Doch wahre Philosophen rauchen nicht, so meinen jedenfalls die Freunde, die in dem romantischen Roman namens "Einleitung" von Ludwig Tieck diskutieren.
ielleicht soll sich zu Zeiten der Mensch mehr betäuben, und dann ist es wohl nützlich, daß er jenen alten verrufenen blauen Dunst für ein wirkliches Gut hält. Nicht bloß Tabak, auch philosophische Phrasen, Systeme und manchen andre wird heut zu Tage geraucht, und beschwert den Nichtrauchenden ebenfalls mit unleidlichem Geruch."
Auf diese Aussicht, die die Zeit um 1800 auf unsere Zeit um 2000 legt, läuft es hinaus. Doch wahre Philosophen rauchen nicht, so meinen jedenfalls die Freunde, die in dem romantischen Roman namens "Einleitung" von Ludwig Tieck diskutieren. Ihr Gespräch spiegelt das gesellige Ideal einer Freundschaft, in auch Geheimnisse voreinander zulässig sind.
Denkmal der frühromantischen Symphilosophie Ludwig Tiecks "Phantasus" ist eine Erinnerung und Hommage an den frühromantischen Kreis im Haus der Brüder Schlegel und ihrer Frauen Dorothea und Caroline in Jena. Novalis, Wackenroder, Fichten und Schelling, Clemens Brentano verkehrten dort und man plante eine neue Epoche der Literatur und Gesellschaft: Die Romantik. Tiecks Sammlung von Erzählungen, Märchen und Theaterstücken war schon 1800 in Planung, als er im Hause Schlegel wohnte, wurde aber erst später fertig gestellt ("Phantasus" 2 Bände 1812, 3. Band, 1816). Im Vorwort "An A. W. Schlegel" erinnert der Autor an die Lebensgemeinschaft und ihre extrem produktive Zeit:
"Es war eine schöne Zeit meines Lebens, als ich Dich und Deinen Bruder Friederich zuerst kennen lernte; eine noch schönere, als wir und Novalis für Kunst und Wissenschaft vereinigt lebten, und uns in mannigfaltigen Bestrebungen begegneten."
Man aß zusammen, traf sich zur Lesung des Geschriebenen, dichtete und übersetzte gemeinsam. Man machte Satiren auf Zeitgenossen, plante Zeitschriften und wollte mit der "progressiven Universalpoesie" der Romantik Wissenschaft und Kunst, Leben und Literatur zugleich revolutionieren. Die Frühromantik hat ihre Wurzeln im gemeinsamen Denken und Schreiben, in der "Symphilosophie", das ein vergessenes Gesellschafts- und Kulturideal darstellt. Die "Einleitung" zum "Phantasus" ist ein gut hunderseitiger Roman, in dem romantische Wanderer im Gebirge zufällig alten Freunden begegnen. Diese sind mit einem weiteren alten Freund verabredet, der mit seiner Frau, deren Schwester und Mutter auf einem nahen Landgut lebt. Das Zusammentreffen bildet die Rahmenhandlung, in der Tieck seine zum Teil schon früher veröffentlichten Stücke versammelt und integriert. So wird der "Phantasus" zu einem späten Denkmal der frühromantischen Symphilosophie, das schon Friedrich Schlegel in seinem "Gespräch über die Poesie" (1800) gestaltet hatte. Natürlich war nicht alles eitel Sonnenschein im Hause Schlegel. Doch produktiv war die Zeit wie kaum eine andere in der deutschen Literaturgeschichte. In ihr entstehen nicht nur die frühromantischen Programmschriften und Dichtungen, sondern auch die bis heute gültigen Übersetzungen von Shakespeare (eben: A. W. Schlegel/Tieck) wie des "Don Quijote".
Romantische Freundschaft Im Roman namens "Einleitung" wird diesem frühromantischen Kreis als geselliger und freier, als zugleich philosophischer, kritischer und produktiver Gemeinschaft ein Denkmal gesetzt. Es ist auch ein politisches Ideal der Gesellschaft im Kleinen, in dem der Konsens nicht die individuelle Meinung, die Eigenart des Einzelnen, tilgt. Das romantische Ideal der Freundschaft schließt empfindsame Innigkeit ebenso ein wie das Mißverständnis und die radikale Andersheit des Anderen. Und damit auch dessen Geheimnisse. Tieck gestaltet dies nicht nur als Inhalt der Gespräche, sondern auch in der Art der Gesprächsführung. So einig sich die Freunde in der Ablehnung des Rauchens als unkünstlerischer, verderblicher Droge moderner Zeiten und damit als Symptom eines Niedergangs sind, bleibt das Geheimnis, wer hier heimlich raucht. Der "blaue Dunst" erscheint als Universalmedium des modernen Menschen und seines, die Welt nur halbwegs verstehenden, Geisteszustandes und die Freundschaft als produktive Korrektur. Dass der "blaue Dunst" dabei auch eine höchst ironische Erinnerung an das berühmte Symbol der Romantik, an Novalis "blaue Blume" ist, kann nicht ausgeschlossen werden. Romantische Freundschaft schließt auch die Parodie nicht aus, schon gar nicht bei Tieck, der Novalis Schriften nach dessem Tod (1801) herausgab. Im Text meint einer der Freunde, der Übersetzer des "Don Quijote" hätte unbedingt so frei sein müssen, dem Sancho Pansa eine Pfeife anzudichten. Der Übersetzer freilich ist kein anderer als Ludwig Tieck selber.
