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Stephan Brenn
Drahtkunst zwischen Platon und Duchamp

Von Julia Trompeter
ie Fassade des Altbaus an der Pappelallee 2 am Prenzlauerberg ist nackt, weiß und hoch. Es gibt nicht viele Fenster darin. Was für die Hausbewohner vielleicht manchmal ein Nachteil ist, könnte für die bevorstehenden Ereignisse an diesem feucht-kalten Dezemberabend im winterlichen Berlin nicht geeigneter sein. Doch noch ahnt niemand, was hier gleich geschehen wird: Unbeteiligte Menschen überqueren die belebte Kreuzung an der Haltestelle Eberswalderstraße, es sind Heimgeher, Fußgeher, Spaziergeher, Kinderwagenschieber, Auto-, Bus-, Bahn- und Radfahrer. Eine ganz gewöhnliche Straßenszene an einem einfachen Wochentag eben, der eigentlich nur wenig hinzuzufügen wäre.

Brenn stöhnt nicht, als er den Overheadprojektor in den vierten Stock hinauf schleppt, obwohl dieser ein Industrieprodukt aus vergangenen Zeiten ist und seine zwanzig Pfund wiegen wird. Ihm liegt ganz anderes am Herzen, denn das heutige Experiment könnte an einem kleinen aber wesentlichen Detail scheitern: der Kraft eines winzigen Glühbirnchens. Nach zehn Stunden Autofahrt von Köln hierher nimmt er sich nun nicht einmal die Zeit für einen Kaffee, sondern öffnet sofort die Balkontür hoch oben über der Kreuzung. Dann wuchtet Brenn den Projektor auf einen Stuhl, den die freundliche Wohnungsbesitzerin und gutwillige Gastgeberin unterschiebt. Als er den Schalter umlegt, bemerke ich sein Aufatmen. Die Glühbirne hält nicht nur, was sie verspricht, sie übertrifft gar die kühnsten Erwartungen. Deutlich zeichnet sich auf der gegenüberliegenden Hauswand in etwa zwanzig Meter Entfernung ein scharf gezeichnetes Lichtfeld ab, das nach entsprechendem Drehen am richtigen Rädchen bald die komplette Fassade bis zum Dach hinauf erleuchtet.

Brenn spannt einen Regenschirm über den Projektor, denn ein leichter Nieselregen durchzieht den gänzlich erdunkelten Abendhimmel. Unten auf der Straße sammeln sich nun ein paar wenige Eingeweihte, denen die Gastgeberin Punsch und eine Überraschung versprochen hat. Der Künstler bittet nun um ein wenig Freiraum auf dem Balkon und so verlassen wir den Aussichtspunkt und gesellen uns hinunter zu dem wartenden Grüppchen an der Straßenecke.

„Mama, was machen wir hier?“ fragt ein kleines Mädchen seine Mutter zehnmal hintereinander, doch da diese es auch nicht weiß, kann sie nichts weiter tun, als Geduld anzumahnen. Man steht unten, der Punsch tut sein Möglichstes gegen die Kälte, gegen die Nässe aber ist auch er machtlos. Ich starre zur erleuchteten Wand hinauf, voll Erwartungen, was dort gleich passieren wird.

Um 20 Uhr und drei Minuten schiebt sich ein Schatten seitlich ins Lichtfeld, gebogen, irgendwie lebendig, er hat die Form einer Schleife, scharfe Umrisse. Das Kind hält erstaunt inne und hört endlich auf zu fragen. Der ersten Form folgt eine weitere, kreisförmig diesmal, erkämpft sich einen Platz, verdrängt die erstere aus ihrer zentralen Position, gibt dem Geschehen ein bildnerisches Aussehen. Dem Bild folgen nun weitere, einige schneller, andere langsam, fast kriechend. Einmal prasselt ein Hagel an die Wand. Es sind kleine gebogene Kurzdrähte, die kurz darauf von einem Feger von der Licht-Wand gefegt werden. Dies löscht die Szene, eröffnet wieder neuen Freiraum. Die Drogerie im Erdgeschoss lässt kreischend das Gitter vor dem Laden herunter und wundersamer Weise schiebt sich im selben Augenblick hoch oben vom Dach ebenfalls ein schattiges Gitter die Fassade herunter. Die Parallelität beider Bewegungen ist faszinierend, wiewohl absolut zufällig.

Wenn zehn Menschen vor einem Hauseingang stehen und dabei angestrengt einen Punkt in Himmelsnähe fixieren, fallen sie auf. Die Straßenszene gewinnt dadurch eine absurde Normalität, während wir etwas irrsinnig erscheinen mögen. Manche Passanten beachten uns nicht, als sie müde und in sich versunken vorüber gehen. Andere folgen unserem Blick, bemerken das seltsame Geschehen an der Hauswand, verwundern sich, bleiben stehen. Ein Fahrradfahrer weicht einer Mülltonne erst im allerletzten Augenblick noch aus, da er abgelenkt nach oben starrt.

