialarbeiterhafter Geste vor ihrem Konsum warnen möchte. Nein, der Roman vermischt alles, was Kultur zu bieten hat. Letztlich ist es ein Roman, der wie für die Gegenwart geschrieben scheint. Denn im Zentrum des Erzählflusses steht einfach eine Chiffre für alles, was bedingungslos verehrt werden kann: Konsum, Macht, Sex und die durch diesen gesteigerten Selbstbezug parallel mit dem gewachsenen Über-Ich einhergehende Paranoia. Dort wo das Ego so selbstbezüglich wird, dass es seinem Begehren scheinbar erliegt, wird das Verlangen nach mehr - Anerkennung, Begeisterung, Macht - zu einem krankhaften Rausch, der unentrinnbar scheint und zugleich eine bis zum Wahnsinn gesteigerte Angst vor seinem Verlust auslöst.

Anders als Walter Benjamins beinahe ängstlich protokollarische Selbstbeschreibung seiner Haschischerfahrung in Marseille, handelt es sich bei diesem scheinbar nur hingeworfenen Roman ohne innere Struktur, um eine Reflexion des Individuums in der Moderne. Es scheint fast als würde Burroughs hinter seiner Schreibmaschine de Sade wieder auferstehen lassen. Auch hier finden sich bizarre Konstruktionen der Lust, ganz so als ginge es lediglich darum, sie auf einem Drahtseil zwischen Begehren und Obszönität der schieren Lächerlichkeit preiszugeben. Oder eben nicht. Letztlich bleibt hier die Frage des Verstandes die grundlegende: Kann man ihm vertrauen, muss, oder vielmehr sollte man das überhaupt?

Doch lauschen wir lieber der Erzählung des Autors, die er vor immerhin auch schon 30 Jahren einem jungen Mann - der sich später selbst als Burroughs des Rock ´n Roll titulieren sollte - mitteilte.

Lou Reed zum Essen bei Burroughs 1979

"Von Kerouac erhielt ich lange, bevor ich überhaupt nur daran dachte zu schreiben, die Ermutigung, einen Roman zu verfassen. Er ging trotz meines heftigen Widerspruchs davon aus, dass dieser Roman nicht nur von mir selbst verfasst sein sollte, sondern obendrein auch den Titel Naked Lunch bekommen sollte. Als ich 1956 von Venedig nach Libyen fuhr machte ich die ersten Notizen. Dann, nachdem ich in Tanger dieses wunderbare Zimmer für 15 Dollar im Monat mieten konnte, breitete ich all meine Notizen aus und schrieb den ganzen Tag. Ich stand ziemlich früh auf, arbeitete den Großteil des Tages, manchmal bis in den frühen Abend hinein. Einmal am Tag pflegte ich unten in der Bucht zu rudern, um mich körperlich fit zu halten. Als Jack 1957 nach Tanger kam, hatte ich beschlossen, seinen Titel zu verwenden und das meiste von dem Buch war bereits geschrieben. Ich hatte damals allerdings keine Ahnung, dass sich das Zeug für eine Veröffentlichung eignen würde. Das Schreiben aber turnte mich an."

Man sollte an dieser Stelle erwähnen, dass der "Bunker", Burroughs Wohnung Ende der 70iger Anfang der 80iger Jahre ein beliebter Treffpunkt für Größen aus der Musik- und Literatenszene wurde. Burroughs lud gerne Leute zu sich zum Essen ein. Seine Gästeliste liest sich wie ein Who is Who der Avantgarde: Susan Sontag, Jean-Michel Basquiat Mick Jagger, David Bowie und Andy Warhol ließen sich im Bunker zum Essen nieder.

Naked Lunch wurde 1959 veröffentlicht und machte seinen unbekannten Autor mit einem Schlag berühmt. Nun liegt es auf Deutsch in einer Neuübersetzung vor und man kann sich dem Stoff noch einmal mit Vergnügen aussetzen. Schließlich, da erkennt man den wahren Klassiker, erschließt sich die Genialität eines Romans vielleicht intuitiv, die Erschütterungen die dieses Gedankengebäude auszulösen vermag werden mit zeitlicher Distanz sicherlich deutlicher.

Einseitig empfiehlt:

William S. Burroughs, Naked Lunch.
Verlag Nagel&Kimche, München 2009, 378 Seiten, geb., 24,90€



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Nikolai Wojtko  08.12.2009blindgif zurück zur Startseite Diesen Artikel lesen Diesen Artikel ausdrucken Möchten Sie den Artikel ''Burroughs Naked Lunch zum 50ten in neuer Übersetzung'' weiterempfehlen?
 
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