ekord! Noch nie haben sich so viele junge Menschen für ein Studium entschieden wie im Wintersemester 2003/04. Rund zwei Millionen StudentInnen füllen die bekanntlich schon überfüllten Universitäten. Dass dort seit 1994 der Stand der Lehrkräfte unverändert geblieben ist, das gehört noch zur Nachricht, die über unser aller Äther läuft.
Wenn man sie aufgeschnappt hat, was weiß man dann? Die Information erscheint nach der Regel der Neuheit in den Massenmedien. Ein Rekord ist immer eine Neuheit, das Außergewöhnliche ist die zentrale Figur der Nachricht. Noch nie so viele Studenten wie heute.
Die längst vergangene Nachricht besagt wenig. Sie wird erst so richtig beredsam, wenn man sie im Zusammenhang anderer Informationen sieht, die in Umlauf gebracht wurden. Der Zusammenhang, den die Regierung als „Eliteuniversität“ öffentlichkeitswirksam lancierte, besteht nicht nur darin, dass man so ungefähr weiß, dass die Lage an den Universitäten als „überfüllt“ gilt. Weniger bekannt sind die veränderten Anforderungen an die Professorenschaft und Mitarbeiter. Die Einwerbung von Drittmitteln gehört selbst in den Geisteswissenschaften mittlerweile zur Aufgabe, neben der Lehre – und einer Massenbetreuung, die unter Umständen die Sprechstunde zum ganzen Arbeitstag macht.
Doch der Zusammenhang, der die Lage der Universitäten zwischen Bachelor und Evaluation so verzweifelt süßsauer macht, heißt so: In Deutschland gibt es noch zu wenige StudentInnen – trotz bereits überforderter Hochschulen. Im internationalen Vergleich und auf die Zukunft hin gesehen, fehlen Studenten in Deutschland.
Bitter ist die Lage: Deutsche Universitäten sind unterfinanziert, die Studentenzahl steigt, was weitere Überlastung bedeutet, die Studentenzahlen müssen und sollen weiter steigen, was die Zukunft bedeutet.
Mehr als weniger kürzen Nun sieht man klar: Weder die Reform der Beamtenbesoldung noch die Debatten um Evaluation und Studiengebühren und schon gar nicht das Hochschulrahmengesetz, das erfolgreich tausende hochqualifizierte Nachwuchswissenschaftler in die Arbeitslosigkeit drängt, haben viel mit der Misere zu tun. Keines der Themen ändert die Lage der Universitäten, das heißt ihre Grundausstattung.
Brauchen wir eine Bildungsreform? Wann wird die Nachricht kommen? Man weiß aber jetzt auch, dass keine Reformen mehr, sondern schon Revolutionen gebraucht werden. Denn wann sollte die „wirtschaftliche Lage“ so prächtig geworden sein, dass unser Staat wesentlich mehr in Bildung investieren kann? Investition in Bildung jedenfalls erfordert weit mehr als weniger kürzen.
Klärung bei Christiansen Die erste frohe Nachricht kommt im Januar 2004. Franz Müntefering hatte sie schon vorweihnachtlich lanciert. Investition in Bildung heißt die ersehnte Parole, der sich die Regierungsparteien jetzt annehmen. Über eine Woche lang geistert die heiße Meldung in den Nachrichten: „Eliteuniversität“.
Was heißt das? Wird die deutsche Bildung ihr verkrampftes Verhältnis zur Elitebildung aufgeben? Oder soll nur ein Prämiensystem ausgelobt werden? Werden sich Universitäten als Identität ihrer Studierenden etablieren, mit lebenslanger Verbundenheit? Das steht in den Sternen. Eliteuniversität klingt aber gut, Expertenkompetenz in Weltformat. Dass eine solche allein räumlich enorme Vorzüge anbieten können müsste, lassen wir einmal beiseite.
Eine Eliteuniversität wollen, das heißt genauer nach anglo-amerikanischen Vorbildern zu schielen. Es heißt vorzugeben, den gordischen Knoten zu durchschlagen. Denn es bedeutet nichts weniger als die Einrichtung der Universität als wirtschaftlich selbständige Einrichtung, deren extrem hohe Studiengebühren kein Gegenstand der Diskussion mehr ist. Elite heißt, dass die Reichen zahlen und den anderen ein Weg über Stipendien bleibt. Das Geheimnis der Eliteuniversität ist eine Mischung von finanzieller und intellektueller Potenz, die sich gegenseitig fördert.
Angesichts der realen Lage der Universitäten erscheint die frohe Botschaft wie die Geschichte von Alexanders ebenso schlichter wie brutaler Lösung, den gordischen Knoten einfach zu durchschlagen.
