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Draußen, kurz um die Ecke zum Dorfrand hin, aber nicht weit entfernt, vergnügen sich zwei Bagger an den Überresten eines Hauses, beladen einen Lastwagen mit Schutt. Es staubt und ein Arbeiter fegt verantwortungsvoll die Straße. Man hat ja seinen Arbeitsplatz sauber zu hinterlassen.
Draußen, kurz um die Ecke zum Dorfrand hin, aber nicht weit entfernt, vergnügen sich zwei Bagger an den Überresten eines Hauses, beladen einen Lastwagen mit Schutt. Es staubt und ein Arbeiter fegt verantwortungsvoll die Straße. Man hat ja seinen Arbeitsplatz sauber zu hinterlassen.
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Bilder plündern

Es ist gar nicht richtig schön hier

Von Dirk Jürgensen

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interher bekommen wir zu hören, wir hätten Glück gehabt, dem Sicherheitsdienst nicht in die Hände gefallen zu sein, als wir in die Häuser gingen. Man hätte uns, meinen Sohn und mich, für Plünderer halten können. Doch die Polizeistreife, die uns in einem offenen Eingang stehen sieht, hält nicht einmal an, um uns zu verwarnen. So plündern wir tatsächlich weiter. Mit der Kamera ergreifen wir Zurückgelassenes, Vergessenes und dem Vergessen überlassene Gegenstände, nicht für würdig befunden, in das gerade fertig gewordene, saubere Haus in Neu-Otzenrath zu passen. Es ist gar nicht richtig schön hier. Für einen, der nicht in dieser Gegend aufgewachsen ist, wirken die Dörfer im weiten Umkreis der Stadt Neuß, oft trist, ärmlich und ohne markante Architekturtradition. Selbst rote Backsteinfassaden können hier niemals anders als grau gewesen sein. Jemand, der wie ich die Dörfer Norddeutschlands und ihre kräftigen Farben, die Kontraste zwischen Mauerwerk, Fensterrahmen und Dach kennt, jemand, der die prächtig, auch kitschig-bunten Fassaden in Süddeutschland kennt, ist schnell verleitet, die Dörfer hier als unwirtlich, touristisch reizlos abzuwerten. Vorgärten, wie in Deutschland meist üblich, wenn auch viel zu penibel hergerichtet, sind selten zu sehen.

Meist stehen die schlichten Häuser, als wollten sie eine große Stadt vortäuschen, in festen Reihen eng an den Bürgersteig gedrängt. Gärten, die Blumen, die Obstbäume liegen hinten. Sie gehen den auf der viel zu breiten Straße viel zu schnell durchfahrenden Fremden nichts an, der sich auf seiner Suche nach einem Schleichweg zwischen Köln und Düsseldorf verfahren hat. Ihm fällt vielleicht gerade noch auf, daß die meisten Rolläden heruntergelassen wurden. Sie lassen ihn vielleicht auf die Uhr schauen, ob gerade die Mittagsruhe oder schon der Abend angebrochen ist. Doch beides muß hier und jetzt nicht mehr zutreffen. Auch ist nicht damit zu rechnen, daß die Bewohner gerade jetzt in den Ferien sind. In diesem Moment, da das Rätseln beginnt, könnte dem Durchreisenden der Gedanke kommen, etwas könnte mit dem Dorf nicht stimmen – wenn er das Dorf nicht nach wenigen Sekunden wieder verlassen und vergessen hätte. Bald muß er hier nichts mehr vergessen.

Wir sind hierher gekommen, weil wir das Schicksal Otzenraths kennen, die früher intensive und nach einiger Zeit abflauende Berichterstattung im Fernsehen und in der Presse verfolgt hatten. Weil wir, ich gebe es zu, die Sensation einer Geisterstadt suchen. Einen Nervenkitzel. Wir sind neugierig und wollen sehen wie es ist, wenn Menschen die Stätte ihres Lebens und ihrer Arbeit verlassen, was sie zurücklassen, wenn sie etwas zurücklassen, was vom Menschen bleibt, bis der ganze Ort in ein großes Loch fällt. Und da das eigene Gedächtnis trügt, wie auch dieser Text für jemanden der in Otzenrath gelebt hat, nicht wahr sein kann, weil die Künstlichkeit einer derart verlassenen Ortschaft nicht allein mit Worten beschrieben werden kann, haben wir die Kamera dabei.

