Schreiben ist ganz klar Bedürfnis. Letztlich schreibt man, weil man schreiben
muß, weil man etwas sagen will, oder zumindest glaubt, daß man etwas zu sagen
hat. Was - leider - nicht immer der Fall ist. Ein guter Schriftsteller erkennt
aber, wenn er eigentlich nichts zu sagen hat und verhält sich entsprechend.
aturwissenschaftler in den Reihen von Schriftstellern sind selten. Einer von ihnen ist Armin A. Alexander, der in einem Interview schildert, wie das Schreiben fast unmerklich den wichtigsten Platz in seinem Leben einnahm. Seine Schriften reichen von Erzählungen bis zu Kurzromanen - gerne gibt der Autor auch mal Nachhilfestunden.
Einseitig.info: Wie bist Du zum Schreiben gekommen?
Alexander: Fast bin ich geneigt zu sagen: Wie die Jungfrau zum Kind. - Nein, im Ernst; Bücher haben mich bereits als Kind fasziniert. Inhaltlich wie haptisch. Für mich waren es faszinierende Welten, in die man eintauchen konnte, sind es heute noch. Das Lesen ließ mich an diesen Welten Teil haben. Ich habe immer viel und gerne gelesen. Natürlich muß nicht jeder, der gerne liest, zwangsläufig zum Schriftsteller werden. Erste Texte habe ich bereits als Kind verfaßt, wie viele vermutlich, als ein Fest-halten von Phantasien, einige davon waren Weiterentwicklung meiner damaligen Lieblingsgeschichten, andere Eigenschöpfungen, kleine Alltagsgeschichten.
Diese Geschichten habe ich damals nur für mich geschrieben, sie waren nicht für andere gedacht und so weit ich mich erinnern kann, habe ich sie auch nie jemanden gezeigt. Als Jugendlicher habe ich zwar weiterhin viel gelesen, aber kein großes Bedürfnis zum Verfassen eigener Texte verspürt. Das änderte ich erst wieder in der Oberstufe. Da konnte ich mir auch zum ersten Mal vorstellen, meine Texte Dritten zu zeigen. Es sollte aber noch etwas dauern, bis ich sie tatsächlich anderen zum Lesen gab. Während des Studiums habe ich dann begonnen regelmäßig zu schreiben, zu erst als Ausgleich zum technisch orientierten Studiengang des Bauingenieurwesens.
In dieser Zeit entstanden auch die ersten Texte, die einem vorher festgelegten Konzept folgten, von der ersten bis zu letzten Seite durchkomponiert waren. Bis dahin hatte ich einfach das niedergeschrie-ben, was mir gerade eingefallen war. Ein Dritter hätte sich darin wahrscheinlich nicht zurechtgefun-den. Aus dem intellektuellen Ausgleich eines Studenten wurden mit den Jahren in sich stringente Texte über Themen, die mich auf irgendeine Weise beschäftigen. Daneben habe ich immer auch Texte aus reiner Freude am Schreiben verfaßt, literarische Fingerübungen sozusagen, bei denen ich oft erst im Nachhinein feststellte, daß sie doch mehr sind als das. Fast unmerklich nahm das Schreiben den wichtigsten Platz in meinem Leben ein.
Einseitig.info: Würdest Du bitte Dein Selbstverständnis erläutern: verstehst Du Dich als Schriftsteller oder Künstler?
Alexander: Ganz klar als Schriftsteller. Das hat viel mit dem Begriff des Künstlers zu tun, wie er sich im Laufe des 19. Jhd. entwickelt und durchgesetzt hat und des Genie-Begriffs, der längst inflationär für alle benutzt wird, die über eine Begabung verfügen, die über dem des Durchschnittsmenschen liegt. Es ist nicht mehr der Genie-Begriff, wie ihn noch Kant definiert hat, als einzig den Künsten zugehörig, als etwas, das untrennbar mit seinem Urheber verbunden ist, ohne ihn nicht existieren könnte. Schreiben ist für mich nicht zuletzt auch Handwerk.
Auch die Alten Meister haben sich in erster Linie als Handwerker gesehen. Für mich beschränkt sich die Arbeit des Schriftstellers nicht nur darauf, Geschichten zu erfinden, ob nun damit auf etwas aufmerksam gemacht werden soll, oder ob die erzählten Geschichten sich selbst genügt, einfach aus Lebensfreude aus Lust am Geschichtenerzählen entstanden sind.
