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Ich bin gespannt, wie lange das hält, und ob es immer noch so schön wie früher ist.
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Ja, wer bin ICH denn?

Ein Volk und seine Rollen

Von Dirk Jürgensen

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ch gebe es ja zu. Ich bin kein einfaches Volk. Nicht für mich, selten für meine Nachbarn und nie für meine Führer. Das war ICH allerdings vor vielen Jahren einmal. Prompt habe ICH natürlich großen Mist gemacht. Daran möchte ICH aber nicht ständig erinnert werden. Außerdem habe ICH mich danach immer vorbildlich verhalten, ein Wirtschaftswunder geschaffen und Demokratie geübt. Ich habe keine Kriege mehr angezettelt und mich und andere mehr und mehr davon überzeugt, Europäer zu sein.

Mittlerweile haben es sogar andere Völker gemerkt und mein internationaler Ruf hat sich enorm gebessert. Manch ein Freund fühlt sich von meiner ständigen Friedfertigkeit sogar richtig genervt, will mich testen, ob ICH nicht noch wenigstens einmal bei einem Krieg mitmache. Aber so richtig hat er es bisher nicht geschafft. Ich kann halt stur sein. So bin ICH eben und manche – besonders die Nachbarn, die unter mir zu leiden hatten – sind auch richtig froh darum.

So kam es vor einigen Monaten dazu, daß ICH sogar Papst wurde. Zumindest machte mich die Bildzeitung dazu. Beinahe hätte ICH es sogar geglaubt, der Papst zu sein. Aber nachdem ein paar weltfremde Predigten gesprochen waren und eine Million Jugendliche ein Stoppelfeld plattgetreten hatten und anschließend abgereist waren, habe ICH mich schnell daran erinnert, daß ICH längst nicht mehr so katholisch bin, wie es mir die Reporter der Live-Übertragungen im Fernseher weismachen wollten. Religionsführer liegt mir nicht.

Übrigens wäre ICH viel lieber Weltmeister als Papst. Im Fußball natürlich. Nicht im Export. Da bin ICH dauernd Weltmeister und habe nichts davon. Nein im Fußball ist Weltmeister schön. So wie damals, 1954, kurz nach dem Mist, den ICH verzapft hatte und an den ICH nicht ständig erinnert werden möchte. Nachdem man mich also wieder auf den richtigen, den rechten (???) Weg gebracht hatte, da habe ICH der Welt und mir selbst noch vielmehr mit dem Sieg gegen ganz schön starke Ungarn bewiesen, daß ICH wieder jemand war – sogar als demokratisches Volk jemand sein konnte. Das hatte mir vorher noch keiner gezeigt.

In der Zwischenzeit war ICH noch zweimal Weltmeister und 2006 soll ICH es wieder werden. Ich bin gespannt, wie lange das hält, und ob es immer noch so schön wie früher ist.

Eigentlich sollte ICH 2006 nicht nur Weltmeister werden, sondern auch eine neue Regierung bekommen oder die alte bestätigen. Die Entscheidung steht mir frei. Es ist ja Demokratie.

Nun entschied mein Bundeskanzler die Wahl vorzuziehen, weil er mit seinen Ideen nicht durch den Bundesrat kam. Das durfte er nicht sagen, weil man in so einem Fall die Wahlen nicht vorziehen darf. Zum Zurücktreten hatte er keinen Grund. Also erfand er einen Trick, damit es zu Wahlen kommen konnte: seine Freunde mußten ihm mit auf dem Rücken gekreuzten Fingern das Mißtrauen aussprechen.

Das fanden der Bundespräsident und das Bundesverfassungsgericht ganz toll und das Risiko, als Verlierer aus der Sache rauszukommen, war riesig. Denn zu diesem Zeitpunkt war ICH so drauf, daß ICH unbedingt eine Frau zur Bundeskanzlerin haben wollte, deren Volk vor ein paar Jahren mit dem Ruf dasselbe zu sein, eine Mauer zum Umkippen gebracht hatte. Sie machte das also nicht allein, und ob sie wirklich mitgerufen hat oder eher ein Mauerblümchen war, weiß niemand so ganz genau. Eigentlich war ja auch ICH das Volk und nicht sie.