Klangvolle Namen Man will mehr Geld bewilligen, das ist gut. Wir brauchen, so Bildungsministerin Edelgard Bulmahn im Morgenmagazin der ARD am 6. Januar 2004, international wettbewerbsfähige Eliteuniversitäten, „so etwa zehn“. Wo diese herkommen, wird uns nicht mitgeteilt. Handelt es sich um Neugründungen oder um ein bundesweites Ausschreibungsverfahren für bestehende Universitäten, ein Prämiensystem? Wer in den Kreis der Zehn aufgenommen wird, hat Nimbus und Forschungsgelder zu erwarten? Oder geht es vor allem um New Business Schools, z.B. in Lübeck oder die Zeppelin University in Friedrichshafen am Bodensee oder die International University Bremen?
Die „Eliteuniversität“ schwebt wie ein Phantasma über den Wassern. Eine bessere Ausstattung mit Lehrpersonal für die überlasteten realexistierenden Universitäten, mehr Professoren- und Nachwuchsstellen, sind kaum zu erwarten. Eliteuniversität klingt auch eher nach hochkarätigen Einladungen, nach Gastprofessuren klangvoller Namen.
Ein paar Tage später, Montagabend, den 12.1. bei Sabine Christiansen, wird sich alles klären. Die gewohnt hochkarätige Expertenrunde brachte noch einmal alle Informationen auf den Tisch. „Überfüllung“ und „Unterfinanzierung“, zugegeben. „Elite“ gewollt, das Beste für die Besten, klar, auch für die Genossen, die lieber von „Spitzenuniversitäten“ sprechen. Mehr Anteil am Bruttoinlandsprodukt, von 2,5 % auf 3% - bis 2010, naja. Alle lobten den guten Willen. Mehr Geld tut not. Nur, es geht um richtig viel mehr Geld, einmal fiel die Summe von 5 Milliarden Euro als Soforthilfe. Doch wo die Notwendigkeit klar scheint, scheiden sich am Konkreten alle Geister. Denn eine Umstellung auf Eliteuniversitäten setzt zentrale Änderungen in den Strukturen der Hochschulpolitik voraus.
Bei Christiansen erfährt man beiläufig, dass Gelder, die Universitäten heute schon einwerben, nicht ihnen zugute kommen, sondern Finanzlücken der Landesregierung stopfen helfen müssen. Wo „Stifungsuniversitäten“ dies zu umgehen suchen, werden sie blockiert. Man erfährt dass der geforderte „Wettbewerb“ voraussetzt, dass Universitäten sich ihre StudentInnen aussuchen. Beides, Streichung der ZVS und die Einrichtung von „Stiftungsuniversitäten“, stehen mithin vor schwierig umzusetzenden Veränderungen des gesamten Hochschulsystems in Deutschland. Die bestehende politische und rechtliche Verfassung machen „Eliteuniversitäten“ im Sinn der gelobten Vorbilder schlicht noch unmöglich. So hat es den Anschein, als ob die Regierungspartei SPD wieder nur einmal eine Debatte inszeniert hat, die Reaktionen auslöst, deren Kompromisse sie dann als Reformen verkauft. Man werde sich noch wundern, sagte Franz Müntefering zu Sabine Christiansen. StudentInnen und Hochschulangehörige wundern sich schon jetzt und sehen sich zu Protestveranstaltungen gezwungen.
Quo vadis status quo? Eines wurde symptomatisch nicht erwähnt. Wie sollen die Geisteswissenschaften, die Massenfächer mit ungebrochener Nachfrage, die Hauptspender neuer Selbstständiger und Nachschub für „die Medien“ wie der Schulen, in die neuen Eliteuniversitäten passen? Gar nicht? Das mochte wohl niemand sagen. Angesichts der bio-technischen Forschungen ist die einstige Elite der Universität zum hässlichen Entlein geworden. Das Spektrum möglicher Berufe ist in den Sprach- und Literaturwissenschaften riesig, aber als Wissen nur unter Umständen pragmatisch verwendbar, fast nie verkäuflich. Was die Humboldtsche Universität heute noch ist zeigt sich in aller Schärfe an der Berliner Humboldt-Universität. Abbau Dutzender von Professorenstellen, womöglich Einstellungstopp, womöglich Aufnahmestopp von Studierenden in der Zukunft.