Wobei es mitunter so ist, daß diese Geschichten mehr übers Leben an sich erzählen, mehr Lebenserfahrung aus ihnen spricht als manch vordergründig engagierte Literatur. Sondern für mich gehört zum Schriftsteller ebenso dazu, Themen, die einen beschäftigen in Form von Essays oder Artikel zu verfassen. Nicht jedes Thema eignet sich für eine Geschichte, andere Textformen sind oft besser geeignet.
Einseitig.info: Was ist Schreiben für Dich und welche Schreibformen reizen Dich?
Alexander: Schreiben ist ganz klar Bedürfnis. Letztlich schreibt man, weil man schreiben muß, weil man etwas sagen will, oder zumindest glaubt, daß man etwas zu sagen hat. Was - leider - nicht immer der Fall ist. Ein guter Schriftsteller erkennt aber, wenn er eigentlich nichts zu sagen hat und verhält sich entsprechend. Schreiben ist aber auch Freude am Gestalten mit der Sprache, am Geschichtenerzählen an sich.
Bezüglich der Schreibformen benutze ich mal das Ausschlußkriterium; Lyrik ist die einzige Schreibform, zu der ich nie habe Zugang finden können, was ich aber auch nicht bedauere, weil sie ihre eigenen Gesetze hat und eine ganz andere Herangehensweise als Prosa erfordert. Die Themen, die mich interessieren und beschäftigen, ließen sich als Lyrik auch gar nicht adäquat behandeln. Für mich entscheidet das Thema, welche Prosaform am geeignetsten ist. Das eine Thema ist besser mit einer Erzählung, einer Kurzgeschichte behandelt, ein anderes ist ideal für einen Roman und ein drittes ist bei einem Essay oder einen Artikel besser aufgehoben.
Einseitig.info: Wie kommst Du zu Deinen Sujets und wie hängen sie mit biographischen Themen zusammen?
Alexander: Ich würde eher, daß die Sujets zu mir kommen. Als Schriftsteller ist man ja mehr oder weniger Sammler. Die Welt ist voll von Themen, man braucht einfach nur die aufzuheben, die einen mehr ansprechen als andere und muß sie nur noch verarbeiten, aus dem Rohling einen Diamanten schleifen oder wenigstens einen Halbedelstein. Wobei es selbstredend Themen gibt, die eng mit der eigenen Biographie verknüpft sind und sich daher wie ein roter Faden durchs eigene Schaffen ziehen. Bei mir sind es die Texte, die sich mit BDSM auseinandersetzen.
Ein Thema, das in der breiteren Öffentlichkeit noch immer mit Vorurteilen behaftet ist, obwohl daran nichts Ungewöhnliches ist, allenfalls etwas exotisch auf Dritte wirken kann. Diese Texte lassen sich grob in zwei Gruppen unterteilen; die eine behandelt die Problematik des Outings, wie sie in der Regel unter anderem in langjährigen Partnerschaften entsteht, wenn einer der Partner seine Neigungen entdeckt, die Konfrontation mit Vorurteilen. Die andere Gruppe geht die Thematik auf heitere, lebensfrohe Weise an. In diesen Texten sind die Protagonisten mit sich und ihrer Neigung im reinen.
Beispielsweise im Kurzroman "Nachhilfestunden", in dem eine Studentin sich für ihre letzte Prüfung vor dem Diplom mit einem Kommilitonen vorbereitet. Weil es ihr aber nicht gelingt, sich ausreichend zu konzentrieren, greift er, von einem alten Erziehungsratgeber inspiriert, zu ungewöhnlichen Methoden. Er hat damit Erfolg, aber setzt dadurch eine Eigendynamik in Gang, die ihm selbst nicht ganz geheuer ist, weil das klare Verhältnis von Lehrer und Schüler mehr und mehr verwischt. Der Gegenpol dazu bildet die Erzählung "Felizia & Felix" aus dem gleichnamigen Erzählband. Darin wird mit Anleihen bei der Erzählform des Idylls beschrieben, wie schnell eine scheinbar harmonische Beziehung ins Wanken geraten kann, wenn einer der beiden Partner sich in eine andere Richtung entwickelt.
Doch es ist nicht das Outing der Protagonistin an sich, das die Harmonie ihrer Beziehung gefährdet, sondern eine ungeschickte Äußerung, die an sich gar nicht wesentlich ist, doch von ihrem Mann falsch verstanden wird. Dem gegenüber stehen Texte, die sich mit dem Spiel von Phantasie und Wirklichkeit auseinandersetzen aber auch mit Begegnungen zwischen Menschen, wie im Erzählband "Geheimnisvolles Rendezvous".
