"Meditation und Widerstand sind nicht zwei sondern eins. Wenn „Widerstand“ die Klinge ist, mit der ich auf die mein Leben bedrohenden Feinde ziele, ist „Meditation“ die Messerklinge, die ich gegen mich selbst richte. (Hong Sung-Dam)
wei starke Charaktere treffen aufeinander. Auf der einen Seite die für ein künstlerisches Kleinod viel zu spröde und massige Bunkerkirche in Düsseldorf und auf der anderen der sensible, manchmal laute Künstler und verletzte Widerstandskämpfer Hong Sung-Dam aus Seoul/Südkorea.
Wer sich die Ausstellung unter dem Titel „Resistance & Meditation“ (Widerstand & Meditation) anschaut, wird das Gefühl nicht los, die beiden seien füreinander geschaffen, beide hätten viel zu erzählen. Von ihren Geschichten voller Gewalt in Rechtlosigkeit und ihrer Kraft, Neues, Besseres zu beginnen, ist es in Korea, in Deutschland, eigentlich überall gleichermaßen wichtig zu erfahren. Am 25. November 2005 ist vorerst zum letzten Mal Gelegenheit dazu.
Hong Sung-Dam, geboren 1955, in den späten Achtzigern als Mitglied der Demokratiebewegung Gefangener des damaligen Militärregimes in Südkorea, wurde monatelang gefoltert. Erst nach intensivsten Bemühungen durch Amnesty International und Appellen prominenter Künstler, wie zum Beispiel Günter Grass, ließ man ihn wieder frei. Hong Sung-Dam ist notgedrungen ein politischer Künstler.
Seine Linolschnitte der Düsseldorfer Ausstellung zeigen in der Manier drastischer Comics klassischen Bildaufbaus die Szenen des Krieges, der Folter, des Aufschreis und des Leids. Den Bezug zur alltäglichen Gewalt der Nachrichtenwelt findet er in seinen Videos, die, wie auch die Linolschnitte und Plastiken, in den dunklen Zellen des Bunkers ihre wahre Kraft beweisen. Lauter Widerstand wechselt sich mit meditativer Stille ab. So sieht man auf einer Leinwand, wie der Künstler langsam, viel zu langsam und schemenhaft sich selbst, seinen Schatten(?), verfolgt oder ihm voran geht, sich irgendwann einzuholen scheint, doch verliert und endlich am Anfang der Szene weit von sich entfernt wiederfindet.
Einseitig.info konnte von Hong Sung-Dam Einiges über seine geteilte Heimat, seine Kunst, seine Ziele, sein Schaffen in einer globalisierten Welt und seinen Kampf gegen das Vergessen erfahren.
Einseitig.info (Dirk Jürgensen): Die Augen eines Europäers sehen voller Bewunderung, Erstaunen und nicht ohne Furcht den südlichen Teil ihres geteilten Landes auf der Gewinnerseite der Globalisierung. Das Wirtschaftswunder Südkoreas ist mit keinem anderen zu vergleichen. Die Militärdiktatur ist überwunden, die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung von 1980 ist ein Teil der Geschichte, die Demokratisierung der Gesellschaft scheint vollzogen und wirkt sich auch auf die Freiheit der Kultur aus. So überraschte uns sogar die Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr mit einer Vielfalt interessanter koreanischer Literatur. Wenn nun auch noch eine Wiedervereinigung mit dem Norden stattfände, entschuldigen Sie bitte diese schamlose Verkürzung, könnte ein Koreaner sehr zufrieden mit sich und der Welt sein.
Hong Sung-Dam: Korea war ein schönes Land. Spätestens bis zum 18. Jahrhundert war Korea ein ruhiges und schönes Land. „Schön“ bezieht sich nicht auf die Ästhetik der stillstehenden feudalen Gesellschaft. Das 18. Jh. war der Wendepunkt für Korea, weil das Land die stürmische internationale politische Lage überstanden hatte und das Land mit der „Bauernbewegung vom Jahr Gab-O“ selbständig seine Augen für die Modernität öffnete. Aber die Plünderung des japanischen Imperialismus mit der Absicht einer „Großostasiatischen Wohlstandssphäre“ zerstörte den schönen Traum Koreas. Korea wurde als Vorposten für die Festlandseroberung des japanischen Militarismus ausgenutzt und dabei sowohl körperlich als auch seelisch und dazu noch materiell ausgebeutet.
