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Offene Gesprächsrunden - magisches Verstehen

Bausteine für eine neue Gesprächs- und Entscheidungskultur

Von Arnd & Peer Zickgraf

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inseitig.info: Wo steht eigentlich die Zivilgesellschaft im Hinblick auf die Gesprächskultur?

Benking: Das ist eine sehr aktuelle Frage. Ich denke, dass zum Beispiel die UN und auch gewählte Parlamente die Nichtregierungsorganisationen als Kontrollelemente brauchen, um parlamentarische Entscheidungen zu begleiten, abzusegnen und zu kontrollieren. Es reicht ja nicht aus, alle paar Jahre einmal zur Wahl zur gehen. Eine Beteiligung der Betroffenen sowie deren Engagement kann nur entwickelt werden, wenn diese einen Sinn und Zusammenhang in den parlamentarischen Entscheidungen sehen. Dann können auch Entscheidungsprozesse aus der Praxis heraus begleitet werden und Betroffene können bei entsprechender Transparenz der Motivationen auch einmal ihre eigenen Interessen zugunsten eines größeren Ganzen zurückstecken.

Aber Ihre Frage war gerichtet auf die Gesprächskultur innerhalb der Zivilgesellschaft. Da spielt sich heutzutage natürlich viel in den neuen Medien ab, elektronische Verfahren für eine vielleicht andere Form von Demokratie, die gestützt werden muss durch Informationen, die man hinterfragen kann. Wo man in die Tiefe gehen kann und wo es nicht auf der Oberfläche von Worthülsen bleibt, wo die modernen Medien auch benutzt werden können, damit die Leute selbst recherchieren und sich in eine Problematik vertiefen können. Denn sonst argumentieren wir nur weiter mit Plastikwörtern, die uns letztlich immer mehr abstumpfen, aggressiv und später apathisch werden lassen.

Einseitig.info: Andererseits befinden wir uns mitten in einer Kommunikationsgesellschaft. Die Menschen haben noch nie so viel kommuniziert wie jetzt. Jede Organisation und jede Partei hat beispielsweise eine eigene Homepage mit einem eigenen Forum und sogar Chats. Da kann man doch nicht sagen, dass zu wenig Gesprächskultur gepflegt wird, oder?

Benking: Die Informationsüberflutung und die damit einhergehende Orientierungslosigkeit sind sicher ein Problem, denn wenn man ein Problem nicht mehr in seinem Kontext wahrnehmen kann, stumpfen Menschen ab und beteiligen sich nicht mehr am gesellschaftlichen und politischen Geschehen. Die jeweiligen Chats oder Foren sind wie Inseln voller Gleichgesinnter und ob das ein Gespräch ist, wenn Leute, die auf einer Liste stehen ein paar Inhalte austauschen oder ob man es einen breiten gesellschaftlichen Diskurs nennen sollte, möchte ich doch sehr in Frage stellen. Selbstverständlich bieten die Internetforen die Möglichkeit Menschen in In-Gruppen und Untergruppen zusammenzuführen. Man kann sich in diesen Foren austauschen, aber wirklich zuhören und aufeinander eingehen, bleiben eher selten, neue Ideen werden kaum geboren.

Einseitig.info: Man hat mit den neuen Medien die Hoffnung verbunden, dass neue Formen des politischen Zusammenlebens oder auch der Teilhabe an der Gesellschaft möglich wären. Haben sich denn diese Wünsche in Luft aufgelöst?

Benking: Ich denke, dass Bedeutung sehr oft zwischen den Worten, zwischen den Zeilen liegt und die Körper- und Gebärdensprache, aber auch die Beziehung und das Gefühl zwischen Menschen, das sich einstellt, wenn sie miteinander im gleichen Raum sind und zusammen agieren, lässt sich virtuell nicht herstellen. Wir sollten die neuen Medien da nicht überfordern, sie sind ein ganz wichtiges Werkzeug, um über den lokalen Tellerrand regionale, nationale, internationale Informationen in einen Diskurs einfließen zu lassen. Aber ich denke, dass das direkte miteinander fühlen, sprechen und handeln, kann nicht auf eine virtuelle Ebene verlagert werden. Eigentlich brauchen wir keine Informationsgesellschaft oder Wissensgesellschaft, sondern was wir brauchen ist eine kommunikative, dialogische Gesellschaft. Dieses gegenseitige zuhören und aufeinander eingehen, versuchen wir mit offenen Moderationsverfahren zu befördern.

Lenser: Was ich noch wichtig finde, dabei zu erwähnen: dieses wirkliche sich Öffnen für die Argumente des anderen und das sich Einfühlen in eine andere Person kann auch in eine Aktion übergehen. Ich erinnere z.B. an folgende Situation: als wir parallel zum Klimagipfel 1995 in Berlin Dialogrunden initiiert hatten, forderte uns eine Teilnehmerin sehr emotional auf, doch etwas zu tun und nicht nur zu reden. Das führte dann dazu, dass wir uns mit einer Aktion an der Demonstration vor dem Veranstaltungsgebäude beteiligten.

