er Dokumentarfilm „Workingman's Death“ reflektiert das Ende der internationalen Arbeiterklasse. Anne Jung von medico international erläutert im zweiten Teil des Interviews, wie die Warlords mit der sklavenförmigen Arbeit zusammenhängen, was das Ende der internationalen Arbeiterklasse bedeutet und welche politischen Lehren daraus gezogen werden sollten.
Einseitig.info: Es gibt eine Welle von Filmen mit Afrika als Thema. Welche Sujets und Bedürfnisse bedienen sie?
Jung: Zu Weihnachten gab es in Deutschland eine Welle von Afrikafilmen, etwa „Afrika, mon amour“ mit Iris Berben in der Hauptrolle. Afrika ist dort primär die Kulisse für das Fremde. Die Filme wecken die Sehnsucht nach der Fremde bei den Zuschauern. Hier gibt es einen instrumentellen Umgang mit dem Kontinent Der Film hat zudem einen affirmativen Blick auf die Kolonialzeit.
Bei den jüngsten Kinofilmen, wie „Der ewige Gärtner“ und „Blood Diamond“ sehe ich das schon etwas anders. Dort gibt es ein tieferes Interesse für Afrika, verbunden mit der Bereitschaft die Ursachen für Kriege und Krankheiten zu benennen. In diesen Filmen wird auch die Suche nach Lösungen spürbar. Diese Filme entstammen aber nicht dem afrikanischen Kino. Es werden erfolgreiche Filme dadurch, dass sie mit weißen Hollywoodschauspielern besetzt sind, so dass der europäische oder westliche Blick auf Afrika erhalten bleibt.
Wenn man diese letztgenannten Filme z.B. mit dem globalisierungskritischen Film „Bamako“ von Abderrahmane Sissako vergleicht, sieht man einen völlig anderen Blick auf Afrika, weil er den Alltag in Mali viel mehr mit einbezieht, die täglichen Probleme und Auseinandersetzungen werden auf eine andere Weise dargestellt.
Einseitig.info: Auch der SPIEGEL hat sich auf Afrika eingeschworen. Welche Intentionen stecken dahinter?
Jung: In einer kürzlich erschienen Ausgabe wird im Aufmacher eine schwarze Gruppe von Männern abgebildet, die als Meute eine weiße Farmerin und deren beide Kinder bedroht, die hinter einem Zaun stehen. Das ist ein Bild aus Simbabwe und der Hintergrund ist die Enteignung von Land durch schwarze Farmer.
Den Konflikt vor Ort möchte ich gar nicht in Abrede stellen. Doch primär geht es in dem langen Artikel um die Interesse Europas und der weißen Bevölkerung. Hinzu kommt, dass der Bericht sehr schlecht recherchiert wurde, und dass viele Informationen, die für ein Gesamtbild wichtig sind, fehlen. Wo es also um Misswirtschaft geht, wird die systematische Bestechung seitens europäischer Ölkonzerne wie ELF Aquitaine oder BP ausgeblendet. Das Elend wird nur beschrieben und nicht analysiert.
Ich meine nicht, dass man immer nur auf die Welthandelspolitik schimpfen sollte. Natürlich hat es auch etwas mit Regierungsführung in Afrika zu tun. Aber um ein differenziertes Bild zu bekommen, ist es wichtig, alle Facetten der Problematik darzustellen. Das heißt, wenn man über die zunehmende Verelendung Afrikas spricht, dann muss man auch die neuen Wirtschaftsabkommen wie das sog. Economic Partnership Agreement (EPAS) thematisieren, das gerade im Zuge von G 8 von der EU mit afrikanischen Ländern verhandelt wird.
Dort geht es nur um Freihandel und die Interessen der dominanten Staaten. In gar keiner Weise geht es um die Frage wie Afrika unabhängig werden kann von humanitärer Hilfe.
Einseitig,info: Der Dokumentarfilm „Workingman’s Death“ thematisiert den Niedergang der internationalen Arbeiterklasse. Befinden sich die Arbeiter in den Diamantenminen in einer ähnlichen Lage?
Jung: Wenn man das Thema Arbeitsverhältnisse in Südafrika allgemeiner betrachtet, stellt man fest, dass die Arbeitskraft zur Ausbeutung der vielen Rohstoffe auf diesem Kontinent in der Regel nicht gebraucht wird.