Zum Beispiel sind die Totentafeln von 20.000 koreanischen Soldaten, die im Pazifischen Krieg als Kugelfang für den japanischen Imperialismus gestorben waren, in „yaskuni shinsa“ aufbewahrt, der Nabelschnur der japanischen Ultrarechten. Obwohl sie schon vor einem halben Jahrhundert gestorben sind, werden sie so immer noch gezwungen, Soldaten für den japanischen Kaiser zu sein. 1945, musste das durch die japanische Niederlage befreite Land Korea dann aber die Teilung des Landes als Folge der amerikanischen Kriegsstrategie erleben.
Nach dem Koreakrieg, der das Leben von 2 Millionen Menschen gekostet hat, wurde die Hälfte der Halbinsel ein USA-freundlicher antikommunistischer Staat. Und im Jahr 1960 bildete man eine neue selbständige demokratische Regierung durch die „4.19 Revolution“. Das Militärregime Jung-Hee Parks, der während der Kolonialzeit die japanische Elitemilitärschule absolviert und daher die Rolle einer Marionette des japanischen Imperialismus gespielt hat, sicherte für den Staat die pro-amerikanische und antikommunistische Richtung, um so Jung-Hee Parks Lebenslauf zu verdecken. Und die wichtigen Stellungen in der Regierung und der Gesellschaft wurden von japanfreundlichen Leuten besetzt. Mit einem Wort gesagt, ohne die Vergangenheit bewältigt zu haben, wurde die Modernisierung des antikommunistischen Staates bis zum Jahr 1998 beschleunigt, als Dae-Jung Kim zum Präsidenten gewählt wurde.
Die Teilung der Halbinsel bedeutet mehr als Landesteilung. In der 36 Jahre währenden Zeit als japanische Kolonie und in den ca. 40 Jahre dauernden antikommunistischen Regierungszeiten war alles auf der Halbinsel nur „die Hälfte“. Das Gehirn der Halbinsel funktionierte nur zur Hälfte. Der Vogel der Halbinsel flog nur mit einem Flügel. Allein an die andere Hälfte zu denken, wurde streng durch antikommunistische Gesetze oder das Staatsaufrechterhaltungsgesetz kontrolliert. Und das Militärregime schwang die Messerklinge des antikommunistischen Gesetzes.
Viele wurden sind zu lebenslänglicher Haft verurteilt oder hingerichtet oder heimlich erschossen oder sind spurlos verschwunden. Die Teilung der Halbinsel saß in den Körpern aller einzelnen Menschen und erzwang die Loslösung der Seele vom Körper. Wenn man genauer diagnostiziert, machte die Mauer der Teilung die Halbinsel zur Irrenanstalt. Solcher Widerspruch und Konflikt werden natürlich für die Kunst eine wunderbare Quelle der Schöpfung. Zum Beispiel, die Power der literarischen Kunst, die in der Frankfurter Buchmesse gezeigt worden ist, ist das Produkt des Willens der Künstler, die einen solchen Widerspruch und Konflikt damals zu überwinden versuchten.
Wir haben etwas „dem Frieden ähnliches“ erworben, nachdem Unzählige verhaftet worden sind und ihr Leben geopfert haben. Es könnte sein, dass die südliche Halbinsel jetzt das freieste Land auf der Welt ist. Aber wer kann garantieren, dass die Freiheit kein Resultat einer ewigen Teilung des Landes ist?
Einseitig.info: Ihre aktuelle Ausstellung in der Bunkerkirche trägt den Titel „Resistance & Meditation“ (Widerstand & Meditation) und wird von dem Zitat „Ich bin ein Skalpell. Ich verletze, um zu heilen.“ begleitet. Woran krankt es im Korea von heute und wo halten Sie es für nötig, das Skalpell anzusetzen?
Hong Sung-Dam: Ich betrachte einige Probleme in der liberalen südlichen Halbinsel: Erstens – ich erfuhr, dass alle Dämonen auf der Welt durch die „Spalte“ der „Teilung“ hineinkommen. Von der „Spalte“ aus wird die amerikanische Militärstrategie über Asien geschmiedet, aus der „Spalte“ entstand die Macht der Militärregime, in der „Spalte“ wimmelte es von Nationalismus, durch die „Spalte“ haben die Japanfreunde immer noch von allen Seiten die wesentliche Macht über Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in der Hand, in der „Spalte“ befand sich die Ausbeutung des Volkes durch die Kapitalisten. Wenn die Teilung Koreas auf keinen Fall gelöst wird, wird die Zukunft Koreas sich der Gefahr des Nationalismus und dessen Gewalt aussetzen. Zweitens – die Freiheit verlangt von der Einzelperson und auch von der Gesellschaft unendliche Verantwortung. Unsere Gesellschaft hat noch nie versucht, die Vergangenheit zu bewältigen.
