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In dieser verzerrten Perspektive, denn so nah war ich an die pyramidische Schräge herangetreten, bog sich die Spitze über mir wie ein Dach.
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Fünf Tage in Kairo - Ein Einblick in zwei Teilen

Was konnte ich schon gegen die Sphinx ausrichten

Von Sabine Rothemann

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uf der Suche nach einer sinnvollen Tätigkeit als Literaturwissenschaftlerin und Publizistin bin ich der Einladung zu einem Auswahlgespräch des Deutschen Akademischen Austauschdienstes gefolgt. Zu diesem Zeitpunkt stand mir die Wahl zwischen einer Dozententätigkeit in Algerien oder in Ägypten offen. Im beschaulichen Bonn wurde mir berichtet, dass Algerien jetzt im Wesentlichen wieder ein sicheres Land sei, abgesehen davon, dass in letzter Zeit leider hier und da verstärkt terroristische Banden, als Sicherheitsbeamten verkleidet, auf den Landstraßen patrouillieren würden. Sonst aber gebe es keine Bedenken, sich in dem Land frei zu bewegen. Da die Tätigkeit, wie mir beschrieben wurde, hauptsächlich darin bestand, zu reisen, um nach 15-jähriger Absenz ein DAAD-Lektorat neu zu gründen und für die Menschen publik zu machen, entschied ich mich für die Dozententätigkeit in Kairo, zumal ich Ägypten aufgrund einer Arbeit an einem Wüstenprojekt seit 2001 schon einige Male bereist hatte. Kairo aber kannte ich noch nicht. Ich war bereit, nach Kairo zu gehen. Dort zu leben, dort zu arbeiten. Ich hoffte, auf eine internationale, weltoffene Stadt zu stoßen.

Die Pyramiden
Touch the stone, you have to go there and touch, go now, hörte ich den Kameltreiber sagen, der vor mir auf einem Esel saß. Go up there to the pyramid and don’t speak to anybody. Das ist es. Zu niemandem sprechen. Sich das vorzunehmen hat aber keinen Sinn. Denn umgekehrt vergehen kein Schritt und keine Sekunde, in denen man nicht angesprochen wird. Aber auch dort beim Gang um die Pyramiden hatte die geflüsterte Eindringlichkeit seiner Rede aus anderen Gründen keinen rechten Sinn. Dort war nämlich niemand außer mir und dem Kameltreiber. Die Touristenstunde war schon lange vorüber, kein Andrang mehr vor den Pforten. Die waren geschlossen.

Eingeweiht in sein Geheimnis und ausgestattet mit seinen Ratschlägen setzte ich von meinem Kamel ab und lief los. Hin zu der mittleren, der Chepren-Pyramide, zu derjenigen, die noch an zwei unteren Etagen und an ihrer Spitze eine ehemals sie ganz bedeckende Granatsteinschicht trägt. Aus den heruntergefallenen übrigen Steinplatten wurde, wie die Historie erzählt, im Mittelalter die große „Mohamed Ali Moschee“ gebaut. Ich erklomm die Steine der unteren Etage und berührte den Granitmantel. In dieser verzerrten Perspektive, denn so nah war ich an die pyramidische Schräge herangetreten, bog sich die Spitze über mir wie ein Dach.

Zwar gab es keine Touristen mehr auf dem ganzen Gelände, auch sah ich niemanden, als ich tief beeindruckt vor der Sphinx stand, als ob nicht nur ich sie das erste Mal sähe, sondern als ob sie das erste Mal überhaupt betrachtet werden würde, so umflort von Sonne und heißem Wüstenwind war mein Gehirn bereits. Dafür aber tauchten wie aus dem Hinterhalt plötzlich Militärs, eine Art Polizei, waffenbeladene Wachtposten auf. Zwei. Sie eilten mit großen Schritten laut rufend und schimpfend auf mich zu und machten mit ihren Armen weit ausholende hektische Bewegungen, so wie man eine dicke Schmeißfliege versucht, aus einer viel zu kleinen Fensteröffnung eines großen Zimmers zu vertreiben. Sie wollten mich vertreiben. Was konnte ich der Sphinx schon tun, was gegen sie ausrichten? Und so hatte ich, wie jeder Ausgestoßene, unverdiente Momente gesteigerten Rechtsempfindens und blieb stehen. Das nutzte hier aber gar nichts. Ich folgte jetzt tatsächlich dem Rat des Kameltreibers, mit niemandem zu sprechen und versuchte, statt Erklärungen abzugeben, die beiden, die zu zweit schon wie ein kleines Heer beim Aufmarsch wirkten, nicht zu beachten. Das aber macht in diesem Land gar keinen Eindruck. Laut drohend scheuchten sie mich von der Stelle. Dieser militante Aufmarsch wird von der Regierung zum Schutz der Touristen verordnet. Schon die auffallend vielen Sicherheitsbeamten in der Stadt hatten mir auf meiner Reise mehr Schrecken eingeflößt, als dass sie mich beruhigt hätten.