Mir kommt das platonische Höhlengleichnis in den Sinn. Hier sitzen die Gefesselten in der Höhle und schauen auf die Höhlenwand. Im Rücken der gefesselten Menschen befindet sich eine Mauer, hinter der ein Feuer brennt. Nun halten andere, nicht Gefesselte, diverse Gegenstände über die Mauer, die ihren Schatten an die Höhlenwand werfen. Die Gefesselten nun glauben, statt Schatten die wirklichen Dinge zu sehen.

Vielleicht hinkt das Beispiel ein wenig, und vielleicht ist Stephan Brenn auf dem Balkon besser mit einem Puppenspieler zu vergleichen, mit einem, der Drähte findet, auf den Straßen, in Gräben, Baugruben, in Parks und Siedlungen, der sie findet und aufliest, was andere gar nicht wahrnehmen, sie aufliest und heimbringt und ihnen dann Leben einhaucht. Die Drahtprojektionen jedenfalls sind Spiel und Philosophie gleichermaßen. Brenns Drähte haben oft ihre bei Produktion erhaltene Form verloren, sind durch das Dasein gebogen, verformt und zu dem geworden, was sie sind. Niemals greift er manipulierend ein, was er tut, sind drei Dinge: Hinschauen, Mitnehmen und Komponieren.

„Es sind ungewollte, überflüssige und übrig gebliebene Objekte, die in ihrer ursprünglichen Gestalt deformiert wurden. Sie haben Zufallsformen angenommen, die per se jedoch auch logi­schen Gesetzen folgen. Im Nutzungsprozess werden ihre Gebrauchsformen umgeformt, dekonstruiert. Die Deformation löst sie aus ihrem Funktionszusammenhang und macht sie wieder zu Rohmaterialien der Industrie­gesellschaft. Gleichzeitig visualisieren sie die Magie ihres Verwandlungsprozesses vom funktionalen Gegenstand zum acht­los weggeworfenen und doch unbewusst gestalteten ästhetischen Objekt.“ So Tobias Hoffmann, der Leiter des Museums für Konkrete Kunst in Ingolstadt, wo Brenn seit Juli 2007 mit einer Drahtzeichnung vertreten ist. Denn außer den Projektionen gestaltet er mit seinen Drähten vor allem Zeichnungen an Innen- und Außenwänden, so erstmals 2005 im Rahmen der großen Ausstellung 10 Jahre Kunstwerk Köln unter dem Titel «Ausgezeichnet».

„Mit den vorgefun­denen Ready-mades zu zeichnen ist also auch eine Abkehr von der traditionelleren Auffassung der Zeichnung als privilegier­tem Medium des individuellen Ausdrucks“, befindet die Kunsthistorikerin Barbara Hess, und trifft damit den Draht sozusagen auf den Kopf. Denn Pinsel, Farbe und Tusche hat Brenn schon vor Jahren abgeschworen. Das Einzige, was er noch klassischer Weise mit den Händen zeichnet, sind die Umrisse seiner umfangreichen Sammlung an Sektflaschen-Drähten, diese zierlichen Korken-Ummantelungen, die er sorgsam archiviert.

Brenn selber sieht darin nichts Besonderes. Das liebevolle Abzeichnen der hundertfachen Variationen drahtiger Formen gehört bei ihm zur alltäglichen Arbeit dazu. Und damit wird er für die Welt zu einem wichtigen Archivar: Nämlich in der Umsetzung seiner ganz eigenen Archäologie des Wissens im Umgang mit Kunst des Alltäglichen.

Am 15.Februar 2008 eröffnet um 19.00 Uhr im Museum für verwandte Kunst, Genter Str. 6, 50672 Köln die Ausstellung "zeichnung ohne papier" nach einer Ausstellungsidee von Stephan Brenn. Dort wird er zusammen mit Ralf Witthaus, Julia Seidensticker,  Klaus Dauven und Hiltrud Gauf, die andere Interpretationen beisteuern, seine eigene Umsetzung des Themas präsentieren. Wer außer den Zeichnungen auch einmal eine Lichtspielimprovisation von Stephan Brenn live miterleben möchte, der kann dies unter musikalischer Begleitung von Corinna  Reiss am Karfreitag, den 21. März  2008 ebenfalls im Museum erleben. Die gesamte Ausstellungsdauer ist vom 17. Februar  bis 31. März 2008.


Weitere Informationen gibt es unter www.stephan-brenn.de


Julia Trompeter 14.02.2008Diesen Artikel ausdrucken

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