Erinnert sei auch an die Partei Chance 2000, wo der Filmemacher und Theaterregisseur Christoph Schlingensieff aus dem Theater-Zirkuszelt heraus eine soziale Bewegung lostrat – nach dem Motto: Wähle Dich selbst! – einfach dadurch, dass er Menschen einen Raum gab, sich selbst auszuprobieren – Scheitern als Chance – und das als selbst praktizierte.

Solche und ähnliche Aktionen begleiten wir und andere durch Offene Moderationsverfahren. Es gilt einen Raum zu öffnen, wo Überraschungen stattfinden können.

Benking: Mit solchen Methoden wird Selbstorganisation befördert, mit unseren Rundgesprächen versuchen wir unbekannte und bekannte – ich sage immer große und kleine Kartoffeln - mit Überraschungsgästen zusammenzubringen. Immer bleibt ein Stuhl frei und es bekommt der Teilnehmer Redezeit, dem die anderen zuhören wollen.

David Bohm hat mal zum Dialog gesagt hat: das Schlimmste sind diese Machos, diese Dauerredner, die sich immer selbst in den Vordergrund drängen und keine neuen anderen, außerhalb der Schachtel liegenden Elemente überhaupt als kleine Samen, als gesellschaftlichen Nukleus für Veränderung Raum geben. Deshalb visualisieren wir die gesamte Redezeit – ein Bierdeckel entspricht zum Beispiel einer Minute – verteilen sie anfangs gerecht und ermuntern jeden, diese Einheiten als Zuhörzeit zu verschenken.

Und wenn einer nach der ersten Runde nur ganz wenig Redezeit geschenkt bekommen hat – kann er noch mal zwei Minuten geschenkt bekommen, um genau zu erklären, was er sagen möchte. Das ist ein dialogischer Interaktionsprozess, eine Art Pingpong als offenes, dynamisches Gespräch, ein selbst organisiertes und sich selbst verstärkendes „magisches“ Gesprächsspiel eben.

Magisch ist da ein sehr wichtiger Begriff, den auch der Begründer von Open Space, Harrison Owen benutzt. Wir brauchen das Gespräch als Friedens- und Verantwortungselement, um verhärtete, verkrustete Strukturen, Denkmauern aufzuweichen. Wir sollten uns noch einmal vor Augen halten, dass wir mit einfachen Methoden wie Zuhören, Empathie, Mitgefühl viel erreichen können. Übrigens auch durch Aushalten eines Gegensatzes, Einschwingen und auch in der Schwebe bleiben, und nicht immer entscheiden müssen. Es ist nicht immer notwendig, mit ihr oder ihm überein zustimmen, sondern wir können einen Weg finden, dass heute mal der gewinnt und morgen jener. Wichtig ist dabei, andere Zeitdimensionen, andere Kontexte mit einzubeziehen und auch mal zu schweigen.

Es kommt darauf an, dass wir in unserem Dorf, in Regionen und Ländern – weltweit - Methoden finden, diese Aushandlungsprozesse transparenter und bekannter zu machen. Dann fühlen sich die Leute angesprochen, verstehen besser und machen mit. Wie damals beim Wahlkampfzirkus: da haben wir gesagt: „jeder hat eine Stimme und die wird mit Zeiteinheiten visualisiert.“ Man kann dann genau sehen, welche Politiker welche Gesprächstrategien benutzen. Und wenn die Gruppe sich findet, dann merkt sie auch: „jeder kann reden“ und andere werden bestätigt, indem man ihnen Zuhörzeit schenkt.

Die Verkörperung dieser Situation und das Lebendigmachen von solchen offenen, sich selbst organisierenden Prozessen, das ist für mich ein kleines Fünkchen der Hoffnung und Aktion. Das sollten wir weiterentwickeln und vor allen Dingen in die Schulen hinein bringen, um dort neue Dialog- Demokratie- und Partizipationsverfahren auszuprobieren. Das könnte ein Impuls sein, um intergenerationell, interreligiös, interkulturell unterschiedliche Leute – auch wenn sie verschiedene Sprachen sprechen, an einen Tisch zu bringen. Denn jede Entscheidung, deren Kontext nicht durchschaubar ist und wo der Zusammenhang klar ist, führt nicht zu Zusammenhalt, sondern zu Aggression, Apathie, Krieg.

Einseitig.info: Es gibt doch eine ganze Menge von Gesprächsformen, die sich bewährt haben und zum Teil auch in Unternehmen oder in Organisationen eingesetzt werden. Wozu brauchen wir neue Formen von Veranstaltungen und Gruppentreffen wie zum Beispiel Open Space?