Peter Gynt in Arabien
Das war der letzte Tag meines kurzen Aufenthalts in Kairo, um herauszufinden, ob es möglich sein könnte, dort mindestens fünf Jahre meines Lebens zu verbringen. Beim späteren Ritt auf dem Kamel durch die Wüste, ohne den Esel und seinen Reiter vor mir, immer den Blick auf die Pyramidenspitzen im milchigen Sonnenlicht, dort, wo sich die Wüste weit öffnet und Kairo im Dunst der Abgase mehr und mehr verschwindet, dachte ich an Ibsens Peer Gynt. Warum? Ein Europäer, phantasmagorisch in Arabien, Peer Gynt auf seiner Lebensreise im sechsten Bild seiner Verwandlung, eine fiktionsbegabte und zugleich skrupellose Figur, ist eine Art kleinbürgerlicher Faust. Vom Tagträumer, Taugenichts und Aufschneider hat er sich zum Großimperialisten und Ausbeuter fremder Welten hochgearbeitet. Die Wüste von Marokko befindet er als nutzlos und möchte sie in einer hybriden Aufwallung mit Kanälen, Oasen, Städten und Fabriken nutzbar machen. Im nächsten Bild sitzt er, so wie ich das gerade tat, auf einem Kamel in der Wüste, unweit der Stadt Kairo. Er zieht Bilanz aus seinem Geschäfts- und Liebesleben. Das eine ist abgeschlossen, das andere ist abgestanden, und jetzt möchte er Kaiser der Menschheitsgeschichte und Heilender werden. Bei der Betrachtung der Sphinx von Gizeh begegnet er einem Herrn Begriffenfeldt, dem Direktor einer Irrenanstalt in Kairo. Der nimmt ihn in seine Anstalt mit, und zwei Peer Gynt anvertraute Irre begehen auf dessen Heilungsmethoden hin Selbstmord. Diese Bilder aus Ibsens Stück kamen mir natürlich nicht grundlos mit einem Mal in den Sinn.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon viel gesehen und erlebt. Ich traf nicht nur Ägypter, sondern als Europäerin wurde ich auch in die so genannten Clubs in Kairo eingeladen. Dem Englischen Club stand ein Deutscher, ein Berliner, vor. Von ihm musste man exklusiv eine Einladung erhalten. Wer war dieser Berliner? In Berlin im Zuhältermilieu angesiedelt, hatte er sich – wie er, ähnlich dem Peer Gynt, aufschneiderisch unablässig auf mich einredete – vor etwa 30 Jahren mit anderen Zuhältern um den Savignyplatz eine Schlacht geliefert, bei der er als Sieger hervorging, weil er schneller als die anderen von einem Hausdach in der Bleibtreustraße geschossen hatte. Von der Polizei verfolgt, verließ er das Land und tauchte in Ägypten unter, wo er inzwischen zu einem Imperialisten aufgestiegen, ein tatsächlich durch einen sich dort ungehindert entfaltbaren ihm eignenden Größenwahnsinn mächtiger Mann geworden ist. Alle fürchten ihn. Er hat die Macht, Leute, die ihm durch eine plötzliche Laune nicht passen, aus dem Land zu werfen. Dies wurde mir in der milden Abendluft im Clubgarten von meinem Sitznachbarn, einem Bundesnachrichtendienstbeamten, mit höchster Anerkennungszollung zugeflüstert, als dieser in seinen sonst unentwegt geführten Telefongesprächen und fortwährendem Handyklicken einmal eine kleine Pause machte. Auch diese Art innerer Verwahrlosung und äußerer Rechtlosigkeit, ein Dasein außer Rand und Band, ist also in diesem Land unkontrolliert möglich.

Über den Beamten wusste ich, dass er als Geheimagent den Auftrag hat, unter dem Deckmantel, einem Insektenvernichtungsunternehmen vorzustehen, in den ägyptischen Wüsten Waffenlager ausfindig zu machen. Von einer solchen Wüstentour in seinem Jeep hatte er mir am Nachmittag bereits berichtet und erzählt, wie er mit vorgebrachten fadenscheinigen Rechercheabsichten für seine Kammerjägerstreifzüge, einen bestimmten Ort mitten in der Wüste aufsuchen zu müssen, die Sicherheitskontrollen ungehindert passieren konnte.