Das meiste Öl vor der afrikanischen Westküste wird off shore gefördert, das heißt es befindet sich im Meer. Es ist daher gar nicht nötig Pipelines zu bauen oder viele Arbeiter zu beschäftigen, um das Öl zu transportieren. Dafür reicht eine Handvoll internationaler Ölarbeiter auf einer Ölplattform. Das ist ein Problem, weil angesichts des Fehlens von Arbeitsplätzen es sehr schwierig ist, über eine langfristige Stabilisierung afrikanischer Länder nachzudenken. Wo keine Arbeitskräfte gebraucht werden, kommt hinzu, dass die Bevölkerung wenige Möglichkeiten hat, politischen Druck auszuüben, denn sie kann nicht mit Streik drohen.
Die Diamantenminen sind ein arbeitskraftintensiver Bereich. Da es einen so hohen Arbeitskräfteüberschuss gibt, gibt es seitens der Minenbetreiber keinerlei Notwendigkeit, für menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu sorgen. Für Sierra Leone und Angola kann ich sagen, dass die Arbeitsbedingungen partiell sklavenförmig sind. Die Löhne liegen teilweise unter einem Euro pro Tag, es gibt viele Kinder, die in den Diamantenminen für einen Hungerlohn arbeiten. Zudem geht der Anteil der landwirtschaftlichen Produktion zurück, weil viele Ländereien ja enteignet wurden, um die Diamanten auszubeuten.
Weil es keine Schulen und eine katastrophale gesundheitliche Situation gibt, entwickeln diese Länder keine Perspektiven. Die Generation von Kindern, die dort heranwächst, hat gar keine andere Wahl als sich in den Diamantenminen zu verdingen. Deswegen ist es ganz wichtig, auf internationaler Ebene darauf hinzuweisen, weil es der Bevölkerung an der Möglichkeit fehlt, politischen Druck auszuüben.
Häufig fehlt es schon an den technischen Voraussetzungen, also Zugang zum Internet, zum Telefon, um überhaupt darauf aufmerksam zu machen, was in dieser Region passiert. Die Arbeit von medico international zielt darauf, der Bevölkerung vor Ort hier eine Stimme zu verleihen, sie bei ihren Kämpfen um soziale Gerechtigkeit zu unterstützen. Dazu gehört es auch, den Attributen, die gemeinhin mit Diamanten assoziiert werden – Glück, Wohlstand, Liebe – die Schattenseite hinzuzufügen: Bürgerkrieg und Sklavenarbeit. Das Wissen über Ungerechtigkeiten ist die wichtigste Veränderungen für gesellschaftliche Veränderungsprozesse
Einseitig,info: Welche politischen Forderungen stellen Sie von medico international an die Diamantenindustrie? Was erwarten die lokalen Gruppen vor Ort?
Jung: medico international unterstützt seit vielen Jahren in Sierra Leone lokale Projekte vor Ort. Wir sind keine Entsende-Organisation, das heißt wir schicken keine Experten ins Ausland, sondern wir arbeiten vor Ort mit Organisationen zusammen. In Sierra Leone fördert medico ein Jugendprojekt in der Diamantenregion Kono. Denn leider hat das Ende des Krieges für die Lebensbedingungen der Bevölkerung in Sierra Leone keine nachhaltigen Verbesserungen gebracht.
Das zweite Projekt beschäftigt sich mit dem Versöhnungsprozess nach südafrikanischem Vorbild. Wir unterstützen Organisationen, die versuchen die Forderungen und Empfehlungen der Wahrheits- und Versöhnungskommission umzusetzen. Für mich ist eine Projektreise nach Sierra Leone immer eine Möglichkeit, mit unseren Projektpartnern zu sprechen, um nach meiner Rückkehr in der deutschen Öffentlichkeit auf eine ganz andere Art und Weise über die Situation vor Ort berichten zu können.
Denn was bei den Filmen und bestimmten Zeitungsartikeln auffällt, ist dass selten ein inneres Bild von Afrika vorhanden ist und das macht sich auch in der Berichterstattung bemerkbar.
Wir reisen mit einer Journalistendelegation nach Sierra Leone und fahren dort zu den Diamantenminen und sprechen mit den Kriegsversehrten des Landes. Eine differenzierte Berichterstattung über Afrika ist wichtig, weil das Thema in der deutschen Öffentlichkeit völlig unterbelichtet ist. Deswegen Menschen auch unter schwierigsten Lebensumständen mit viel Kraft und Energie für die Veränderung der persönlichen und gesellschaftlichen Situation engagieren.