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Pasolinis Monster
Die Aktualität Pasolinis: Deutschlandfilme unter Theweleit-Lupe Teil 3

Von Peer Zickgraf
ie dicht Theweleits „Deutschlandfilme“ am laufenden Irrsinn des aktuellen Weltgeschehens ist, zeigt am eindrucksvollsten sein Essay über Pasolini im dritten und letzten Teil seines Buches. Das offenbaren zwei Skandale jüngeren Datums. „Kein Pfaffenhasser hätte die Story boshafter erfinden können. Die Saufgelage, die Nazi-Parolen, die Kinderpornos aus dem PC, mit dem sich die Seminaristen für kreischende Orgien antörnten. Und ein fettleibiger Oberpfaffe, der Wahrheiten verbiegt und sich selbst zum Wurschtl macht“ (Spiegel Online, 19. Juli 2004). Österreich im Sommer 2004 - Der Sex-Skandal in St. Pölten, 80 Kilometer von Wien entfernt, zeigt eine tiefbraune, perverse Priesteranwärter-Gesellschaft geduldet vom feisten, fettleibigen Bischof Kurt Krenn.

Sodom und Gomorra ante portas. Ein anders gelagerter Fall, nicht minder skandalös, im Irak: Ein nackter Iraker, geführt an der Hundeleine der lächelnden 21-jährigen Lynndie England im Gefängnis Abu Ghraib. Dieses Bild ist um die Welt gegangen und zum Symbol geworden für die Abgründe, in die sich die Bush-Connection begeben hat. Auch dazu fällt Spiegel Online ein Vergleich ein: „Die Bilder erinnern an erschreckende Szenen aus einem Werk von Pasolini, dessen 120 Tage von Sodom als eins der grausamsten Werke der Filmgeschichte gilt“ (Spiegel Online, 6. Mai 2004).

Dem Lachen des Folterers ins Gesicht schauen
Wenn die Perversionen der Macht einmal die Medien beschäftigen, fällt also der Name Pasolinis. Immerhin. Wirklich Gelegenheit den Film zu sehen, hatten wohl die wenigsten. „Salo oder die 120 Tage von Sodom“ ist bis heute nur kleinen Zuschauerkreisen zugänglich geblieben. Zuletzt war er 2003 in einigen Programmkinos zu sehen. „Salo ist ein beinahe ungesehener Film; ein Film, der fast nur in Büchern existiert. Und von dort aus in Köpfen geistert, ein unbestatteter Untoter, eine gequälte Seele zwischen den Welten von de Sade und Kurt Cobain; sie treffen sich bei Bill Burroughs und hören Platten von Nirvana, und diskutieren die Menschen und ihr Gewaltproblem“ (Theweleit, S. 151). Theweleit ist es zu danken, dass der verbotene Film überhaupt als ernst zu nehmendes Werk der Faschismusbetrachtung und der Filmkunst ins Gespräch gekommen ist. „Salo“ gilt Theweleit als eines der wenigen Oeuvres der Filmgeschichte, dass eine universelle – politisch ausgedrückt: faschistische Form der Gewaltausübung – reflektiert. „Mir blätterte sich Pasolinis Film jetzt auf wie ein überreiches Theoriekompendium der schrecklichsten Formen von Gewaltausübung durch Herrscherschichten; der Film, der es fertig bringt, dem Lachen des Folterers ins Gesicht zu sehen...“.

Dass er bislang sowenig beachtet wurde, kann als Indiz dafür gelten, dass Pasolini schwer auszuhaltende Einblicke in bestimmte Eingeweide der Macht gelungen sind. Hinzu kommt, dass der Pasolini-Essay in „Deutschlandfilme“ von außergewöhnlicher Aktualität ist, gerade in einem Jahrhundert, wo die Nationalstaaten das Monopol staatlicher Gewalt zunehmend Unternehmern oder aber Warlords überlassen und das Foltergeschäft allem Anschein nach boomt.

