as Jahr 2008 ist nahezu Vergangenheit. Es war ein Jahr zwischen Boom und Krise. Kaum jemand erinnert sich noch an als Höhepunkte geplante Großereignisse, wie die Fußball-Europameisterschaft und die Olympiade. Selbst der schon zur Gewohnheit gehörige Niedergang der SPD, das Debakel der CSU, das Liechtensteiner Steuersünderregister, lustige Köhler-Herausforderer und der irgendwie noch immer währende Irakkrieg erscheinen kaum erwähnenswert. Es liegt ein Jahr hinter uns, das voll und ganz im Zeichen der Prognostik stand. Ein wankelmütiges Sternzeichen.
Januar: Für unsere Kanzlerin beginnt das Jahr vielversprechend. Von Ihrem eigenen Bundespräsidenten erhält sie für Verdienste um diese unsere Republik – als würde man nicht gerade solche in ihrem Job verlangen – das Bundesverdienstkreuz. Wohl eine Referenz der Politik an die Gepflogenheiten der sogenannten freien Wirtschaft, in der auch die größten Pfeifen noch eine Erfolgsprämie oder Abfindung erhalten. Vermutlich unabhängig davon steht im FAZ-Konjunkturbericht nachzulesen, „dass die amerikanische Wirtschaft schnell aus dem Tal herausfinden und 2008 mit knapp 3 Prozent wachsen wird“. „Die deutschen Konsumenten“, teilt die Netzeitung mit, „sind wieder kauffreudiger. Gleichzeitig fürchten sie anlässlich der Preiserhöhungen um ihre finanzielle Zukunft. Die Angst vorm Job-Verlust ist gesunken.“ Da ist Vorsicht geboten! Wer keine Angst vor dem Jobverlust hat, der könnte angesichts jahrzehntelanger Bescheidenheit bei ständiger Beobachtung steigender Unternehmensgewinne auf den bösen Gedanken kommen, reale Lohnsteigerungen zu fordern. Gute Nachrichten sind geschickt zu dosieren!
Februar: „Der gefühlt hohe Preisauftrieb verdirbt den Deutschen die Kauflaune, analysieren die Marktforscher der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Zudem könnten die Verbraucher noch nicht beurteilen, wie stark eine mögliche US-Rezession die deutsche Wirtschaft träfe.“So gibt die Netzeitung ihrer Befürchtung aus dem Vormonat recht. „Die Konsumenten in Deutschland erwarten zwar steigende Einkommen, haben aber trotzdem keine Lust auf Shoppingtouren. Der Konsumklimaindex der GfK bleibt unverändert.“ Wichtig ist, dass das gestiegene Einkommen auf dem Konto verbucht ist, erst dann geht es zum Shopping, sagt der konservativ eingestellte deutsche Verbraucher. Doch muss man für diese Einsicht studiert haben?
März: Obgleich ein kleines Ferkel in dem Kinderbuch „Wo bitte geht´s zu Gott“ nicht fündig wird, verweigert die Bundesprüfstelle die Aufnahme des Werkes in die Liste der jugendgefährdenden Schriften. Sicherlich eine Enttäuschung für ein Volk, das noch immer Papst ist. Die seit Jahrhunderten notleidende deutsche Bauwirtschaft kann sich dagegen endlich einmal freuen, wie die Welt berichtet. Über ein leichtes Nachlassen der Konjunktur nämlich, da die Bauunternehmen vom Aufschwung „kalt erwischt“ wurden. „Nach der langen Krise fehlen Kräne, Dämmstoffe und vor allem qualifizierte Mitarbeiter.“ Die GfK sagt laut Netzeitung, die das bekanntlich im Januar schon wusste, „eine leichte Aufhellung beim Konsumklima voraus. Doch die Verunsicherung angesichts der Rezessionsgefahr aus den USA belastet die Kauflust.“ Demnach hatten sich die Verfasser des FAZ-Konjukturberichtes wohl geirrt.