Sicher, die Gedanken der Bewohner, deren Streit und Liebe, den Schweiß des Erbauens und des Erhaltens kann der Speicherchip der Kamera nicht erfassen, doch zu spüren sind wahre und von uns an Ort und Stelle erfundene Wahrheiten, so wie wir beispielsweise auch das Alter der Menschen recht gut taxieren können, als sie gingen.

Die meisten von außen so unattraktiven Häuser sind auch innen nicht so, daß wir gerne in ihnen gelebt hätten. Doch sie waren genau so, wie alle sie von ihren Großeltern oder Urgroßeltern kennen. Etwas zu feucht, muffig, dunkel, fern vom technisch bestimmten Komfort eines Schöner-Wohnen-Traums oder etwa einer jugendlichen Verspieltheit. Bei allem Fremden und bei aller Spießbürgerlichkeit – ein Ausdruck, der auf mich zurückfällt und ausdrückt, was meine Enkel einmal auch über meine Wohnung sagen werden – klebt an fast jeder der Wände das, was jeder kennt. Immer etwas von Gemütlichkeit, Heimat oder pflichtbewußten Feiertagsbesuchen, von Familie, Geborgenheit und Ausbruchswillen angesichts eines Lebens in den nahen Großstädten. Tapeten, die längst hätten ausgetauscht werden sollen, bleiben kleben – diesmal nicht bis die Jungen das Haus übernehmen, sondern bis der Bagger sie zerreißt.

Manchmal waren die Jungen schon da, hatten begonnen sich das Haus der Eltern, ihr Erbteil, ihren neueren Ideen der Katalogwelt entsprechend herzurichten. Manchmal sind engagiert kreative Ideen zu erkennen, oft notdürftige Reparaturen, Verbesserungen, Modernisierungen. Schnellstmögliche Verbesserung der Lebensqualität? Fertig ist jedenfalls niemand geworden, so wie niemand jemals fertig wird, der ein Haus besitzt. Nun muß sich in diesem Ort darüber niemand mehr Sorgen machen, wie auch niemand seine Mühen der vergangenen Jahre auf ihren Bestand überprüfen sollte. Denn nach dem Auszug der bisherigen Eigentümer – so, als versuchten sie eine Neutralisierung des nicht verschwinden wollenden Hausgeistes – besorgten randalierende Besucher vor unserem Eindringen den Rückbau, zerschlugen die neuwertigen Badezimmereinbauten, rissen Kabel von den Wänden, genossen ihre straffreie Zerstörungswut. – Eine kraftlose Zerstörung angesichts des nahenden Loches, das sich den Besuchern stolz als niederrheinisches Grand Canon präsentiert, geschaffen von den größten Baggern der Welt, die stetig an den Rändern ihres künstlichen Tales nagen. Es könnten harmlose Spielzeuge sein, gesteuert von in ihrer Winzigkeit unsichtbar gewordenen Menschen. Die Landschaft, die diese Spielzeuge in wenigen Jahren schaffen, könnte auch Teil einer in Jahrmillionen entstandenen afrikanischen Wüste sein, wenn nicht die Kraftwerke am Horizont unsere heimische Realität des Energiehungers verkündeten. Gigantisches ist immer faszinierend. Gut und Böse sind da gleich.

Neugier treibt uns von Haus zu Haus – immer auf der Suche nach einer offenstehenden Tür, leise, bemüht, eventuell noch anwesende Nachbarn nicht zu stören, ihnen nicht zur Last zu fallen, sie sich nicht wie Museumsstücke oder Zootiere fühlen zu lassen. Wir plündern ganz sanft.

Wieder eine offene, eingeschlagene Glastür. Die Scherben auf dem Boden des Flurs notdürftig zusammengekehrt, die Arbeit nicht zur Hälfte erledigt, aufgegeben, den Besen an die Wand gelehnt. Fenster, an denen vom Wind zerfetzte Gardinen hängen. Ein kurz vor dem Verlassen frisch mit weißem Lack gestrichenes Treppenhaus. Oben noch die ehemaligen Kinderzimmer, die braune Tapete im Zimmer des Jungen und daneben die Variante in Rosa, mit einem eingerissenen Poster der Backstreet Boys im Mädchenzimmer. Draußen im Schuppen steht ein Regal. Ringsherum liegt Müll. Das Obst und die Gurken in den Einmachgläsern wäre noch lange gut gewesen. Doch es wollte niemand in der neuen Heimat die Erinnerung an den so lange gepflegten Garten schmecken.

Wie mögen sich die wenigen Einwohner, die noch im Ort leben, weil ihr neues Heim noch nicht fertig ist, weil sie sich nicht trennen mögen, in der Nacht fühlen? Haben sie Angst vor Randalierern und Plünderern oder überwiegt die Liebe und die Trauer um den bevorstehenden Verlust? Was machen sie am Tag?

