Sind einige wenige selig mit ihrem Bier vereint, so pulsiert doch in den meisten deutschen Brüsten und Herzen das neue Habemus-Papam, dieses "Wir sind Weltmeister – und wenn auch nur im Vatikan“.
as Fass Kölsch ist stark geneigt. Die letzten Reste des Bieres tröpfeln in die Kölschstangen. Die Biergläser in Köln sehen nämlich aus wie Stangen. „Bitte ein Pils“, ruft eine durstige Kehle. Der Gast kommt gerade von der Domplatte in die Bar unterhalb des Hauptbahnhofs, den „Kölsch-Treff“. Doch Kellnerin Ackermann wendet sich angewidert ab. Ein Pils im Kölschtreff – Ketzerei. Sie stellt die Ohren auf Durchzug bis der Gast demütig ein Glas Kölsch bestellt. Da findet er Gehör.
Tag eins – Deutschland im Papstgewand Unterdessen dröhnen auf der Domplatte alle Kirchenglocken im Chor, die die meiste Zeit schlaff in den Türmen des Kölner Dom hängen, ihre frohe Botschaft in Deutschland, das an sich selbst verzweifelt: politisch, wirtschaftlich, sozial und human betrachtet. Die Glocken schlagen um sich wie beim jüngsten Gericht. Es haut den alten Dom schier aus den ausgetretenen Latschen, diese geballte Wucht der Glocken. In Marktl am Inn wird zu gerade in dieser Zeit Freibier gereicht. Pro Glockenschlag ein Bier. Etwas Außergewöhnliches ist passiert, eine Art deutsches Wunder. Was ist passiert?
Um 17.50 Uhr steigt weißer Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle. Tauben flattern in den vatikanischen Himmel. Ein Weltkonzert katholischer Kirchenglocken hebt an. Die Glocken im Vatikan fangen an zu schlagen und wenig später beglücken alle Kirchenglocken in aller Welt die Ohren der Katholiken und Nichtkatholiken mit der simplen Botschaft: Ein edles, weiß-rotes Gewand hat seinen Papst gefunden. Wie das Bier sein Fass findet, so das Gewand seinen Papst. Drei Gewänder standen vor der Wahl für den neuen Pontifex bereit: klein, mittel und groß. Dann wurde Kardinal Joseph Ratzinger der Favorit im Konklave. Doch Favoriten werden gewöhnlich nicht Papst, es sei denn, es ist ein älterer Papst für den Übergang gewollt. Es sei denn, es ist Benedikt der XVI. Ein bayerischer Papst. Ein deutscher Papst. Ein Papst aus Martkl am Inn. Ob er klein, groß oder mittel trägt, ist in der Öffentlichkeit bisher nicht durchgesickert.
Der Kölner Dom ist von Kameraleuten und Reporterautos umstellt. Im Kölner Dom blitzen Dutzende Kameras. Alles erscheint in dieser Stunde in einem neuen Licht. Die Gebeine der Heiligen Drei Könige, die demütigen Kirchenopfer, die gesegneten Teelichter, der leere Stuhl Kardinal Meissners. Ein Meer an Licht. Der Dom quillt über vor lauter Geschäftsleuten und Touristen. Viele dieser jungen Professionals in Anthrazit bringen ein „Kirchenopfer“ dar. Auf dass die Gebete nach einem sicheren Job, eines garantierten Aufstiegs, einer starken Führung gehört werden. Wer weiß, was an einem großen Feiertag wie dem der deutschen Papstwahl so alles gebetet wird. Wenn der Glaube deutsch wird, dann ist er auch „sexy“. „Dass ein Landsmann Papst geworden ist, erfüllt uns in Deutschland mit besonderer Freude und mit ein wenig Stolz“, sagt Bundespräsident Horst Köhler noch am gleichen Tag.
