"Als Bilanz kann ich nur sagen, dass wir begeistert und überrascht waren, wie gut die Ausstellung angekommen ist: wir hatten ursprünglich angenommen, dass rund 12 000 Besucher in die Ausstellung kommen würden (man setzt ja die Zahlen am Anfang möglichst hoch an). Es haben aber tatsächlich 21 000 Besucher die Ausstellung besucht. "
(Clara Himmelheber)
inseitig. info: Während der Ausstellung gab es einen Zwischenfall: das Feuerzeug, ein altes und wertvolles Erinnerungsstück der Familie, das ein Herero der Austellung zur Verfügung gestellt hatte, kam auf recht peinliche Weise abhanden. Ist das nicht ein Beispiel dafür, wie wenig Achtung bis heute der ehemaligen deutschen Kolonie Namibia entgegengebracht wird?
Himmelheber: Ich denke ehrlich gesagt nicht, dass der Diebstahl des Feuerzeugs aus der geschlossenen Vitrine etwas mit der mangelnden Achtung zu tun hat. In dem Falle ist es wohl eher ein manischer Sammler von Feuerzeugen gewesen – wie uns von der Polizei gesagt wurde. Oder, was auch sein könnte jemand, der Kolonialkultur sammelt, also jemand der ein übermäßig nostalgisches Interesse an der Kolonialkultur hat. Es geht also in diesem Falle weniger um die Nichtachtung namibischer Kultur.
Destruktion eines Mythos
Einseitig. info: Ein alter Mythos sagt, Deutschland sei eine vergleichsweise gutartige Kolonialmacht gewesen. Was sagt dazu die Ausstellung?
Himmelheber: Ich habe in den Führungen immer betont, dass es gute Kolonialmächte nicht gegeben hat, weil Besucher häufig gesagt haben, die Deutschen seien besser gewesen als die Anderen. Der Schwerpunkt unserer Ausstellung liegt auf der deutschen Kolonialgeschichte. Hier speziell wollten wir uns damit auseinandersetzen, welche Verbrechen die Deutschen während der Kolonialzeit begangen haben. Auf keinen Fall ist Deutschland besser als andere Kolonialmächte gewesen.
Einseitig. info: Was war das Ziel der Ausstellung?
Himmelheber: Für uns war der Anlass der Ausstellung der Völkermord an den Herero, also der Kolonialkrieg von 1904 bis 1908, der sich zum 100. Mal gejährt hat. Ziel der Ausstellung war es darzustellen, welche Verbrechen in dieser Zeit von den Deutschen begangen worden sind und genau diesen Mythos der zivilisierten Kolonialmacht aufzuheben.
Wir haben dann erst im nachhinein, nachdem uns von namibischer Seite gesagt wurde, sie wolle nicht nur die Vergangenheit behandelt wissen, sondern auch die Gegenwart und Zukunft, die zeitgenössischen Aspekte Namibias thematisiert und in die Ausstellung eingebracht.
Einseitig. info: Worin bestanden die kolonialen Interessen des deutschen Kaiserreiches in Namibia und wie wurden sie durchgesetzt?
Himmelheber: Das koloniale Interesse des Deutschen Kaiserreiches bestand unter anderem darin, dass man zum einen Rohstoff aus den Kolonien ausführen und Fertigwaren einführen wollte, das heißt man suchte einen Absatzmarkt. Namibia war ja die einzige deutsche Siedlerkolonie in Afrika und man betrachtete das Land als Ventil für eine befürchtete Überbevölkerung und obwohl Bismarck ursprünglich die kolonialen Unternehmen abgelehnt hat, hat er 1884 letztlich zugestimmt und anlässlich der Berliner Konferenz das Ganze als Möglichkeit gesehen, das Deutsche Reich als Kolonialmacht zu etablieren. Ideologisch wurde das Unternehmen als missionarische Wohltat verbrämt.
Einseitig.info: Was waren eigentlich die Ursachen des Krieges?
Himmelheber: Es gab verschiedene Gründe, die zum Krieg geführt haben. So führten Händler zum Beispiel Alkohol ins Land ein: dieser hat in der namibischen Bevölkerung wie auch unter den deutschen Soldaten zu Abhängigkeiten geführt. Bei den Deutschen führte dies dazu, dass Gewalttaten zugenommen haben, die Prügelstrafen noch exzessiver waren und Vergewaltigungen an Frauen zugenommen haben.