Keiner hat um Verzeihung für seine die fehlerhafte Vergangenheit gebeten, keiner hat die Verantwortung dafür getragen. Niemand ahnt, wie sich Freiheit ohne Verantwortung verwandeln kann. Drittens – durch die oben genannten Probleme sind die allgemeinen Werte, die unsere Gesellschaft der einzelnen Person abverlangt, vollkommen zusammengebrochen. Korea hat die „Modernisierung“ nur als „Streben nach wirtschaftlicher Entwicklung“ verstanden.
Einseitig.info: Die Globalisierung stellt sich in Europa vielfach als Dämon dar. Er zeigt sich in der Globalisierung des Kapitals, in der Verschiebung der Arbeitsplätze in Billiglohnländer, in der Globalisierung des Terrors, im Verlust lokaler Identität, in der weltweiten Gleichschaltung der Kultur. Sie verwenden selbst eine Vielfalt von Medien und Techniken. Mit Malerei, Poesie, Plastik und nicht zuletzt Videoperformances und erreichen ganz unterschiedlich sensibilisierte Menschen. Im positiven Sinne globalisieren Sie Ihre Kunst über die Vielfältigkeit der Mittel. Was bedeutet Ihnen die Verwendung klassischer und moderner, eben auch globalisierter Methoden?
Hong Sung-Dam: Die koreanische Wirtschaft entwickelt sich noch grausamer als der in der Welt sich ausbreitende Neoliberalismus.
Das Leben ist heilig. Es gibt nichts, was nicht heilig ist, obwohl es ein wertloses Zeug wie ein Unkraut oder Stein auf der Straße sein kann. Daher ist alles, was das Leben bedroht, mein Feind. Und solange solche Feinde existieren, habe ich einen Grund, Kunst zu machen. Bevor die Probleme der koreanischen Gesellschaft, die ich oben genannt habe, nicht gelöst werden, werde ich um mein Leben besorgt sein. Bei den Künstlern ist sogar die „Hölle“ ein Gegenstand der Renovation. Solange wir auf der Welt leben und hier die „Hölle“ existiert, werde ich die „Hölle“ wählen, um nach einem allgemeinen Lebenswert zu streben.
Ebenso ist das Medium für das letzte Ziel meiner Kunst ein einfaches Instrument. Der Auslöser der Kamera oder die Maus des Computers bedeuten dasselbe, was der Pinsel für Malerei bedeutet oder auch Füller für ein Gedicht. Und der Bildschirm, auf dem ein Video zu sehen ist, oder die Bühne des Theaters, das Schreibpapier, die Projektionsleinwand im Kino sind dasselbe wie die Leinwand für Malerei. Sie sind schon nicht mehr modernes Medium sondern bereits veraltet.
In der Kunst sind Form und Inhalt wichtiger als Genre oder Medium. Das Ziel des „Big Brother“ ist nicht das Streben nach verschiedenen Medien, sondern Überwachung und Kontrolle, mit der man Form und Inhalt seinem Geschmack anpassen will. Kernpunkt ihres Strebens ist die Übermittlung von Formen und Inhalten, die sie festgelegt haben. Dies ist der durch sie verordnete Gewinn für die Allgemeinheit durch die Globalisierung. Die sogenannte „Kommunikation“ ist nur ein Vorwand für die Kapitalisierung der Kultur.
Um von der Globalisierung der Kultur, von diesem Draht abzuweichen, müssen die Künstler aller Regionen mit der ihnen eigenen kulturellen Art und Weise ihre eigenen Probleme vermitteln.
Und die Rezipienten solcher Schöpfungen haben sich um Verstehen zu bemühen. Schon haben die Menschen die komplizierten Bildformen von Picasso hervorragend verstanden, und sogar die Ready Mades Marcel Duchamps befriedigend analysiert.
Einseitig.info: Sollten wir uns damit also auch in Europa von Ihnen als Skalpell „verletzen“ lassen?
Hong Sung-Dam: So ist es. Den „Imperialismus“ haben die jetzt dämonisierenden USA vom früheren Europa gelernt. Es ist möglich, dass dieser dämonische Charakter, den jetzt die USA zeigen, in der europäischen Geschichte seine Wurzel findet. In der Phase der Modernisierung hinterließ Europa schlimmste Verbrechen und Widerspruch in der Welt. Ohne allseitige Vergangenheitsbewältigung kann man die Gegenwart nicht überwinden.
Wenn Sie durch meine Arbeiten verletzt sind, ist es eine Bestätigung der Verletzung, die Sie früher durch „Big Brother“ bekommen haben, jedoch keine Verletzung durch mein Messer.
Einseitig.info: Fern ab von der Meditation beschreiten Sie zum Beispiel im Video gern den Weg der Provokation. Ist dies ein Zugeständnis an unsere laute Gegenwart, die uns oft nur den Provokanten wahrnehmen lässt?