Und im Wahlkampf kam es dann heraus. Ich, das Wahlvolk mußte hören, was die Bundeskanzlerin in spe und noch mehr ihre Kollegen so alles vorhatten. Manches war geplant, manches wahr und vieles wirr. Jedenfalls reichte es, daß ICH gehörig Angst bekam. Mir kamen so langsam Zweifel, ob ICH nicht doch lieber den alten Kanzler behalten wollte, der angesichts der vorgeführten Alternativen nicht ganz so schlimm sein konnte. Ihr Vorsprung schmolz, blieb aber groß genug, um die Regierung mit kräftiger Mehrheit zu übernehmen. So berichteten die Medien, so sagten es die Demoskopen. Denkste!

Niemand hat daran gedacht, daß ICH auch ein lustiges Volk sein kann. Immer wenn man mich mal wieder mit der Sonntagsfrage am Telefon belästigte, habe ICH so geantwortet, wie man es von mir erwartete. Logisch, habe ICH gesagt, ICH will den Wechsel. Klar, die wirtschaftliche Kompetenz, die Fähigkeit Arbeitsplätze bei mir zu halten, ist bei der CDU viel stärker als bei der SPD vorhanden. Und wenn ICH mir einen besonderen Ulk erlauben wollte, habe ICH angedeutet, daß ICH eine Große Koalition klasse fände. Das wollten die Parteien aber nicht hören und versuchten alles dagegen zu unternehmen, indem sie ihre Unterschiede immer deutlicher machten. Große Koalition, wollten sie sagen, könnte gar nicht gehen.

Dann kam der Wahlabend. Was war das für ein Spaß! Ich war der Souverän! Gut, nach außen könnte meine Entscheidung zögerlich wirken. Doch was habe ICH die Parteien aufgemischt! Alle haben gewonnen und keiner hat gesiegt. Der ganze Wahlkampf war für die Tonne. Alle Gegnerschaft umsonst. Jetzt müssen Personen miteinander auskommen, die sich vor kurzem die Köpfe einschlagen wollten und es nach den Verhandlungen wieder tun werden. Es gibt haufenweise Hoffnungsträger, Pöstchenjäger und Enttäuschte. Politik wird für mich, das Volk, nun zwar gar keine mehr gemacht. Und alles, was ICH an Wahlprogrammen wählen durfte, steht zur Disposition. Der Stillstand ist da, wo mich einst ein Ruck durchfahren sollte. Aber die Show geht wenigstens in Ordnung.

Obwohl. Eigentlich habe ICH mich inzwischen von der Politik abgewandt. Die Langeweile holt mich ein. Die Nachrichten beachte ICH kaum noch. Ich bin träge und warte auf Neues, das ICH sein darf.

Gesagt, getan: Da versucht mir doch plötzlich ein Konglomerat von Sendern, Prominenten, Werbeagenturen und Bertelsmann, Scheinkomikern und Klugscheißern ICH-bin-ein-Berliner-Kennedy zitierend klar zu machen, daß jeder Einzelne Deutschland sei. Und dass es nur mit einem Bewußtsein aufwärts gehen könne, das nicht fragt, was sein Land für einen täte, sondern umgekehrt. Eine Generation von Individualisten, die einst Europa sein wollte, weil es endlich nicht mehr besser und nicht schlechter als andere war, durfte zwischenzeitig erzkonservativer Papst sein und soll jetzt nur noch Deutschland sein. Jeder für sich, damit es allen, nein, allen Deutschen noch besser geht.

Währe es nicht tausendmal rühmlicher, endlich einmal Afrika zu sein? Gibt es denn wirklich nichts Schöneres als Deutschland zu sein?

Doch: ICH, der Weltmeister!

Noch besser: ICH, der Aufsteiger in die zweite Bundesliga! – Ach ja, ICH träume.



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Dirk Jürgensen  30.09.2005blindgif zurück zur Startseite Diesen Artikel lesen Diesen Artikel ausdrucken Möchten Sie den Artikel ''Ja, wer bin ICH denn?'' weiterempfehlen?
 
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