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Misia ist die Stimme des erneuerten Fados (lat. fatum, Schicksal) in Portugal und derzeit auf Tournee in Deutschland.
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Saudade

Misia, die Stimme des erneuerten Fados

Von Farah Lenser

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ísia hat dem traditionellen Fado ihren eigenwilligen Klang gegeben und sie singt zudem mexikanische Boleros und argentinische Tangos. Sie ist nicht nur geprägt von dem Erbe ihres portugiesischen Vaters, sondern auch von dem Temperament ihrer Mutter, einer spanischen Tänzerin und das ihrer spanischen Großmutter, die ebenfalls eine Künstlerin war.

Farah Lenser: Welchen Einfluss hat die Mutter, aber auch die Großmutter auf Ihre künstlerische Entwicklung gehabt? fragte ich sie bei einem Interview, das kurz vor ihrem Konzert in Berlin stattfand.

Mísia: Meine Mutter und meine Großmutter vermittelten mir diese Neugier, aber auch Respekt gegenüber unterschiedlichen Musiktraditionen. In unserem Haus gab es immer Musik und ich hörte alle Arten von Musik, natürlich auch Fado. Meine Mutter war eine klassische spanische Tänzerin und meine Großmutter arbeitete im Cabaret als ‚actrice frivole’.

Mein Vater ist Portugiese, er verliebte sich in meine Mutter, die in Portugal als Tänzerin auftrat und heiratete sie. Sie lebten zusammen in Porto im Norden von Portugal. Als meine Eltern sich dann scheiden ließen, war ich gerade vier Jahre alt und meine Mutter holte meine Großmutter nach Porto, damit diese auf mich aufpassen konnte, während sie selbst arbeitete und auf Reisen war.

Wenn meine Mutter dann von ihren Tourneen zurückkam brachte sie mir nicht nur Spielzeug mit, sondern auch Musikaufnahmen aus der ganzen Welt: mexikanische Boleros, argentinische Tangos, französische Songs und vieles mehr.

Seit meiner Kindheit hat sie mein Leben mit Musik erfüllt, die mir beim Überleben hilft, wenn uns das Leben stirbt. Meine Mutter lebt heute in Barcelona, sie ist mittlerweile 80 Jahre alt und ich dachte, dass sei jetzt ein guter Moment, um ihr meine neue CD zu widmen.

Farah Lenser: Welche Rolle spielte Ihr Vater in Ihrem Leben?

Mísia: Mein Vater ist schon vor einigen Jahren verstorben. Er war Ingenieur, er kam aus seiner sehr alten bourgeoisen Familie. Ich besuchte ihn und seine Familie regelmäßig an den Sonntagen, aber das war eine ganz andere Welt, sehr verschieden von der meiner Mutter und Großmutter.

Farah Lenser: Die Themen von Fado sind Liebe, Leidenschaft und Sehnsucht, im portugiesischen gibt es dafür das unvergleichliche Wort: ‚Saudade’.

Mísia: Ja, aber meine letzte CD ’Drama Box’ ist sehr verschieden von den anderen, auch wenn ich Fados, Tangos und Boleros singe. Ich interpretiere als Sängerin einen Charakter, es ist sehr dramatisch und theatralisch. Deshalb habe ich auch fünf Schauspielerinnen eingeladen, das Gedicht ‚Feuerwerk’ zu sprechen, die deutsche Version wird von Ute Lemper vorgetragen.

Das Booklet zur CD erzählt eine fotografische Geschichte, eine Art Kinematographie. Wir sehen eine Frau in einem Hotel, in ihrem Bett, ein rotes Telefon, sie wartet auf einen Anruf. Wir wissen nicht, ob sie sich aus enttäuschter Liebe umbringen oder ob sie schließlich glücklich werden wird.

Auf der Bühne setzte ich diese Geschichte ‚Drama Box’ um. Das Publikum, die Musiker und ich selbst, wir sind jede Nacht zu Gast in diesem Hotel.

Farah Lenser: Sie haben eine Menge bedeutender Preise gewonnen – die meisten davon im Ausland, vor allem in Frankreich, aber 2005 auch den Verdienstorden Portugals. Wie werden Sie in Ihrer Heimat als Fado Sängerin akzeptiert?

Mísia: Ich begann meine Karriere als Fado Sängerin 1990; zu dieser Zeit lag Fado nicht im Trend. Fado hatte immer noch dieses Image, das verknüpft war mit der Diktatur.

Farah Lenser: Das war mir gar nicht bewusst, dass Fado so sehr mit der Diktatur in Portugal verbunden war.

Mísia: Doch, doch, da gab es diese Verbindung – selbst Amália Rodrigues hatte deswegen Probleme. Während der Revolution in den 70er Jahren flogen die Fado Platten aus den Fenstern der Radiostationen. Es gab die drei verpönten F’s – Fado, Fußball, Fatima. Diese drei Phänomene wurden dafür verantwortlich gemacht, dass es in Portugal keine gesellschaftliche Entwicklung hin zur Demokratie gab.

Der Fado der 50er Jahre vermittelte diesen Eindruck eines kleinen, sauberen, armen, aber glücklichen Landes und verfestigte damit die politische Herrschaft.

Zwar gab es in den 20er Jahren auch Fado Musik mit anarchistischen Texten, aber das hatten die Leute vergessen. Als ich den 90er Jahren damit begann wieder Fado zu singen, war es wirklich kein günstiger Moment. Zudem interpretierte ich Fado auf meine eigene Art und Weise, das galt fast als ein Sakrileg.