"O das ist ja eben das Himmlische der Freundschaft, sich im geliebten Gegenstande ganz zu verlieren, neben dem Verwandten so viel Fremdartiges, Geheimnisvolles ahnden, mit herzlichen Glauben und edler Zuversicht auch das Nichtverstandene achten, durch diese Liebe Seele gewinnen und Seele dem Geliebten schenken! Wie roh leben diejenigen, und verletzen ewig sich und den Freund, die so ganz und unbedingt sich verstehn, berurteilen, abmessen, und dadurch nur schienbar einander angehören wollen! […] Was du da berührst, sagte Anton, berührt zugleich die Wahrheit, daß es nicht nur erlaubt, sondern fast notwendig sei, daß Freunde vor einander Geheimnisse haben […]. Es ist eine Kunst, in der Freundschaft, wie in allen Dingen, und vielleicht daher, daß man sie nicht als Kunst erkennt und treibt, entspringt der Mangel an Freundschaft, über welchen alle Welt jetzt klagt."
Die Kunst des Rauchens in der Kultur "Im Baumgarten des Gasthofes saßen am andern Morgen die fünf Vereinigten um einen runden Tisch, ihre Stimmung war heiter wie der schöne Morgen, nur Friedrich schien ernst und in sich gerkehrt, so auch Lothar jede Gelegenheit ergriff, ihn durch Scherz und Frohsinn zu ermuntern. […] Theodor sprang vom Tische auf, umarmte jeden und schenkte von dem guten Rheinwein in die Römer: ei! rief er aus, daß wir wieder so beisammen sind! daß wir wieder einmal unsre zusammen gewickelten Gemüter durchklopfen und ausstäuben können, damit sich keine Motten und andres Gespinst in die Falten nistet! Wie wohl tut das dem deutschen Herzen beim Glase deutschen Weins! Ja, unsre Herzen sind noch frisch, wie ehedem, und daß sich auch keiner von uns das Tabakrauchen angewöhnt hat, tut mir in der Seele wohl. Immer der Alte! sagte Lothar, du pflegst immer die Gespräche da zu stören, wo sie erst recht zu Gesprächen werden wollen; ich war begierig, wohin diese seltsamen Vorstellungen wohl führen, und wie diese Gedankenreihe oder dieser Empfindungsgang endigen möchte. Wie? sagte Theodor, das kann ich dir aufs Haar sagen: […] Ich wette, nach zwei Sekunden hätten sie sich angesehen, kein Wort weiter zu sagen gewußt, das Glas genommen, getrunken und sich den Mund abgewischt. […] Dein Tabakrauchen hat aber das vorige Gespräch erstickt, sagte Lothar; freilich ist es die unkünstlerischste aller Beschäftigungen und der Genuß, der sich am wenigsten poetisch erheben läßt. Mit ist es über die Gebühr zuwider, sagte Theodor, und darum betrachtete ich euch schon alle gestern Abend darauf, denn es gibt einen eigenen Pfeifenzug im Winkel des Mundes und unter dem Auge, der sich an einem starken unmöglich verkennen läßt; deshalb war ich schon gestern über eure Physiognomien beruhigt. Mir scheint die neueste schlimmste Zeit erst mit der Verbreitung dieses Krautes entstanden zu sein, und ich kann selbst auf den gepriesenen Kompaß böse sein, der uns nach Amerika führte, um dies Unkraut mit manchen andern Leiden zu uns herüber zu holen. Wie einige Züge im Gesicht durch die Pfeife entstehn, sagte Lothar, so werden die feinsten des Witzes und gutmütigen Spottes, so wie die Grazie der Lippen durchaus durch die oft angelegte Pfeife vernichtet.
Ich ließe noch die kalte Pfeife gelten, sagte Ernst, so hielt sich einer meiner Freunde eine von Ton, um sie in der gemütlichsten Stimmung zuweilen in den Mund zu nehmen, und dann recht nach seiner Laune zu sprechen; aber der böse, beizende, übel riechende Rauch macht das Ding fatal. Ich lernte mal einen Mann kennen, der mir sehr interessant war, und der sich auch in meiner Gesellschaft zu gefallen schien, wir sprachen viel mit einander, endlich, um uns recht genießen zu können, zog er mich in sein Zimmer, ließ sich aber beigehn, zu größerer Vertraulichkeit seine Pfeife anzuzünden, und von diesem Augenblick konnte ich weder recht hören und begreifen, was er vortrug, noch weniger aber war ich im Stande, eine eigne Meinung zu haben, oder nur etwas anders als Flüche auf den Rauch in meinem Herzen zu denken, - "nicht laute, aber tiefe" - wie Macbeth sagt.
