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Hermann Harry Schmitz (* 12. Juli 1880 in Düsseldorf, † 8.August 1913 in Bad Münster am Stein)
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Wer ist Hermann Harry Schmitz?

Verschollen, doch unvergessen: der „Dandy vom Rhein“ wird 125

Von Dr. Michael Matzigkeit

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u den Düsseldorfer Literaturheiligen der offiziellen städtischen Kultur hat er nie gehört, obwohl er seit fast 100 Jahren mit ca. 160.000 Exemplaren Gesamtauflage seiner Bücher im ganzen deutschsprachigen Raum eine gleichbleibend stille Popularität genießt.

Sein kurzes, intensives Leben ist schnell erzählt. Am 12. Juli 1880 in Düsseldorf geboren, verlief die Kindheit im großbürgerlichen Elternhaus und seine Schulzeit auf der Oberrealschule an der Klosterstraße in gleichförmiger Langeweile. Doch Hermann Schmitz wagte immer wieder kleine Ausbruchversuche. Erst vierzehn, trat er selbstbewusst vor sein Publikum und verblüffte als orientalischer Zauberer die Eifeler Bauern mit allerlei Kunststückchen. Die noch sehr harmlosen Ausflüge in die Phantasie fanden nicht gerade die Zustimmung des Vaters. Friedrich Schmitz, deutschnational und ungeheuer ehrgeizig, hatte andere Pläne. Wenn Hermann aus gesundheitlichen Gründen schon nicht für eine militärische Karriere geeignet war, sollte er wenigstens etwas Reelles lernen.

Mit siebzehn zog sich Schmitz eine Lungentuberkulose zu, von der er sich nie mehr richtig erholen sollte. In Marseille konsultierte er einen Spezialisten, der ihm riet, eine schematische Zeichnung des angegriffenen Organs anzufertigen und täglich ein Stück abzustreichen, um so den Verfall zu kontrollieren. In der Groteske »Von meiner Lunge« hat er die Begebenheit selbstironisch beschrieben: Als die Lunge abgestrichen war, setzte er ein Stück daran, bis die Zeichnung schließlich so groß war wie eine Tischplatte. »Nach einigen Tagen merkte ich, dass ich nicht tot war... . Da bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass ich ein Phänomen sein müsse: Der Mann ohne Lunge. Etwas noch nie Dagewesenes.«

Zurückgekehrt, beendete er seine Schulzeit auf einer »Quetsche« in Kassel und fügte sich dem Wunsch des Vaters, der ihn als kaufmännischer Lehrling in das Pietboeuf'sche Röhrenwerk nach Eller schickte. Das Ganze widerte ihn an und er wurde zu einem »blutigen Spötter« seiner Umgebung.

Aus Kompensation zum nüchternen Alltag las er die französischen Symbolisten, schwärmte eine Zeit lang für Oskar Wilde und fand schnell Kontakt zu den Düsseldorfer Künstlerkreisen. Er führte bald ein Doppelleben. Erst abends, wenn er mit skurrilen Witzen, Einwürfen und Geschichten brillieren konnte, fühlte er sich in seinem Element.

Wie sein literarisches Vorbild Wilde liebte er elegante Kleidung. Strümpfe und Krawatte stimmte er farblich ab. Seine Hände schmückten Ringe, die durch ihre Größe und ihre originelle Arbeit auffielen. Untrennbar zu ihm gehörte jedoch sein schwarzer Paletot mit rotem Innenfutter und sein Spazierstock mit dem lachenden Negerkopf als Knauf. Jahre später, als er bereits im Rampenlicht der Öffentlichkeit stand, konnte er sich ungehemmt über die »Sklaven der Mode« lustig machen.

Doch zuvor schrieb er groteske Einakter, die er mit seinen Freunden im Akademischen Verein Laetitia aufführte. Mit »No.42 - Ein Albdruck« wagte er den Angriff auf die tragenden Werte des deutschen Kaiserreichs. Verständlicherweise für den privaten Gebrauch bestimmt, konnte es so die Zensur unterlaufen. Am Abend der Uraufführung kam es zu einer folgenschweren Begegnung. Hermann Harry, wie er sich seit seiner ersten Veröffentlichung im Münchner Satireblatt »Simplizissimus« nannte, lernte den Düsseldorfer Feuilletonredakteur Victor M. Mai kennen. Mai war von der Inszenierung so begeistert, dass er Schmitz überredete, regelmäßig für die Sonntagsbeilage des »General-Anzeigers« eine seiner Grotesken beizusteuern. Das war der literarische Durchbruch.

