Ist das nicht abstoßend? Damals wurden den deportierten Kindern billigere Transportkosten für ihren eigenen Mord berechnet. Heute müssen die Organisatoren der Ausstellung, die an die damaligen Verbrechen erinnern, ihrerseits Rechnungen an die Bahn als Rechtsnachfolgerin der damaligen Reichsbahn begleichen.
er „Zug der Erinnerung", gedenkt vom 8. 11. 2007 bis zum 8. 5. 2008 der Deportation und Ermordung jüdischer Kinder. Er ist nur durch eine List zustande gekommen. Der Vorstand der Deutschen Bahn AG versuchte ihn vergeblich zu verhindern. Bislang haben über 120.000 Besucher teilgenommen, wie Anne Berghoff und Konrad Schilde in unserem Gespräch verdeutlichen.
Einseitig.info: Wie empfinden Sie die Resonanz der Bevölkerung auf die ungewöhnliche Ausstellung auf Rädern?
Schilde: Die Resonanz ist quer durch Deutschland mehr als beeindruckend: Wir haben in Köln nachmittags mitunter zwar relativ geringe Besucherzahlen gehabt, womit angesichts der Größe der Stadt nicht zu rechnen war. Im Ruhrgebiet hatten wir in Städten wie Duisburg beispielsweise viereinhalb Tausend Besucher pro Tag gehabt. In Stuttgart waren es fast genauso viele. In Halle haben die Leute sogar ohne Regenschirm in der Schlange und geduldig geartet, bis sie an die Reihe kommen. Das große Interesse an dem „Zug der Erinnerung" kann man durchaus an den langen Besucherschlangen festmachen.
Einseitig.info: Was ist der Anlass für diese Wanderausstellung?
Schilde: Hintergrund der Ausstellung sind die Deportationen der verfolgten Kinder Ende der 30er Jahre bis 1945. Es gab in Frankreich eine ähnliche Ausstellungsserie, die sich „11.000 Kinder" nannte. Nach dieser erfolgreichen Ausstellung haben sich die Serge und Beate Klarsfeld an die Deutsche Bundesbahn gewandt und sich dafür eingesetzt, eine ähnliche Ausstellung auch an deutschen Bahnhöfen zu veranstalten. Dies haben der Vorstand und zuvorderst der Bahnchef Mehdorn aber abgelehnt. Daraufhin haben sich verschiedene Bürgerinitiativen quer durch ganz Deutschland als Verein zusammengetan und den „Zug der Erinnerung" gegründet.
Sie mieteten einen Zug an und nun rollt die Ausstellung damit quer durch Deutschland. Es werden bewusst die Bahnhöfe angesteuert. Dort begannen seinerzeit die Deportationen begannen und dort wird heute die größte Öffentlichkeit erreicht. Der Zug der Erinnerung ist seit dem 8. November 2007 unterwegs, bis er am 8. Mai 2008, dem Tag der Befreiung des Massenvernichtungslagers Auschwitz erreicht.
Einseitig.info: Das Publikum in Köln macht einen sehr gemischten Eindruck: man sieht junge und alte Menschen. Welche Eindrücke haben Sie von den jungen Besuchern der Ausstellung bekommen?
Schilde: Morgens haben wir in erster Linie Schulklassen während am Nachmittag eher Besucher mittleren und höheren Alters kommen. Die Altersspanne reicht von sechs bis hin zu weit über 80 Jahre. Es gab bei den jungen Besuchern unterschiedliche Reaktionen. Der überwiegende Anteil der Kinder, ich schätze mindestens 70 Prozent, war sehr berührt von dem Schicksal der deportierten jüdischen Kinder. Es ist ja auch die gleiche Altersgruppe. Die Ausstellung möchte bei der heutigen Generation von Kindern und Jugendlichen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass die Deportation und Vernichtung von Kindern nie wieder passieren darf. Es geht also auch um Erinnerungen, die in die Zukunft wirken.
Einseitig.info: Welche konzeptionellen Gedanken liegen der Ausstellung zugrunde?
Berghoff: Es geht im ersten Teil der Ausstellung darum, die Schicksale der jüdischen Kinder zu erzählen. Es ging darum, möglichst wenige Hürden zu errichten, um auch junge Besucher anzusprechen. Daher bekommen die Opfer in der Ausstellung Name und Gesicht. Es werden aber auch Zahlen genannt, die deutlich machen, dass es um Millionen Tote geht. Hinter den Zahlen verschwinden nämlich ganz oft die Lebensgeschichten der einzelnen Menschen. Weil sich kaum jemand an die Geschichte der jüdischen Kinder erinnert, haben wir versucht, an einzelne Schicksale anzuknüpfen.
