Ein Spaziergang auf der schnieken Rheinuferpromenade und das Abbild eines unübersehbar alkoholisiert-verquollenen Menschengesichts namens Krasznai auf einem Panini-Fake hat meinen Stein ins Rollen gebracht. – Doch ich hole lieber etwas aus.
Früher Früher, ich erinnere mich an das Ende der sechziger und den Anfang der siebziger Jahre, kam ich oft an einer Sportplatzmauer vorbei, auf die jemand mit – in der Erinnerung zumindest – blauer Farbe „Clapton ist Gott“ geschrieben hatte. Der unbekannte Verfasser meinte damit Eric Clapton zu würdigen, der damals, lange vor seinem wiederholten Comeback als Schmusegitarrist, als innovativer, erstaunlich weißer Blueser galt. Das ist lange her. Später gesellten sich noch einige Killroys (immer mit dem Untertitel „Killroy was here“ versehen) und Pillhühner dazu. Die schafften es zeitweise sogar bis auf unsere Schulhefte. Der beste und schnellste Pillhuhn- oder Killroyzeichner galt etwas in der Klasse.
Das war die Graffiti meiner Jugend. Die ist längst verschwunden. Wann ich zwischendrin das erste Anarcho-A sah, ist mir entfallen. Meine Blicke fanden in dieser Zeit wohl wichtigere Objekte.
Heute Dreißig Jahre später sind die Straßen meiner heimischen Umgebung zur Galerie erwachsen, deren Qualität ich erst jüngst durch einen Zufall erkannte. Ein aufregender Museumsbesuch, bei dem der Kunstgenuß noch nicht einmal den Kauf einer Eintrittskarte und – in der Zeit leerer Kassen besonders gern herbeizitiert – keine staatlichen Subventionen verzehrt. Wer seinen Blick in Augenhöhe hält, wird ungeahnte Schätze entdecken.
Von Taggern und Bombern Nun ist es mit der Kunst oft so, zumal sie zur zeitgenössischen gehört, daß sie polarisiert, oft als störend angesehen wird, manchmal gar einen Straftatbestand erfüllt. So ist es auch mit dem im Neudeutschen als Streetart bezeichneten Genre. Und, wenn es sich um die Kunst der Sprayer handelt, von denen sich die handwerklich geschickten, die bildnerisch anspruchsvollen Protagonisten vollständig in die Legalität bezahlter Auftragswerke geflüchtet zu haben scheinen, möchte ich mich gern in die Reihe der Kritiker gesellen.
Gesprüht werden fast ausschließlich noch große Tags, Logos, Namensabkürzungen, denen ästhetische Absicht und Originalität in meinen Augen abgeht, die nur noch den Eingeweihten zeigen sollen, wer, welche „Crew“, wann, wo, möglichst unter Lebensgefahr Präsenz beweist. Statussymbole in sich geschlossener Kreise, die mich als Konsument, als Betrachter auf ablehnender Distanz halten. Das Ritual des ständigen Taggings und Bombings (das eigene Logo aufbringen und das des Anderen übermalen) ist mir nicht genug, es langweilt mich und kann nur der Selbstbefriedigung oder Schande des jeweiligen Taggers und Bombers dienen. Selbst ein profanes Verzieren oder Branntmarken häßlicher Betonwände ist längst als Ziel vergessen, wie auch jedes Anprangern politisch-sozialer Zustände und individueller Ausdruckswillen.