Andererseits wurden Waffen ins Land geliefert, was dazu führte, dass auch auf namibischer Seite jeder Haushalt eigentlich schon in den 70er und 80er Jahren des 19. Jahrhunderts mindestens eine moderne Feuerwaffe besaß. Dies bewirkte, dass zu Beginn des Krieges die Herero sehr erfolgreich waren mit ihren Strategien und es wirklich einer Überzahl an deutschen Soldaten bedurfte, um sie zu unterwerfen.
Neben diesen Handelsprodukten, die zu Spannungen führten gab es natürlich – ganz wichtig – die Verträge, die meistens zuungunsten der namibischen Bevölkerung ausfielen, sei es sogenannte Schutzverträge, sei es Landkaufverträge: es trafen nämlich zwei unterschiedliche Landkonzepte aufeinander. Die der Deutschen, wo man Land kaufen und verkaufen konnte und die der Herero und anderer namibischer Bevölkerungsgruppen, wo Landbesitz eher Nutzungsrechte bedeutete.
Mit diesen Landnutzungsrechten war das Problem der Siedler verbunden: es kamen in absoluten Zahlen zwar nicht so viele Siedler ins Land, aber dadurch, dass das Land sehr karg ist – zwei Drittel des Landes sind Wüste oder Halbwüste – gab es schon damals Landknappheit und so kam die Idee auf, Reservate für die einheimische Bevölkerung einzurichten. All diese verschiedenen Spannungsfaktoren führten dann zum Krieg.
Genese einer kolonialen Mordmaschine
Einseitig.info: Wie groß schätzt man heute die Dimension des Völkermords in Namibia ein?
Himmelheber: Die absolute Zahl wirkt auf den ersten Blick nicht so erschreckend, es ist aber eine hohe Prozentzahl der Bevölkerung ermordet worden. Man weiß es nicht genau, aber selbst die konservativsten oder rechtsgerichtetsten Schätzungen gehen von 30 Prozent gestorbenen Herero aus. Es geht bis hoch zu 80 Prozent, die wahrscheinlich ermordet worden sind – und auch die Hälfte der Nama sollen während des Krieges gestorben bzw. ermordet worden sein.
Wichtig bei der Definition von Völkermord ist jedoch nicht die Anzahl der Leute, die ermordet werden, sondern die Absicht, dass man ein ganzes Volk vernichten will. Das liegt in Namibia insofern zugrunde als General von Trotha in seinem Schießbefehl sagte, dass er auch auf Frauen und Kinder schieße und das Volk der Herero vernichtet werden solle.
Die deutsche Regierung hat nämlich beschlossen einen Mann nach Namibia zu entsenden, von dem sie wusste, dass er hart durchgreifen würde. Generalleutnant von Trotha war nämlich bekannt durch seine Rolle im Boxeraufstand in China, wo er sehr blutig agierte und auch den Aufstand der Wahehe in Ostafrika gerade brutal niedergeschlagen hatte. Von dem wusste man also, das ist jemand, der verhandelt nicht, sondern der schlägt drauf.
Die deutsche Regierung hat von Trotha auch noch eine sehr große deutsche Truppe zur Verfügung gestellt, so dass dann die Herero in Unterlegenheit gerieten. In der Schlacht am Waterberg verloren die Herero schließlich den Krieg.
Einseitig.info: Wie sah diese Schlacht aus?
Himmelheber: Es war eine sogenannte Kesselschlacht, das heißt in der Mitte waren die Herero und darum herum hatten die Deutschen eine Umzingelung gebildet. Dazu gibt es nun zwei Thesen: die erste besagt, dass die Herero es geschafft haben, diese Umzingelung zu durchbrechen und in die Halbwüste der Omaheke zu fliehen. Die zweite These besagt, dass die Deutschen extra diese Umkesselung geöffnet haben, so dass die Herero in die Halbwüste abwandern sollten damit die Deutschen daraufhin das Gebiet absperren konnten.
In der Folge kam es zu dem Schießbefehl von Trothas, wo er verfügte, dass keine Herero mehr auf namibischem Gebiet leben dürften, keine Gefangenen gemacht würden und wenn Leute zurückkehrten, würde er sie wieder in die Wüste zurückschicken, wo sie verdursten sollten oder er würde auf sie alle – auch Frauen und Kinder – schießen lassen. Das ist der Hintergrund, weshalb man in diesem Fall von Völkermord spricht.