Lenser: Das Leben ist bunt, es lebe die Vielfalt. Es gibt ja nicht nur eine Art zu essen, zu singen, oder Liebe zu machen. Ich meine, das wäre ganz schön langweilig und das ist eine Frage von Kreativität. Man lässt sich einfach etwas einfallen, denn in verschiedenen Umgebungen werden verschiedene Dinge gebraucht. Open Space zum Beispiel war ein Konzept, das von vielen verschiedenen Leuten hervorgebracht wurde. Es hat sich aus einer Unzufriedenheit mit Konferenzen heraus entwickelt. Denn die Leute kamen auf die Konferenzen, haben ihre Referate runter gelesen und sind dann wieder abgereist. Wenn man sie später gefragt hat, was da so toll war, haben die Leute gesagt: ‚Oh, das waren die Kaffeepausen. Abends haben wir uns getroffen, Ideen gesponnen, uns ausgetauscht und deshalb fahren wir überhaupt auf solche Konferenzen’. Deshalb haben sich einige Leute überlegt, dass die gängigen Konferenzformen geändert werden müssen.

Da gab es eine Menge von Ideen – eine davon ist die von dem Amerikaner Harrison Owen initiierte Open Space Technology, die ganz auf die Selbstorganisation der beteiligten Menschen setzt. In bestimmten Umfeldern will man aber auch bestimmte inhaltliche Beiträge miteinbeziehen; da hatte Heiner Benking eben die Idee, Rundgespräche, Magic Roundtable, auch Konferenz begleitend einzusetzen. Ursprünglich entsprang die Idee in einem kleinen Gesprächskreis. Denn oft erlebt man es als unfruchtbar, dass Leute zusammen sitzen und sich die Köpfe heiß reden. Heiner hat mal in solch einem Zusammenhang – es stand noch eine Stunde Zeit zur Verfügung und lauter wichtige Leute wollten noch reden – vorgeschlagen Bierdeckel gerecht zu verteilen. Die Bierdeckel wurden unter dem Gesichtspunkt verteilt, dem anderen mal zuzuhören und zu sagen, jetzt hast Du hier auch noch meine Gesprächszeit, denn was Du gesagt hast, finde ich toll. Das ist eine Spielart unter vielen, die man anwenden kann.

Einseitig.info: Was hat das mit Gespräch zu tun? Da moderiert doch wieder jemand nur nach einem Verfahren das gerade modern ist.

Lenser: Nein, offene, sich selbst-organisierende Verfahren schaffen nur den notwendigen Raum damit im Großen und Kleinen Gespräche entstehen können. Der Moderator oder oft sprechen wir lieber von Begleiter – im englischen gibt es das passende Wort Facilitator - macht sich möglichst unsichtbar; beim Open Space oft im wortwörtlichen Sinne – nach der Eröffnung, wenn Themen formuliert und sich Arbeitsgruppen gefunden haben, verschwindet er buchstäblich von der Bildfläche, um den Prozess der Selbstorganisation nicht zu behindern. Auch bei den Rundgesprächen achtet die Moderatorin nur darauf, dass die Spielregeln eingehalten werden, sie greift nicht in den Gesprächsverlauf ein, versucht nicht zu schlichten und im klassischem Sinn zu moderieren: das macht die Gruppe selbst! Die Moderatorin achtet in diesem Falle einfach darauf, dass der Zeitrahmen, der abgesprochen wurde, eingehalten wird.

Benking: Ich denke, dass auch hier bei diesem Gespräch die Zeit knapp wird, und es gibt eben immer Rahmenbedingungen, die bekannt gemacht und für ein friedliches Miteinander beachtet werden sollten. Rahmenbedingungen die zum Beispiel dafür sorgen, dass Minderheitenmeinungen auch auf den Tisch kommen. Es kann helfen die Aushandlungsprozesse und die Beweggründe, Interessen und Perspektiven gemeinsam abzuwägen und dabei neue Lösungen möglich zu machen.

Es gibt bald einen Open-Space in Berlin mit dem Initiator dieser Technik, Harrison Owen, wo es genau um dieses Thema geht: Wie können wir Frieden schaffen? Denn genau darum geht es immer, nicht nur im Nahen Osten, sondern auch im Gespräch mit dem Nachbarn, zwischen Parteigenossen und -gegnern, Männern und Frauen, Eltern und Kindern.

Farah Lenser, ist freie Journalistin und Moderatorin. Lenser, arbeitet im Rahmen des Open-Forum an offenen, partizipativen Dialogverfahren.

Heiner Benking, ist Quergeist, Berater und Entwickler mit den Arbeitsschwerpunkten Bildung; Medien, Kulturen, alternative Zukünfte und Kommunikation, Gesprächs- und Entscheidungskulturen.

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Arnd & Peer Zickgraf  26.10.2005blindgif zurück zur Startseite Diesen Artikel lesen Diesen Artikel ausdrucken Möchten Sie den Artikel ''Offene Gesprächsrunden - magisches Verstehen'' weiterempfehlen?
 
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