Dirty Pasolini?
Als Homosexueller, Antifaschist und Kommunist ist der 1922 geborene Pasolini ein hohes Wagnis eingegangen, als er 1975 inspiriert von dem Roman des Marquis de Sade ein Tableau des italienischen Faschismus und Neokapitalismus wie des deutschen Faschismus entworfen hat. Theweleit beleuchtet in eindrucksvoller Genauigkeit die biographischen, künstlerischen und politischen Kontexte eines weiteren Künstlerkönigs, dessen letztes Werk wohl auch sein Todesurteil besiegelte, zu groß und mächtig war nun das Heer seiner Feinde geworden. Pasolini schlug beinahe der gleiche Gegenwind um die Ohren, wie dem Marquis de Sade nach der Veröffentlichung seines Romans die „Die 120 Tage von Sodom“. „Ist das nicht Grund genug sich damit zu befassen?“ fragte Maurice Blanchot in Bezug auf de Sade.

Für Theweleit ist es ein Grund Gemeinsamkeiten zwischen de Sade und Pasolini nachzuspüren. Beide sind radikale Herrschaftskritiker. Sie holen die kriminellen Machenschaften, die mörderischen Gelüste und Orgien der Herrschenden ans öffentliche Licht und dekodieren die darunter liegenden Gewaltmuster. Das kann nur funktionieren, indem sich das Kunsthandwerk beim Anblick des lachenden Folterergesichts selber beschmutzt: "Man bekommt keine Beschreibung der faschistischen Gewalt-Systeme hin, ohne sich die Finger mit Details der Substanz zu beschmutzen", schreibt Theweleit (238).

„Wir Faschisten sind die einzig wirklichen Anarchisten“
Pasolinis „Salo“ ebenso wie de Sades „Die 120 Tage von Sodom“ sind Schauplätze der irdischen Hölle, Danteske Höllenkreise, in denen rituell die unaussprechlichsten Gräueltaten inszeniert werden. Begangen von Feudalherren und inszeniert nach der Figurenkonstruktion aus de Sades Roman in der ‚Republik von Salo’ 1944. Theweleit beschreibt das Monsterkabinett und die Protagonisten, wie folgt: „Pasolinis vier Libertins: der Herzog sowie sein Bruder, der Monsignore, sowie der Banker und seine Exzellenz, der Justizchef, outen sich gleich zu Beginn des Films als stolze Faschisten. Sie tun dies mit der Formulierung eines der Haupttheoreme, das ist die Proklamation der Freiheit zum Begehen aller Verbrechen, die man begehen möchte und kann: ‚Wir Faschisten sind die einzig wirklichen Anarchisten’, sagt der denkende Kopf der Vier, der bei Pasolini einfach ‚Fürst’ heißt. ‚Natürlich erst dann, wenn die Macht im Staat uns gehört. Tatsächlich ermöglicht erst die Macht die Anarchie’“. Hier wird übrigens eine Anspielung auf Macchiavellis "Fürst" (Il principe) als unumschränkten Herrscher augenfällig.

Die Exzellenzen machen alles, was ihre Lust steigert und das Leiden anderer befördert. Sie vergewaltigen Männer und Frauen, lassen Pärchen vor ihren Augen kopulieren, einer ermordet seine Mutter, der Kleriker macht sich – das erinnert an besagte Pfaffen in Österreich – über die Männer her – und dann eine Szene, die oft in Verbindung mit Abu Ghraib gebracht wurde: Nackte Männer und Frauen wie Hunde an der Leine geführt. In einem Interview mit der „jungen welt“ vom 15. Mai 2004 hat sich Theweleit zu dieser Parallele geäußert:

„Dort spannt Pasolini mit Hilfe des Marquis de Sade einen Bogen der ritualisierten Folter von Sodom in der Bibel über Dantes Höllenkreise, die Exzesse des Feudaladels, des Klerus und der Justiz vor der französischen Revolution, zur Folter in deutschen KZs bis zu sadomasochistischen Erniedrigungs- und Vernichtungsinszenierungen in der Republik von Salò, Mussolinis kurzfristigem Ministaat nach seiner Vertreibung aus Rom. Und weiter zu den imperialen Praktiken der italienischen Bourgeoisie – der Film wurde Mitte der 1970er Jahre gedreht. Heute stünde das Wort Globalisierung als Endpunkt terroristischen Staatsverhaltens Europas gegenüber der sogenannten Dritten Welt.“

Finstere Folterer-Herzen
Das tieferliegende Prinzip dieser Gewaltorgien ist für Theweleit das arrangierte Spektakel, die Zurschaustellung der Folter. Dass die penibel choreographierte Gewalt den Folterern Lust spendet, ist ein Phänomen, das in den Medien völlig ignoriert wird. Kommentatoren halten das Faszinosum Folter für ein irrationales Phänomen und sind damit entweder überfordert oder sie sitzen irgendwelchen Gemeinplätzen von der Grausamkeit des Menschen auf. Da ist es nicht weit zur Politpornographie.

