In der Runde, die nahezu täglich zusammenkommt, diskutieren Schriftsteller, Journalisten und Maler, Finanzbeamte, Ärzte und Naturwissenschaftler die drei „inkommensurablen Ps“ wie Colbin es in einem Brief nach Pommern nennt: Politik, Philosophie und Poesie.
er zweiten Teil der Biographie Joseph Heinrich Colbins umfasst die spanischen Jahre des deutschen Romantikers bis zu seinem Verschwinden im März 1818. Seitdem ist Colbin auch in der deutschen Literaturgeschichte verschollen.
1809 Noch im Februar 1809 hält sich Joseph Heinrich Colbin in der französischen Hauptstadt auf und bereitet seine Abreise nach Madrid vor. Aus Briefen an seine Schwester Amalie Felicitas geht hervor, dass er ab Bordeaux seine Reise tatsächlich zu Fuß fortsetzt. Ein romantischer Einschlag, der sich jedoch eher Colbins Vorsicht und Misstrauen verdankt.
Im Jahr zuvor gibt es nach dem von Napoleon erzwungenen doppelten Thronverzichts Karl IV. als auch des Thronfolgers Ferdinand einen Volksaufstand in Madrid, der vom französischen Marshall Murat blutig niedergeschlagen wird. Joseph Bonaparte, ein Bruder Napoleons, wird zum neuen König von Spanien proklamiert. Doch die Spanier setzten den Aufstand fort und machen aus dem Volkskrieg den ersten Guerillakrieg der Moderne. In der Schlacht von Bailén im Juli 1808 kapitulieren erstmals 23.000 Soldaten der französischen Armee – darunter auch Deutsche – vor dem spanischen Volksheer.
Noch im September 1808 übernimmt Napoleon selbst das Kommando und besetzt unter anderem Madrid. Für Colbin als preußischen Staatsbürger empfiehlt es sich, eine Konfrontation mit den französischen Autoritäten zu vermeiden. Wohl aus diesem Grund wählt er nicht den einfachen Weg entlang der Küste sondern entscheidet sich für die beschwerliche, aber romantische Route über die Pyrenäen. Vom französischen St. Jean Pied-de-Port aus nimmt Colbin den Pass von Roncevalles, und betritt im April des Jahres 1809 spanischen Boden.
Wiederum aus Briefen an seine Schwester ist die Wanderroute bis Madrid genau überliefert. In nur knapp 30 Tagen reist er zu Fuß über Pamplona, Estella und LogroNo, dann entlang der Sierra de la Demanda nach Salas de los Infantes. Über Coruna del Conde und Aranda del Duero gelangt er wieder auf die Straßen, auf denen der französische Nachschub läuft. Erneut weicht er vom einfachen Weg ab und marschiert längs der Sierra de Guadarrama über Miraflores de la Sierra und Colmenar nach Madrid.
Ende Mai trifft Colbin in der spanischen Hauptstadt ein. Die Monate in Madrid sind geprägt von der politischen und kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Spaniern und französischen Besatzern. Es sind jene Monate, die sich in Francisco de Goyas „Erschießung der Freiheitskämpfer“ wiederspiegeln. Colbin wird zunächst von dieser Stimmung erfasst, die manche Erfahrungen der Colberger Belagerung wiederaufleben lässt. Er findet Anschluss an einen literarischen Freundeskreis (tertulia) im Café Pensil an der Plaza del Callao. In der Runde, die nahezu täglich zusammenkommt, diskutieren Schriftsteller, Journalisten und Maler, Finanzbeamte, Ärzte und Naturwissenschaftler die drei „inkommensurablen Ps“ wie Colbin es in einem Brief nach Pommern nennt: Politik, Philosophie und Poesie.
Aus dieser Zeit stammen mehrere Gedichte und einige Prosaskizzen Colbins. Darin tritt das aufgeladene Naturerleben, das sonst ein Charakteristikum seiner Werke bildet, deutlich zurück. Die Stadt als Brennglas landesweiter Ereignisse, die politische Unruhe, die das Leben und Denken der Menschen prägt, werden darin beschrieben. In den stilisierten Beschreibungen der Mitmenschen und Zeitgenossen klingen hingegen costumbristische Züge an, die später unter anderem von Fernán Caballero, d.i. Cecilia Boehl de Faber, zu einem eigenen Genre weiterentwickelt werden.
1810 Im Februar 1810 lernt Colbin in Madrid den Soester August Perthes kennen. Perthes, hatte mit dem Regiment Westphalien auf französischer Seite an den Kampfhandlungen teilgenommen. In der Schlacht von Bailén (1808) geriet er in spanische Gefangenschaft und wurde auf die Gefangeneninsel Cabrera bei Mallorca verbracht, von wo er Ende 1809 floh.
Im Mai brechen Colbin und Perthes gemeinsam nach Andalusien auf. Colbin will in Córdoba und Granada seine orientalischen Studien fortsetzen, Perthes beabsichtigt über Portugal nach Südamerika überzusetzen. Über vier Monate sind die beiden – meistenteils zu Fuß – unterwegs, bevor sie in Córdoba eintreffen. Nach einem kurzen Aufenthalt in Sevilla trennen sich ihre Wege und Colbin reist nach Granada weiter. In der Stadt der Alhambra bleibt er bis zum Mai 1811 und bezieht dort eine Wohnung in der Nähe der Kathedrale.
