enige Stunden nach den Anschlägen von New York und Washington vom 11. September 2001 notiert US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld den Beginn der Stofffindung: „to hit S.H. @ same time – not only UBL“. Fortan wird die Assoziation der beiden Topoi Saddam Hussein (S.H.) und Usama Bin Laden (UBL) Bestandteil der politischen inventio. Ihr Ziel ist die politische Rede, die von der Rechtmäßigkeit des Krieges gegen den Irak überzeugen soll. Dabei wandelt sie auf Pfaden, die zwischen Finden und Erfinden nicht unterscheiden.
20. Dezember 02 „Bedenkt man die Ziele von Schurkenstaaten und Terroristen wird klar, dass sich die Vereinigten Staaten nicht länger ausschließlich auf eine reaktive Verteidigungsbereitschaft verlassen können.“
In der “Nationalen Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten” übernimmt George Bush die beiden Topoi und vollzieht die Verallgemeinerung von S.H. zu „Schurkenstaaten“ und UBL zu „Terroristen“. Ausdrücklich erklärt er dabei die Methode der inventio „Wir müssen unsere Vorstellung davon, zu welchem Zeitpunkt eine unmittelbare Bedrohung vorliegt, an die Möglichkeiten und Ziele unserer gegenwärtigen Feinde anpassen.“
Ergebnis dieser Vorstellungskraft ist der dritte Topos, die Massenvernichtungswaffen. „Schurkenstaaten und Terroristen streben nicht danach, uns mit konventionellen Waffen anzugreifen. Sie wissen, dass ein solcher Versuch fehlschlagen würde. Statt dessen setzen sie Terrorakte und möglicherweise Massenvernichtungswaffen ein – Waffen, die leicht versteckt werden können und die sich ohne Vorwarnung abfeuern lassen.“
Im Januar 2003 wird die elocutio der großen Rede für den Krieg eröffnet. Die Argumente werden ausgeschmückt, um mehr Überzeugungskraft zu gewinnen. “Die britische Regierung verfügt über Erkenntnisse, dass Saddam Hussein vor kurzem erhebliche Mengen von Uran in Afrika zu erwerben suchte”, so Bush.
28. Januar 03 „Unsere Geheimdienste schätzen, dass Saddam Hussein genügend Ressourcen hat, um bis zu 500 Tonnen Sarin, Senfgas oder das Nervengas VX herzustellen.“ In seiner „Rede zur Lage der Nation“ macht der US Präsident den Topos Massenvernichtungswaffen anschaulich, indem er das Horrorkabinett der chemischen Kampfstoffe öffnet.
17. März 03 „Geheimdienstinformationen dieser und anderer Regierungen lassen keinen Zweifel, dass das irakische Regime weiterhin einige der tödlichsten Waffen besitzt und versteckt, die jemals entworfen wurden.“
Bush ruft nun wiederholt die Geheimdienste in den Zeugenstand. Doch deren Autorität ist die Täuschung, ihr Zeugnis bloße Auftragsdichtung. Was wie James Bond klingt, wäre in der Stilkritik als Häufung von Superlativen zu bemängeln. Doch der Pathos ist rhetorisches Bush-Land. Beschwörend wiederholt der US Präsident in dieser Fernsehansprache seine Topoi, schmäht er seine Gegner und ihre niederen Motive, beklagt er hypothetische Opferzahlen.
„Es [das S.H. Regime] ist von tiefem Hass gegenüber Amerika und unseren Freunden erfüllt und hat Terroristen, darunter solchen der Al Quaeda, geholfen, sie ausgebildet und aufgenommen. Die Gefahr ist klar: Mit dem Einsatz chemischer, biologischer oder eines Tages auch nuklearer Waffen, beschafft mit der Hilfe des Iraks, könnten die Terroristen ihre erklärten Ziele erreichen und Tausende oder Hunderttausende von unschuldigen Menschen in unserem oder einem anderen Land töten.“
19. März 03 / 03:30 Uhr (90 Minuten vor Ablauf des Ultimatums) „Die Vereinigten Staaten von Amerika haben das souveräne Recht, Gewalt einzusetzen, um ihre nationale Sicherheit zu garantieren. In diesem Jahrhundert, in dem böse Männer chemischen, biologischen und nuklearen Terror planen, kann eine Beschwichtigungspolitik zu einer Zerstörung führen, wie sie auf dieser Erde niemals zuvor gesehen wurde.“
Das rhetorische Muster, mit dem Ziel der Überzeugung den logos zu beugen, findet seine Entsprechung in der Doktrin des präemptiven Krieges. Während die völkerrechtlich umschrittene präventive Selbstverteidigung sich auf eine konkrete und akute Bedrohung, beispielsweise Truppenbewegungen, beruft, genügt dem präemptiven Angriff die reine Behauptung als Begründung. Diese Aufgabe erledigen die drei Topoi, die gar nicht mehr sein müssen als Behauptung oder Erfindung. Der präventive Krieg beruft sich auf das gefundene Indiz, dem präemptiven Krieg genügt die erfundene Behauptung.