Einer bietet den Passanten (welchen bloß?) auf einem kleinen Tisch am Straßenrand, vor einem kleinen Schaufenster, noch Gemüse und Früchte an – es kann nur das verzweifelte Androhen seines Bleibens, eine trotzige Demonstration sein. Der Tisch zeugt vom Leben. Im Laden ist niemand zu sehen. Eine Frau kommt uns entgegen, die ihr Pferd von einer Weide geholt hat und es durch eine Toreinfahrt führt. Gibt es hier doch noch mehr Leben als erwartet? Es sind nur Reste. Mit einem Pferd kann man nicht so schnell umziehen.

Wir betreten wieder ein verlassenes Haus, steigen die Treppen hinauf bis auf den Dachboden. Ein Stuhl steht mitten im Raum. Auf dem Boden ein aufgeklappter alter Koffer, aus dem frische weiße Unterwäsche quillt. Die Szenerie wurde im milchig-staubigen Licht ohne Absicht für ein perfektes Stilleben der Hinterlassenschaft einer übereilten Flucht arrangiert. Niemals könnte ich die Objekte verrücken. Berührung ist Tabu, würde der Atmosphäre nicht gerecht werden. Nur ein Klick der Kamera. Dann wird es wenige Tage dauern. Eine Erschütterung wird es geben. Der Stuhl, der Koffer und die Unterhosen werden auch im grellen Tageslicht unbemerkt einige Meter nach unten stürzen. Dann bleibt nur noch unser Foto.

Meinem Sohn kommt auf dem Weg nach unten der Gedanke, an diesem Ort mit Freunden einen Zombie-Film zu drehen. Und für jemanden, der wie wir diese Geisterstadt durchstöbert und mit jedem Tritt auf eine Scherbe die eingetretene Ruhe zerstört, hat es tatsächlich etwas Beklemmendes. Die übertriebene Friedlichkeit des Ortes kann nur von einer Gewalt herrühren. Bilder aus gruseligen Endzeitfilmen bilden Vorlagen für unser Verarbeitungsmuster. So haben wir es nach vielen Jahren Fernsehen und Kino gelernt. So entfernt sich die gerade erfahrene Realität in Richtung Leinwand oder Mattscheibe, Künstlichkeit, Kulisse.

Die Kulisse kennen wir von Nachrichten aus dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien oder anderswo. Es fehlen nur die Einschußlöcher in den Fassaden, die Spuren der Granatsplitter, die Blutspritzer. Die kann die Phantasie hinzufügen. Als wäre eine Neutronenbombe eingeschlagen, als hätte eine Seuche die Bewohner dahingerafft, als hätte es irgendeine kriegerische Bedrohung gegeben, Vertreibung, Flucht. Das wären sogar bekannte, fast schon normal erscheinende Ursachen für die Verwandlung Otzenraths in diese Geisterstadt.

Dagegen ist der Wunsch eines Unternehmens, ausgerechnet hier ein bißchen Braunkohle abbauen zu wollen, deren Energieausbeute bekanntermaßen erbärmlich ist, viel zu unbedeutend, ein solches Opfer zu bringen. Der mit aller Kraft und viel Geld verteidigte technische Stand von gestern und das Streben nach noch mehr Geld hat die Menschen vertrieben und ihr Dorf für kurze Zeit zu nichts Anderem als eine billige Kulisse gemacht. Aber jedes Filmteam wird zu spät kommen. Bald wird Otzenrath nur noch eine ebene Fläche sein.

Viele Häuser sind schon jetzt verschwunden, fein säuberlich planiert, als wollte man einen Park anlegen. Warum macht man sich diese Mühe? Warum gräbt man die Häuser nicht einfach mit weg, wenn der Tagebau sie endlich erreicht? Hat man Angst, die finanziell bereits abgefundenen Bewohner könnten, getrieben von der dem kapitalgelenkten Gewissen Rheinbrauns so fremden Sentimentalität, kurz vorher zurückkehren, um ihre eigenen Häuser zu besetzen, um ein Exempel für alle noch folgenden Umsiedlungspläne zu statuieren, um Scherereien zu machen?

