In seinen „philippischen Reden“ warnte Cicero mit dem „Hannibal ad portas“ vor dem Herrschaftsanspruchs des Marcus Antonius, den er damit zum Erzfeind Roms schlechthin abstempeln wollte. Dabei wendet Cicero die äußere Gefahr der Belagerung in eine innere Gefahr im Verzug. Aus dem fremden Feldherren vor den Toren der Stadt wird der Staatsfeind Nr. 1 aus den eigenen Reihen.
urch das kulturelle Gedächtnis des alten Europas geistern Geschichten, die einem bibelfesten Präsidenten der Neuen Welt durchaus verborgen bleiben mögen. Darunter findet sich die Geschichte Hannibals und seines Krieges gegen Rom, der aufstrebenden Supermacht des Mittelmeerraums. Nach einer ebenso erfolg- wie verlustreichen Überquerung der Pyrenäen und der Alpen steht Hannibal mit seinen Kriegselefanten direkt im Hinterland des Feindes. Jahre später klopft der nordafrikanische Feldherr sogar an die Pforten der Stadt – Hannibal ad portas – doch letztlich geht der Zweite Punische Krieg für die Karthager verloren. Gleich einem Osama Bin Laden der Antike verfolgt Rom den geschlagenen Hannibal. Weder die Seleukiden in Kleinasien, deren Reich bis in den heutigen Irak reichte, noch der König von Bithynien am Schwarzen Meer können ihn vor der Rache Roms bewahren. Allein Hannibals Freitod verhindert den Strafvollzug des Imperiums.
Eine zweite Geschichte erzählt vom Hegemon von Epirus und König der Molosser, der sich in zwei Schlachten – ebenfalls gegen die Römer – ins Verhängnis siegte. Diese Siege des König Pyrrhus sind uns sogar sprichwörtlich geworden, ihre Pointe zieht auch nach über zwei Jahrtausenden noch. Die beiden Geschichten selbst liegen historisch nah beieinander – gerade mal 70 Jahre trennen die Ereignisse, die man im alten Europa nicht vergessen kann. Über 2300 Jahre klaffen hingegen zwischen den Schlachten Hannibals und dem aktuellen Krieg im Irak. Nichts scheint also dem Washington des Jahres 2006 ferner zu sein als das Seleukidenreich oder Hannibals Karthago. Im kulturellen Gedächtnis Europas ist dies jedoch anders, darin entspinnen sich, sobald wir Ähnlichkeiten auszumachen glauben, sehr wohl Referenzen zwischen Vergangenem und Gegenwart.
Jenseits der militärischen Knute: Opfer und Prüfungen „Noch so ein Sieg und wir sind verloren!“, urteilte Pyrrhus gegenüber einem Vertrautem nach seinem Sieg gegen die Römer in der Schlacht bei Asculum (279 v. Chr.). Anfang Januar dieses Jahres gab sich George W. Bush vergleichsweise optimistisch, als er bei einer „Ideenberatung“ im Weißen Haus kundtat, es gäbe „verdammt gute Fortschritte“ im Irak. Als Pyrrhussieg und damit Niederlage deutete hinegen Al Qaida-Vize Aiman al-Sawahiri die Position der US-Amerikaner an Euphrat und Tigris. „Bush, du musst zugeben, dass du im Irak besiegt worden bist“, predigte al-Sawahiri in einer Videobotschaft. Wenige Tage nach dem Al Qaida-Clip griff die CIA ein pakistanisches Dorf mit Raketen an, um al-Sawahiri zu töten. Der Terror-Ideologe entkam der Rache des US-Imperiums, die Geheimdienstbomben mordeten hingegen 17 unschuldige Dorfbewohner aus Damadola dahin. Bithynien ist überall für jedermann.
Tatsächlich ist die militärische Oberhand im Irak teuer erkauft, stehen den Alliierten unheilvolle „weitere Prüfungen und Opfer“ ins Haus, wie der Sprecher des Weißen Hauses, Scott McCellan, verkündete. Opfer, nicht allein im Sinne von Kriegs- und Terrortoten, und Prüfungen, in denen sich Werte wie Recht, Freiheit und Demokratie zu bewähren haben. Aber ist auf diesem Schlachtfeld der Pyrrhussieg nicht längst schon errungen? Ein Staat, der völkerrechtswidrig Krieg führt, der foltert und foltern lässt, der Staatsangehörige verbündeter Staaten entführt und verschleppt, der geheime Verhörzentren und exterritoriale Gefangenenlager unterhält, welches Recht will dieses Gemeinwesen für sich beanspruchen? Welche Autorität untermauert die Argumente der Supermacht – jenseits der militärischen Knute?
