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Sprecht ihn heilig!

Diese Tage stärken mein Mißtrauen

Von Dirk Jürgensen

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ich einen Heiden zu nennen ist keine Sünde. In einer Zeit, als dies noch nicht hinterfragt wurde und in einem Alter, in dem ich es selbst nicht hinterfragen konnte, wurde ich getauft. Nicht, wie man im Rheinland laut Beikircher sagt, im „richtigen“ Glauben, sondern nur protestantisch, aber immerhin christlich.

Tiefes Mißtrauen befiel mich, als mir bewußt wurde, daß diese Glaubensorganisation, die so viel Gutes tut, unter der unermeßliche Kulturgüter geschaffen wurden und der ein großer Teil der Weltbevölkerung Vertrauen schenkt, in ihrer Geschichte Menschen gequält und getötet, noch in unserer Zeit Waffen und die dazugehörigen Soldaten gesegnet hat.

So mußte ich also als Überzeugungstäter austreten, aus dem Verein, der mir immer fremd war – und gerade in diesen Tagen immer fremder wird.

Für einen Heiden und Konsumenten der öffentlichen Medien geschehen zur Zeit viele interessante und zugleich beängstigende Dinge:

Junge, ganz normale Menschen, ganze Familien mit kleinen Kindern stehen sich tagelang die Beine in den Bauch, um das abzuwarten, was bei einem greisen Mann, der zudem noch unter der Parkinson-Krankheit leidet, zu erwarten ist. Kein Mitleid ist zu spüren. Jeder will einen letzten Blick – zuerst auf den gerade noch lebenden und dann auf den gerade verstorbenen Mann – werfen. So, als wäre er ein naher Verwandter. Was sage ich? Kein naher Verwandter, das wäre viel zu langweilig, ein Popstar stirbt, wie einer, dem man seine Jugend und eine Menge Taschengeld und Identifikation geopfert hat, der jetzt, wie es einem Popstar gebührt, möglichst spektakulär zu sterben hat.

Seine Anhänger gehen nicht so weit, sich aus Trauer oder Dummheit selbst das Leben zu nehmen, das würden sie, wenn sie Mädchen sind, eher beim plötzlichen Tod eines Robbie Williams, oder wer sonst gerade vom Teeny-Geist idealisiert wird. Dazu fehlt dem Papst die Erotik. Vielmehr wirkt eine Massenhysterie, eine sogar von gewöhnlich kirchenferner Presse und dem Fernsehen in der Rolle einer leidensbegleitenden „Papa“-razzi-Lupe unterstützte Massensuggestion, die aussagt, es ginge um den Abschied eines Übermenschen, der der Welt und dem Einzelnen unendlich viel gegeben hätte. Man muß es nur häufig genug sagen, dann plappert es jeder nach.

Ich fürchte, an dieser Stelle kommen einige Aspekte unserer Zeit zusammen, die da lauten:

  • Angst vor weltlichen Gefahren, wie Arbeitslosigkeit, Terror, Krieg, Werteverfall und dem Fundamentalismus der Anderen, das, was wir Folgen der Globalisierung nennen,
  • global medialer Starkult,
  • eine selten ausreichend gesellschaftskonform und kostenneutral beantwortete und ständig wieder aufkeimende Sinnfrage,
  • Suche nach der leitenden Hand in einer unübersichtlichen und kühlen Welt, daher auch ein starker Wunsch nach Spirituellem, nach Esoterik, nach Wundern, kosten sie auch Geld oder Selbstaufgabe.

Wo ist der Unterschied einer Sektenideologie, wenn hier alles miteinander verwurstet wird, wenn sich Dinge und Begriffe wie Wunderheilung, Prinzessin-Diana-Trauer, Sicherheit in der Gemeinschaft Gleichgesinnter, Jim-Morrisson-Pilgerei, Bibel, Sensationslust, Tanz um das goldene Kalb, Heiligsprechung, Richard-Gere-Dalai-Lama-Lächeln, Glaube, Friede, Nähe zum Unerreichbaren suchen und Liebe in einen noch lebenden oder schon toten Körper eines alten Mannes projizieren lassen?

Der Anfang war anders. Dieser Papst war ein Novum, ein ständig reisender Medienpapst, der mit Aufbruchstimmung, als Sinnbild der friedlichen polnischen Revolution mit sportlicher Dynamik die Skipiste sein mittelalterliches Amt erstürmte. Er schien ein Papst der Erneuerung zu sein. Doch Fehlanzeige, was die längste Zeit seines Amtes betrifft.

Wie mir jüngere Kollegen bestätigen konnten, ist das Bild der Anfangsjahre verpufft. Johannes Paul II. war der Papst der Krankheit, des Siechtums, den man auf den Flughäfen dieser Welt stützen mußte, der schwach wirkte, mit zittriger, oft nicht zu verstehender Stimme sprach und im Hintergrund hart und unerbittlich kein Stück Erneuerung zuließ. Glaubhaftigkeit? Kirchenmarketing? Bild, Schein, Sein – Ablenkung?