Die Stadt
Allein der Weg von der Stadt Kairo zu den Pyramiden ist ein Abenteuer. Ein weit verbreiteter Irrtum ist, dass die Pyramiden von Gizeh unmittelbar bei Kairo lägen. Tatsächlich handelt es sich um zwei Städte mit unterschiedlichen Stadtverwaltungen, verbunden nur durch die Nilbrücken. Kairo auf der Ostseite des Nil, Giza, wie die Stadt, die fünf Millionen Einwohner hat, richtig heißt, auf der Westseite. An der gleichnamigen Endstation einer der beiden U-Bahn-Hauptadern ist man trügerischerweise noch lange nicht angekommen. Unübersichtliche Richtungswechsel, wie mir später schien, lagen noch vor mir. Ich fragte mich durch und fädelte mich an den Auskünften entlang, saß in den verschiedensten Transportmitteln. Auf einen Bus folgten zwei Kleinbusse und zum Schluss wurde ich auf einem Eselskarren mitgenommen. Ein Ägypter, der dazugestiegen war, erklärte mir, dass die Besuchszeit der Pyramiden schon lange vorüber sei und dass er mir aber nun den egypt way to the pyramids zeige.

Der Karren hielt an einer nur noch schütter mit Teer bedeckten Straße, und ich folgte ihm in die verschlungenen Gassen von Gizeh. Wir liefen auf Sandboden zwischen niedrigen Hütten. An einigen Eingängen saßen Frauen und stillten ihre Säuglinge. Kinder und Hühner sprangen durcheinander um sie herum. Ich folgte dem Ägypter, bis wir auf einen stießen, der mir als der Patron der Kameltreiber vorgestellt wurde. Er stand vor seiner im Unterschied zu den anderen nicht ärmlich wirkenden Hütte, ich wurde hineingebeten. Die Wände zierten Hunderte von Glasflakons, die mir auch hier, am nicht touristischen Eingang des Pyramidengeländes, zum Verkauf angepriesen wurden. Auf schweren, für immer unverrückbar scheinenden, ausladenden Riesensesseln nahm man Platz. Ich versank in die Polstertiefen und war dem Verkaufsgespräch, zuerst der Flakons, dann der Tourvarianten durch das tatsächlich inzwischen menschenleere Gelände, ausgeliefert.

Stürzt man sich als Westeuropäer in die Stadt, wird man genötigt, den ganzen Tag bereits von morgens an, kaum hat man einen Bus oder einen Bäckerladen, kaum hat man die Straße betreten, jeden Preis auszuhandeln, wobei der für Europäer immer schon um das Zehnfache höher angesetzt wird. Nach den üblichen Verhandlungen nun also auch hier auf dem egypt way, die mir bereits in ihrem Vorgang bekannt waren, ich also etwas gewappnet war, wählte ich für die mittelgroße Tour das Pferd und ritt mit einem Kameltreiber, der auf dem Esel saß, los.

Der äußere Eindruck der inzwischen 23-Millionen-Einwohner-Metropole ist widersprüchlich und zwiespältig. An den Stadträndern sieht man neue Trabantensiedlungen entstehen, weit entfernt von jeder städtischen Infrastruktur, und dabei scheinen die Siedlungen, die bereits näher an der eigentlichen Stadt liegen, entweder noch nicht fertig oder aber schon wieder im Verfall begriffen zu sein. Zwischen den Wohnblöcken liegen Ackerflächen, fahren Eselskarren statt Autos.

(Teil 2 folgt am kommenden Montag, den 19. Dezember 2005)

Über die Autorin:
Sabine Rothemann ist freie Publizistin und lebt in Berlin. Sie veröffentlicht Rezensionen und Essays u.a. in den Frankfurter Heften und in mare. Zuletzt ist von ihr erschienen: Spazierengehen - Verschollengehen. Zum Problem der Wahrnehmung und der Auslegung bei Robert Walser und Franz Kafka (Tectum Verlag 2000, 221 S., EUR 25,46).
E-Mail-Kontakt zur Autorin: s-rothe@gmx.de.

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Sabine Rothemann  16.12.2005blindgif zurück zur Startseite Diesen Artikel lesen Diesen Artikel ausdrucken Möchten Sie den Artikel ''Fünf Tage in Kairo - Ein Einblick in zwei Teilen'' weiterempfehlen?
 
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