lle reden über den Bär. Seine Prominenz als Thema in den Medien ist beachtlich. Jetzt bekommt er schon Namen. Das ist eine Aufmerksamkeit, die weit über die Bedeutung des Ereignisses hinausgeht. Aber der Bär ist auch klug. Er verhält sich wie ein Star – er macht sich rar. Nach seinem erneuten Auftauchen ist er es jetzt vollends: Der Bär ein Medienstar. Was verrät das über die deutsche Volksseele? Das Bärenproblem führt in die Tiefe unseres Gemüts. Dies weiß nicht zuletzt der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber am besten. Oder sagen wir besser: Es ist nicht sicher, ob Edmund Stoiber wusste, was er sprach, als er vom "absouten Problembär" redete. Aber er sprach dem deutschen Bär aus der Seele.
Bärenproblem oder das Gedächtnis Was würde der Bär sagen, wenn er sprechen könnte? Würde er uns den Heimatfilm geben und die Freiheit der Wilderei hochloben, so als echter Österreicher im Karwendelwald, als Grenzgänger und Freischärler? Doch der Bär heißt nicht Toni. Und das Problem, das Bärenproblem, ist, dass der Bär so ein gutes Gedächtnis hat. Deshalb muss er ja erschossen werden. Wenn sich so ein Bär erst einmal an Menschen gewöhnt hat, womöglich an Menschen als Nahrung, dann ist es vorbei mit dem Teddybär. Das erklärt ein Tierschützer am 20. Mai 2006 im Fernsehen, anlässlich des ersten Ausflugs des damals noch Namenlosen. Das Problem sei, dass Bären eine Prägungsphase haben, deren Erfahrungen sie als Gewohnheitstiere befolgen. Deshalb sei an eine Auswilderung dieses Bären nicht zu denken. Dies weiß der Bär und macht sich rar. Weil er so ein gutes Gedächtnis hat, scheint der Heimatfilm viel zu kurz gegriffen. Des Bären Gedächtnis reicht weiter zurück. Er erinnert sich an die Alternative von Gefangenschaft oder Tod. Es ist der gefangene Bär, der Tanzbär, auf der einen Seite und das Bärenfell als Trophäe auf der anderen, das sein Gedächtnis – unser Gedächtnis – durchzieht. Was also würde er uns sagen, wenn er reden könnte? Womöglich:
"Unser Vaterland ist ein gesegnetes Land; es wachsen hier freilich keine Zitronen und keine Goldorangen, auch krüppelt sich der Lorbeer nur mühsam fort auf deutschem Boden, aber faule Äpfel gedeihen bei uns in erfreulichster Fülle, und alle großen Dichter wußten davon ein Lied zu singen."
Ob er gleich erschossen werden muss, ist umstritten. Das erhitzt nicht nur hierzulande die Gemüter, sondern auch in den französischen Pyrenäen, wo eigens aus Slowenien eingeflogene Braunbären, vor gewaltbereiten Menschen mit hohen Polizeiaufwand geschützt werden müssen – wie Ulrich Wickert, der alte Franzosenkenner, in den Tagensthemen vom 5. Juni anlässlich des erneuten Bärenauftritts anmerkte und Marion von Haaren vor Ort erläuterte. Die ARD Korrespondentin, die sonst aus Paris über hohe Politik berichtet und aus Cannes von den Filmfestspielen, musste nun einen Bärendienst leisten. Weniger, darf man vermuten, wegen der slowenisch-pyrenäischen Angelegenheit, als wegen unserer. Immerhin zeigten die Tagesthemen, dass wir nicht allein sind mit dem Bärenproblem. Und dieses ist vielschichtiger als vermutet.
