Die Gemengelage des Textes aus Wissenschaftlichkeit und Ironie, aus stilistischem Ernst und seiner literarischen Aufhebung ist gleichzeitig „Anspielung“ auf das Unterfangen des Online-Magazins Einseitig im allgemeinen und dessen Enzyklopädie der Einseitigkeit im besonderen. Eine zweite, gewollte Wa(h)lverwandtschaft.
er Roman, geschrieben vor über 150 Jahren, ist Pflichtlektüre aller, die über die Modernität dieser literarischen Gattung nachdenken. Kein „Ulysses“, kein Thomas Pynchon erscheinen ohne dieses Buch denkbar. Die nie ganz einzufangende Allegorie des „Moby Dick“ erzwingt mit jedem Lesen eine neue, andere Lesart und macht das Ende der Geschichte zum Anfang von Literatur.
Herman Melvilles „Moby Dick“ ist nicht nur die hoch moralische Geschichte des Kapitän Ahab, ist mehr als der nüchterne, nicht ganz überzeugte Lobgesang auf den letzten guten Wilden – Queequeg – und die literaturhistorische Rettung des Erzählers als Überlebenden einer Katastrophe mit einem Sarg als Rettungsboot – Ismael. Er ist auch eine Enzyklopädie des Walfangs wie des großen Leviathan selbst.
Vollkommen einseitig interessiert hier die an Jean Paul erinnernde „Cetologie“ des 32. Kapitels. Sie gibt vor eine enzyklopädische Lehre vom Wal im Sinne seiner Linné'schen zoologischen Klassifikation zu sein. Doch die Enzyklopädie ist selbstreflexiv. Die „Cetologie“ deklariert „Moby Dick“ zum Roman im Pottwal-Format. Die erste Wa(h)lverwandtschaft ist damit gestiftet.
„Schon haben wir uns kühn ins tiefe Wasser vorgewagt, aber bald werden wir uns in seine unbegrenzten hafenlosen Weiten verlieren. Ehe das geschieht, eher der ‚Pequod’ bewachsener Rumpf Seite an Seite mit dem muschelbedeckten Leib des Leviathan schlingert, ist es geraten, sich mit einer Sache zu befassen, die zu einem gründlichen Verständnis der folgenden besonderen leviathanischen Offenbarungen und Anspielungen jeder Art nahezu unerlässlich ist.“ (S. 177)
Es fällt schwer in der Einleitung des 32. Kapitels Formulierungen auszumachen die frei von zusätzlicher metaphorischer Bedeutung sind. Die durchgehende Verknüpfung von plot und Form, die stets auch uneigentliche Bedeutung der Sprache sind somit die erste „leviathanische Offenbarung“ des Kapitels. Die Gemengelage des Textes aus Wissenschaftlichkeit und Ironie, aus stilistischem Ernst und seiner literarischen Aufhebung ist gleichzeitig „Anspielung“ auf das Unterfangen des Online-Magazins Einseitig im allgemeinen und dessen Enzyklopädie der Einseitigkeit im besonderen. Eine zweite, gewollte Wa(h)lverwandtschaft.
Nachdem auf die Unwägbarkeiten des Ozeans und der Offenbarungen hingewiesen wurde, entwickelt Melville eine bibliothekarische und buchwissenschaftliche Systematisierung der Walarten:
„Nach der Größe verteile ich die Wale auf drei Hauptbücher, die ihrerseits wieder in Kapitel unterteilt sind, und darin sind sie alle enthalten, große und kleine: 1. der Foliowal, 2. der Oktavwal und 3. der Duodezwal.“ (S. 181)
Folio, Oktav, Duodez - neben Quart - sind die alten Formate von Büchern. Springen wir direkt in das „2. Buch (Oktav), Kapitel 2 (Narwale)“, um eine weitere, für das Online-Magazin Einseitig relevante Offenbarung zu empfangen. Mit dem Narwal wird nämlich jener mittelgroße Wal beschrieben, der bei „gründlichem Verständnis“ „Anspielungen jeder Art“ auf die publizistische Zielsetzung des Magazins für Meinungsmache „nahezu unerlässlich“ macht. Als besonderes Kennzeichen des Narwals beschreibt Melvilles Erzähler Ismael das Horn des Wales, das irreführenderweise für seine Nase gehalten wurde, und somit einen falschen Namen stiftete. Selbst der Narwal ist also eigentlich kein Narwal, was allein seine Berücksichtigung in der Enzyklopädie der Einseitigkeit verlangte. Doch Ismael hat noch weitere Argumente zur Hand.
„Genau gesprochen ist das Horn ein verlängerter Stoßzahn, der, etwas abwärts geneigt, gerade aus dem Kiefer herauswächst. Er kommt nur auf der linken Seite vor und gibt dem Fisch etwas Unbeholfenes, ähnlich dem Anblick eines ungeschickten Linkshänders.“ (S. 188)
An dieser Stelle fallen Ismaelsche Cetologie und aktuelle Blattkritik zusammen. Nicht nur, dass Einseitig die Klasse des kleineren Duodezwales verlassen und in die Familie und Fanggründe der Oktavwale auf- respektive abgestiegen ist. Auch in den Hörnern unserer Stifte den verlängerten „Stoßzahn“ zu erkennen, verweist auf die Narwalschaft Einseitigs ebenso wie die beobachtete „Unbeholfenheit“ des Narwals und der Umstand, dass dieses Horn eben nur auf der „linken Seite“ vorkommt.