April: „Wir stimmen nicht mit dem um sich greifenden Konjunkturpessimismus überein und haben für Deutschland immer noch eine Fortsetzung des Aufschwungs auf der Rechnung", sagt Christian Dreger vom Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Manager-Magazin. Dort ist ebenso nachzulesen, dass es „trotz einer Abschwächung der Weltwirtschaft ‚keinen Anlass zur Schwarzmalerei’ in Deutschland“ gibt. Immer diese deutschen Miesepeter. Die Italiener kennen dagegen gar keine Ängste. Anstatt Silvio Berlusconi ins Gefängnis zu stecken, wählen sie sein Wahlbündnis mit mehr als neun Prozent Vorsprung zurück an die Regierung. Angestiftet von diesen Optimismus-Varianten vermeldet die Netzeitung den Meinungswandel der GfK: „Die derzeitige Teuerungsrate hält die Verbraucher nicht vom Geldausgeben ab. Wirtschaftsforscher gehen für Mai von einer deutlich gesteigerten Kauflust aus und sehen das freundlichste Konsumklima seit Juli 2007“. Alles wird gut, wenn es das nicht schon längst ist.
Mai: „Während die amerikanische Wirtschaft offenbar seit Jahresanfang in einer Rezession steckt, verzeichnet Deutschland das stärkste Quartal seit gut zwölf Jahren“, meldet die FAZ hoch erfreut und die OECD sieht Deutschland in einem starken Aufschwung, der sich vielleicht 2009 leicht abschwächen könnte. Freunde des geplanten Börsengangs der Bahn AG übersehen in der aufkommenden Euphorie vermutlich, wie die Regierung des fernen Neuseelands die 1993 privatisierte Staatsbahn zurückkauft. Könnte das Vorbildcharakter haben? Die Deutschen kaufen vorerst lieber neue Autos. So teilte der Verband der Automobilindustrie (VDA) freudig mit, der Absatz an Neuwagen sei in den ersten vier Monaten des Jahres um mehr als sieben Prozent gestiegen. Schon wieder ein Krisenherd weniger.
Juni: Der amerikanische Autokonzern General Motors verabschiedet sich vom amerikanischen Traum mit der Entscheidung, ausgerechnet vier Werke zu schließen, in denen Pick-Ups gefertigt werden. Dagegen kauft die Immobilienabteilung Whitehall der US-Investmentbank Goldman Sachs trotz der Immobilienkrise im eigenen Land die Landesesentwicklungsgesellschaft NRW (LEG) für 3,5 Milliarden Euro und das Manager-Magazin titelt jubilierend „Schöner kann ein Aufschwung nicht sein“, denn „der Konjunkturaufschwung in Deutschland wird anhalten, sagen Experten. Mit ein wenig Glück sogar bis zum Ende des Jahrzehnts, prognostiziert das Ifo-Institut.“ Bei der GfK ist dagegen mal wieder Pessimismus angesagt und das Jahrzehnt gilt bereits als am Ende befindlich, denn „die Inflation macht das gute Konsumpotential größtenteils zunichte“, sagte der Leiter der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) Klaus Wübbenhorst der Netzeitung zufolge.
Juli: Am 1. Juli tritt das Rauchverbot in den Gaststätten Nordrhein-Westfalens in Kraft und nur einen Tag später meldet die Presse des Boulevards die ersten Pleiten in der Gastronomie. Der Wandel im Handel vollzieht sich also immer schneller und ein Wirt verkraftet keinen einzigen schlechten Tag. In den USA ist die Überraschung groß, denn plötzlich und unerwartet steigen die amerikanischen Autokäufer auf spritsparende Fahrzeuge um und bringen die überraschten Manager der Firma Chrysler dazu, ein Werk für Mini-Vans in St. Louis zu schließen. Wenn General Motors seiner deutschen Tochter Opel den Verkauf ihrer Modelle in den USA erlauben würde, könnte dieser Konzern wenigstens vom geänderten Käuferverhalten profitieren. Doch da sei der amerikanische Stolz vor! In Deutschland stellt die GfK fest, dass die Stimmung der Verbraucher so schlecht wie zuletzt vor fünf Jahren ist. Ach, wie unzuverlässig ist dieses Verbraucherwesen.