Von Zürich nach Düsseldorf Dabei können die jungen Spraydosenschwinger gerade in meinem Quartier täglich wichtige Wurzeln europäischer Graffiti bestaunen. An einigen Wänden, manchmal alt und gut erhalten, vielleicht sogar restauriert, manchmal erstaunlich frisch, finden sich die grazilen Strichfiguren des Harald Nägeli. Erinnern sich die heutigen Sprayer an ihn? Er galt von 1977 bis 1979 in seiner Heimatstadt Zürich als Phantom, das sogar die deutsche Tagesschau beschäftigte, mit seinen Strichmenschen die ganze Spießbürgerwelt Mitteleuropas aufmischte, untertauchte, in Abwesenheit verurteilt und schließlich beim Grenzübergang nach Dänemark verhaftet wurde. Die Massenmedien rätselten herum, schürten die allgemeine Furcht, er würde gerade in der jeweils eigenen Stadt wieder auftauchen und seine Schmierereien verbreiten. Düsseldorf, Wohnort von Josef Beuys und Klaus Staeck – jener besonders aufgrund seiner Postkarten- und Plakatkunst (z.B. mit dem Abbild der Mutter Dürers und der Bildunterschrift „Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?“) ein Vorreiter der Streetart –, zog das Große Los und bot Nägeli nach seiner Haftentlassung ein von der Mehrheit wie natürlich abgelehntes Asyl.
Nägeli wollte nie wieder in die Schweiz zurückkehren. Inzwischen aber, so heißt es, ist er auch in Zürich wieder gern gesehen. Er soll sogar wieder einen Wohnsitz dort besitzen. Dort, wo von vielleicht 400 bis 600 Werken gerade mal eines hinter einer Bretterwand an einem Universitätsgebäude die Zeit überstehen konnte, bis es zum Kunstwerk ernannt und nach einigem Hin und Her aufwendig restauriert wurde. Eine miese Quote. Da sind die Düsseldorfer Stadtteile Bilk, Unterbilk und Friedrichstadt erheblich reicher an Nägelis als das native Zürich. Wer genauer hinschaut, wer die mit schwungvollem Strich gesprühten Figuren kennt, wird sie schnell inmitten des allgemeinen Graffiti-Stillstands erkennen. Und es macht sogar Spaß, weckt sportlichen Ehrgeiz, den Kenner zu markieren, vermeintlich hundertprozentige Originale von sicher vermuteten Fälschungen zu unterscheiden, um immer wieder neue, bisher unentdeckte Klassiker, zu finden.
Weg von der Dose – be sticky! Alle bewußten und unbewußten Nachfahren Nägelis, jene, denen der Zugang zu etablierten, anerkannten Multiplikatoren fehlt, brauchen die Straße. Dort treffen sich die Menschen, da laufen sie aneinander vorbei, ohne Zielgruppenkalkulation – die breite Masse. Dort hat, wer Geschick und Penetranz aufbringt, die große Chance, sich über die verschiedensten Stufen der Wahrnehmung ins Hirn der Passanten zu brennen. „Stickyness“, wie Werber es nennen und wie diese ungeahnt das derzeit wohl bedeutendste Medium der Straßenkunst beschwören.
Das Medium „Sticker“: Wichtig ist, daß es klebt und nichts bis wenig kostet. Oft werden daher Paketaufkleber verwendet, die jedes Postamt in rauhen Mengen bevorratet. Darauf wird, ohne Rücksicht auf den sich bietenden, „formularen“ Hintergrund, mal grob, mal filigran mit einem Faserstift gezeichnet, eine Schablone, ein Holz- oder Linolschnitt benutzt. Manchmal, dann wirkt das Ergebnis kühler, verläßt es den Reiz des Unikats, wird der Aufkleber mit einem profanen Tintenstrahler bedruckt, dessen Tinte sich – dann verschwindet die Kühle – nach dem ersten Regenguß verwäscht. Wer will, mag im Paketaufkleber gern ein Symbol alter postgelber Bürgerlichkeit erkennen, das hier mit Genuß mißbraucht wird. Vielleicht ist das zu weit gedacht, zu sehr alten Zeiten nachhängend, da im künstlerischen Tun immer eine systemkritische Botschaft erwartet und entdeckt wurde. Ein gewollter Gedankengang?
