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Bild macht dies als selbsternannte Verteidigerin einer irgendwie „wertekonservativen“ Gesellschaft, von deren inhaltlicher Bedeutung womöglich nicht einmal die schreibende Abteilung ahnt oder überzeugt ist.
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Wertekonservativ in der Gosse

Kai Diekmann, der Papst und jede Menge Bumskontakte

Von Dirk Jürgensen

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ede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht
Bild lügt! Das ist längst keine Wahrheit mehr, die jemanden vom Hocker hauen kann. Jede und jeder weiß es. Sogar die meisten Käufer – es soll trotz der meist barbusigen Anmache auch Käuferinnen geben! – des Blattes wissen es. Mancher wird behaupten, sogar die verschlüsselte Wahrheit zwischen den Zeilen entziffern zu können und den Rest als bloßen Spaß hinzunehmen, gewissermaßen über dem mülligen Niveau der Zeitung zu schweben. Selbst die aktuelle Werbekampagne, die zum Aussprechen unbequemer Wahrheiten ermuntert, reizt die meisten Betrachter – ausgerechnet in Verbindung mit der sonst so wahrheitsfernen Bildzeitung – zum Schmunzeln. Wer einen Moment an der Litfaßsäule verweilt und überlegt, wird feststellen, daß die Betonung am Satzanfang liegt. „Jede“ Wahrheit ist gemeint. Und da auch die Wahrheit relativ sein kann, meinen die Werber sicher die Sorte von getrübter, verdrehter und erfundener Wahrheit, die allein Bild uns weismachen möchte.

Dem Axel-Springer-Verlag ist das egal – solange die Auflage steigt und damit die Kasse klingelt, ist die Verteidigung der eigenen Werte gewahrt. Der Pressemarkt ist hart, da darf man nicht zimperlich sein. So wird zwischen zuerst aufgebauten und bei Nichtgefallen der Lächerlichkeit übergebenen Promis und deren Skandälchen, zwischen blutiger Leichenbeschau und politischen Stammtischforderungen, zwischen Sexkontaktanzeigen und Kolumnen ehemaliger Gegner gerne auch mal der Dalai Lama oder der Papst hofiert, beziehungsweise protegiert.

Bild macht dies als selbsternannte Verteidigerin einer irgendwie „wertekonservativen“ Gesellschaft, von deren inhaltlicher Bedeutung womöglich nicht einmal die schreibende Abteilung ahnt oder überzeugt ist. Lediglich den ersten der Werte, der von der Axel Springer AG formulierten Unternehmenskultur, haben die Schreiberlinge nach ihrer Einstellung zu verinnerlichen: „Kreativität als entscheidende Voraussetzung für den journalistischen sowie geschäftlichen Erfolg“ – Kreativität als Synonym für Wahrheit oder wenigstens der kreative Umgang mit der Wahrheit ist das erfolgreiche Geschäftsmodell von Bild.

Bild hat sich geändert!“ ist seit einigen Jahren immer wieder zu hören. Bild wird seit ebenfalls einigen Jahren sogar von der Tagesschau und von angesehenen Zeitungen zitiert. Als der Bild- und Basta-Kanzler die Bildzeitung nicht mehr einladen mochte, sprachen auf einmal unisono gestandene Journalisten angesehener Blätter und Nachrichtenstudios verblüffender Weise davon, dass sie nun die Pressefreiheit verteidigen müssten, ganz als solle dieses Blatt ohne Begründung verboten werden. Ein Symptom für Seriosität der Bild nach außen, das im Innern der einzelnen Redaktionen höchstens mit einer zunehmenden Sorglosigkeit in ihrem Umgang mit Informationen und ihren Quellen begründet werden kann – ein Indiz für den gewonnenen Einfluß auf weite Teile von Politik und Gesellschaft.

1977 sorgte Günter Wallraff für Aufsehen, als er die Machenschaften, den zutiefst unmenschlich-kreativen Umgang der Bild mit der Wahrheit aufdeckte. Er sorgte damals sogar für temporäre Auswirkungen auf deren Auflage. Temporär ist lange her. Bild hat sich längst vom Wallraffschock erholt. Inzwischen öffnete sich der Eiserne Vorhang, die Mauer und damit ein neuer Markt. Bild und Axel Springer Verlag stehen ökonomisch mächtiger da, als es sich Axel Cäsar Springer träumen ließ. Der Boulevard hat alle verfügbaren Medien erreicht und rührige Initiativen, eine – BILDblog – wurde sogar mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet, mühen sich redlich dagegen anzugehen. Doch letzthin gänzlich ohne Wirkung und vermutlich seitens der Bild-Verantwortlichen belächelt. Ein ehemaliger und maßgeblicher Bildschreiber mit Namen Udo Röbel verdient inzwischen sein Geld mit den Lügenleistungen seiner Nachfolger. Auch auf die jüngste Bildkampagne, Leuten ihre Fotos abzukaufen und sie dafür mit einem so wichtig wie wahnwitzig erscheinenden Bildpresseausweis zu belohnen, wird hier gegen Bild gedreht. Jetzt werden Paparazzi dazu aufgefordert, Bilder von Kai Dieckmann zu schießen und einzusenden.