In der »geruhsamen« Zeit vor dem 1.Weltkrieg trafen seine Geschichten den Lebensnerv der kleinbürgerlichen und neureichen Spießermorbidezza. Bei seinem familiären Hintergrund kannte er sie genau: Vor allem die unaufhaltsame Technisierung bedeutete für den haltlos gewordenen Kleinbürger den permanenten Albtraum: So kam es nicht von ungefähr, dass der neue Staubsauger schließlich die Wohnungseinrichtung mitsamt der Putzfrau verschlang und Onkel Willibalds Wellenbadewanne die ganze Stadt überschwemmte. Diese Art zu schreiben, brachte ihm nicht nur Freunde ein. Einmal beschwerte sich sogar eine Abordnung städtischer Arbeiter bei Redakteur Mai.

1911 reichte es bereits zu einem eigenen Band. Offenbar machte ihm auch eine Erbschaft den Entschluss leicht, freier Schriftsteller zu werden. Sein Freund Herbert Eulenberg stellte den Kontakt zu Ernst Rowohlt her. »Der Säugling und andere Tragikomödien« wurde zu einem großen Erfolg für Verleger und Autor. Weitere Geschichten aus dem Nachlass erschienen 1916 und 1941.

Die Creme der Düsseldorfer Gesellschaft riss sich nun um ihn. Zahlreiche Angebote zu Conférencen auf Pressebällen oder Wohltätigkeitsveranstaltungen schlossen sich an. Im Schauspielhaus oder im Malkasten konnte er mit dem Gesicht einer ägyptischen Sphinx todernst den haarsträubendste Blödsinn erzählen: »Ich gedenke, Ihnen heute abend von meinem Seelenleben als siamesischer Zwilling zu erzählen.« Oder: »Mir träumte verwichene Nacht, ich sei eine Hängematte und auf mir liege die tätowierte Dame aus der Hunsrückenstraße und schaukle im linden West.«

Hermann Harry sollte seinen Erfolg nicht lange genießen. Sein Körper spielte nicht mit. Hatha Yoga und indische Philosophie waren nur weitere Stationen ohne Ausweg. Er verglich sich mit einem Bahnwärter, der auf Signale achtet. Als ein letzter Heilungsversuch fehlschlug, nahm er sich am 8. August 1913 in Bad Münster am Stein das Leben. Der Vater soll die Urne mit der Asche seines Sohnes über sechs Jahre lang in dessen »Bude« aufbewahrt haben, bevor er die sterblichen Reste auf dem Nordfriedhof beisetzen ließ.

Nachforschung nach Spuren dieses bedeutenden Autors verlaufen in Düsseldorf mittlerweile ohne Erfolg: Keines der Häuser, in denen er gelebt hat, existiert mehr; sein Grab auf dem Nordfriedhof ist abgeräumt, und sein Nachlass muss bis heute als verschollen gelten, auch wenn in den vergangenen Jahren immer wieder Splitter aufgetaucht sind.

Militante Äußerungen des Humors tragen inzwischen Früchte: Die (in)offiziellen Bemühungen um die Benennung einer »Hermann-Harry-Schmitz-Sackgasse« sind nach fast 20 Jahren endlich abgeschlos­sen. Allerdings musste die weitaus treffendere Bezeichnung „Sackgasse“ dem nichtssagenden Begriff „Straße“ weichen. Auch eine Abend­realschule führt nun seinen Namen.

2005 steht sein 125. Geburtstag bevor. Zahlreiche Aktivitäten sind geplant, Überraschungen: gewiss, zumal die Beschäftigung mit Hermann Harry - nicht nur in Düsseldorf - naturwüchsig anarchisch und unkalkulierbar bleiben wird. Bereits jetzt hat ein Exildüsseldorfer in München für die kommende Zeit Schreckliches angekündigt.

Continuity: Michael Matzigkeit

Lesen sie in der nächsten Woche hier bei einseitig.info nach, was uns alles der Autor dieser Biographie - Dr. Michael Matzigkeit - in einem Interview über Hermann Harry Schmitz verriet.

Links:

Hermann Harry Schmitz Societät 
www.hermann-harry-schmitz.de 

 gutenberg.spiegel.de/autoren/schmitz.htm 

 www.humorkongress.com

 www.medical-tribune.ch

 de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Harry_Schmitz

 Bernd Kortländer: Hermann Harry Schmitz

 



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Dr. Michael Matzigkeit  12.11.2004blindgif zurück zur Startseite Diesen Artikel lesen Diesen Artikel ausdrucken Möchten Sie den Artikel ''Wer ist Hermann Harry Schmitz?'' weiterempfehlen?
 
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