Die Motive stammen aus einem erdachten oder sind Fragmente eines erinnerten Comics, sind geheimnisvolle Namenszüge oder abstrakte Symbole für irgendwas, die oft ihren Zauber in der Wiederkehr erlangen. Die Urheberschaft bleibt anonym. Ein Jemand hat sie für sehenswert, für wichtig gehalten, daß sie der breiten Öffentlichkeit präsentiert gehören. Der Jemand könnte im Viertel wohnen. Von Straßenzug zu Straßenzug sind Schwerpunkte festzustellen. Revierverhalten. Hier das häßliche Mädchen mit den steil nach oben weisenden Zöpfen, dort grafisch grobe Piktogramme mit dem Namenszeichen „PAX“ und woanders ein Schneckenpärchen oder schon wieder die drei Blindenpunkte, mal sauber gedruckt, mal verschmiert. Die unbekannten Macher (auch Macherinnen?) könnten aber auch ihre Werke per Briefpost verteilen und so auch in einzelnen Straßen fremder Städte überraschende Schwerpunkte setzen. Die Logistik, die Verteilung, die Methode und auch die Schaffung einer möglichen Fankultur wird dem Betrachter vorenthalten.
Die Werke sind der Verwitterung preisgegeben, erlangen, kurz bevor der Regen oder ein ordnungsliebender Mensch mit einem Spachtel in der Hand nur noch Fetzen und Klebereste erkennen läßt, ihren höchsten ästhetischen Reiz in ihrer unweigerlichen Vergänglichkeit. Dazwischen gesellen sich immer wieder Sammelbildchen mit den gerade so modernen Mangas und wenigen Fußballern. Menschen kleben Panini-Bilder (oder welche vergleichbarer Unternehmen), die trotz des Mangels eigener bildnerischer Kreativität zum geheimen Kreis der Klebenden gehören möchten. Konzerte, längst verpaßt, werden ebenso angekündigt, wie in ihrer Aufmachung sehr anachronistisch wirkende, tatsächlich Jahre zurückliegende, antifaschistische Demos. Wohnungs-, wie Nachmietersuchende, entlaufende Katzen und Hunde werden mit Hilfe eines blassen Farbausdrucks gesucht. Esoterische Gruppensitzungen mit Geldzurückgarantie bieten mit Glück noch einige Abreißschnipsel mit einer Telefonnummer. Wer sich dort wohl meldet? Doch all sie sind in der Minderheit, fallen inmitten skurriler Zeichen ohne offensichtliche Bedeutung kaum auf. Zumindest in diesem Quartier. Hier überwiegt die kleine, nicht kommerzielle Grafik. In anderen Stadtteilen sind die Masten zugegebenermaßen langweiliger.
Fotosafari Ich verabrede mich mit meinem Sohn, der im Alter derer sein mag, die für die Bildchen verantwortlich sind. Die Verabredung hat eine Vorgeschichte.
Vor einiger Zeit machten wir einen Spaziergang über die Rheinuferpromenade. An einem Luftschacht des darunter befindlichen Straßentunnels entdeckten wir einen Aufkleber, der uns stark an die in meiner und seiner Generation üblichen Fußballsammelbilder erinnerte. Erst bei genauerem Hinschauen sahen wir, daß die abgebildete Person alles andere als ein Sportler war. Ein Freak. Ein offensichtlich betrunkener junger Mann – sein verquollenes Gesicht könnte zudem von einer bösen Schlägerei berichten – und die seltsame Bildunterschrift „Krasznai“ – vielleicht sein Name, vielleicht der Name der Bilderserie oder des Urhebers – brachte uns dazu, ihn mindestens zehn Minuten lang anzuschauen und zu fotografieren.