Hong Sung-Dam: „Meditation“ und „Widerstand“ sind nicht zwei sondern eins. Wenn „Widerstand“ die Klinge ist, mit der ich auf die mein Leben bedrohenden Feinde ziele, ist „Meditation“ die Messerklinge, die ich gegen mich selbst richte.
Eine Sage lautet: „während man mit dem Teufel kämpfte, um den Teufel zu beseitigen, wurde man dem Teufel ähnlicher“. Ich fragte mich selbst. Ich musste mich innerlich prüfen, ob ich in den langen Zeiten meines Widerstands gegen den Faschismus nicht vom Faschismus beeinflusst worden bin. So wie Liebe und Hass, weil sie sich gegenseitig bedingen, nicht zwei sondern eins sind, und ständig überprüft werden müssen. Mein „Widerstand“ ist nicht um zu widerstehen notwendig, sondern um den „Widerstand“ zu beenden.
Eine Arbeit von mir „Terror Market“ ist nach dem Terror von New York am 11. September und der Invasion der USA in Afghanistan entstanden. Für die Bewohner von New York kann es kaltherzig klingen, aber sie erscheinen so, als ob sie sich nach der vollkommenen Zerstörung nicht selbst fragen würden, warum dort so etwas passieren musste. Sie sind dagegen nur interessiert, ihre Stärke, Nr. 1 auf der Welt zu sein, zu zeigen. Dazu kommt noch der typische Kapitalismus, der mit dem „Terror“ als Marke, als Ware handelt. Das wollte ich in meiner Videoarbeit betonen.
„Der Fluss des Blutes“ entstand während des Irakkrieges. Viele wogen sich in der Illusion, dass sie an einem Computerspiel teilnahmen, als sie die Nachrichten über den Irakkrieg von CNN sahen. Selbst ich habe mich manchmal solcher Illusion hingegeben.
Nicht nur Koreakrieg und Vietnamkrieg, sondern auch mein Leiden unter der Gewalt des Nationalismus führte mich dahin. Ich habe daher die Arbeit „Der Fluss des Blutes“ gemacht, um mich zu überprüfen, ob in mir irgendwo der Kriegwahn sitzt.
Einseitig.info: Die Bunkerkirche bietet nicht den Rahmen einer üblichen Galerie. Sicher haben Sie von der Geschichte der Kirche erfahren. Nachdem ich vor einiger Zeit an gleicher Stelle eine Ausstellung von Werken Otto Pankoks sah, die teilweise stilistisch und thematisch gewisse Verwandtschaften aufwies, hatte ich besonders bei Ihren Linol- und Holzschnitten den Eindruck, sie verstärkt die Möglichkeit des Dialogs mit Ihren Werken. Wie war die emotionale Wirkung der Bunkerzellen auf Sie und erfuhren Sie eine Kommunikation zwischen der Geschichte des Gebäudes und der Geschichte Ihrer Bilder?
Hong Sung-Dam: Ja. Es ist nicht einfach, den Eindruck kurz zusammen zu fassen, aber durch diese Ausstellung habe ich vieles empfunden. Dass der Nationalsozialismus um den Kriegsangriffen auszuweichen, also aus Tarnungsgründen den Bunker als Kirche gebaut hat, und dass gerade in diesem Bunker die Ausstellung stattfindet, in der kritische Bilder der Kriegverbrechen gezeigt werden. So treffen sich hier die Erfahrungen totaler Verletzung des Lebens, einmal durch den Krieg des Nationalsozialismus in Deutschland und zum anderen durch die nationale Gewalt in Korea. Dort empfand ich in etwa, dass zwei Welten, die äußere und die innere, hier einen Körper gebildet haben.
Obwohl sicher nicht alle Bunkerbesucher das Konzept nachvollzogen haben, worin meine Bilder und der „Bunker“ sich treffen, haben sie es wohl trotzdem etwas „nicht Normales“ empfunden.
Die Künstler schaffen „Omen“ oder „Vorzeichen“ der Zeit. Und dass solche „Vorzeichen“ nicht als einfacher Vorzeichen enden als Gesprächsthemen sich weiter entwickeln, dafür braucht man Hilfe von Menschen wie Sie.
Einseitig.info: Vielen Dank, Herr Hong, ich nehme dies gern als Aufgabe mit in die Redaktion und möchte unser kleines Gespräch mit einem Ihrer Gedichte abschließen.
Sommer Erde und Wind treffen zusammen Und versprühen Regen Liebe und Hass treffen sich Und spucken Feuer aus Regen und Flamme umschlingen sich Und gebären Zorn Der Zorn trifft den Menschen Und beide pflügen die Welt um und stellen sie auf den Kopf
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