Ich kann nicht beurteilen, ob die Äußerungen der letzten Jahre wirklich von ihm stammten, ob die Kirche aufgrund seiner Krankheit überhaupt noch von ihm angeführt wurde und ob nicht ein Ghostwriter – Herr Ratzinger gar? – dafür zuständig war, als er in seinem letzen Buch Mütter, die ihr Kind abtreiben ließen, auf eine Linie mit den Massenmördern des Holocausts stellte. Doch schließen wir den Raum für Verschwörungstheorien, wie sie auch der Vatikan kennt.

Viele rechnen dem Papst die kritische Haltung zum Irakkrieg hoch an. Das ist grundsätzlich richtig, doch muß ich relativieren. Johannes-Paul II. konnte den Irakkrieg aus einer sicheren Warte kritisieren. Und war es nicht sein Job, für den Frieden zu appellieren? Ist Friede nicht der Gewinn, den ein Kirchenmanager, wenn er sich christlich nennt – verdammt noch mal! – zu maximieren hat? Wenn er nicht dafür bezahlt wurde, wofür denn sonst? Da hatten staatsführende Politiker ganz anderen Druck auszuhalten, wenn sie gegen eine Beteiligung an der Allianz der Willigen waren.

Und genau hier kommt wieder mein Mißtrauen ins Spiel. Waren es in unserem Lande nicht gerade die Vertreter der Parteien, die ein großes C in ihren Namen tragen, die aufgrund der ablehnenden Haltung der Bundesregierung in Washington zu Kreuze krochen und die Bundeswehr nur allzu gern gen Bagdad in den heiligen Krieg geschickt hätten? Hat die Kirche auch nur ganz kurz überlegt CDU wie CSU das C zu entziehen?

Durch die Presse gingen jüngst Meldungen, die mich beschwichtigen könnten. Eine überwältigende Mehrheit der Christen, sogar auch der katholischen, soll für die Gleichberechtigung der Frau in Kirchenfragen und für die Abschaffung des Zölibats sein, wollen Aids nicht als Fluch, sondern als Krankheit sehen und Verhütung nicht als Teufelsdienst Da sollte es doch möglich sein, als Basis ordentlich Druck auf die alten Männer in Rom zu machen. Und dann ist demnächst auch noch der Weltjugendtag in Köln und dann kann es richtig losgehen mit der Super-Kirchenerneuerung.

Denkste! Kaum stirbt der Papst, pilgern alle nach Rom, vergessen all die Ungerechtigkeiten, all die Kritik an dessen mittelalterlichen Geist, all das, worüber sie sich eben noch aufregten und rufen laut und einträchtig: „Sprecht ihn heilig!“ Der Schreck durchfuhr meine Glieder. So laut rufen sie es, daß sogar der Köln/Düsseldorfer Express wie ein konservatives Kirchenorgan diesen Satz auf die Titelseite brachte.

Es ist immer traurig, wenn ein Mensch gestorben ist. Selbst, wenn der Tod eine Erlösung vom Leid, von den Schmerzen ist. Und auch hier ist ein Mensch gestorben. Nicht mehr und nicht weniger. Mehr als den Wert eines Menschen gibt es nicht, doch überall steht auf und zwischen den Zeilen, die Welt hätte einen Übermenschen verloren. Vermutet nur mein Mißtrauen einen Plan dahinter; einen Plan der die Vereinnahmung der Massen zugunsten reaktionärer Strömungen vorsieht?

Liebe Weltjugendtagsjugendliche und liebe Kirchenmitglieder, die mit den Füßen noch den Boden unserer Erde berühren. Bitte überdenkt noch einmal, was ihr mit solchen Ausrufen anstellt. Die Papstwahl steht an und ihr wollt doch nicht, daß es mit der Unterdrückung der Frau noch schlimmer wird, daß all das, was Generationen freiheitlich gesinnter Katholiken mühevoll aufgebaut haben, zugrunde geht. Mit dem Ausruf „Sprecht ihn heilig!“ preßt ihr einen dermaßen kräftigen Wasserschwall auf die Mühlräder der Erzkonservativen, daß sie gar nicht mehr anders können als einen Papst zu wählen, der die katholische Kirche in eine fundamentalistische Vereinigung formen wird. – Und ihr tragt die Schuld trotz anderer Überzeugung!

Und hinterher? Eine Kirchenspaltung wäre dann sicher noch die angenehmste Lösung. Die letzte ist lang verbraucht. Besser wäre sie jedenfalls, als kritiklos mitzumachen, weil man ja Christ ist und ein Zuhause braucht und niemand sein Nest beschmutzen oder sich gar ein eigenes Zuhause, seinen eigenen Lebenssinn schaffen mag.

Bin ich froh, daß ich Heide bin!

http://www.rp-online.de/public/article/nachrichten/politik/special/papst/85291
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Dirk Jürgensen  13.04.2005blindgif zurück zur Startseite Diesen Artikel lesen Diesen Artikel ausdrucken Möchten Sie den Artikel ''Sprecht ihn heilig!'' weiterempfehlen?
 
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