Da die Walkunde an dieser Stelle zumindest eigentlich irre führt – siehe hierzu die untenstehende Mitteilung des Autors an den Erzähler der Melvilleschen Cetologie – sei die „Unbeholfenheit“ wieder in ihr Recht als uneigentliche Tücke gesetzt. Es ist die gewollte Unbeholfenheit eines Oktavwales in den besten Jahren, mit der wir Politik philologisch analysieren, wenn wir wörtlich verstehen, was uneigentlich versprochen wird und den großen Medien den Kleinmut ihrer „leviathanischen Offenbarungen“ nachlesen. Unser Stoßzahn trifft taumelnd, was die übliche Professionalität der Foliowale oft zielend verfehlt.
Ismael weiß selbst: „Welchen Sinn dieses elfenbeinerne Horn oder Lanze hat, lässt sich schwer sagen.“ Und seine Cetologie lässt sich ein weiteres Mal auf die „tiefen Wasser“ der „Anspielungen“ ein. Geflissentlich trägt er zusammen, was akademische und maritime Stimmen zur Funktion des Horns, zum Nutzen, den das Horn dem Narwal einträgt, mitteilen. Alle Meinungen kommen der Wahrheit jedoch nur näher, indem sie Falsches benennen und so bemerkbar machen. Das Horn ist eben keine „Waffe“, es ist nicht stark genug, um als „Eisbrecher“ zu dienen und zu edel, „um wie mit einer Harke den Grund des Meeres nach Nahrung zu durchstöbern“.
Den knappen populärwissenschaftlichen Disput beendet Melvilles Cetologe stilsicher in bester einseitiger Manier – mittels eigener Meinung. Dabei gibt er jene „leviathanische Offenbarung“ preis, derentwillen dieser Text über den „Moby Dick“ der Initialbeitrag der Enzyklopädie der Einseitigkeit werden musste.
„Aber weder das eine noch das andere lässt sich beweisen. Meine eigene Meinung ist die: Gleich wozu der Narwal dieses einseitige Horn in Wirklichkeit gebraucht – als Falzbein beim Lesen von Zeitschriften wäre es ihm sehr nützlich.“ (S. 188)
[Moby Dick zitiert nach der Übersetzung von Richard Mummendey, Patmos Verlag, Artemis & Winkler, Düsseldorf, 2006]
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Mitteilung des Autors an den Erzähler der Melvilleschen Cetologie
Hoch verehrter Herr Ismael, bei allem Dilettantismus, der mich davor bewahrt, ihre Autorität auf dem ozeanisch tiefsinnigen Gebiet der Wale und ihrer Verwandtschaftsverhältnisse in Frage stellen zu wollen, dürfte es im Sinne der gemeinsamen enzyklopädischen „Sache“ sein, wenn ich meine und damit auch Ihre Leser auf folgende Umstände aufmerksam mache.
Die erste wissenschaftliche Beschreibung des Narwals und seine lateinische Bezeichnung Monodon monoceros geht – von uns beiden unterschlagen – auf den Kollegen Carl von Linné zurück, der gut hundert Jahre vor Ihrer Fahrt auf der „Pequod“ vollkommen trockenen Fußes diesen zoologischen Schritt tat.
Was den deutschen Namen „Narwal“ betrifft, so habe ich schnell bemerkt, wie sehr Sie uns mit ihrer Wissenschaft an der Nase herumführen. Die Nase bleibt nämlich bei der Erklärung und nicht beim Narwal außen vor. Entweder stand nämlich das norwegische Wort „nar“, was soviel bedeutet wie „toter Körper“ und auf die Haut des Wales anspielt, oder das altdeutsche „narwa“, das meint „eng“ und wird auf das Horn selbst bezogen, bei der deutschen Namenstaufe Pate.
Um aber die Wa(h)lverwandtschaft Ihres „Narwal“ mit meinem Online-Magazin wieder in das rechte – oder meinetwegen auch „linke“ – Licht zu rücken, sei mir ein letzter Hinweise erlaubt. Die zeitgenössische Forschung geht davon aus, dass der Sinn des Horns darin liegt, Sinn zu geben – nämlich als Sinnesorgan. Rund zehn Millionen Nervenenden findet man in so einem Horn, mit deren Hilfe der Narwal Wassertemperatur und –druck erfasst, als auch den Salzgehalt wahrnimmt. In gewollter Anspielung auf Einseitig offenbart sich so das Sensorium unserer stoßzähnernen Stifte und Texthörner. Wir spüren genau, wie tief die Wahrheit in dieser Welt schon gesunken ist – und dass man uns zunehmend die Suppe versalzt.
In uneingeschränkt einseitiger Verbundenheit und dem aufrichtigen Bedauern, Sie nicht mehr für unser Redaktionskollegium anheuern zu können, verbleibe ich schlicht
Ihr M.S.
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