Von Trotha war sehr „erfolgreich“ mit seiner Strategie, weil ein Großteil der Herero in der Omaheke verdurstet oder erschossen worden ist. Diejenigen, die überlebt haben, wurden in sogenannte Konzentrationslager geliefert. „Konzentrationslager“ ist ein Begriff, der damals zum ersten Mal im deutschen Sprachgebrauch verwendet wurde.
Man kannte schon vorher Konzentrationslager auf Kuba und im Krieg zwischen den Engländern und den Buren. Im Deutschen tauchte der Begriff erst 1904 auf, In den Konzentrationslagern, in die die Herero und später auch die Nama eingeliefert wurden, starb jeder zweite. Die Gefangenen starben häufig nicht an aktiver, sondern an sogenannter passiver Tötung, das heißt man hat den Gefangenen nicht genügend zu essen gegeben oder bewusst die falschen Lebensmittel. Oder sie haben keine Kleidung bekommen. Das Land an der Küste ist teilweise sehr kalt – es hat eher Gemeinsamkeiten mit Stränden in Holland. Dort wurden sie in den schäbigsten Unterkünften untergebracht, so dass viele am rauen Klima, an mangelhafter Ernährung und an den allgemein schlechten Bedingungen gestorben sind.
Dass sehr viele gestorben sind, kann man an dem vorgefertigten Todesscheinen nachvollziehen, in denen eingetragen war „heute starben im Herero-Lager ‚Männer, Weiber, Knaben, Mädchen infolge von Entbehrungen und Entkräftung’“. Man musste dann nur noch die Zahl eintragen.
Im Oktober 1904 sind dann die Nama unter Hendrik Witbooi in den Krieg gegen die Deutschen eingetreten. Die Nama sind den meisten Deutschen ein Begriff unter der Bezeichnung „Hottentotten“. Hottentotten ist eine negative Bezeichnung, die man damals erfunden hat, weil die Nama Schnalzlaute in ihrer Sprache hatten. Die Deutschen haben das dann verballhornt in Hottentotten. Die Leute selber bezeichnen sich als Nama. Die Nama haben es geschafft, sich bis 1907 mit einer Guerillataktik gegen die Deutschen zu wehren. Aber auch von ihnen ist etwa die Hälfte schließlich in den Schlachten oder Gefangenenlagern umgekommen.
Ausgänge aus dem (neo) kolonialen Labyrinth
Einseitig.info: Welche Spuren bzw. Wunden hat der deutsche Kolonialismus im heutigen Namibia hinterlassen?
Himmelheber: Die Spuren des deutschen Kolonialismus sind bis heute allgegenwärtig. Es war ja die einzige deutsche Siedlerkolonie in Afrika – und so weit ich weiß – die einzige ehemalige Kolonie aus der die Deutschen nicht vollständig vertrieben worden sind. Man sieht noch heute deutsche Architektur und schließlich gibt es heute noch 30 000 deutschstämmige Namibier, die in der ehemaligen Kolonie leben. Man sieht auch sehr viele Geschäfte, die deutsche Namen tragen. Da sind die Spuren also allgegenwärtig.
Die Wunden sieht man am eindrücklichsten – das haben wir auch in der Ausstellung gezeigt – in den Geschichten der Menschen, die deutsche und afrikanische Vorfahren haben, also meistens deutsche Väter oder Großväter und afrikanische Mütter oder Großmütter. Sie leben bis heute mit ihrem Erbe, werden häufig von ihren deutschen Verwandten nicht anerkannt und kämpfen um Anerkennung. Das sind die Wunden, die heute noch deutlich zu sehen und zu spüren sind.
Einseitig.info: Welche Verantwortung hat aus Ihrer Sicht die einstige Kolonialmacht Deutschland gegenüber Namibia?
Himmelheber: Ein wichtiger Aspekt von Verantwortung wäre eine Entschuldigung. Diese hat Entwicklungshilfeministerin Heide Wieczorek-Zeul vor kurzem geleistet, worüber wir alle ganz überrascht waren. Das finde ich ist von der Bundesregierung ein Schritt in die richtige Richtung gewesen, obwohl dies eher eine ideelle Geste war.
Materiell gesehen, finde ich sehr wichtig, dass die Entwicklungszusammenarbeit verstärkt Namibia fördert, was sie übrigens auch tut. Namibia ist das Land, das Pro-Kopf die höchste Summe an Entwicklungsgeldern von der Bundesrepublik Deutschland erhält.