Lothar lachte: mit einem trostlosen Liebhaber, fuhrt er fort, ist es mir einmal noch schlimmer ergangen, er hatte mich hingerissen und gerührt; bei einer kleinen Ruhstelle der Klage suchte er seine Pfeife, Schwamm und Stein, schlug mit Virtuosität schnell Feuer, und versicherte mich nachher in abgebrochenen rauchenden Pausen seiner Verzweiflung. Ich mußte lachen, und nur zum Glück daß mich der Rauch in ein starken Husten brachte, sonst hätt' ich dem guten Menschen als ein unnatürlicher Barbar erscheinen müssen. Es läßt sich wohl, sagte Theodor, alles mit Grazie tun, ich kenne wenigstens einen großen Philosophen, dem in seiner Liebenswürdigkeit auch dies edel steht. Mit dem Kaffee wird nach der Mahlzeit eine lange Pfeife gebracht, die der Bediente anzündet, es geschehn ruhig und ohne alle Leidenschaft einige Züge, und eh man noch die Unbequemlichkeit bemerkt, ist die Sache schon wieder beschlossen. Aber schrecklich sind freilich die kurzen, am Munde schwelenden Instrumente, die jede Bewegung mit machen müssen und sich jeder Tätigkeit fügen, die den ganzen Tag die Lippen pressen und selbst die Sprache verändern.
Mit ist es nicht unwahrscheinlich, sagte Anton, daß diese Gewohnheit, die so überhand genommen, die Menschen passiver, träger und unwitziger gemacht hat. Wir sollen keinen Genuß haben, der uns unaufhörlich begleitet, der etwas Stetiges wird, er ist nur erlaubt und edel durch das Vorübergehende. Darum verachten wir den Säufer, ob wir alle gleich gern Wein trinken, und der Näscher ist lächerlich, der seine Zunge durch ununterbrochenes Kosten ermüdet; vom Raucher denkt man billiger, weil es eben Gewohnheit geworden ist, die man nicht mehr beurteilt, doch begreif' ich es wenigstens nicht, wie selbst Frauen jetzt an vielen Orten dagegen tolerant werden. Könnt ihr euch, sagte Lothar, einen rauchenden Apostel denken?
Eben so wenig, sagte Ernst, als den adlichen Tristan mit der Pfeife, oder den hochstrebenden Don Quixote. Dem Sancho aber, sagte Lothar, fehlt sie beinah; hätten manche umarbeitende Übersetzer mehr Genie gehabt, so hätten sie diese lieber hinzufügen, als so manche Schönheit weglassen dürfen. Vielleicht ist dieses Bedürfnis, fiel Friedrich ein, ein Surrogat für so manches verlorene Bedürfnis des öffentlichen Lebens, der Galanterie der Gesellschaft, der Freiheit und der Feste. Vielleicht soll sich zu Zeiten der Mensch mehr betäuben, und dann ist es wohl nützlich, daß er jenen alten verrufenen blauen Dunst für ein wirkliches Gut hält. Nicht bloß Tabak, auch philosophische Phrasen, Systeme und manchen andre wird heut zu Tage geraucht, und beschwert den Nichtrauchenden ebenfalls mit unleidlichem Geruch."
Das Rauchen ist die moderne Geisteskrankheit. Es ist unkünstlerisch, nerv- und gedankentötend, es verhindert Freundschaft und Gespräch, Hören und Denken. Wie herausragend muss dann jedoch der erwähnte Philosoph sein, der liebenswürdig raucht? Doch welcher Philosoph die Kunst des Rauchens dennoch so liebenswert beherrscht, bleibt ein Rätsel: "Wen Tieck mit dem mit Grazie liebenswert rauchenden Philosophen meint, habe ich nicht ermitteln können. Kant rauchte nicht, und Hegel fehlte die Anmut. Ob Tieck Jacobi oder Solger meint?" So die Anmerkung des Herausgebers und Philosophen Manfred Frank (Anm. zu S. 36,21, in: Ludwig Tieck: Phantasus. Frankfurt/M. 1985, S. 1225). Wir müssen dieses ungelöste Rätsel an unsere Leser weitergeben. Abgesehen davon, dass keineswegs klar ist, welches Kraut in der Pfeife mit wenigen Zügen geraucht wird, könnte es jedoch auch sein dass auch einer der Freunde oder gar der Erzähler selbst heimlich dem blauen Dunst huldigt.
Aus: Ludwig Tieck: Phantasus. Hg. v. Manfred Frank. (= Ludwig Tieck: Schriften in 12 Bänden. Bd. 6. Deutscher Klassiker Verlag) Frankfurt/M. 1985, S. 24f. und S. 32-37.