„Eliteuniversitäten“ dagegen, so sagt man uns, gelten internationalen Zukunftsmärkten. Elite, das ist Nano, das ist Genetik, das ist Biotech und Hightech. Das sind aber auch Bereiche – so ein kluger Einwand in die Expertenrunde bei Christiansen –für die in Deutschland nicht unbedingt die rechtlichen Bedingungen und die kulturelle Akzeptanz herrschen. „Eliteuniversität“ suggeriert einmal mehr etwas, das hierzulande aus diesen und anderen Gründen gar nicht möglich ist. Das schmucke Wort provoziert nicht nur durch falsche Versprechungen und die falschen Hoffnungen, die es weckt, sondern durch seine Untertänigkeit an die Macht des Verkäuflichen. Es scheint, als ob die kritischen Fähigkeiten schon heute der Förderung bedürften.
Caesar oder Sokrates? Als Eliteuniversität wird man sich heute wohl kaum noch eine humanistische Bildungsanstalt vorstellen können. Und doch wird sich die künftige Eliteuniversität daran entscheiden, wie sie die alten Geistes- und die neuen Kultur- und Medienwissenschaften integriert. Die gelobten Vorbilder jedenfalls (Oxford, Havard, Stanford) sind stets auch Orte bedeutender Literatur- und Philosophielehrer gewesen, bis heute.
Doch das Verhältnis von Lehrenden zu Lernenden ist an deutschen Universitäten nicht selten 100:1, ein Professor auf einhundert StudentInnen im Seminar. Der Bundesdurchschnitt beläuft sich auf 58. Wo dies so ist, da ist keine Eliteuniversität. Wo sie ist, ist das Verhältnis 5:1 (Oxford) oder auch 7:1 (Stanford). Demnach kann aus den Geisteswissenschaften schwerlich ein Bestandteil der neuen Eliteuniversitäten werden. Sokrates, die humanistische Universität, hat ausgedient. Ihre hässliche Unverkäuflichkeit, ereilt das Schicksal der Märkte.
Ein Modell mit schönem Ort, fantastischer Architektur und der Zukunft im Gepäck ist dagegen CAESAR in Bonn. Das ist zwar keine Uni, aber schon jetzt Elite. Das modische Akronym verleiht dem center of advanced european studies and research eine hochschulimperiale Note. Caesar steht für ein im Sommer 2002 feierlich eröffnetes Zentrum für Nanotechnologie und anderen Forschungen, die Reinräume und Genanalysemaschinen benötigen. Es ist ein Stiftungsvermögen des Bundes – und die größte Ausgleichsregelung des Bonn-Berlin Hauptstadttauschs – die das Zentrum ermöglichte. Nicht weniger als einst rund 370 Millionen DM wurden buchstäblich für die Zukunft hier angelegt. (Geisteswissenschaften sind mit 9% der von der DFG finanzierten Forschung, d.i. rund ein Drittel der genannten Summe im Jahr für alle Philosophischen Fakultäten Deutschlands in der real existierenden Eliteförderung vertreten.) Im Haus sind Projekte mit Juniorprofessoren und Professoren angesiedelt, wie anderen Orts, doch der flotte Glasbau am Rheinufer bietet eine Arbeitsatmosphäre, die dem modernen Elan der Hoffnungen auf zukünftige Schlüsseltechnologien entspricht. Erste Patentanmeldungen sind unterwegs. Hier geht es um Schlüsseltechnologien, die einmal einen Markt und einen hohen Marktwert haben werden. Möglicherweise. Caesar verspricht sein veni vidi vici. Aber das steht in den Sternen. Am Boden dagegen, da, wo die Seminare voll sind, steht Sokrates und sagt: ich weiß, dass ich nichts weiß.
Aber jetzt wissen wir ja mehr. Seit März 2004 dringen konketere Nachrichten über „Exzellenznetzwerke“ und ein Prämierungssystem der künftigen Bildungsanstalten vor. Am 28.3. stellt Edelgard Bulmahn eine Einigung zwischen Bund und Ländern in Aussicht. „Eliteuniversitäten“, so das pointierte Ergebniss des löblichen Fortschritts, wird es nicht geben. Und das ist eine wirklich gute Nachricht.
Statt einzelne Unis zu prämieren („etwa fünf“, sagt Frau Bulmahn jetzt), scheinen sich die Länder mit dem Vorschlag einer Konkurrenz von einzelnen Fakultäten und Instituten durchzusetzen. Es wird keine Eliteuni an sich geben, sondern einzelne Fachbereiche werden – wie bisher – Drittmittel für Forschung und Nachwuchsförderung erhalten – bei verschärften, internationalisierten Kriterien und mit der Aussicht in ein Netzwerk oder Verbund eingebunden und präsentiert zu werden. 250 Mio Euro stellt der Bund in den Raum, die Länder überlegen noch ihren Anteil. Das Modell erscheint praktikabel und soll ab 2005 umgesetzt werden. Die spannende Frage bleibt, wie sich Sokrates in dieses Exzellenznetzwerk einfinden wird.
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