Theweleit gehört auch auf diesem Terrain zu den wenigen, die in das finstere Herz der Folterer blicken und deren innere Gewaltstruktur enträtseln. Aufbauend auf „Männerphantasien“ (1978), „Das Land, das Ausland heißt“ (1990), Kate Millets, „Entmenschlicht“ (1993) und Elaine Scarrys „Der Körper im Schmerz“ (1992) hat er die Ursachen der Folter untersucht. Demnach gehorcht die sexualisierte Gewalt bestimmten Prinzipien: Unbeschränkte (gesetzüberschreitende) Macht in Männerbünden, Entmenschlichung und Entlebendigung des Opfers, Aussagen des Lebens aus dem Körper des Opfers und körperliche Belebung und Neugeburt des Folterers. Für Theweleit ist dies ein universales Prinzip, das dem Massenmord der Nazis ebenso zugrunde liegt, wie Folter in Irak, Guatemala oder in ehemals sozialistischen Ländern.

„Das Wesen der Folter ist bewusste Grausamkeit, ihre gewollte Unmoral, ihre willentliche Ungerechtigkeit. Ein höhnisches Lachen“, zitiert Theweleit Kate Millet. „Der es am deutlichsten zeigt, ist Pasolini“ (215), ergänzt Theweleit.

Die Augen der Finsternis
Kein Spektakel ohne interessierte Augen: Pasolinis „Salo“ zeigt in seltener Schärfe, den vielleicht schwierigsten Part im bösen Spiel der Folterer: wir die Zuschauer, deren Augen sich an den Bildern des Tötens und Mordens insgeheim ergötzen. Der Blick der Exzellenzen mit dem Fernglas auf das Theater der Grausamkeit ist für Theweleit bzw. Pasolini auch unser Blick auf den „Schweinestall“, in dem wir alle leben, eingedenk der Leiden, die unser Wohlstand dem größten Teil der Menschen weltweit einbrockt. Was hilft die internationale Ächtung der Folter, wenn nach dem 11. September 2001 das Elend in der Welt zugunsten einer entfesselten Bekämpfung des Terrors (etwa in Guantanamo oder Tschetschenien) ignoriert wird:

„Die Folterungen werden als einer der Gründe für die Verabschiedung Genfer Abkommen über die Behandlung von Kriegsgefangenen" angegeben (die Landkriegsordnung von 1920 war der Vorläufer). Eine allgemeines Folterverbot wurde aber erst 1966 eingeführt - der ‚Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte’ (Beitritt der USA 1992)“ schreibt Fabian Grossekemper am 10. Juni 2004 in einer E-mail. Grossekemper gehört zum Arbeitskreis Shoa.de e.V. (http://www.shoa.de/kommunikation/index.html).

Klaus Theweleit sagt es in „Deutschlandfilme“ nicht explizit, aber unsere Monster können jederzeit von der Leine gelassen werden, da sie ja nicht gewählt zu werden brauchen. Sie besetzen Schaltstellen in der Wirtschaft, der Justiz, der Kirche: sie stellt die Nomenklatura der Gesellschaft. Im Zeitalter der Globalisierung ist sie auf den Leviathan und seine Massenbasis auch nicht mehr angewiesen. Ihre Bühne ist das globale Dorf.

Theweleits „Deutschlandfilme“ betrachtet eine Geisteskrankheit und den Fieberanfall einer ganzen Gesellschaft, die von Germanien ihren Ausgangspunkt genommen hat: den Faschismus und die Nachkriegsfaschismen aus der Perspektive großer Ausländer, wie Godard, Hitchcock, Pasolini. Die Form ihrer Erinnerungspolitik begrenzt sich nicht auf die Ratio, sie bezieht vielmehr den Körper und die volle Wahrnehmungs- und Denkfähigkeit der Menschen mit ein. Ich meine, ein vergleichbares Buch, dass politisch aufklärt, in dem es ästhetische Formen der Erinnerungspolitik aufschlüsselt, hat es in hierzulande noch nicht gegeben.
Peer Zickgraf 12.08.2004Diesen Artikel ausdrucken

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