Womöglich ist der Bär ein großer Dichter und möchte nicht mit faulen Äpfeln beworfen werden? So schrieb es Heinrich Heine in der Vorrede seines "Atta Troll" ("ich hätte nie geglaubt, daß Deutschland so viele faule Äpfel hervorbringt, wie mir damals an den Kopf flogen!") Damals, das ist der Spätherbst 1841. Heine ist im französischen Exil, in Deutschland herrscht Zensur. 1846 veröffentlicht er sein satirisches Versepos über den sprechenden Tanzbären Atta Troll. Vieles ist in diesem Heine-Gedenkjahr über ihn schon gesagt und gefeiert worden, aber keiner hat erkannt, dass Heinrich Heine ein Bär war. Das "Wintermärchen" mit seiner berühmten Zeile "Denk' ich an Deutschland in der Nacht / bin ich um den Schlaf gebracht'" ist ebenso vernachlässigt worden – kurzum, sein Leiden an Deutschland, scheint ganz in Vergessenheit geraten zu sein. Damals war ja auch Zensur – und heute haben wir freie Meinungsvielfalt... Und alle reden über den Bär. Ich stelle mir vor, dass es Atta Troll ist, der zurückgekehrt ist, um uns an etwas zu erinnern.
Das Problem des "Stoibär" und die Medien als Bärenführer Als ob der Bär es gewusst hätte. Einmal ist keinmal, doch die Wiederholung verschafft Medienruhm. Er ist ein Star geworden. Manche nennen ihn "Bruno", die meisten sagen jetzt, er heiße "Jay Jay One". Das ist so ein Hörensagen, so eine Journalistenhörensagenmasche. Wieder andere machen "J. J. 1" daraus. Eine stille Post der Bezeichnungsmache, das Kind muss nun einen Namen haben. Die Vermenschlichung, die damit unter der Hand eintritt, wird seinen Abschuss verhindern. Die Medien machen den Bär zum Tanzbär.
Das Problem des Bären sind die Menschen, so hört man es im Radio auf WDR 2. Von wegen Zivilisation und hoher Besiedlungsdichte. Aus Sicht des Bären ist dies plausibel. Doch umgekehrt wird erst gleichfalls ein Schuh daraus, wie der Schuster, der bei seinen Leisten bleibt, ganz genau weiß: Edmund Stoiber hat vor zwei Wochen in einer seiner rhetorischen Glanzleistungen vom "absoluten Problembär" gesprochen. Dieses bon mot des bayerischen Ministerpräsidenten wird jetzt, mit dem Wiederauftritt des einzelgängerischen Grenzgängers, zu einem running gag im Radio, der Stoiber zum "Stoibär" macht und also als Tanzbär vorgeführt. Ganz wie Heine die Szenerie schon beschrieben hat.
"Atta Troll und seine Gattin, Die geheißen schwarze Mumma, Sind die Tänzer, und es jubeln Vor Bewunderung die Baskesen"
Marion von Haaren berichtet. Aber nein. Der verfluchte Heine, der Jud', der Heide, der Exilant und Vaterlandsverräter, der legt den Finger auf die Wunde. Wenn Atta Troll, der sprechende Bär, der absolute Problembär ist, von dem Stoiber spricht, dann ist der "Stoibär" die schwarze Mumma. Und was er den Baskesen oder seinen Bayern und uns vortanzt, ist wenig grazil und hebt sich von der ernsten Erscheinung des Problembären ab:
"Steif und ernsthaft, mit Grandezza, Tanzt der edle Atta Troll, Doch der zottgen Ehehälfte Fehlt die Würde, fehlt der Anstand.
[…]
Auch der wackre Bärenführer, Der sie an der Kette leitet, Scheint die Immoralität Ihres Tanzes zu bemerken."
Die normalen Braunbären - kein Problem Unsere wackren Bärenführer, die Medien, haben die Immoralität des Stoibärschen Tanzes bemerkt. Zumindest – Heine ist hier sehr präzise – "scheinen" sie dieselbe bemerkt zu haben. "Es ist völlig klar, dass dies ein Problembär ist", dieses bon mot Stoibers wird als Gag wiederholt. Wer den Suchbegriff durchs Netz jagt, wird fündig. Der Radiosender "Eins live" führt die Rede Stoibers noch zur Zeit als "Stoi-Bär" im Ranking der O-Ton Charts auf Platz 1.