August: Der Focus möchte nun endlich auch einmal mitjammern und meldet „Die deutsche Angst vor der Katastrophe – Lange schienen nur die USA zu leiden, jetzt bangen auch die Deutschen um die Konjunktur. Das Wort Rezession macht die Runde.“ Jetzt ist es ausgesprochen. Rezession, klingt das nicht nach Arbeitslosigkeit, Armut, Entbehrung? Schrecklich! Das noch sehr gut gelaunte Handelsblatt versucht noch mit „Aufschwung hat Wirtschaft voll erfaßt – Die deutsche Wirtschaft ist im Frühjahr so stark gewachsen wie seit fünf Jahren nicht mehr“ dagegen zu halten. Inmitten all dieser Gemütsschwankungen übernimmt die Commerzbank (Allianz SE) für 9,8 Milliarden Euro noch schnell die Dresdner Bank.
September: Ein Monat der Finanz- und Bankenkrise. Kurz zuvor hätte man in Deutschland Fannie Mae und Freddie Mac noch für Figuren einer amerikanischen Comic-Serie im Kinderprogramm gehalten. Nun übernimmt die Regierung der USA die Kontrolle über die beiden, wie wir nun lernen, hoffnungslos überschuldeten Hypothekenbanken. Deren auf findige Verkäufer hereingefallenen Kunden, wohnen derweil in Zeltstädten, die nach dem Vorbild afrikanischer Flüchtlingslager errichtet wurden. Dann verschwinden auch noch drei der größten US-amerikanischen Investmentbanken vom Markt. Darunter auch die der Lehman Brothers. Die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) reagiert und versucht mit einer kurzfristigen Überweisung von 350 Millionen Euro ihrem Namen als Förderbank zu festigen. Die gute Tat wird leider hinterher als bloße Methode der Geldverbrennung und Dummheit verstanden und die verantwortlichen Manager gehen ohne Abendessen ins Bett. In Deutschland entgeht der Öffentlichkeit weitgehend, dass die Wiederverstaatlichung der Bundesdruckerei angekündigt wird. Angesichts des anstehenden Bedarfs an Banknoten eine zukunftsweisende Entscheidung. Was Neuseeland kann, kann Deutschland in der Krise längst. Selbst Verfechter des allheilenden freien Marktes fallen mangelnde Kontrollinstanzen eines in Wirtschaftsdingen schwächelnden Staates auf. Karl Marx darf wieder öffentlich gelesen werden!
Oktober: Im „Hohenheimer Aufruf“ zur längst herbeigeredeten Finanzkrise veröffentlichen 20 Professoren der Universität Hohenheim, man solle „die Krise nicht herbeireden“. Unbeeindruckt davon erleben die Börsen der Welt einen Absturz nach dem anderen und beeindruckt davon verschiebt die Deutsche Bahn AG den Börsengang ihrer DB Mobility Logistics auf unbestimmte Zeit. Man möchte sich anscheinend lieber noch etwas Zeit nehmen, sich um die rissigen Achsen der ICE-Züge, die maroden Bahnhöfe, den Ausbau der Verspätungen, dem Abbau des Kundendienstes und um das Funktionieren der anstehenden Preiserhöhungen kümmern, um von der Börse endlich geliebt zu werden. Die Geldsorgen der Regierenden werden derweil immer kleiner. Hunderte von Milliarden – Bruchteile davon hätten niemals für soziale Projekte zur Verfügung gestanden – stehen nun bereit, um den Finanzmarkt unter sogenannten Rettungsschirmen zu stabilisieren. Die Versager der Banken sitzen im Trockenen und Hartz-IV-Empfänger sitzen weiterhin im Regen. Jede Großzügigkeit hat ihre Grenzen.