Heute gehen wir auf Fotosafari. Wir ziehen durch die umliegenden Straßen. Schnell werden wir fündig. Objekt für Objekt wird penibel fotografiert. Passanten drehen sich nach uns um, halten uns für erheblich Bekloppte, die diese elende Schmiererei auch noch schön finden. Oder sie halten uns für ein bißchen bekloppte, aber rechtschaffende Mitbürger, die endlich fotografische Dokumente zur Unterstützung einer Strafanzeige sammeln. Wir amüsieren uns darüber und stellen fest, daß wir bereits nach wenigen Funden mit einem anderen Blick durch die Straßen gehen. Jeder Mast, jeder Verteilerkasten und jede Ampel wird genau inspiziert. Immer wieder finden wir originelle und originellere Werke, wissen schnell, welche welchem unbekannten Kleber zuzuordnen sind. Wir finden nun auch nicht mehr nur Paketaufkleber und neutrale, individuell verzierte, Sticker, sondern in vermehrter Anzahl auch Aktenaufkleber vom Landesamt für Besoldung. Einmal mit einem süßen Bikinimädchen mit Affengesicht darauf. Wieder so ein Angriff auf die Bürgerlichkeit, möchten wir schreien und fragen uns, ob sogar Beamte unter den anarchistischen Klebern sein mögen. Wer kommt sonst an diese Dinger `ran?
Die drei Blindenpunkte: Gerne werden sie per Schablone und fetten Farbklecksen aufgetragen, manchmal nur klein auf dreieckigem Aufkleber und dann auch, vielfach kopiert auf verhältnismäßig großem, weißem Papierbogen. Darauf sehen wir im strengen schwarzweiß einen gestriegelten Mann mit Krawatte und schwarzem Anzug. In der einen Hand hält er, als wollte er uns die Idee des Fotografierens vorgeben, eine Polaroid und in der anderen Hand hält er sein Foto, das von uns stammen könnte. Abgebildet sind allein drei weiße Blindenpunke auf schwarzem Grund. Er will wohl unsere Entscheidung bestätigen, die Bilder unserer Safari ausschließlich im Schwarzweißmodus zu schießen.
Demnächst wollen wir noch einmal los. Die Beschäftigung mit dem Thema weckt die Erinnerung. Vor einigen Jahren fiel mir bereits eine Stickeraktion auf. War sie der eigentliche Anfang? Zuerst vereinzelt und dann über das ganze Stadtgebiet verteilt, wurden die „Tapes“ schnell unübersehbar. Eine Einzelperson oder eine Gruppe hatte zu einem Zeitpunkt, da die gute alte Musikkassette längst der CD gewichen war, unzählige Varianten dieser Tonträger gezeichnet, gedruckt, ausgeschnitten, mit einem markanten „Tape“-Schriftzug versehen und geklebt. Überall und unvermeidlich mußte man ein paar Jahre lang auf diese richtungweisenden Objekte stoßen. Kein Zigarettenautomat, keine Eisenbahnunterführung, kein Briefkasten war sicher. Jetzt sind sie verschwunden. Vielleicht muß man nur etwas genauer hinschauen. Wir werden sehen.
Wo ist Krasznai? Herr Krasznai, den hatten wir noch in Farbe abgelichtet, wurde übrigens inzwischen feinsäuberlich von seiner sonnigen Heimatwand entfernt. Er hatte also nicht nur meinen Sohn und mich zum Fan. Der Dieb oder die Diebin ist dabei mit aller Sorgfalt verfahren. Kein Fetzen von ihm ist übriggeblieben. Ich vermute, die rötliche Gesichtsfarbe des Kraznai verschönert jetzt irgendwo eine Jugendzimmertapete, bringt dem spießigen Zuhause unter elterlicher Fuchtel den verwegenen Zauber des Untergrunds.
Und ein Nachwort Die Behandlung der Streetart und meiner lobenden Erwähnung einiger unbekannter Sticker-Künstlerin und -Künstler macht den nun folgenden Nachsatz notwendig: Da das unerlaubte Bekleben öffentlichen und privaten Eigentums tatsächlich eine Ordnungswidrigkeit oder gar einen Straftatbestand darstellt, möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, daß ich als Autor dieses Beitrages nicht zum bestimmungswidrigen Gebrauch von Paketaufklebern und Aktenaufklebern des Landesamtes für Besoldung und das Bekleben von öffentlichem oder privatem Eigentum aufrufe. Ich warne davor! – Doch ich finde die Art und Weise, wie die Künstlerinnen und Künstler es machen, sehr ansprechend und wünsche ihnen eine weiterhin wachsende Kreativität.
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