Stoibers Rede wird als "aktuell und spassig" erinnert und zugleich vergessen gemacht. (Etwa SWR 3 Comix base: Stoibers kleine Bärenkunde.) Das Gedächtnis der Medien ist technisch perfekt, aber sehr kurz – anders als das der Bären – um wirklich zu erinnern, was Edmund Stoiber am 25. Mai gesagt hat. Er sagte, man müsse Unterschiede machen. Nämlich zwischen "Normalbären" (ein Wort eines WWF Experten) und "Problembären" (ein Wort des bayerischen Umweltministers Werner Schnappau). Und jener, der jetzt in seinem Land wildere, sei, wenn es die Experten sagen, so Stoiber nun, ein "absoluter Problembär". Die ausführliche Version seiner Rede ist alledings nur unter pnm://ras01.wdr.de/radio/einslive//cb156614.rm zu finden. Das Wort vom "absoluten Problembär" aber macht im O-Ton die Runde durch die Radiosender.
Die Unterscheidung zwischen "Normalbären", "Schadbären" und "Problembären" ist hoch interessant. Zumal wenn es um Braunbären geht. Erinnern sie sich nicht? Vor zwei, drei Wochen, so um den 19. Mai herum, beherrschte ein ganz anderes Thema Presse und Medienlandschaft. Es stand die Frage nach rassistisch motivierten Gewalttaten im Raum, eine Frage, von der man in Potsdam nichts wissen wollte. Es kam die Nachricht, dass rechte Gewalttaten in Deutschland, über 15.000 jährlich, zugenommen haben. Und Innenminister Schäuble, gleichsam im Schafspelz, hatte zuvor, anlässlich des in Potsdam fast zu Tode und jedenfalls ins Trauma geprügelten Deutschen mit dunklem Fell gemeint, dass ja auch Menschen mit blonden Haaren und blauen Augen Opfer von Gewalttaten würden. Das ernste Thema der braunen Gewalt wurde vom leichten Thema des Braunbären merkwürdig abgelöst.
Doch Ereignisse und Themen stehen nicht nur in zeitlicher Nähe zueinander, sondern sie haben auch thematisch eine Nähe, eine absolute Nähe, möchte man sagen. Geht es doch beim dem verflixten Braunbär um einen illegalen Einwanderer, der aus dem Ausland kommt und unsere Schafe reißt und frisst. Der unseren Honig plündert! Da mögen noch so viele Schäfer sagen, dass die Bären beileibe nicht das Problem seien – viel mehr Schafe kämen durch Abstürze oder Krankheit ums Leben. Das geht der Volksseele aber nicht ins Gedächtnis. Der Bär ist ein Problem, der Bär ist eine Bedrohung, der Ausländerbär. Ist ihm das braune Fell deutlich sichtbar, ist er seines Lebens nicht mehr sicher. Sein Fell wird in alltäglicher Gewalt geteilt, noch bevor der Bär politisch erlegt ist.
Im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land, kam das Thema gerade auf. Hatten doch afrikanische und amerikanische Reiseführer Kartographien und Listen von Deutschland und Berlin veröffentlicht, wo dunkelhäutige Ausländer besser nicht hingehen. Nach Berlin-Lichterfelde beispielsweise. Denn dort tobt der Braunbär. Über diese "no go-Areas" hat man sich hierzulande aufgeregt. Nicht über die Braunbären, sondern über die Frechheit, es auszusprechen, schließlich seien wir Deutschen ja nicht alle so. Wir sind ganz und gar nicht so. Denn wir sind normale Braunbären und keine Problembären. Innenminister Schäuble hat diese Debatte mit dem Satz oder frommen Wunsch vom Tisch gefegt: Gegenden, in die Ausländer nicht gehen dürften, "dürfe es in Deutschland nicht geben." Dann ist ja alles klar für die WM. Auch für den Bär? Der Problembär nämlich soll sich an "no go-Areas" halten.