Der zweite Teil der Ausstellung fängt mit dem Themenkomplex Täterschaft an. Gerade in der Bundesrepublik Deutschland gibt es ja die Kontinuitäten bei den Tätern nach 1945. Deshalb werden Biographien von Männern wiedergegeben, die bei der Reichsbahn gearbeitet haben und nach dem Zweiten Weltkrieg nicht zur Verantwortung gezogen wurden. Kein einziger verantwortlicher Reichsbahner ist verurteilt worden. Vielmehr haben die Täter in der Nachkriegeszeit Karriere bei der Deutschen Bundesbahn gemacht.
Der letzte Teil der Ausstellung widmet sich dem Überleben der Opfer. Damit möchte die Ausstellung eine Perspektive erschließen, die über die Täter hinausgeht. Primär erinnert die Ausstellung aber an die Opfer.
Einseitig.info: Wie sah eine solche Geschichte denn aus?
Berghoff: Es wird beispielsweise die Geschichte von Georg Kohn erzählt. Er ist mit seiner Familie aus Paris deportiert worden. Sein Vater wurde nach Buchenwald verschleppt und ein Teil seiner Familie ist in andere Lager gekommen. Georg Kohn wurde dagegen nach Auschwitz deportiert und in der sogenannten Kinderbaracke 11 untergebracht.
Dort wurden Kinder interniert, an denen die Nazis medizinische Versuche durchgeführt haben. Sie wurden dafür eigens später in das KZ Neuengamme bei Hamburg deportiert wo ihnen Krankheitserreger wie Tuberkulose geimpft wurden. Die Kinder wurden beobachtet und im Anschluss daran entfernte man ihnen die Lymphdrüsen.
Kurz vor der Befreiung Hamburgs wurden diese Kinder in eine Schule am Bullenhuser Damm gebracht. Damit keine Zeugen dieser Gräueltaten überleben, wurden diese Kinder – das kleinste war gerade fünf Jahre alt – im Keller der Schule erhängt. Die Ermittlungen gegen die Verantwortlichen sind nach 1945 von einem Gericht mit der Begründung eingestellt worden, dass den „Kindern außer der Vernichtung des Lebens kein Übel entstanden sei."
Einseitig.info: Wer Opfer wurde, haben die Nazis definiert. So wurden auch Frauen als Asoziale verfolgt, die als sexuell unstet oder freizügig galten. Oder Roma und Sinti und Homosexuelle.
Berghoff: Es kommen außer den Biographien der jüdischen Kinder auch andere Opfergruppen in der Ausstellung vor. So wird auch die Leidensgeschichte der Roma und Sinti an Einzelbeispielen rekonstruiert. Ungefähr eine halbe Million Roma und Sinti wurden von den Nazis in Auschwitz ermordet. Sie haben jahrzehntelang um ihre Anerkennung als Opfergruppe gekämpft haben, was im Hinblick auf Entschädigungsleistungen der Überlebenden von Bedeutung ist.
Einseitig.info: Ein Blick in das Gästebuch der Ausstellung weist auf unterschiedliche Reaktionen der Besucher hin. Es überwiegt Dankbarkeit und Anerkennung für die Ausstellung, doch es finden sich auch sehr befremdliche bis haarsträubende Äußerungen.
Berghoff: Es überwiegen tatsächlich Äußerungen von Betroffenheit oder Zuspruch für die Ausstellung. Es gibt aber auch Provokationen von Jugendlichen, die aber nicht von einem gefestigten rechtsextremen Weltbild herrühren müssen. Leider sind aber auch Sprüche von Erwachsenen zu finden, bei denen wir davon ausgehen, dass sie von Rechtsextremen stammen. Ein Ausspruch lautet: „Es ist gut, was damals passiert ist" ( Originalzitat). Dass ein Erwachsener dies geschrieben hat, erkennt man an der Schrift.
Einseitig.info: Nach Auschwitz wurden in Deutschland die Verbechen unter den Teppich gekehrt. Haben Sie etwas davon während der Ausstellung mitbekommen?
