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Wie es aber bei Suchtstoffen so ist, kam es, wie es kommen musste: Ich hatte keine Zeit mehr ans Telefon zu gehen. Ich vergaß wichtige soziale Kontakte ebenso wie geldwerte Verabredungen.
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Endlich 'ne geballte Ladung Stoff

Wiglaf Droste im Kampf gegen Phrasologen und andere unfreundliche Erdenbewohner

Von Nikolai Wojtko

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m es direkt zu sagen: Ich bin nicht objektiv. Ich kann es nicht sein. Ich bin in diesem Fall nicht parteiisch, wie Sie jetzt wohl meinen könnten. Nein, ich wäge nicht ab. Ich bin dem Stoff verfallen. Ich bin süchtig. Ich liebe dieses Zeug so sehr, dass ich mich nicht um die Folgen schere. Was danach kommt, ist mir egal. Hauptsache, ich hab erst mal die volle Dröhnung. Auch wenn ich weiß, dass er kommt. Unabdingbar, sicher und beinhart: Der Affe danach. Aber so ist es nun mal mit den Texten von Wiglaf Droste. Man kann sie in kleinen Dosierungen einmal in der Woche über die Wahrheitsseite der taz konsumieren, dann ist man jedoch nur angedröhnt und läuft halb benommen die restlichen Tage der Woche durch die Straßen, ohne Ziel und ohne Richtung, nur darauf wartend, dass sie vorbei gehen mag diese öde, diese brandenburgisch grausame, diese Nordic-Walkingstock-harte, diese phrasenangehäufte, diese sprachaufklärungsarme, diese lange, dunkle Drostefreie Zeit.

Natürlich kann man Glück haben und trifft seinen vertrauten Buchdealer, der auch schon einmal seltene Zeitschriften in der Auslage hat. Wenn Sie mal nach Köln kommen, fragen Sie mich ruhig, ich hab da einen todsicheren Tipp, aber psssscht…. Auf jeden Fall kann mit so einem Experten in Sachen Textturkey dieser Affe zeitlich durch Droste-Texte aus der kulinarischen Kampfschrift Häuptling eigener Herd behoben werden. Allerdings stellt er sich auch in diesem Fall bald wieder ein und hier kann nicht nach einer Woche, wie bei der taz, sondern nur vier Mal im Jahr Abhilfe geschaffen werden. Denn öfter erscheint diese leider immer noch viel zu unbekannte, schönformatige und lesenswerte Zeitschrift im Kampf um das Weiterschnallen der Gürtel nicht. Sicherer ist es da schon, sich ein dickes Buch mit den gesammelten Texten des Autors zu besorgen.

Dieses Mal, ich muss es leider gestehen, hat mich mein sonst so zuverlässig wirkender Dealer auf eine falsche Fährte gesetzt. Als ich ihn zu Beginn des Jahres fragte, wann er denn neuen Wiglafstoff für mich haben würde, antwortete er nach einem professionellen Blick auf seine Wareneinkäufe, dass damit wohl erst im Sommer zu rechnen sei. Der Stoff müsse erst noch produziert, reinlich zusammengetragen und dann zu ihm ins Konto geschmuggelt werden. Er wollte mir dafür ein paar andere Ladenhüter, die er über den Winter nicht an den Bedürftigen gebracht hatte, schmackhaft machen. So wartete ich also länger als nötig und bekam den neuen Stoff erst, als er schon gut abgehangen an der Dealertheke auf mich wartete.

Dafür aber jetzt auch die geballte, schön gebundene von der Edition Tiamat liebevoll editierte Ausgabe der jüngsten Texte auf rekordverdächtigen 240 Seiten. Kaum war ich mit dem dicken Paket Stoff zu Hause, riss ich schon das Zellophanpapier herunter, um schnell was zu konsumieren. Nur einen kleinen Happen, so zum Ankicken. Nur so eben mal etwas. Nichts Schlimmes, so dass man danach noch was anderes machen könnte. Wie es aber bei Suchtstoffen so ist, kam es, wie es kommen musste: Ich hatte keine Zeit mehr ans Telefon zu gehen. Ich vergaß wichtige soziale Kontakte ebenso wie geldwerte Verabredungen. Ich nahm die fremden Personen in meiner Wohnung so wenig war, wie das Schnurren und Maunzen der von Hunger arg gequälten Katze. Ich konnte weder fernsehen, noch war ich fähig, Musik zu hören. Ich lag einfach da und blätterte, las, lachte. Genoss meine Endorphin-Ausschüttung, ebenso wie die Zufuhr von Adrenalin. Ich begegnete alten Bekannten, wie dem sehr geschätzten Kinky Friedman, vermisste hier einen kleinen Verweis auf den Katzenkrimi des Texas Jewboys mit der wunderbaren Textpassage:

Ich nahm noch einen Schluck und sah rüber zu meinen Stiefeln, die am Schreibtisch standen. Sie waren lang und eng, genau wie mein Verstand. Ich stellte mir eine Person vor, die in ihnen steckte. Ein anderer Kinky, aber nicht so wie der andere Kinky, den ich gesehen hatte, als ich im Krankenhaus zum ersten Mal wieder zu mir gekommen war.
Aber das war schnell vergessen, schon beim Lesen der nächsten Passage gab ich mich dem Stoff wieder voll hin, sog er mich voll auf. Sollten Sie keine Angst vor solchen Zuständen und auch nicht vor dem Affen danach haben, dann legen Sie sich schleunigst diesen Stoff zu. Das Buch ist schon mit einem Affen – wie Nikolaus Heidelbach ihn sieht – wunderhübsch gekennzeichnet, allerdings ohne eine feste Zuweisung der Rolle der Frau, aber das ist ein anderes Buch, entschuldigen Sie, ich seh so klar nach dem Lektüreerlebnis, ich bring in der Wirklichkeit noch so einiges Durcheinander. Wandern Sie zum Dealer Ihres Vertrauens, sprechen Sie das geheime Codewort: Kafkas Affe. Er wird Sie verstehen, oder Ihnen schlechtes Zeug verkaufen wollen. Lassen Sie sich auf keine Kompromisse ein, bestehen Sie auf das Original, keine Verschnitte, keine Fälschungen, keine Langeweile. Zahlen sie nicht mehr als 16€. Vertrauen Sie mir, aber machen Sie schnell, ich muss weg. Muss zum Bahnhof, mir die neue Freitagsausgabe der taz zulegen, ich bekomm sonst, na Sie wissen schon…

Einseitig.info empfiehlt:
Wiglaf Droste: Kafkas Affe stampft den Blues. Edition Tiamat. Verlag Klaus Bittermann. Berlin 2006. 240 Seiten, 16,-€
ISBN: 3-89320-098-3

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Nikolai Wojtko  18.08.2006blindgif zurück zur Startseite Diesen Artikel lesen Diesen Artikel ausdrucken Möchten Sie den Artikel ''Endlich 'ne geballte Ladung Stoff'' weiterempfehlen?
 
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