Stoibers Menschenkunde oder absolute Normalbären Das ungemein philosophische und die Immoralität des Stoiberschen Tanzes an der Seite des bayerischen Atta Troll liegen in der paradoxen Macht des Vergleichs. Während die wahren Problembären die absoluten Braunbären sind, erkennt man dies nicht, weil sie, selbst wenn sie ihr braunes Fell offen zeigen, einheimische Bären sind. Und deshalb sind sie, die absoluten Problembären eben kein Problem – sondern ganz normale Braunbären in Deutschland. Anders dagegen die normalen Bären wie jener "J. J. 1" oder Bruno oder Atta, der sich im österreichisch-italienisch-deutschen Grenzgebiet herumtrollt. Normaler geht es nicht, aber dieser Braunbär ist wirklich und sichtbar braun, und er ist ein wildes Tier. Deshalb gehört er erschossen. Oder erschlagen. Oder zumindest – politisch korrekt – eingefangen und gezähmt, in einem Wildpark bei München beispielsweise oder in Sprachkursen für 4-jährige kleine Bärenkinder. Darauf läuft es jetzt ja hinaus. Jedenfalls falls der Bär nicht klug ist und den mysteriösen Finnen ein Schnippchen schlägt, die eigens für ihn eingeflogen werden. Man gönnt sich ja sonst nichts. Vor allem keinen Österreicher. Denn es wäre ja auch absurd, die Grenznachbarn einzufliegen, zumal wegen ihrer Normalbären.
Wenn nun also der normale Braunbär das Problem ist, dann ist er es, weil er von außen kommt. Die Bedrohung kommt immer von außen – das ist die kulturelle Logik, die hier und heute wie ehedem tief im Gedächtnis der Braunbären verankert ist. Der Problembär kommt immer von außen. Niemals von innen. Und deshalb scheint der normale Braunbär hierzulande kein Problem.
Die Immoralität der Stoiberschen Unterscheidung liegt nicht darin, dass er den echten Bären abschießen lassen wollte, sondern dass er die hiesigen Braunbären gar nicht sieht. Das ist ein Skandal. Nur, wie man gerade gemerkt hat, kommen sich der Vergleich und die Unterscheidung nicht aus. Man kann zwischen normalen Braunbären und Problembären gar nicht unterscheiden. Da nützt auch die Stoibärsche feine Unterteilung in "normale", "Schadbären" und absolute "Problembären" nichts. Alle Braunbären sind absolute Problembären und absolute Normalbären zugleich. Ihr Problem muss man anders lösen. Da helfen bon mots nichts und ihre Karriere als running gag in den Medien verharmlost die böse Rhetorik, die den armen Bär zum Abschuss freigibt und dort den normalen Braunbär in Berlin, Dresden und Bayern übersieht. Wobei ironischerweise Herr Stoiber mit der Normalität nicht ganz unrecht zu haben scheint.
Problemlösungen sollten sich jedoch solcher politischer Rhetorik enthalten, es sei denn im Falle einer klugen Fabel. Aber wer glaubt heute noch an Fabeln? Etwa an die von dem Wolf, der immer Recht hat, auch wenn das Lamm Recht hat und er es trotzdem frisst. Jene Fabel, der Dolf Sternberger eine brillante Interpretation widmete, die 1941 in Nazi-Deutschland erschien und über die Joseph Goebbels geschäumt haben soll. Wer sich daran erinnerte, hätte ein Bärengedächtnis. Der Bär jedenfalls ist ein politisches Tier und dies ist er auch, weil er, wenn er sprechen könnte, den Sand aus den Augen wischen würde, den Tanzführer und Tanzpartner uns einstreuen.
"Manchmal auch, im Tanzgetümmel, Riß der Bär das Leichenlaken Von dem Haupt des Tanzgenossen; Kam ein Totenkopf zum Vorschein."
[…]
Dies' träumt ich nicht zu Ende - Denn ein ungeschlachter Bär Trat mir auf die Hühneraugen, Daß ich aufschrie und erwachte."
Einseitig empfiehlt: Heinrich Heine: Atta Troll. Ein Sommernachtstraum. Dolf Sternberger: Figuren der Fabel, in: ders: Figuren der Fabel. Frankfurt a. M.: Edition Suhrkamp 1963.