Berghoff: Viele ältere Menschen, die die Ausstellung besuchten, gehören wohl der Generation an. Sie haben als Kinder den Nationalsozialismus erlebt haben und waren 1945 ungefähr zehn Jahre alt. Einige erzählten uns, was sie als Kinder von den Deportationen mitbekommen haben. Ihre jüdischen Mitschülerinnen und Mitschüler waren von einem Tag auf den anderen nicht mehr in der Schule. Viele erlebten das anschließende Schweigen in den Familien als äußerst bedrückend.
Sie nehmen heute an, dass ihre eigenen Väter in die Deportationen verstrickt waren, weil sie als beispielsweise als Medizinalräte in Minsk eingesetzt wurden. Diese Geschichte hat mit eine Frau erzählt. Sie sagte: „Mein Vater muss etwas gewusst haben, wenn er in Minsk bei der Wehrmacht als Medizinalrat eingesetzt wurde." Das Schweigen ihres Vaters errichtete eine Wand zwischen ihnen, die den Verdacht erst recht angeheizt hat: ‚Da ist irgendetwas Schlimmes passiert, aber ich weiß nicht was.’ Das erzählten ganz viele ältere Besucher. Es bleibt ein Leben lang diese Ahnung oder der Verdacht, dass eine Täterschaft der eigenen Eltern dahinter steckt.
Einseitig.info: Nun haben Bahnchef Hartmut Mehdorn und Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee versucht die Ausstellung sogar zu verhindern. Wie kam es, dass sie doch realisiert wurde?
Berghoff: Sowohl der Vorstand der DB Bahn AG als auch das Bundesverkehrsministerium haben diese Ausstellung nicht unterstützt, sondern versucht, sie zu verhindern. Doch die Deutsche Bahn ist vom Gesetzgeber her verpflichtet, privaten Eisenbahnverkehrsunternehmen die Schienen zu vermieten. Da wir ja mit Eisenbahnvereinen, Eisenbahnern, oder wie mit dem Eigentümer dieser Dampflok zusammen arbeiten, mussten sie uns die Bahntrassen vermieten. Nur deswegen kann der „Zug der Erinnerung" fahren.
Einseitig.info: Nun wurden Sie sogar mit finanziellen Forderungen konfrontiert.
Berghoff: Weil wir die Trassen gemietet haben, müssen sowohl Standgebühren als Trassen- und Stromgebühren bezahlt werden. So kommt viel Geld zusammen, das wir an die DB Bahn AG zahlen müssen. Wir kommen ohnehin nur an die Orte, wo wir eingeladen werden. Es muss also Initiativen vor Ort geben, Menschen oder Kommunen, die sagen: wir möchten gerne, dass der Zug zu uns kommt. Und diese Initiativen zahlen Geld an den Verein. Dieses deckt aber nicht die ganzen Kosten.
Einseitig.info: Ist das nicht abstoßend? Damals wurden den deportierten Kindern billigere Transportkosten für ihren eigenen Mord berechnet. Heute müssen die Organisatoren der Ausstellung, die an die damaligen Verbrechen erinnern, ihrerseits Rechnungen an die Bahn als Rechtsnachfolgerin der damaligen Reichsbahn begleichen.
Berghoff: Das ist für uns vollkommen unverständlich. Wir akzeptieren nicht, dass sowohl das Verkehrsministerium als auch die DB Bahn AG so ablehnend auf dieses Projekt reagieren. Unsere Forderung ist deshalb ganz klar: Wir müssen kostenfrei fahren, weil wir eine gesellschaftliche Aufgabe hier übernehmen.
Der Zug der Erinnerung ist ein Projekt von unten, an dem sich ganz viele Initiativen und Menschen engagieren, die eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus führen. Da kann es nicht sein, dass man dafür in der Bundesrepublik auch noch Rechnungen bezahlen muss.
Es gibt ja einzelne Politiker, Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, oder Ministerpräsidenten einzelner Bundesländer, die die Forderung nach Übernahme der Kosten durch die Bahn bereits gestellt haben. Außerdem wenden sich viele Menschen an die DB Bahn AG und an den Bahnchef Mehdorn mit Emails, um ihren Protest kundzutun.
Der „Zug der Erinnerung" muss kostenfrei fahren, so die einhellige Forderung. Wir begegnen diesem Protest permanent. Das Unverständnis gegenüber der Haltung des Vorstands der Deutschen Bahn wird auch zunehmend in den Medien thematisiert und wir hoffen, dass noch Bewegung in die Diskussion kommt. Die Bahner vor Ort sind übrigens kooperativ und freundlich.
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