1811/12 Ende Mai macht sich Colbin zu einer ersten Wanderung in die Alpujarras auf. Diese Reise durch die Sierra Nevada dauert nur zwei Wochen und ist dennoch als auslösendes Erlebnis für die „Alpujarras Geschichten“ anzusehen. Die Niederschrift des ersten Buches sowie die Skizzen für das zweite Buch erfolgen jedoch erst auf der längeren Alpujarras-Wanderung zwei Jahre später.
Nach einem kurzen Aufenthalt in Málaga reist Colbin die Mittelmeerküste entlang bis nach Cádiz, wo er im Februar 1811 eintrifft. Die Stadt wird von den Franzosen belagert und der englischen Flotte geschützt. Für Colbin erscheint die Belagerung der Stadt wie eine Wiederholung der Colberger Erlebnisse von 1806.
Die Stimmung in Cádiz ist für Colbin anregend und verwirrend zugleich. Das dort versammelte Parlament (Cortes) beschließt die erste liberale Verfassung Spaniens. Ein zweites Mal in seinem Leben sieht er jene, deren politischen Ideale er teilt, als militärische Feinde gegenüber. Darüber hinaus verfolgt Colbin das Vorgehen der englischen Alliierten von Beginn an sehr misstrauisch.
1813 Nach über zwei Jahren in der Atlantikstadt, deren Belagerung im Februar dieses Jahres endet, bricht Colbin im Mai zu seiner zweiten Reise in die Sierra Nevada auf. Während der Wanderungen durch das Gebirge sowie der folgenden Wintermonate in Málaga schreibt Colbin die „Alpujarras Geschichten“. Parallel zu dieser Arbeit beginnt Colbin Teile seiner Assasinen-Studie zu überarbeiten. Die historisch begonnene Darstellung bekommt dadurch stark literarische Züge.
Die Franzosen verlassen nach der Niederlage in der Schlacht von Vitoria endgültig Spanien.
1814/15 Nach seiner Rückkehr nach Cádiz begegnet Colbin Cecilia Boehl de Faber. Zwischen der 18jährigen Boehl de Faber und dem nahezu doppelt so alten Colbin entwickelt sich eine heftige Romanze. Der Deutsche gilt im literarischen Zirkel um die Familie Boehl de Faber als Sonderling, dessen fantastischen, oftmals improvisierten Geschichten gerne gehört werden. Über den Kontakt mit einem britischen Marinearzt gelangt Colbin an Robert Owens „Eine Ansicht von der neuen Gesellschaft“.
Aus dieser Zeit liegen neben den „Alpujarras Geschichten“ nur Fragmente und zwei kleinere Erzählungen vor, die in der wilden andalusischen Landschaft angesiedelt sind und historische Themen aus der Zeit der Mauren aufgreifen. Anscheinend gab es auch eine erste Übersetzung der „Alpujarras Geschichten“ ins Spanische durch Cecilia Boehl de Faber, die jedoch nie veröffentlicht wurde. Prägend für diese Zeit ist auch Colbins Auseinandersetzung mit Claude Henri de Rouvroy de Saint-Simons „Reorganisation der europäischen Gesellschaft“.
Ende 1815 zerbricht die Beziehung mit Cecilia Boehl de Faber.
1816/17 Im Mai des Jahres trifft Colbin in Cádiz zufällig August Perthes wieder, der nach fünf Jahren in Brasilien und Kolumbien nach Europa zurückkehrt. Die beiden Freunde verlassen Cádiz und siedeln nach Sevilla über. In diesen Monaten planen Perthes und Colbin den Erwerb einer Zuckerrohr-Plantage auf den Kanarischen Inseln. Das Geschäft kommt nicht zustande, eine vorbereitete Reise wird kurzfristig abgesagt.
Auf einer Reise ins Hinterland lernen die beiden Deutschen im September 1817 in Estepa Franz Lindroth kennen. Lindroth, der ehemals im Korps des Herzog von Braunschweig-Oels in Spanien gegen die Franzosen kämpfte, war nach der Niederlage der Franzosen in Spanien geblieben und mit Handelsgeschäften zu Vermögen gekommen. Er besitzt in Estepa eine Finca, auf die er Colbin und Perthes einlädt.
1818 Gemeinsam mit Perthes und Lindroth reist Colbin im März 1818 über Cádiz nach Peñón de Vélez an der marokkanischen Mittelmeerküste. Anscheinend sind die drei in der spanischen Besitzung mit weiteren Freunden Lindroths verabredet. Aus einem Brief, dem mutmaßlich letzten an seine Schwester, geht hervor, dass man zu einer längeren „philosophischen Expedition“ ins Rif-Gebirge aufbrechen wolle.
Aus der Zeit nach diesem Brief gibt es keine weiteren Lebenszeichen mehr. Der Biograph Joseph Heinrich Colbins, J.C.L. Haken, notiert in seinem Manuskript verschiedene „Berber-Märchen“ über zwei Dutzend Europäer, die am Rande des Gebirges zurückgezogen in einer Oase lebten und zum mohamedanischen Glauben übergetreten seien. Ein Lebensende, das sowohl in der zweiten Wanderung der „Alpujarras Geschichten“ als auch den Skizzen über die Sekte der Assasinen anklingt.