Who is who: Feinde der Freiheit George W. Bushs Heilsversprechen, das den Krieg gegen den Terror und die Demokratisierungs-Invasionen in Afghanistan und dem Irak rechtfertigen soll, bleibt uneingelöst. Zwar vollzogen die USA in Afghanistan als auch im Irak den Regimewechsel, wurden freie, demokratische Wahlen in beiden Staaten durchgeführt – ein Ergebnis, das mehr zählt als militärische Erfolge. Doch es gibt eben auch mehr Krieg und mehr Terror in der Welt. Es wurden keine geheimen Waffen im Irak gefunden, auch nicht nach den Folterungen in Abu Ghraib und anderswo. Am schwersten wiegt jedoch: es gibt keine Perspektive auf die Lösung der angeschürten Konflikte. „Es wird 2006 weiter schwere Gefechte und Opfer geben, da die Feinde der Freiheit nach wie vor Gewalt und Zerstörung säen.“ Dass Bush weitermacht ist sicher, welchen Ausweg er dabei im Blick hat, eher ungewiss. Nur, solange die Logik des Krieges das Vorrecht des Handelns ausübt, bleibt das Recht selbst, bleiben Gerechtigkeit und Demokratie, Menschenrechte und Freiheit auf der Strecke. Das charakterisiert den Phyrrussieg Bushs, für den aber der demokratische Westen insgesamt in Haftung genommen wird.
Diese gemeinsame Haftung fügt auch dem alten Europa eine empfindliche Niederlage bei. So haben die Schandtaten der CIA von den geheimen Verhörzentren, über die Nutzung europäischer Flughäfen für Entführungen und Verschleppungen bis zum Foltervorwurf gezeigt, dass der Krieg auch jene entzweit, die eigentlich dieselben Werte einen sollten. Dem Verlust an Glaubwürdigkeit und moralischer respektive politischer Autorität in der Welt folgen Misstrauen und Streit in den eigenen Reihen. Erst im politischen Konflikt um die Rechtmäßigkeit und Angemessenheit des Irakkriegs erhielt die Idee des alten Europas ihre Note der Abfälligkeit. Die damals aufgebrochenen Trennungslinien bestehen bis heute. Mittlerweile kultiviert die einst so beständige transatlantische Allianz nahezu selbstverständlich ihre Risse. Deshalb wurde Kanzlerin Angela Merkel trotz vorab formulierter Guantanamo-Kritik beim Antrittsbesuch in Washington gefeiert.
Merkel ist quasi jünger als Schröder. Wohl nicht zufällig traf den einstigen Kriegsgegner und jetzigen Altkanzler kurz vor Merkels Washingtoner Visite die nachgeworfene Schmäh der BND-Affaire. Die Diskussion um die Rolle des BND im Irak zeigt noch deutlicher als die CIA-Rechtsbrüche, dass selbst die offizielle Gegnerschaft zum präemptiven Krieg mit Heilslehre vor schweigender Kollaboration und Mittäterschaft nicht bewahrt.
Apportierte Niederlagen: Die Wunden der Verlierer Noch etwas sollte aus dem kulturellen Gedächtnis des alten Europa gekramt werden. Das sprichwörtliche „Hannibal ad portas“ stammt eben nicht aus der Zeit, da der karthagische Feldherr tatsächlich vor den Toren Roms stand. Für die Nachwelt als sinnige Münze geprägt hat diesen Ausspruch Marcus Tullius Cicero, rund hundert Jahre nach dem historischen Ereignis. In seinen „philippischen Reden“ warnte Cicero mit dem „Hannibal ad portas“ vor dem Herrschaftsanspruchs des Marcus Antonius, den er damit zum Erzfeind Roms schlechthin abstempeln wollte. Dabei wendet Cicero die äußere Gefahr der Belagerung in eine innere Gefahr im Verzug. Aus dem fremden Feldherren vor den Toren der Stadt wird der Staatsfeind Nr. 1 aus den eigenen Reihen. Ebenso tragen die Pyrrhussiege im Irak und im Krieg gegen den Terror die eigentliche Niederlage vor die eigene Haustür – ad portas – zurück. So lautet die Botschaft der Terroranschläge von Madrid. Und sie schüren hausgemachte Konflikte und laden sie mit Gewalt auf – das sind die Londoner Lehren.
Die Bereitschaft internationales Recht zu verletzten, Menschenrechte auszusetzen und zu brechen, der Wahrheit den Platz im politischen Diskurs genommen zu haben, macht uns alle zu Verlierern: altes Europa und neue Supermacht. Allein das Festhalten an Völker- und Menschrecht, das praktizierte Vertrauen in die Stärken von Demokratie und Freiheit können diese Wunden heilen. Selbst wenn dadurch die transatlantischen Trennungslinien noch weiter aufbrechen sollten.
Mit seinen „philippischen Reden“ knüpfte Cicero an die berühmten „Philippika“ des Griechen Demosthenes an. In dessen zwischen 351 v. Chr. und 341 v. Chr. gehaltenen Kampf- und Streitreden wandte er sich gegen Philipp von Makedonien, der die Unabhängigkeit der ganz, ganz alten Demokratie in Athen bedrohte. In derselben Tonlage gilt es heute auszurufen: Pyrrhus ad portas, Mr. President!
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