Die Erzählung "Ein Bewunderer" aus diesem Band hat ihre Entstehung mindestens zwei Anregungen zu verdanken. Die eine ist der Film "Der Mann, der die Frauen liebte" von François Truffaut. Truffaut zählt für mich nicht nur zu meinen bevorzugten Filmemachern, sondern auch auch zu einem der wichtigsten und nicht nur für den französischen Film. Der Erzählung ist ein Zitat aus dem Film vorangesetzt, der zugleich den Tenor des Films wiedergibt. Die andere hat sich aus der täglichen Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel ergeben, denn nirgendwo anders kann ein Bewunderer von Frauen, seiner Vorliebe so problemlos und ruhig nachgehen wie dort.
Einseitig.info: Wie sollte man heute Geschichten erzählen und wie auf keinen Fall?
Alexander: Ich pflege den Grundsatz, daß es die Geschichten sind, die bestimmen, wie sie erzählt werden sollen. Man muß nur in der Lage sein, das zu erkennen. Aus meiner Sicht sollte man alles Manierierte vermeiden, alles was den Eindruck erweckt, daß der Autor in erster Linie zeigen will, wie gut er doch mit Sprache umzugehen mag, sich in einer intellektuellen Nabelschau ergeht. Man sollte immer etwas zu sagen haben, ganz gleich was es ist. Wobei es viel schwerer ist, eine heitere Geschichte zu erzählen als eine ernste.
Eine Geschichte muß auf jeden Fall in sich glaubwürdig sein. Sie sollte keine Brüche besitzen und wenn die Protagonisten eine Veränderung erfahren, dann muß diese schlüssig dargelegt werden. Nichts ist unglaubwürdiger, wenn ein braves Hausmütterchen plötzlich zur sogenannten Powerfrau wird, oder ein braver Akademiker plötzlich zum Mörder, nur weil die Entführer seines Sohnes das von ihm wollen. Der Leser sollte das Gefühl bekommen, daß die geschilderten Vorgänge so geschehen sein könnten.
Vor allem sollte man den Leser nicht langweilen und überall den erhobenen Zeigefinger herausragen lassen. Das Experimentieren mit Sprache sollte der Intention des Textes unterstehen und angebracht sein. Worte, die man den Figuren in den Mund legt, sollten sich am Alltag orientieren, sprich den Leuten aufs Maul schauen, die Dinge beim Namen nennen. Der Naturalismus und der Realismus ist bereits in die Literatur eingeführt worden. Blumenreiche Umschreibungen gehören einer anderen Epoche an. Verwendung von direkter Alltagssprache kann aber offenkundig immer noch verstören, betrachtet man beispielsweise die Reaktionen auf den Roman "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche.
Einseitig.info: Wer sind Deine schreibenden Vorbilder?
Alexander: Von Vorbildern würde ich weniger sprechen, viel eher von Autoren, die mich auf verschiedene Weise inspiriert haben und es noch tun, die ich für die Art schätze, wie sie und worüber schreiben, geschrieben haben. Das Problem eines Vorbildes für mich besteht darin, daß man automatisch versucht, diesem nachzueifern und es ihm besten Falle zu übertreffen. Dabei läuft man jedoch allzu sehr Gefahr, seine Vorbilder zu kopieren.
Was wohl jeder der schreibt, in seiner ersten Zeit auch macht. Zu groß ist einfach die Versuchung, das was man gut findet, unverändert in die eigene Arbeit einfließen zu lassen. Nicht nur darum ist es für einen Schriftsteller wichtig, viel zu lesen, damit er nicht Gefahr läuft, sich zu sehr an einen Autor zu hängen, sondern auch um zu lernen, wie man schreibt. Denn Lebenserfahrung allein macht noch keinen guten Autor. Die Liste, der Autoren, die ich schätze zieht sich quer durch die Literaturgeschichte.
Ganz oben steht Marcel Proust und seine "Recherche", sprachlich wie inhaltlich, Heinrich Mann für sein Engagement und seinen Weitblick, was politische und gesellschaftliche Verhältnisse betrifft. Heinrich Böll, dem es gelungen ist viele seiner Geschichten mit hintergründigen Humor zu erzählen, Sartre, den ich vor allem als Denker schätze, Fontane, Zola, Maupassant, einem brillanten Novellisten des Alltags, Jane Austen, Balzac, Simenon, Musil, Kästner, Dickens. Es ist eine spontane Aufzählung und damit auch sehr unvollständig.
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