Tag zwei – Deutschland im Papstgewand Der Tag danach: Christen, Heiden und Voyeure. Die Flut der Reporter und Kameraleute ist am zweiten Tag nach der Papstwahl noch nicht abgeebbt. Im Dom fackelt das Bildnis Jungfrau Marias im Lichtermeer der Kerzenopfer. In den Brüsten der deutschen Herde lodern kecke Flammen des erneuerten und hellsten Nationalstolzes. Die Kameraleute im Dom schreiten mit ihrer Kamera voran, einem Zenturio gleich, der seiner Hundertschaft mit seiner Lanze vorangeht. Im Schlepptau der Kameramänner laufen die Träger von bauschigen Mikrofonen. Ein Gottesdienst im kleinen Nebenraum des Doms. Im Rücken der Schar der Gläubigen ragt ein martialisches Gitter weit in die Domkuppel, so dass es scheint, als seien die Betenden in einem Gefängnis eingeschlossen. Aus der Tiefe der Kehlen erschallt ein Gesang wie aus einem Munde: „… du richtest den Erdkreis gerecht“.
Wer hat, dem wird gegeben. Es muss mit Gerechtigkeit zugegangen sein, wenn ein Deutscher Erster unter den Gläubigen wird. Das Weihwasser in den Schalen der großen Portale ist beinahe versiegt. Am Tag nach der Papstwahl kann die Kirche das Bedürfnis der vielen segensdurstigen Finger nach frommer Benetzung nicht mehr befriedigen.
Der Bierdurst im „Kölsch-Treff“ eine Etage unter dem Doms indessen nicht. Geschäftsleute auf Reise reihen sich um die Theke wie Bienen um den Honig. Die Bahnhofsuhr tickt. Sie zeigt 18 Uhr an. Der Zeiger dreht sich um zwei grüne Türme und drei Buchstaben: „Dom“. Sie ist eine Spende der Dom- Brauerei. „Wie finden Sie die Papstwahl, Frau Ackermann?“ Die Kellnerin um die Vierzig findet es „joot“, dass ein Deutscher Papst geworden ist. Und zapft weiter.
Neben den Geschäftsleuten turtelt ein ungleiches Paar am Tresen. Er ein Sechziger erstrahlt in der Potenz seines Bierbauches. Braune Hose, blauer Pollunder und eine Baseballkappe, worauf „sport“ gestickt ist. Sie: etwas jünger, besoffen und fern. Ihre Stimme wirkt umnebelt. Sie kommen ins Gespräch über den Papst. Sie findet das Gespräch über den neuen Papst „scheiße“. Er wechselt das Thema auf seine Weise: „Ich möchte mit dir bumsen.“ Schwache Abwehr weiblicherseits. Die Baseballkappe mit ihrem Träger führt ein Eigenleben. Vor dem Gespann, irgendwo zwischen Taube und Menschheit angesiedelt, sind die Weckrufe der Kirchenglocken machtlos. Beide sind in einer Art Bierreligiosität vereint: „Habemus Kölsch“.
Das Jahr 2006 – Deutschland im Papstgewand Sind einige wenige selig mit ihrem Bier vereint, so pulsiert doch in den meisten deutschen Brüsten und Herzen das neue Habemus-Papam, dieses „Wir sind Weltmeister – und wenn auch nur im Vatikan“. Noch. Denn im nächsten Jahr, im Jahr 2006, ist das Jahr des Kaisers. Nicht auszurechnen, auf welch Höhe das religiöse Barometer steigt, wenn der bayerische Papst den bayerischen Kaiser mit seinem deutschen Fußball segnete.
Dann gibt es keine Trennlinie mehr zwischen Kirche und Staat. Warum sollte es die auch geben? Die Demokratie, so scheint es, hat sich überlebt. Nach einer jüngsten Studie des Instituts TNS Infratest über die Werte der Deutschen, die im Auftrag des Spiegel durchgeführt wurde, misstraut mittlerweile jeder Dritte der Demokratie. Gleichzeitig ist der Anteil der „sehr stolzen“ Deutschen unvermindert hoch (ein Viertel der Deutschen im Westen und über 60 Prozent im Osten). Deutschland quo vadis?