Ein ehemaliger Gutshof. Mitten im Dorf. Die Fassade des Wohnhauses sieht jünger als der übrige Hof aus, wurde in der Gestalt eines Schlößchens vor die alte gesetzt. Darin ist kurz vor Schluß ein Solarium, ein Fitneßstudio oder etwas in der Art gewesen. Wir müssen hinten herum, um in das Gebäude zu gelangen. Das Innere ist einer Gruppe von Leichenfledderern zum Opfer gefallen. Alte Bodenfliesen wurden aus ihrem Bett gerissen, konnten gewinnbringend verkauft werden. Ein Kachelofen ist nur noch als dessen Gerippe zu erkennen. Das Geländer des vornehmen hölzernen Treppenaufganges wurde abgesägt, ziert inzwischen irgendeine fremde Villa. Doch der eigentliche Zerfall des Gebäudes muß schon ein paar Jahre vorher begonnen haben. Die Gestaltung der Zimmer schwankt in ihren Farben und Motiven zwischen Barbie und Heavy Metal, Versuche künstlerischer Wandbemalung, Mauerdurchbrüche, ein dilettantisch eingebauter Whirlpool und vieles mehr. Nichts erinnert an die guten Zeiten eines Gutshofes. Er scheint nur auf den Gnadenschuß gewartet zu haben. Dabei hätte er so viel zu erzählen gehabt.

Draußen, kurz um die Ecke zum Dorfrand hin, aber nicht weit entfernt, vergnügen sich zwei Bagger an den Überresten eines Hauses, beladen einen Lastwagen mit Schutt. Es staubt und ein Arbeiter fegt verantwortungsvoll die Straße. Man hat ja seinen Arbeitsplatz sauber zu hinterlassen. Wenige Schritte davon entfernt, ein Laden. Die Bäckerei. Noch offen. Die Rolläden sind heruntergelassen, wahrscheinlich damit herumfliegende Brocken nicht die Schaufensterscheibe zerschmettern. Neben der Eingangstür rufen handgeschriebene Zettel ängstlich „Vorsicht bewohnt!“ Kein vom Eifer gepackter Baggerfahrer soll hier aus Versehen schon mal anfangen. Statt dessen wird ihm das Frühstück angeboten. Eine ältere Dame im Kittel verkauft belegte Brötchen, ein paar Hefeteilchen, etwas zu trinken. Ein karges Angebot, ein letztes Geschäft wird gemacht – ausgerechnet mit dem Scharfrichter.

Wir kaufen uns jeder ein Teilchen. Ich frage, ob ihr Geschäft noch lange geöffnet bleibt. Vielleicht noch vierzehn Tage, dann ist es vorbei, sagt sie. Ihr ist etwas Freude anzumerken, daß sich jemand interessiert. Das neue Geschäft steht schon. Ist schön geworden, im neuen Otzenrath. Schicker als das alte allemal. Doch in diesem Satz klingt keine Freude, dafür Wehmut. Es wird weitergehen. Es geht ja immer weiter. Schade ist es nur, daß man nicht mehr die gewohnten Nachbarn hat, gibt sie uns auf den Weg. Es sind zwar alles die alten Otzenrather, aber nicht mehr die, die all die Jahre neben einem wohnten. Man hat sie durcheinandergewürfelt.

Als wir heraustreten wird uns klar, daß die Bäckerei einmal mitten im Dorf gestanden haben muß. Die andere Straßenseite ist schon vollständig planiert. Keine Wildwiese, sondern grüner Rasen sprießt dort, wo vor einigen Wochen wenigstens noch die Grundmauern einer ganzen Häuserzeile zu sehen waren. Er lädt zum Fußballspiel ein. In Deutschland sieht es richtig ordentlich aus – kurz bevor der Abbau beginnt.


Lesen Sie demnächst das Gespräch, das die Einseitig.info-Autorin Marie van Bilk mit einer der letzten Bewohnerinnen Otzenraths führen durfte. Einer Frau, die sich engagiert um den Erhalt ihres Dorfes in der Erinnerung kümmert. Sie können erfahren, wie wichtig es sein kann, sichtbare Spuren zu hinterlassen. Für einen lebenden Menschen und für die Kommenden. Damit ist Otzenrath kein lokales Phänomen, nur ein Beispiel. Denn seine Kultur, gerne abfällig als Alltagskultur bezeichnet, wird in jedem einzelnen Zuhause gelebt – überall. Und unsere heutige Kultur, die gern Kommerz mit Ratio gleichsetzt, gewährt Archäologen späterer Epochen oft keine Chance außerhalb der Abfalldeponien.

 



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Dirk Jürgensen  14.10.2005blindgif zurück zur Startseite Diesen Artikel lesen Diesen Artikel ausdrucken Möchten Sie den Artikel ''Bilder plündern'' weiterempfehlen?
 
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