Eine Frau, die ganz alleine, ohne Mann, ohne Manager, ohne Produzent oder Beschützer und dann auch noch im Minirock auftrat, galt schon als eine Provokation. Und dann lud ich auch noch linke Künstler wie José Saramago ein für mich Lieder zu schreiben. Andere Künstler begleiteten mich auf dem Akkordeon und mit der Violine; das alles war nicht traditionell – und alle fragten sich: ‚Was macht diese Frau da?’

Vorher gab es nur Amália Rodrigues, die ich sehr bewundere. Ich sehe mich zwischen Amália und der jungen Generation, denn ich gehöre nicht mehr zur jungen Generation, ich bin 50 Jahre alt.
Die junge Generation ist nicht polemisch, sie ist angepasst. Fado ist eigentlich eine populäre Musik und ich bewege mich mit meiner Interpretation an einer Grenze.

Farah Lenser: Sie führen als Künstlerin kein konventionelles Leben und auch das Leben ihrer Mutter und Großmutter war für jene Zeit recht außergewöhnlich.

Mísia: Ja, von daher ist es folgerichtig, dass mein Weg zum Fado auch ein unkonventioneller war. Es wäre eine Lüge, wenn ich mich als traditionelle Fado Sängerin präsentieren würde.
Ich könnte nicht all diese Ticks und Gewohnheiten einer traditionellen Fado Sängerin imitieren. Selbst wenn ich Hüte und Kostüme benutze, mich also in Szene setze, geht es mir doch um wesentlichere Dinge, nämlich eine Verbindung herzustellen zwischen all den verschiedenen Façetten, die mir eigen sind. Ich möchte nicht Teile meiner selbst amputieren, sondern alles annehmen, wie es ist.

Der Klang von Fado wird immer in meiner Stimme sein – er hat meine Stimme geprägt, ich könnte diese Klangfarbe nicht herausbringen, selbst wenn ich das wollte. Aber ich fühle mich heute sehr frei und kreativ in meinem künstlerischem Ausdruck, denn in den letzten zehn Jahren habe ich sehr viel mit mir gearbeitet, um persönliche Probleme zu lösen, Kindheitstraumen aufzuarbeiten, Dinge zu betrachten, die wir verstehen müssen, damit sie uns nicht behindern.

Farah Lenser: Sie singen über die wesentlichen Dinge des Lebens. Wenn wir das tun, verbinden wir uns auch mit der spirituellen Seite des Lebens. Welche Bedeutung hat dieser Aspekt für Sie?

Mísia: Ich bin nicht katholisch, ich bin agnostisch, ich bewundere natürlich San Antonio, ich habe auch immer meine japanische Gottheit bei mir, die Gottheit der einsamen Menschen, die Geishas, Poeten, Maler und Künstler beschützt.

Mystisch bin ich in dem Sinne, dass ich mich mit dem inneren Teil meines Selbst verbinde, mit dem Teil, den ich nicht so genau erklären kann. Ich bin katholisch erzogen worden und dort wird gelehrt, dass etwas in uns Menschen existiert, das nicht von materieller Natur ist.
Dieses Transzendente, das sich vom alltäglichen Leben unterscheidet, will ich den Menschen vermitteln. Ich habe auch eine CD mit dem Titel ‚Ritual’ produziert. Mit dem Publikum zusammen zu sein ist für mich ein solches Ritual. Da gibt es manchmal spirituelle Momente zwischen dem Publikum und dem Interpreten.

Auch wenn z.B. ein deutsches Publikum meine Sprache nicht versteht, so verstehen sie doch die Gefühle, die ich durch meine Lieder ausdrücke. Ich werde dabei zu einem Medium, durch das sich etwas Starkes manifestiert.

Als ich Mísia dann am Abend das erste Mal auf der Bühne sehe, verstehe ich, was sie meint. Vom ersten Moment an bin ich überwältigt von der Ausdruckskraft ihrer gewaltigen Stimme.
Vor mir steht eine kleine zierliche Person, wie ein Vogel hebt sie ihren Kopf und da ertönt diese gewaltige Stimme, die das Publikum in eine andere Welt entführt und die Wirklichkeit transzendiert.

Misia ist die Stimme des erneuerten Fados (lat. fatum, Schicksal) in Portugal und derzeit auf Tournee in Deutschland, um ihre CD ’Drama Box’ vorzutragen. Ein Stück aus dieser CD:

Feuerwerk
Vasco Graça Moura – Fontes Rocha

Wenn ein Feuerwerk in uns sich entzündet
Im Körper an Körper die Funken drehen
Lässt mein Körper in deinem Glühen brennen
Und uns glimmen, bis dass wir vergehen

Dieses Licht so jähe
Dass mit ihm die Kraft verlischt
Dann geschieht es
Dass sich der Schatten erhellt
Und alles Vergessen wird
So gewaltig und weich

Es schüttelt das Licht überraschtes Sein
Und geschlagen ergeben wir uns seinen Befehlen
In diesem Gefängnis verliert die Welt an Gewicht
Und lodern des Nachts die Flammen im Feuerwerk drin

Und so machen sich frei
Feuer und Zufriedenheit
Fliegen in einem Bund
Von Küssen von solcher Leichtigkeit
Dass wir nicht wissen, wann
Sie Feuer oder Wasser oder Wind sind

Aufnahmen von Misia gibt es im örtlichen Handel und bei Amazon.de.

 



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Farah Lenser  07.05.2007blindgif zurück zur Startseite Diesen Artikel lesen Diesen Artikel ausdrucken Möchten Sie den Artikel ''Saudade'' weiterempfehlen?
 
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