Ein neuer Anlauf: Der „Gossenreport“
Nun gibt es eine neue Veröffentlichung, die am Erfolg der Bildzeitung und ihrer unfreiwillig komischen Wahrheitskampagne kratzen möchte: Gerhard Henschel zieht in seinem „Gossenreport“ (erschienen in der Reihe „Critica Diabolis“ in der Edition Tiamat) so richtig vom Leder. Er nimmt keine Hand vor seinen schriftstellerischen und journalistischen Mund, wenn er sich auf den versudelten Boden des Boulevards begibt und den Bild-Chefredakteur Kai Diekmann, die Verlegerwitwe Friede Springer und verschiedene ihrer namentlich erwähnten Schreiber und Schreiberinnen in einem Atemzug mit ihren erfolgversprechenden Kreativitätsergebnissen, wie den allgegenwärtigen „Sexmonstern“ und „Pinkelprinzen“ in die „Busen-Klemme“ zwischen „Bumskontakten“ und Bibel-Schmuckausgaben bringt. Immer wieder hackt er verdientermaßen auf die Verantwortlichen ein. Henschel nennt kontinuierlich die Namen, die sich bei seinen Lesern einprägen sollen, die Namen derer, die, wenn sie denn wollten, Bild von der Gosse entfernen könnten. Er nennt auch die Namen derer, die längst vor der Medienmacht des Gossenblattes einknickten und sich zum peinlichen Schatten ihrer selbst machten.

Henschels Buch ist, ein Manko das man zuletzt dem Autor zuschreiben kann, ein herrlicher Spaß für die, die ohnehin kritisch der Bildzeitung gegenüberstehen. Leider wird seine polemisch-realistisch-satirische Schrift allein diese, als Zielgruppe für die Bildredaktion ohnehin zu vernachlässigende Minderheit erreichen können. Wie es auch zu vermuten ist, daß Bildleser den Autor bestätigen werden und Bild dennoch, notfalls mit der beliebten Ausrede des „Kults“, wieder kaufen. Doch es bleibt, in der Hoffnung auf eine langfristige Wirkung noch zahlreich folgender Bildschmähungen, unbenommen: Der „Gossenreport“ ist ein erfrischend böser Spaß mit ernstem Hintergrund für die, die über die aberwitzigen, doch zweifellos in jeder Ausgabe zu findenden, Kombinationen von Gemeinheiten, Lügen und Verblödungshilfen lachen mögen, ohne sich mittels eines wissenschaftlich motivierten Probekaufs der Bildzeitung am Kiosk outen zu müssen. Die zu großem Teil recht aktuellen Beispiele, die Henschel aufführt, sind wahrlich ausreichend, wenn auch die politische Komponente, die des Einflusses auf das bundesdeutsche Meinungsbild, erheblich zu kurz kommt. Daß das Versprechen des Untertitels „Betriebsgeheimnisse der Bild-Zeitung“ nicht eingehalten wird, ist jedoch zu entschuldigen, denn solche sind letzthin für diejenigen unerheblich, die das publizistische Ergebnis Bild betrachten. Wer will schon wissen, mittels welchen geheimnisvollen Betriebsablaufs journalistische Inhalte unter Überschriften wie „Wir sind 14 und hatten gerade unseren 1. Sex“ gelangen?

Ein Nachtrag bezüglich einer lobenswerten Aktion
Der oben bereits erwähnte (Anti-)BILDblog.de hat derzeit eine wunderbare Aktion gestartet, die Bezug auf die Kampagne der Bild nimmt, bei der die Leser mit beträchtlichen Belohnungszahlungen zu Nebenerwerbspaparazzi aufgestachelt wurden. Persönlichkeitsrechte waren für Bild noch nie ein Tabu und nun machte sie auch noch ihre willfährigen Leser zu Straftätern. Bewaffnet mit Kameras und Fotohandys sollten sie, Kopfgeldjägern miesester Italowestern gleich, Prominenten jeder Art nachstellen, auf den Auslöser drücken und an die Redaktion schicken. Da tatsächlich für solche hirnrissigen Aktionen immer Freiwillige gefunden wurden und in Zukunft sicher auch werden, wird nun mit gleichen „Waffen“ und mit gleicher Methode „zurückgeschossen“. Ich zitiere den Aufruf von BILDblog.de:

„Dies ist ein Experiment. Denn nachdem das Landgericht Berlin vor ein paar Jahren entschieden hat, dass Bild-Chef Kai Diekmann‚ bewusst seinen wirtschaftlichen Vorteil aus der Persönlichkeitsrechtsverletzung anderer sucht’ und deshalb‚weniger schwer durch die Verletzung seines eigenen Persönlichkeitsrechtes belastet wird’, wollen wir Diekmanns Persönlichkeitsrecht erneut einer Belastungsprobe aussetzen. – Ab sofort sucht BILDblog die besten Diekmann-Fotos.“

Eine Aktion, gegen die Herr Diekmann wirklich nichts haben kann, wenn er sich außerhalb seiner vier Wände einigermaßen benehmen kann und wenn er sich für einigermaßen prominent sowie die von ihm geführte Redaktion für einigermaßen seriös hält.

Einseitig.info empfiehlt:
„Gossenreport“ von Gerhard Henschel – Edition Tiamat 
„Fotografiert Kai Diekmann“

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Dirk Jürgensen  16.10.2006blindgif zurück zur Startseite Diesen Artikel lesen Diesen Artikel ausdrucken Möchten Sie den Artikel ''Wertekonservativ in der Gosse'' weiterempfehlen?
 
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