Einseitig. info: Wie sehen die Nachfahren der Herero die Kolonialgeschichte und das heutige Verhältnis von Namibia zu Deutschland?
Himmelheber: Da gibt es ganz unterschiedliche Gruppen. Es gibt eine kleine Gruppe um Herrn Riruako, die finanzielle Wiedergutmachung fordert, also Reparationszahlungen, ein Thema, das übrigens sehr stark hier in den Medien behandelt wurde. Die Mehrheit der Herero möchte weniger eine finanzielle als eine moralische Entschädigung oder Entschuldigung und das ist – denke ich – momentan was von deutscher Seite betrieben wird.
Einseitig. info: Was ziehen Sie als Bilanz der Ausstellung? Welche Besuchergruppen haben Sie vor allem erreicht?
Himmelheber: Als Bilanz kann ich nur sagen, dass wir begeistert und überrascht waren, wie gut die Ausstellung angekommen ist: wir hatten ursprünglich angenommen, dass rund 12 000 Besucher in die Ausstellung kommen würden (man setzt ja die Zahlen am Anfang möglichst hoch an). Es haben aber tatsächlich rund 21 000 Besucher die Ausstellung besucht.
Sehr viele Menschen, die nach Namibia als Touristen fahren bzw. gefahren sind, haben die Ausstellung interessiert aufgenommen und sind dazu angeregt worden, auch über andere Aspekte dieses Landes nachzudenken. Dies betrifft gerade die Geschichte Namibias, die ja in der Vergangenheit nicht so stark in der Öffentlichkeit diskutiert wurde.
Die zweite große Gruppe waren Schulklassen: so hatten wir sehr viele Geschichtslehrer, die uns gesagt haben, dass sie sehr glücklich sind, dass sie nun auch in ihrem Unterricht die deutsche Kolonialgeschichte behandeln können, während sonst meist die französische und englische Kolonialgeschichte im Vordergrund steht.
Von der Medienseite war die Reaktion auch sehr beeindruckend: wir hatten meines Wissens nach über 80 Zeitungsbesprechungen, 10 Fernsehberichte, 20 Radioauftritte in der deutschen, aber auch in der namibischen Medienlandschaft. Das war für uns sehr wichtig, dass es in Namibia eine starke Presse gab.
Die Ausstellung geht demnächst vom 25. November 2004 bis März 2005 ins Deutsche Historische Museum nach Berlin. Nach Ende dieser Ausstellung sollen die Fotos und auch die Texte nach Namibia gegeben werden, wo sie wahrscheinlich in einem neu geschaffenen Kulturzentrum in Okakarara als Grundlage dienen für eine selbst erarbeitete Ausstellung.
Darauf legen wir nämlich Wert, denn wir wollen unsere Ausstellung nicht eins zu eins dort hinbringen, da sie speziell für ein deutsches Publikum konzipiert war. Es ist im Gespräch, dass ein namibischer Historiker die geplante Ausstellung bearbeitet. Im Augenblick läuft dort schon ein kleines Projekt auch mit unseren Daten und Fotos an einer namibischen Schule. In dem Fall handelt es sich um die Deutsche Höhere Privatschule in Windhoek. Das war uns wichtig, dass von unserer Ausstellung auch etwas ins Land zurückgeht.
Clara Himmelheber, geboren 1970 in Berlin, Studium der Ethnologie, Afrikanistik und Kunstgeschichte an der Universität Köln. 1996 Magister zu ‚Töpferinnen im östlichen Caprivi/Namibia‘. 2004 Dissertation zu ‚Regalia des Kabaka von Buganda: Eine Biographie der Dinge‘. Seit 2001 wissenschaftliche Referentin der Abteilung Afrika am Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln. Derzeitiges Ausstellungsprojekt: ‚Namibia – Deutschland: Eine geteilte Geschichte‘. Publikationen u.a.: Himmelheber, Clara, Marjorie Jongbloed, Marcel Odenbach (Hg.). 2002. Der Hund ist für die Hyäne eine Kolanuss. Zeitgenössische Kunst und Kultur aus Afrika. Jahresring 49. Köln. Mayer-Himmelheber, Clara. 2004. Die Regalia des Kabaka von Buganda: Eine Biographie der Dinge. Münster.