KRIEGSBEGINN Mit den ersten abgefeuerten Raketen wird die Absicht der Überzeugung obsolet. Der schönen Rede folgen blutige Taten. Der Krieg kennt keine Rhetorik und folgt seiner eigenen Logik. Jetzt werden militärische Lagen bekannt gegeben, doch der falsche Dreiklang der inventio aus dem Weißen Haus klingt noch nach.
19. März 03 / 04:16 MEZ Fernsehansprache zur Kriegserklärung “Meine Mitbürger, zu dieser Stunde befinden sich Truppen der USA und der Koalition in der Frühphase von Militäroperationen, um Irak zu entwaffnen, sein Volk zu befreien und die Welt vor großer Gefahr zu verteidigen. [...] Wir werden diese Bedrohung mit unserem Heer, unserer Luftwaffe, Marine, Küstenwache und unserer Marine-Infanterie begegnen, so dass wir ihr nicht später mit Armeen von Feuerwehrmännern und Polizei und Ärzten in den Straßen unserer Städte begegnen müssen. [...]
01. Mai 03 Auf der USS Abraham Lincoln
„Mission erfüllt.“
3. Oktober 03 “This interim progress report is not final. Extensive work remains to be done on his biological, chemical and nuclear weapons programs. But these findings already make clear that Saddam Hussein actively deceived the international community, that Saddam Hussein was in clear violation of United Nations Security Council Resolution 1441, and that Saddam Hussein was a danger to the world.”
Doch der logos der Rede schlägt zurück und lässt die Worte lügen. Dabei lassen die drei Topoi der inventio immer deutlicher den Modus der Erfindung und Behauptung durchscheinen. Die Behauptung aber lebt von einem offenen Ende, vom Ausbleiben der klärenden Antwort. Gibt es Gewissheit, Fakten, ist sie entlarvt oder bestätigt, aber keine Behauptung mehr. Bush weiß also, warum der Bericht über die Suche nach Waffen im besiegten Irak not final sein muss.
3. Februar 04 „Das amerikanische Volk muss wissen, dass auch ich die Fakten wissen will.“
Kaum ein Jahr nach Kriegsbeginn offenbart der Präsident anlässlich der Einrichtung einer unabhängigen Kommission zur Prüfung der Geheimdienstinformationen, dass auch er nichts wusste – zumindest keine Fakten.
13. April 04 “Wir werden an unserem Versprechen festhalten. […] Wir halten Kurs, wir vollenden den Job.“
Das Versprechen meint die positive Auflösung der drei Topoi: Demokratie, inneren und äußeren Frieden sowie keinen Terrorismus. Doch während die Mission erfüllt ist, ist der job noch nicht getan. Es ist also, was nicht ist, wie es den Krieg wegen etwas gab, das es nicht gab.
Das Paradoxon des Zustands erwächst aus der Abweichung von Finden und Erfinden. Was die inventio des präemptiven Kriegs erfunden hat, können selbst die Sieger des realen Kriegs nicht finden. Deshalb kann Sieg auch Lüge und der Erfolg eine Katastrophe sein.
30. August 04 „Wenn wir es noch einmal machen müssten, würden wir die Konsequenzen eines katastrophalen Erfolgs bedenken.“
12. Oktober 04 “Knowing what I know today, I would have made the same decision.”
Rund 19 Monate nach dem völkerrechtswidrigen Angriff auf den Irak bestätigt Bush, dass nicht Fakten und Wissen über den Krieg entschieden haben. Damit hält der US Präsident auch an seiner Doktrin des präemptiven Krieges fest, was als Warnung für den nächsten Schurkenstaat verstanden sein will, den Iran.
02. Februar 05 “Dem iranischen Volk sage ich heute Abend: Wenn ihr für eure eigene Freiheit aufsteht, steht Amerika hinter euch. [...] Unser Land ist noch immer das Ziel von Terroristen, die viele Menschen töten und uns alle einschüchtern wollen, und wir bleiben in der Offensive gegen sie, bis der Kampf gewonnen ist.“
Der Passus aus Bushs diesjähriger „Rede zur Lage der Nation“ setzt auf das bewährte rhetorische Muster. Wieder geht es um einen Schurkenstaat, der seine Bevölkerung unterdrückt, geht es um Terroristen und – das hier nicht erwähnte – angebliche Atomwaffenprogramm des Iran.
George W. Bush hat mit Lügen den Krieg gegen den Irak begründet. Dieser Krieg ist noch nicht beendet, denn tagtäglich fordert der Terror an Euphrat und Tigris jene unschuldigen Opfer, vor denen uns der Präsident bewahren wollte. Die Massenvernichtungswaffen wurden nie gefunden und auch Osama Bin Laden und Al Quaeda sind nach wie vor aktiv. Zu unserer aller Beunruhigung ist genau das der Stoff, mit dem GWB Kriege erfindet.
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