November: Barack Obama wird endlich zum Nachfolger des längst fälligen George W. Bush auf dem amerikanischen Präsidententhron gewählt. Allgemeine Erleichterung geht weltweit um. Nur für die deutsche Bundeskanzlerin Merkel droht der zukünftige Umgang weniger geschmeidig auszufallen. Dafür „konnte sich das Konsumklima“, wie die GfK verkündet, „zum Jahresende noch erfolgreich gegen die wachsenden Rezessionstendenzen behaupten“. Aus der zunächst angekündigten harten Rezession wurde eine weichere Variante aus dem Hut gezaubert, denn zu düstere Prognosen könnten das anstehende Weihnachtsgeschäft verderben. Das hat das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschat (IW) noch nicht verstanden, denn nach dessen Meinung, sollen dieAussichten seit 15 Jahren nicht mehr so mies gewesen sein. Gut, wenigstens traut sich nach einer solchen Botschaft kaum noch jemand nach einer Gehaltserhöhung zu fragen. Aber das Weihnachtsgeschäft, wie kann das denn werden? Dem Manager-Magazin zufolge so: „Den Kaufhauschefs ist angst und bange vor dem Weihnachtsgeschäft. Wird das flau, gilt das gesamte Jahr als verloren - und für 2009 machen sich die Händler ohnehin kaum Hoffnungen. Damit wird der Einzelhandel zum Spiegelbild jener Angststarre, die Deutschlands Wirtschaft insgesamt droht.“
Dezember: Das deutsche Käufervolk schlägt dem Manager-Magazin ein Schnippchen! Und nicht nur ihm. Da es aufgrund seiner international lange kritisierten Zurückhaltung im Handel mit börsennotierten Papieren im Gegensatz zu seinen amerikanischen Brüdern und Schwestern über Erspartes verfügen, läuft das Weihnachtsgeschäft überraschend gut. Der Deutsche mutiert vom zurückhaltenden Börsenpessimisten zum offensiven Konsumoptimisten. In Rüsselsheim, wo der neue Opel mit dem Namen Insignia gefertigt wird, werden Sonderschichten gefahren. Andere Autobauer und Zulieferer ziehen die Weihnachtsferien vor, weil die Modelle nicht so gut laufen. Als potentieller Käufer weiß man ja auch nicht, wie viele Jahre die Autobauer noch umweltfreundliche Motoren anpreisen wollen. Außerdem hält das alte Auto noch ein paar Jahre. Der Benzinpreis fällt und fällt derweil. Was die Autofahrer freut und Hoffnung macht, etwas mehr für die Altersversorgung, für Anschaffungen und Leben übrig zu haben, ist manchen Wirtschaftsforschern schon Grund, die Angst vor einer Deflation zu schüren. Da Inflation als normaler gilt, wollen uns die OPEC-Staaten behilflich sein und ab Januar die Ölförderung drastisch kürzen. Leider funktionieren auch hier die Mechanismen nicht mehr, denn kurz nach dieser Ankündigung fällt der Ölpreis weiter. Die Welt gerät aus dem Ruder, wird prognoseresistent. Mit Folgen: „Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat ein vorübergehendes Aussetzen der Konjunkturprognosen vorgeschlagen, weil Ökonomen ‚alle verwirren, wenn sie ständig neue Zahlen in die Welt setzen’“, meldet das Handelsblatt. Diese Einsicht verdient aufgrund ihrer Selbstbescheidung großes Lob. Und falls sie sich durchsetzt, dann wird mit einem Anstieg der Zahl arbeitsloser Wirtschaftswissenschaftler zu rechnen sein. Die Zahl wäre gesamtökonomisch unbedeutend und ein nützliches Opfer. Denn insgesamt würde es ein Stückchen mehr Ruhe und Sicherheit für all die bedeuten, die sich zum Spielball der zur Prognosenproduktion verdammten Wirtschaftsinstitute machen ließen oder gemacht wurden: Verbraucher, Arbeitnehmer, Presse, Unternehmer und Politiker. Leider ein frommer Wunsch, ein guter Vorsatz, der Silvester kaum überstehen wird. So möchte sogar der Autor dieser Zeilen eine Prognose wagen:
Zukunft: Nur das Institut, dessen Weissagung tatsächlich eintritt, wird langfristig auf dem Markt bestehen können. Daher sind die Institute in den nächsten Jahren gezwungen, immer perfidere Methoden entwickeln, die die Prognosen zu einer Art selbsterfüllenden Prophezeiung werden lassen. Nicht der Inhalt der aufgrund von Forschungsergebnissen zusammengestellten Information ist wichtig, sondern allein ihre Wirkung, also ihre zielgerichteter Einfluß auf die allgemein wahrgenommene Realität. Wenn den Wirtschaftsweisen die Entwicklung strategischer Prognosen nicht gelingt, werden wir nach der Immobilien-, Banken- und der Finanzkrise, eine weltweite Krise der ökonomischen Forschungsinstitute erleben. Sicher kein Horrorszenario.
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